Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Jahr 2019 zu mehr Fleischkonsum aufruft

Ein Wirtschaftsjournalist, eine Wissenschaftsredakteurin und eine Metastudie kommen in eine Bar. Sagt die Metastudie: „Hey, ich habe rausgefunden, dass in Ernährungsstudien oft geringere Standards gelten als bei Medikamentenzulassungen, ist das nicht voll der Wahnsinn?“ Die Wissenschaftsredakteurin gähnt künstlich und sagt: „Nee, Captain Obvious, das ist lange bekannt, aber danke für die belanglose Information. Hey Wirtschaftsfuzzi, bestellen wir uns…“ Aber der Wirtschaftsjournalist ist längst wie von Sinnen aus der Kneipe gerannt, um dazu eine Doppelseite in der FAS zu füllen.

Ich wollte zuerst nichts dazu schreiben, weil es doch stark nach einem self-fulfilling shitstorm roch, nachdem der Autor bereits am Sonntag maximal edgy auf Twitter angekündigt hatte, aufgrund seines Artikels mit einer unruhigen Woche zu rechnen. Der Text war dann aber einfach schon handwerklich derartig schlecht, dass ich allein aus Dokumentationszwecken festhalten will, was in einem deutschen Leitmedium so möglich ist. Möglich ist zum Beispiel, diesen Text schon auf der Titelseite mit „ESST MEHR FLEISCH!“ anzuteasern. Ja, am 20. Oktober 2019 rät die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit Ausrufezeichen zu mehr Fleisch. Update: Der Text ist heute auch online bei faz.net erschienen.

Auf Seite 22 heißt es dann „ESST RUHIG FLEISCH“. „Fleisch“ ist rot geschrieben. Weil der Text von rotem Fleisch handelt? Subtilität geht anders, aber das Design stimmt eigentlich ganz gut auf das zu erwartende Niveau ein. Eine komplette Doppelseite darf ein Autor hier im „großen Fleischreport“ über eine aktuelle Metastudie berichten und ist so wenig mit der Materie vertraut, dass er konsequent das Wort „Diät“ nutzt, um den englischen Begriff „diet“ zu übersetzen. „Diet“ bedeutet aber schlicht „Ernährungsweise“, was beim Lesen auch nur einer der vielen zitierten Studien sofort auffallen müsste, da es z. B. auch für die amerikanische Durchschnittsernährung genutzt wird („the average american diet“).

Es sind so viele grobe Fehler enthalten, würde ich auf alle detailliert eingehen, ich müsste daraus eine zehnteilige Artikelreihe machen. Daher setze ich mich hier im Text immer nur jeweils mit den Hauptargumenten auseinander. Weil aber die schiere Anzahl der Fehler eine Benchmark für sich ist, liste ich sie alle ganz unten noch mal auf. Warum dieser recht vorhersehbare und belanglose Text überhaupt im Wirtschaftsressort erscheint, ist fragwürdig, denn er liest sich, als würde Dieter Nuhr fernab jeglicher Fachkenntnis einem ganzen Wissenschaftszweig seine ganz persönliche Weltsicht überstülpen, wir kennen das. Dafür geben Menschen echt 4,50 Euro aus?

Behauptung 1: Alle bisherigen Erkenntnisse der Ernährungsforschung sind falsch bzw. Teil einer Verschwörung von Forschern um den vermeintlich vegan lebenden Harvard-Professor Walter Willet. Dieser führe eine gut finanzierte Forschungsgruppe an, welche aus „ideologischen und finanziellen Gründen“ gar nicht ergebnisoffen forsche, sondern fleischarme Kost „predige“. Ich wiederhole dann noch mal meinen Wunsch, so was von einem Mitarbeiter mit Wissenschaftskompetenz recherchieren zu lassen.

Die Vorstellung, ein einzelner Professor könne auf einem so umkämpften Forschungsfeld wie den Ernährungsstudien einfach mal seine persönlichen Ansichten zu einem Konsens in der gesamten Forschungsgemeinde hochpushen, weil ein paar reiche Norweger ihn dabei unterstützen, mutet kindlich naiv an. So was mag es in Marvel-Superheldenfilmen geben, aber auch mit norwegischer Finanzierung muss die Forschergruppe ihre Arbeit irgendwo veröffentlichen, wo sie geprüft wird. Walter Willet ist in der Tat auch nicht unumstritten, so hat das Nature-Magazin ihm bereits vor sechs Jahren die Veröffentlichung übersimplifizierter Zusammenhänge vorgeworfen. Sieht also nicht so aus, als hätte der Mann mit seinen Ansichten den gesamten Forschungszweig überzeugen können.

Das wäre auch seltsam, denn aktuell sind allein in Deutschland tausende Menschen für Fächer mit Schwerpunkt Ernährung eingeschrieben, die später selbst mal forschen können, und für die es ein großer Erfolg wäre, die Arbeiten eines eher prominenten Forschers zu widerlegen. Mit Wissenschaft ist es wie mit Journalismus: Gegen schlechte Wissenschaft hilft mehr Wissenschaft, weil Selbstkorrektur Teil dieses Systems ist.

Der FAS-Autor hält wissenschaftliche Arbeit aber eher für eine Art Lichtschwertkampf, in dem sich gute und böse Professoren und deren Gefolgschaften gegenübertreten. Die bösen, das sind die Veganer in Harvard, deren „religiös-ideologische“ Vorstellungen die Welt prägen, finanziert von einer norwegischen Denkfabrik, deren Gründerehepaar Geld mit Hotels und Einkaufszentren verdient, und die selbst „kommerzielles Interesse an der Verbreitung des veganen Lebensstils“ haben. Mit ihnen kämpfen Politiker, religiöse Führer und die Grünen, die mit „heiligem Ernst“ den Veggie Day einführen wollten. Kommen wir direkt zu…

Behauptung 2: In der anderen Ecke steht mit dem blauen Lichtschwert Professor Gordon Guyatt. Er ist der Held der Geschichte, einer der „Väter der evidenzbasierten Medizin“, der „weltweite Standards“ mitentwickelt hat und angeblich findet, dass offizielle Ernährungsratschläge Bürgern vorschreiben, „was sie tun sollen“, und nicht deren „Wahlfreiheit“ respektierten. Klar, meine Wahlfreiheit soll bitte nicht durch Fakten gestört werden, in FAS-Denke ist das wohl was Gutes.

Dieser aufrechte Wissenschaftler, der mit seinen mitstreitenden Jedi-Meistern unter dem Namen „NutriRECS“ forscht, hat eine Metastudie veröffentlicht, die andere Studienergebnisse untersucht und zum Ergebnis kommt, dass die darin postulierten Zusammenhänge so alle nicht zutreffen. Das ist der Beweis, alle anderen hatten bislang Unrecht. Es handelt sich hierbei um einen der unerfreulichsten Reflexe der deutschen Medienlandschaft: Eine Studie mit eher unerwartetem Ergebnis erscheint und so ziemlich alle Medien machen daraus dann Artikel, die zwanghaft mit Indikativ überwürzt sind und typischerweise mit „Forscher sagen…“, „Wissenschaftler finden heraus…“ oder „XY macht glücklich/unglücklich/dick/dünn/krank/alt“ beginnen. Mehrwert für lesende Laien: Null.

Liebe Redaktionen, damit verliert Ihr mich langfristig als Kunden. Ich lese solche Texte nur noch aus beruflichen Gründen, aber nie, um mich zu informieren. Ihr bietet da im Grunde keine journalistische Leistung, weswegen ein halbwegs ordentlich gefütterter Twitter-Feed, der einigen Accounts aus Wissenschaft und Forschung folgt, mir diese Informationen schneller, besser und günstiger liefert. Ein wirklicher Mehrwert wäre für mich eine Einordnung neuer Erkenntnisse wie diese hier von Martin Smollich in Zeit Online: War das eine seriöse Studie? Wurde sie von einem glaubwürdigen Institut durchgeführt? Wie ist es zu bewerten, wenn frühere Studien ganz andere Ergebnisse geliefert haben, woher rührt der Unterschied?

Really, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung?

Antworten darauf sucht man ausgerechnet bei der FAS vergeblich – das soll ein Leitmedium sein? Der Verfasser des Textes ist so wenig mit der Materie vertraut, dass er es für eine plausible Praxis hält, die Ergebnisse tausender Studien zu negieren, weil eine weitere Studie in einem Bruchteil davon entsprechende Hinweise gefunden haben will. Klar, diese eine Studie könnte richtig liegen, aber dafür bräuchte sie schon wirklich starke Beweise. Anstatt das kritisch zu prüfen, wird sich besonders auf die Schlussfolgerungen gestürzt, die der eigenen Erzählung dienen, nämlich dass Fleisch auf allen Ebenen was ganz Tolles ist. Anderslautende Ergebnisse oder etwa andere Studien werden gar nicht erst erwähnt oder wahlweise als Teil der globalen Veganer-Verschwörung dargestellt. Mit objektiver Berichterstattung hat das so viel zu tun wie eine Folge „Mario Barth deckt auf“.

Sorry, aber da kann ich auch direkt den Stern lesen, wo im Juni Entwarnung für das Trinken von 25 Tassen Kaffee am Tag gegeben wurde, um dann drei Monate später ein Limit von 4 Tassen pro Tag zu empfehlen. Ja, was denn jetzt? Für solche widersprüchlichen Infohäppchen überwinde ich doch keine Bezahlschranke. Wer am Vermelden einzelner Studienergebnisse ohne Einordnung interessiert ist, der muss nur einmal am Tag die GMX-Startseite aufmachen und wird dort fündig. Ich dachte, der Anspruch der FAS sei höher, denn zur Studienreihe des Forscherkonsortiums „NutriRECS“ gäbe es wirklich Interessantes zu berichten:

Im Rahmen dieser Metaanalyse wurden fünf einzelne Studien durchgeführt. Die ersten drei fassen die Ergebnisse von über 100 Beobachtungsstudien zusammen, dadurch wurde die Ernährungsweise vieler Millionen Probanden analysiert. Ergebnis: Es gibt statistisch signifikante Unterschiede zwischen „normal“ essenden Menschen und solchen, die ihren Fleischkonsum reduzieren (Reduzierung um drei Fleischmahlzeiten pro Woche):

  • 13 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Todes
  • 14 Prozent weniger kardiovaskuläre Erkrankungen
  • 14 Prozent weniger Schlaganfälle
  • 24 Prozent weniger Typ-2-Diabetes
  • 10 Prozent weniger Krebserkrankungen

Liest sich ja irgendwie so, als sei der Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch doch nicht ganz so risikolos, wie die FAS titelt, woher kommt die Diskrepanz? Daher, dass das Forscherteam die gemessenen Unterschiede als zu gering einstuft und den Ergebnissen grundsätzlich nur eine geringe Gewissheit unterstellt. Wobei das nicht mal auf das ganze Forscherteam zutrifft, denn 3 der 14 beteiligten ForscherInnen waren für eine Empfehlung hin zu weniger Fleisch – gehören die dann nicht eigentlich zum Team des „bösen“ Harvard-Professors? Verfälschend kommt hinzu, dass in den untersuchten Studien immer nur Menschen mit reduziertem Konsum verglichen wurden. Studien, die Fleischesser mit Vegetariern oder Veganern verglichen, wurden in die Analyse nicht mit aufgenommen.

Es mutet dann schon etwas shady an, wenn das Forscherteam die Unterschiede nicht eindeutig genug findet, nachdem es selbst Untergruppen bildet, die nicht so unterschiedlich sind, wie sie für die Untersuchung sein könnten. Wenn ich untersuchen will, ob Autoabgase schädlich sind, vergleiche ich dann in Studien Menschen, die an sechsspurigen Autobahnen wohnen mit Menschen, die an vierspurigen Autobahnen wohnen, oder doch lieber mit Menschen, die in Gegenden nahezu ohne Autoverkehr wohnen? Genau.

Und selbst wenn ich Menschen an einer Autobahn mit Menschen auf einer autolosen Nordseeinsel vergleiche und aus den Ergebnissen einen für eine Empfehlung zu kleinen Unterschied feststellte, dann wäre die wissenschaftliche Schlussfolgerung eben, dass es dazu keine sichere Aussage gibt. Ich würde dann gar nichts empfehlen. NutriRECS hingegen empfiehlt den Menschen im übertragenen Sinn, weiter an der Autobahn zu wohnen, weil man ja nicht sicher sein kann, nur noch getoppt von der FAS, die mit „Esst mehr Fleisch“ rät, an eine Autobahn umzuziehen.

Das ist doppelt fragwürdig, denn es gibt nun mal diverse Schlüsselstudien, aus denen sich zwischen rotem Fleischverzehr und den oben genannten Krankheitsbildern eine noch deutlichere statistische Signifikanz ergibt. Nur wurden die in diese Metastudie gar nicht erst aufgenommen, eine für einen seriösen Bericht ziemlich relevante Information. Hier könnte man z. B. die die PREDIMED-Studie erwähnen oder die DASH-Studie. Es gibt übrigens für beide keine Hinweise darauf, dass der mit norwegischem Geld finanzierte Harvard-Sithlord beteiligt war.

Okay, also ist der klein gerechnete Unterschied zu klein. Was eine Erkenntnis. Aber er ist nicht nur zu klein, er ist laut NutriRECS auch nur eine Korrelation und damit kein „belastbarer wissenschaftlicher Beweis“. Soweit richtig: Korrelationen sind nicht zwingend Kausalitäten. Wenn ich ganz laut singe und gleichzeitig ein Gewitter losgeht, hat dann mein Gesang das Unwetter ausgelöst? Oder hat das Gewitter den Gesang ausgelöst oder keins von beidem? Kommt auf das Lied an, bei „My heart will go on“ zieht sich hier zuverlässig der Himmel zu. Ja, es handelt sich hierbei „nur“ um Beobachtungsstudien, die weniger Aussagekraft haben als klinische Doppelblindstudien, wie sie bei Medikamentenzulassungen zum Einsatz kommen. Die FAS empört sich hier:

„[Randomisierte kontrollierte Studien] sind der Goldstandard in der Erkenntnisgewinnung. Sie sind gleichwohl selten, weil sie so aufwendig für alle Beteiligten sind. […] Zudem verlangten die Ernährungsforscher, nach laxeren Wissenschaftsstandards spielen zu dürfen als der Rest der Naturwissenschaften.“

Kunststück, klar sind das Beobachtungsstudien, einfach aus dem Grund, dass ich Menschen nicht über Jahre bei Wasser und trocken Wurst in einen Käfig sperren kann. ErnährungsforscherInnen verlangen gar nichts, sie halten sich einfach nur an ethische Grundprinzipien. Für eine Doppelverblindung würde nicht mal der Käfig reichen, dafür müssten die TeilnehmerInnen Würste essen, ohne zu wissen, ob es Würste sind. Das könnte kompliziert werden. Kann die FAS wissenschaftliche Themen nicht einfach von einem Wissenschaftsredakteur aufbereiten lassen anstatt von einem Finanzexperten, der offenkundig keine Ahnung von Studiendesigns hat?

Dass man aus ethischen Gründen nur mit Beobachtung arbeiten kann, heißt nicht, dass die Ergebnisse deswegen komplett wertlos sind: Auch die Fragen, ob Rauchen und Autoabgase gesundheitsschädlich sind, wurden aus naheliegenden Gründen nicht in randomisierten Doppelblindstudien erörtert, und dennoch ist sich die Epidemiologie weitestgehend einig, dass bestimmte Stickoxide, Feinstaub und Zigarettenrauch in menschlichen Lungen keine gute Vorbereitung für einen Iron-Man-Wettkampf sind.

Neben den Korrelationen wurden nämlich auch Wirkmechanismen untersucht, die recht gut, wenn auch nicht vollständig erklären können, warum diese Dinge auch kausal zusammenhängen. Wer das als Grundlage für Erkenntnisse dennoch kategorisch ablehnt, der müsste es konsequenterweise auch vollkommen okay finden, wenn jemand mit den Kindern auf der Rückbank, Zigarre rauchend und mit laufendem Motor vor der Kita steht, nachdem er verbleites Benzin getankt und seinen Katalysator ausgebaut hat. Hey, es gibt für all diese Zusammenhänge ja nur Beobachtungsstudien, bleibt mal locker! Mein Opa hat auch geraucht und der wurde ganz alt!!1!1

All das erfährt man im FAS-Artikel nicht, und das ist einfach blamabel. Eine einzelne Metastudie wird als heiliger Gral der gesamten Ernährungslehre hochgehalten, während die aus Fachkreisen bereits geäußerte Kritik an ihr im Artikel totgeschwiegen wird. Dass das Forschungsteam vom Texas A&M AgriLife gesponsert wird, einem Lobbyverband der texanischen Agrarindustrie, erfährt man ebenfalls nicht, stattdessen wird auf die finanziellen Verstrickungen eines einzelnen Forschers hingewiesen, der gegen Fleisch argumentiert. Einem von hunderten. So was nennt man Cherrypicking: Anstatt ergebnisoffen zu forschen, sucht man sich nur die Ergebnisse aus dem riesigen Datenmaterial, die zur Geschichte passen, die man erzählen will.

Diagramm aus dem FAS-Artikel
Diagramm aus dem FAS-Artikel

Es ist auch legitim, wenn jemand trotz all dieser Informationen zum persönlichen Schluss kommt, dass der Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch ihm nicht schadet, aber sie im „großen Fleischreport“ einfach zu verheimlichen, hat mit Journalismus schlicht nichts zu tun. Das ist dann einfach der subjektive Kommentar eines Laien, der halt nicht mal den Begriff „diet“ richtig kapiert hat. Zudem wirkt ein Text, der auf dutzende Studien verweist, aber nicht eine einzelne Fußnote oder Quelle dafür nennt, im Jahr 2019 anachronistisch.

Behauptung 3: Fleisch schädigt angeblich nicht das Klima. Ähnlich wie beim Gesundheitsthema schreibt die FAS hier zwanghaft gegen den Konsens der globalen Forschungsgemeinde an, nur dass jetzt die Ergebnisse der Klimaforschung geleugnet werden. Fleisch sei in der Hinsicht unproblematisch, wird hier behauptet, weil Methan ja nach 10 Jahren von allein wieder zerfalle.

Das ist sicher richtig, nur erhöht es den Treibhauseffekt leider trotzdem, wenn Menschen den Bestand an Rindern konstant auf dem extrem hohen Niveau von knapp einer Milliarde Tiere halten: Aktuell haben wir dreimal so viel Methan in der Atmosphäre wie im vorindustriellen Zeitalter. Ja, in 10 Jahren zerfällt das heute von Kühen ausgeatmete Methan wieder, aber bis dahin wird ja auch wieder für Nachschub gesorgt. Momentan geht es nur eben darum, eine weitere Erwärmung um jeden Preis zu verhindern.

Jedes heute ausgeatmete Methanmolekül erschwert dieses Vorhaben und erhöht das Risiko, dass wir gefährliche Kipppunkte erreichen. Ich könnte ja nach derselben Logik auch erklären, dass die Belastung von Anwohnern in Hafenstädten durch Schwefeloxid aus Kreuzfahrtschiffen komplett egal sei, weil dieses Gas ohnehin nach 10 Tagen oxidiert ist. Ja, ist es, aber bis es soweit ist, hat es leider eine unerwünschte Wirkung.

Ferner ist das Methan von Kühen nur ein Faktor der Klimaschädlichkeit von Fleisch, er macht ungefähr 44% Prozent der Wirkung aus. Weitere Treibhausgase entstehen durch den anfallenden Mist (23 Prozent), durch den Transport (5 Prozent), durch das anzubauende Tierfutter (22 Prozent) und die Produktion von Kunstdünger (6 Prozent).

Auch das erfährt man in dem Artikel nicht. Anstatt aktuelle Ergebnisse der Klimaforschung zu berücksichtigen, beruft die FAS sich auf einen „Agrarprofessor“ aus Kalifornien, der Methan wie besprochen für vernachlässigbar hält und den Impact der Tierhaltung kleinrechnet, indem er ihn in Relation zu den sonstigen CO2-Emissionen der USA stellt: Würden alle Amerikaner vegan leben, würde das ja nur 2,6 Prozent der US-amerikanischen Emissionen einsparen.

Eine ganz schön kleine Zahl, nicht wahr? Die ist aber nicht so klein, weil Tierhaltung so wenig Auswirkung hat, sondern weil Nordamerika in Sachen Klimaschutz echt abstinkt und so monströs viel CO2 ausstößt, dass die Tierhaltung dadurch kleiner wirkt. Würden olympische Medaillenspiegel mit dem CO2-Impact der Bevölkerung pro Kopf abgeglichen, die USA lägen mit Kanada, Australien und Saudi-Arabien im unteren Drittel, denn allein die USA und Kanada emittieren 5,9 Gigatonnen CO2 im Jahr für ihre 360 Millionen Einwohner. Zum Vergleich: In der gesamten EU leben über 500 Millionen Menschen, sie emittieren trotzdem nur gut die Hälfte, nämlich 3,5 Gigatonnen.

Die FAS hat sich hier bewusst einfach das Land ausgesucht, in dessen Statistik Tierhaltung relativ betrachtet glimpflich davonkommt und hat passend dazu noch eine irreführende Grafik unter dem Titel „Klimaeffekt der Tierhaltung ist gering“ untergebracht. Da sieht man dann „4 %“in einem kleinen, roten Kreis stehen und es sieht so aus, als hätte Fleischkonsum kaum eine Auswirkung. Global gesehen liegt der Anteil aber mehr als drei mal höher, man rechnet für die Tierhaltung aktuell 14,5 Prozent aller anthropogenen Treibhausgase weltweit. Das entspricht 7,1 Gigatonnen CO2 und ist mehr als der Ausstoß von ganz Nordamerika inklusive Mexiko.

Es wird dann ferner behauptet, ohne tierische Produkte sei es nicht möglich, Nährstoffe für eine gesunde Ernährung bereitzustellen und dass der Effekt einer kompletten Veganisierung Deutschlands keinen messbaren Klimaeffekt hätte. Das sind aber eben die Worte eines Agrarökonomen, Experten für Klima- und Klimafolgenforschung beurteilen diese Fragen grundsätzlich anders. Wenn die FAS weiter so ihre Quellen auswählt, wird sie in der nächsten Ausgabe zur Gefahr von Vulkanausbrüchen vermutlich auch einen Juristen und einen Pilzexperten interviewen.

Behauptung 4: Wir hören zum Schluss noch das altbekannte Märchen, dass Tiere ohnehin nur Sachen fressen, die Menschen gar nicht verdauen können

„Viehhaltung wird traditionell auf Flächen praktiziert, die gerade nicht für den Ackerbau geeignet sind. […] Es stimmt zwar, dass zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche für Tierhaltung genutzt werden. Aber dabei handelt es sich überwiegend um Land, das nur dank Viehhaltung überhaupt für die menschliche Ernährung nutzbar ist.“

Nein. Da ist die FAS wieder auf die rührselige Geschichte der Tierhalter reingefallen, die hier auf riesige Steppenflächen verweisen, die aber für die globale Nahrungsversorgung eine minimale Rolle spielen. Das kann man hier gut sehen:

Hier sind Böden grün markiert, die nur von Tieren beweidet werden können (Die Grafik stammt aus dieser Studie). In der Tat riesige Flächen, aber auch zu großen Teilen kaum genutzt (hellgrün), weil hier halt auch die Sahara, Sibirien, und Nord-Kanada eingerechnet sind. Nur auf den dunkelgrünen Flächen werden tatsächlich Tiere gehalten. Viel interessanter ist der olivgrüne Bereich (oder ist das braun?): Da könnte man auch einfach Kartoffeln anbauen, aber es wird für Tierfutter genutzt. Fällt Euch was an Deutschland auf? Es ist fast komplett braun. Vereinzelt sind dort gelbe Punkte zu sehen, dort wird auf Ackerböden Nahrung für Menschen angebaut. Die Behauptung, Tierhaltung würde nur auf Flächen betrieben, auf denen ohnehin nichts anderes funktioniert, ist bezogen auf Deutschland eine glatte Lüge.

Deswegen hat Fleisch auch so eine schlechte Effizienz. Klar, wenn ein paar Nomaden in der algerischen Steppe Ziegen grasen lassen, dann ist das rein aus Menschensicht effizient, aber in Deutschland sind z. B. 5 Prozent der gesamten Fläche Niedersachsens nur mit Futtermais bepflanzt. Das ist so effizient als wenn ich meinen Kindern per Katapult belegte Brote in die Münder schieße und alles in den Müll schmeiße, was daneben geht. Hierzu muss man auch wissen, dass das so wahnsinnig gerne zitierte Weiderind ein statistisches Nischendasein führt: Gerade mal 5 Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches stammt aus Weidehaltung, der große Rest besteht aus zersägten Stallrindern, Schweinen, Hühnern, Puten, Gänsen und Enten, die während ihres kurzen Lebens keine einzige Weide sehen.

Die Quelle der FAS behauptet hingegen, eine wachsende Weltbevölkerung sei ohne Viehhaltung gar nicht zu ernähren. Bezogen auf Deutschland ist das grandioser Mumpitz, allein auf der Silomaisfläche (für Tierfutter und Energiepflanzen genutzt) könnten wir hierzulande 100 Mio. Tonnen Kartoffeln anbauen, das ist das zehnfache von dem, was 2018 geerntet wurde. Hierzulande könnten wir ohne Tierhaltung also viel mehr Nahrungsmittel für Menschen gewinnen.

Fazit:

  1. Die Hinweise auf gesundheitlich negative Auswirkungen von rotem und verarbeitetem Fleisch bestehen nach wie vor, die NutriRECS-Studie kann die gefundenen Zusammenhänge nicht plausibel entkräften.
  2. Tierische Lebensmittel tragen zu 14,5 Prozent zur Erderwärmung bei.
  3. Tierische Lebensmittel machen es schwieriger, die wachsende Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen, da die großen Industrie- und Schwellenländern hierfür ineffizient mit der endlichen Landfläche umgehen.
  4. Im „großen Fleischreport“ steht nicht ein Wort darüber, welche ethischen Probleme Fleischkonsum verursacht, obwohl das eines der Hauptmotive für vegetarisch lebende Menschen ist. In einem Land, in dem jedes fünfte Schwein nicht einmal den Schlachthof erreicht, weil die Haltung die Tiere so krank macht, eine journalistische Bankrotterklärung.

Die zentralen und angeteaserten Behauptungen des Artikels treffen so nicht zu. Er desinformiert Menschen, die ihn lesen.

PS:

Das war die Kritik an den Hauptargumenten, aber der Text enthält Unmengen weiterer Fehler, die ich hier einfach nur der Vollständigkeit halber aufzähle:

  • Ein Veggieday bedeutet immer noch sechs mal Fleisch pro Woche und entspricht damit keiner „fleischarmen Kost“, nicht mal im Sinne der konservativen DGE.
  • Die Studie hat NICHT die „gesamte moderne Ernährungsforschung“ einem Qualitätscheck unterzogen, denn in diesem Feld gibt es weit mehr als die gut 100 untersuchten Studien.
  • Die Metastudie umfasst NICHT alle Studien, in denen der Zusammenhang zwischen rotem Fleisch und Krankheiten untersucht werden
  • Die Forschungsgruppe „EAT-Lancet“ propagiert keine Diät, sondern eine Ernährungsweise. Die FAS versteht das Wort „diet“ falsch und verwendet es zigfach komplett sinnentstellend.
  • Es wird als Widerspruch dargestellt, dass ein Lebensmittel Krebs abwehrt und gleichzeitig auslöst. Dem Autor ist offenbar nicht bekannt, dass es verschiedene Krebsarten gibt mit jeweils unterschiedlichen Auslösern gibt. So steht zum Beispiel Kuhmilch im Verdacht, das Risiko von Dickdarmkrebs zu senken und das für Prostatakrebs zu erhöhen
  • Zur Einschätzung von Ernährungsleitlinien wird eine Buchautorin ohne wissenschaftlichen Hintergrund herangezogen, laut der Amerikaner aufgrund des geringeren Konsums von rotem Fleisch übergewichtiger sind als früher. Angeblicher Beweis hierfür ist allen Ernstes eine reine Korrelation: Das Datum der Einführung von Ernährungsrichtlinien und die Zunahme von übergewichtigen Amerikanern. Ein Drittel des ganzen Artikels wird der Leserschaft erklärt, wie ungenügend Korrelationen als eindeutiger Beweis sind, und als hätte der Verfasser gar nicht verstanden, was eine Korrelation ist, begründet er seine eigenen Aussagen maximal unsinnig selbst damit.
  • Der Artikel zieht als Beweis heran, wie viele „Online-Celebrity-Veganer auf YouTube keine Veganer mehr sind, was für die untersuchte Frage maximal irrelevant und zudem auch falsch ist.
  • Es wird behauptet, Fleisch müsse schon allein deshalb gesund sein, weil Menschen es schon seit 2,4 Millionen Jahren essen. Das ist ein naturalistischer Fehlschluss.
  • Menschen begannen generell erst vor ungefähr 400.000 Jahren, größere Beutetiere zu erlegen, davor standen primär Knochenmark, Kleintiere und Aas auf dem Speiseplan (Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, Seite 20).
  • Es wird behauptet, es sei für Menschen ungesund, wenn sie Dinge essen, die sie nicht schon seit Millionen von Jahren verzehren. Dafür gibt es keinen Beleg.
  • Es wird behauptet, dass Fleisch gesund sei, weil es für Menschen verwertbare Nährstoffe enthält. Nach dieser kindlichen Logik müssen auch Fliegenpilze und Kugelfische gesund sein, beide sind reich an Protein und Spurenelementen.
  • Es wird behauptet, Fleisch sei gesund, weil eine nicht konkret benannte Studie angeblich eine entsprechende Korrelation festgestellt hat. Für diese Meinung reicht eine Korrelation alleine dann offenbar doch aus
  • Unter dem Artikel ist ein Schaubild eingeblendet, das die Daten seiner Quelle verfälscht, um die Behauptung zu stützen, Amerikaner äßen immer weniger Tierprodukte. Dieses Zerrbild entsteht, indem dort nur die Tierprodukte aufgelistet sind, deren Konsum tatsächlich gesunken ist (rotes Fleisch, Milch, Butter). Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich aber der Konsum von Käse, Hühnerfleisch, Putenfleisch. Die Amerikaner konsumieren laut Quelle also tatsächlich ungefähr gleich viel tierische Kalorien pro Kopf, nur eben durch andere Produkte.
  • Das Schaubild soll ferner zeigen, dass die amerikanische Bevölkerung durch den geringeren Konsum an Tierprodukten immer dicker wird. Die Daten in der genannten Quelle zeigen aber, dass im genannten Zeitraum vor allem die Aufnahme von Kalorien aus Käse, zugesetzten Süßungsmitteln, Fetten und Ölen gestiegen ist, insgesamt um knapp 40 Prozent.

 

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Ingo Barkemeyer, Vincent Jeffrey Ball, Hans Dieter van Bebber, Thomas Zechlin, Felix Gorschlueter, Luc Bernardin, Bernd Knoefel, Karl Lätsch, Jens Fleisch, Daniela Hoppen, Michael Neißendorfer, Ulrike Zake, Roland Erb, Torsten Tetzlaff, Martina Nieraad, Nicolai Woyczechowski, Regina Sörgel, Michael Bergmann, Till Klages, karl aginmar, Anke Hofmann, André Panitz, Nicola Beck, Hadley B. Jones, Valerie Rentsch, Uta Reykers, Holger Wille, Joachim Heins, Christina Jubt, Johannes König, Kira Schröter, Edgar Opp, Hans Rudolf Schläfli, Daniela Hoppen, Henri Bachmann, Constance Kretschmann, Martina Nieraad, Benjamin Martini, Birgit Weiß-Fenner, Johannes Reisinger, Michael Bergmann, Marion Marin Marban, Jonas Runge, Sarah Steffen, Nicola Beck, Valerie Rentsch, Claudia Kanitz, Sebastian Röhrig, Sebastian Röhrig, Laura Metz, Ulrike Schmoll, Kurt Jansson, Karsten Müller, Vanessa Spanier, Katharina Dölp, Carla Kynast, Martin Rausch, Christoph Sahm, Laura Metz, Anne Christin Münning, Vanessa Spanier, Katharina Dölp, Carla Kynast, Martin Rausch, Thorsten Carniel, Jens Balasus, Kathleen Greiner, Florian Beckmann, Paul-Gabriel Müller, Thomas Schott, esther michaelis, Malte Ortgies, Jens Balasus, Florian Beckmann, Paul-Gabriel Müller, Thomas Schott, Kathleen Greiner, Manuela Hertel, Christina Jubt, Daniela Greiner, Rene Sonntag, Elisabeth Penning, Simon Tewes, Christopher Lang, Christiane Bärsch, Manuel Kromer, Stefan Simak, Oliver Decker, Ulrich Setzermann, Hendryk Gaidies, Volker Putze, Johannes Brockhaus, Andrea Steinbecher, Marco Leiter, Daniel Hendrichs, Peter Bering, Stefan Lütke Enking, Andre Urban, Christian Römer, Ansgar Tagscherer, Thomas Rux, Mariechen Hobbie, Walter Eberle, Werner Rosenberger, Andreas Bayer, Max Laurenz, mein-biowein.com, Jessica Schoenfeld, Dorothee Lindenbaum, Christina Albert, Anika Stümpel, elke bubenzer, Sarah Berger, Alexandra Janssen, Thomas Kulpa, Claudia Göpel, Daniela Greiner, Simon Tewes, Elisabeth Penning, Christopher Lang, Robin Schoenwald, Christiane Bärsch, Manuel Kromer, Stefan Simak, Volker Putze, Marcus Seidel, Matthias Stich, Florian Moser, Dorothee Lindenbaum, Christina Albert, Anika Stümpel, Alexandra Janssen und Ramona Cara Plocher

 

 

Wie die F.A.Z. veganem Fleischersatz andichtet, den Regenwald zu zerstören.

Je länger ich über Nachhaltigkeit lese und schreibe, desto häufiger fällt mir ein maximal destruktives Muster menschlichen Verhaltens auf: die zwanghafte Fixierung auf Nachteile aktueller Innovationen bei gleichzeitigem kompletten Ausblenden massiver Probleme im Status quo. Halb Deutschland sieht eine der größten Herausforderungen des deutschen Straßenverkehrs in E-Scootern, während sich seine Städte längst in riesige Autostellplätze mit vereinzelten Häusern darin verwandelt haben. Über die Verschandelung der Landschaft durch Windräder gibt es Terabyte an Facebook-Kommentaren, während gigantische Abraumhalden von RWE, die sich durch Wälder, Dörfer und historische Kirchen fressen, als unausweichlicher Kollateralschaden in unserem Bewusstsein etabliert sind.

In dieselbe Kategorie fällt, wenn Menschen sich erdreisten, keine Tiere mehr zu essen. Fleisch, das ist ein Stück Tradition, es kann doch nicht gut sein, jetzt einfach so damit aufzuhören – das haben wir doch immer schon gemacht! Die Literatur ist sich jedoch einig: Vegetarische Ernährung ist deutlich nachhaltiger als die typisch deutsche mit viel Fleisch, eine vegane noch ein bisschen ressourcenschonender – wenig überraschend, wenn für ein Kilo Fleisch erst mal mehrere Kilo Pflanzen verfüttert werden müssen.

Manche Menschen akzeptieren das und passen ihre Handlungen ihren Erkenntnissen an, während andere sich auf eine lange Suche begeben, um ihre Erkenntnisse anzupassen. Solche untersuchen gerne den Wasserverbrauch von Avocados und Quinoa, weil Fleischesser ja nie Avocados essen, oder versuchen, die Bedeutung der Weidehaltung maximal überzuinterpretieren. Oder, viel simpler, sie finden Soja blöd, denn dafür gibt es bereits die faktenfernen

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Der ZDF-heute-show „Klugscheißer“ macht seinem Namen auch in Sachen Elektroautos keine Ehre

Ojeoje, wie lange macht die heute-Show denn noch Sommerpause? Müssen wir jetzt jede Woche eins dieser peinlichen Videos im Newsfeed ertragen? Unter der Rubrik „Der Klugscheißer“ durften wir vor vier Wochen schon mal bestaunen, wie viel desinformierenden Unsinn das ZDF in einem Fünf-Minuten-Video über Vegetarismus unterbringen kann. Tja, Überraschung, wer zum Thema Fleisch auf sechs Jahre alte Lobbytexte reinfällt, der redet auch reichlich Stuss, wenn es um Elektromobilität geht.

Das wäre vermutlich nur halb so peinlich, wenn nicht ausgerechnet dieser menschgewordene Dunning-Kruger-Effekt seine kruden Theorien mit der Selbstüberzeugung eines Alpha-Pavians auf Steroiden in die Kamera faseln würde, denn lustige Jodellaute ersetzen leider glücklicherweise keine Recherche. Tja, Oliver Welke, so eine Urlaubsvertretung will sorgsam ausgesucht sein. Vielleicht teilt Ihr diese beiden Kasper, die offenbar seit fünf Jahren ohne Internetanschluss überleben, nächstes Jahr nur fürs Gießen der Büroblumen ein. Wobei, die Hortensien könnt Ihr dann vermutlich komplett vergessen, aber besser wäre es trotzdem. Für alle.

Wie auch der Beitrag über Fleischverzicht arbeitet sich dieses Video, dessen Humor stellenweise den Geist von 80er-Jahre-Klamaukfilmen mit Thomas Gottschalk atmet, an irgendwelchen Strohmännern ab, anstatt sich mit den echten Argumenten für Elektromobilität auseinanderzusetzen. So sagt der vermeintliche E-Auto-Fahrer in

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Schwer durchzuhalten: Viele Leser von n-tv klagen über gesundheitliche Beschwerden und brechen die Lektüre ab.

„Was ist bloß los bei den Veganern?“, fragt Isabel Michael maximal clickbaity für das Ressort „Leben“ auf N-tv. Immer mehr Menschen verabschiedeten sich von der tierfreien Ernährung, der Hype scheine vorbei zu sein. Nun fragt Ihr Euch sicher, welche revolutionären Daten sie zu dieser Erkenntnis führen – hat N-tv eine repräsentative Umfrage durchgeführt und festgestellt, dass die Zahl der VeganerInnen zurückgeht? Geben die Quartalszahlen von Tofuherstellern Grund zur Annahme, dass vegane Produkte hart abstinken gegen Pansengulasch und Presskopf? Seltsam, das ist ja ganz an mir vorbeigegangen.

Ich war also maximal gespannt auf den Ursprung dieser sensationellen Neuigkeit, wurde dann aber jäh enttäuscht, denn die Quelle *Trommelwirbel* sind drei YouTuberinnen aus Australien und den USA. Mehrere Diplom-Mathematiker konnten mir bestätigen: Drei, das ist die Zahl nach der Zwei und vor der Vier. Und diese drei lebten angeblich früher mal vegan und tun es heute nicht mehr. Im „Artikel“ ist dann auch noch die Rede von „vielen ähnlichen Geschichten“ in den 16.500 Kommentaren, und wir wissen ja alle, dass Geschichten in Social-Media-Kommentaren so glaubwürdig sind wie die Hitler-Tagebücher im Stern.

Wie man allen Ernstes auf die Idee mit der Sub-Headline „Was ist bloß los bei den Veganern?“ kommen kann, weil ganze drei Personen von den vielen Millionen vegan lebenden Menschen weltweit wieder zermalmte Tiere zu essen gedenken, ist mir ein Rätsel. N-tv könnte genauso gut „Masernepidemie in Berlin!“ titeln, weil drei Menschen in der Millionenstadt erkrankt sind, oder harten Schwachsinn zum neuen Deutschlandtrend erklären, weil man einen Tag auf dem Twitter-Account der CDU-Werteunion mitgelesen hat. Zudem wäre für so eine eindeutige Aussage ja auch

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Die ZDF-heute-show verbreitet platten Lobbyblödsinn und ruft im Jahr 2019 zum Fleischessen auf.

Offenbar wurde das Rechercheteam der ZDF-heute-show von Mario Barth infiltriert, kann mal jemand da vorbeifahren und schauen, ob die üblichen Redakteure gefesselt im Besenschrank liegen oder so was? Anders kann ich mir nicht erklären, dass das sonst recht aufgeweckte Team um Olli Welke unter dem Rubriknamen „Der Klugscheißer“ ganz furchtbaren Unsinn über Fleisch und Fleischersatz in die Welt setzt und sich dabei unfassbar schlau vorkommt, weil sie pro Minute Video eine kümmerliche Quelle in eine Ecke des Videos pinnen.

Ja, das ist eine Satiresendung, aber das, was der rückständige Mann mit der Brille und dem stilsicheren, fliederblauen Sakko da von sich gibt, ist wohl leider durchaus ernst gemeint. Vielleicht machen die fähigen Leute vom ZDF ja auch gerade Urlaub, als leider die Urlaubsvertretung krank geworden ist, die Vertretung von der Vertretung spontan keine Kinderbetreuung mehr bekommen hat und deswegen einfach irgendein Verwandter zweiten Grades vom CSU-Ortsverein in die Redaktion geschickt wurde, der zufällig mit Avocados jonglieren kann und den Rest dazu improvisieren musste. Ja, so peinlich ist das.

Steht ein Vegetarier an der Essensausgabe und lacht Menschen aus, die Schnitzel bestellen, ironischerweise mit dem Spruch „Die 90er haben gerade angerufen, die wollen ihre Ernährung wieder haben“. Ich habe irgendwie den Eindruck, die 90er hätten viel lieber die Vegetarierplattitüden aus diesem Video wieder zurück, bzw. erinnert mich der gesamte vermittelte Kenntnisstand generell ganz spontan an 1995. Ich meine, Vegetarier, die Leute an der Theke auf ihr Schnitzel vollquatschen? Wo gibt es die denn außer in der Fantasie dieses Typen, der am Ende behauptet, die Wahrheit tue weh? Gäbe es solche Vegetarier wirklich, kämen die ja nie zum Essen, wenn ich mir die Mittagessen all der Typen so anschaue, die laut eigener Aussage immer nur ganz selten Fleisch essen.

Billiges Vegetarier-Klischee Nummer 1: Vegetarier essen den ganzen Tag nur Avocados.

Manche Fleischesser in der heute-Show-Redaktion haben wohl schon derartig Panik im Enddarm beim bloßen Gedanken an einen fleischfreien Tag, dass ihnen nicht mal eine sinnvolle Mahlzeit ohne Fleisch UND ohne Avocado einfällt. Das ist übrigens so ein Klassiker aus der

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Wie eine ARD-Doku absurdes Zeug über Elektromobilität verbreitet und dadurch den Klimawandel verstärkt

Nachdem ich die Hälfte der ARD-Dokumentation „Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten“ gesehen hatte, rechnete ich schon fast damit, dass Elektroautos am Ende der Sendung nicht nur für eine Menge Umweltschäden, sondern schlussendlich auch beim Einspielen düsterer Musik für die Ermordung Kennedys, die achte Staffel von Game of Thrones und den Prager Fenstersturz verantwortlich gemacht werden. Das Gute zuerst: Es kam doch anders – aber so richtig schön war es dann insgesamt leider trotzdem nicht.

Liebe ARD, bei manchen Eurer Dokus gewinne ich zunehmend den Eindruck, dass nicht die Recherche die zentrale Message bestimmt, sondern dass bereits zu Beginn das Ergebnis mehr oder weniger feststeht und das Reporterteam dann auf Weltreise geht, um genau dafür Beweise zu suchen. In der Wissenschaft geht man genau andersrum vor, da sammelt man aufwändig Daten und Ergebnisse und sollten diese die These nicht stützen – tja, dann muss man sie verwerfen. Ob man dazu vielleicht einfach keine Lust hatte, nachdem das Budget schon mit teuren Flügen nach Südamerika strapaziert wurde und man wochenlang in der Pampa unterwegs war?

Der Vergleich mag gewagt sein, aber es erinnert mich ein bisschen an die sensationellen Artikel von Claas Relotius, dessen Spannungsbögen leider nur so toll waren, weil er am Ende eher an einer tollen Geschichte als an Fakten interessiert war. Die Geschichte der Autoren Florian Schneider und Valentin Thurn ist folgende: Elektroautos sind in der Theorie eine gute Idee, aber in der Praxis so umweltschädlich, dass sich der Aufwand nicht lohnt und man lieber gleich komplett auf moderne Verkehrskonzepte umsteigen sollte. Schade, man hätte eine ganz ähnliche Geschichte erzählen und gleichzeitig bei den Fakten bleiben können.

Zu Beginn baut die Sendung einen Strohmann auf, also ein Argument, dass der Gegner so eigentlich gar nicht formuliert, das man aber toll widerlegen kann, und deswegen tut man einfach so, als hätte es jemand genannt. In diesem Fall: Ein Elektroauto sei ja gut für

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Unterernährte Kinder sind der Presse egal, es sei denn, die Eltern sind vegan lebende Hardcore-Esoteriker

Wie immer, wenn irgendwelche vegan lebenden Menschen sich wie die allerletzten Idioten benehmen, titelt die deutsche Presselandschaft nicht „Allerletzter Idiot schießt sich in den Fuß“, sondern „Typ ernährt sich vegan und schießt sich deswegen in den Fuß“.

Eine Veganerin verunglückt tödlich bei einer Besteigung des Mount Everest? Das wäre mit mehr Rührei in der Blutbahn nicht passiert. Ein Veganer erkrankt an Ebola? Hätte er mal mehr Milch getrunken. Ein Kind wird von seinen vegan lebenden Eltern mit viel zu wenig Kalorien versorgt? Hätten die mal lieber viel zu wenig Kalorien in Form von Fleisch gefüttert, dann wäre jetzt alles gut.

Von dem australischen Elternpaar, dem eine Haftstrafe wegen Mangelernährung des eigenen Kindes droht, konnte man letzten Donnerstag so ziemlich überall

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Vegane Ernährung für Schwangere gefährlicher als Gammablitze, mutmaßt Dr. Sowieso

Sitzen drei Frauen in einer Kneipe und wetten, wer die Mutigste ist. Die erste gibt an: „Ich jongliere jetzt neuerdings mit brennenden Motorsägen und habe dabei die Augen verbunden.“ – „Gar nicht übel“, entgegnet die zweite, „aber ich springe regelmäßig mit Nadel und Faden aus einem Flugzeug und nähe dann im freien Fall aus Knibbelbildern einen Fallschirm zusammen der mich vor dem tödlichen Aufprall bewahrt.“ Die Dritte zieht eine Augenbraue hoch und sagt: „Auch nicht schlecht, aber ich toppe beides. Ich bin schwanger und ernähre mich vegan!“ Die Musik endet abrupt, sämtlich Gäste atmen hörbar ein und die beiden anderen Frauen küren sie ohne Murren zur eindeutigen Siegerin des Wettbewerbs.

So oder so ähnlich könnten sich das einige Menschen vorstellen, nachdem sie den jüngsten Artikel im Stern namens „Lebenslange geistige Behinderung“ – so gefährlich kann vegane Ernährung für Ihr ungeborenes Kind sein gelesen haben. Dort liest man von schweren Hirnschäden, lebenslangen geistigen Behinderungen, Risiken und Gefahren – die Warnungen vorm Aufenthalt in einem Abklingbecken eines Atomkraftwerkes würden vermutlich nicht viel eindringlicher ausfallen.

Wie in den meisten dieser Artikel geht es nicht wirklich um Risiken einer abwechslungsreichen, vollwertigen Pflanzenkost, sondern um die allgemeine Position der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) von 2016 zu veganer Ernährung und darum, dass ein einzelner Arzt diesen Warnungen persönlichen Nachdruck verleiht. Diesen Part übernimmt hier der Kinderarzt Prof. Dr. Stefan Eber, der auf einem Fortbildungskongress in Düsseldorf zu diesem Thema gesprochen hat. Das Fazit liest sich düster: Veganern fehlen angeblich allerlei wichtige Nährstoffe, es ist konkret die Rede von bleibenden Hirnschäden und einer Empfehlung an Schwangere, in jedem Fall Eier und Milchprodukte zu essen, ein wirklich seltsamer Rat im Jahr 2019.

Aber eins nach dem anderen: Zunächst wird die altbekannte Position der DGE zitiert, die von veganer Ernährung wenig hält. Stimmt, tut sie nicht. Sie rät aber auch von der in Deutschland allgemein üblichen Ernährung mit viel Fleisch und wenig Ballaststoffen ab und sieht darin im Vergleich zu pflanzlicher Kost erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes mellitus Typ 2. Das klingt jetzt noch nicht bedrohlich, aber würde ich daraus einen Artikel machen, in dem ich von herzkranken Menschen rede, von Toten und von 40.000 Amputationen aufgrund von Diabetes

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Bitte nicht vegan essen, sonst fühlt Zarah Mampell von der Zeit sich nicht mehr voll special und muss weinen

Oh weh, welch Schreck! Während ich mir gestern ein paar Badelatschen aus Moos häkelte, befiel mich eine beängstigende Sorge: Was wollen wir eigentlich den lieben langen Tag machen, wenn die deutsche Presselandschaft irgendwann mal nicht mehr an einer Artikelflut voller haarsträubender, sinnloser Pseudogründe gegen die vegane Lebensweise zu platzen droht? Soll ich meine Frühlingstage dann etwa im Park verbringen wie so ein ganz normaler Mensch, anstatt mir dank der unentwegt daherfaselnden Wurstologen graue Haare wachsen zu lassen? Wie komme ich denn überhaupt dahin? Verträgt mein Körper nach so langer Zeit im veganen Bußkeller überhaupt direkte Sonneneinstrahlung? Passt so eine Art von unbeschwertem Glück überhaupt in einen tristen, veganen Alltag voller Entbehrungen?

Mein Kummer wog schwer, aber die Erlösung folgte umgehend: Das Selbstkasteien kann auch in ferner Zukunft weiter gehen, denn selbst wenn alle substanzlose Kritik Fleisch essender Kolumnisten verstummen sollte, erzählen wir VeganerInnen uns einfach selbst, was wir für verblödete Spinner sind. Das klingt abwegig? Keineswegs. Nach den bekannten Klassikern „Aber wenn wir keine Kühe essen, sterben die aus“ und „Aber wenn wir keine Kühe essen, übernehmen sie die Weltherrschaft“ hat nun eine Veganerin höchstselbst das vegane Bullshit-Bingo um ein Feld erweitert, das sich in puncto Absurdität keineswegs hinter dem altbekannten Mumpitz verstecken muss: Laut Zarah Mampell von der Zeit sind vegan lebende Menschen nämlich doof, weil sie selbst schon länger vegan lebt als die.

Ja, das Logikzentrum kann da schon mal schwanken, am besten lest Ihr im Sitzen weiter. Kennt Ihr diese Leute, die irgendwann merken, dass ihre absolute Lieblingsband gar kein krasser Geheimtipp mehr ist und das Konzert nächstes Jahr in einer großen Halle stattfindet, nicht im runtergekommenen Stammclub wie sonst, und deswegen sehr wütend werden? Die freuen sich dann nicht einfach über den Erfolg der Band und darüber, dass in der nun eingeplanten Location nicht seit drei Jahren die Klos kaputt und der Sound mies sind. Stattdessen sind sie schwer enttäuscht von der Tatsache, nun nicht mehr zu einem kleinen elitären Kreis

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Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten

Okay, die schlechte Nachricht zuerst: Der Zu-doof-um-korrekt-über-Studien-zu-berichten-Effekt hat mal wieder zugeschlagen. Was mit ein paar Menschen begann, die etwas über die Erkrankungen britischer Arbeitnehmer rausfinden wollten, endete in einer Interpretation dieser Arbeit und dem mehrfachen Abschreiben dieser Interpretation. Nein, das ist nichts Neues, trotzdem wundere ich mich immer wieder über den runtergeschraubten Anspruch diverser Journalisten an sich selbst.

Die gute Nachricht: Bislang ist nur ein deutsches Medium an der aktuellen Räuberpistole beteiligt, aber das kann auch noch anders kommen. So erklärte uns der Stern bereits gestern „Veganer in Großbritannien sind doppelt so oft krank wie ihre nicht-veganen Kollegen“, was so formuliert tatsächlich dicht an Fake-News rankommt. Und bevor das jetzt zu verbissen rüberkommt: Es ist mir mittelmäßig schnurz, ob britische Veganer tatsächlich oft krank sind. Wenn jemand seriös rausfände, dass das der Fall wäre, dann wäre das eben so, aber davon sind wir hier weit entfernt:

Die Aussage stammt aus einer Umfrage, die von Fisherman’s Friend in Auftrag gegeben wurde. Im Jahr 2019 würde ich erwarten, dass die Ergebnisse irgendwo verlinkt sind, damit man sich selbst ein Bild machen kann, sonst fühle ich mich wie im Mittelalter, als der Pfarrer lateinische Predigten vor sich hinmurmelte und alle ihm blind vertrauen mussten, dass es sich hier um den Willen Gottes handelte. Ist sie aber nicht, weder beim Stern noch bei

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