Das Buch ist fertig! (und so kommt ihr als Supporter an euer Gratisexemplar)

So, da isses endlich, mein Buch. Wobei, Quatsch, das ist euer Buch 🙂

Es befindet sich jetzt tatsĂ€chlich im Druck und soll ab dem 02. August im Buchhandel herumliegen, und dass ich das mal so schreiben kann, liegt zu einem großen Teil an eurem Support. Wenn ihr es in euren HĂ€nden haltet, dann macht euch ruhig mal ganz unbescheiden klar, dass ich dieses Risiko alleine und ohne UnterstĂŒtzung kaum eingegangen wĂ€re.

Es wĂ€re natĂŒrlich wunderprĂ€chtig, wenn sich auch unter den Menschen, die mich nicht supporten, Interessierte fĂ€nden 🙈 Ihr solltet es ĂŒberall da bekommen, wo ihr ohnehin wöchentlich eure Fantasy-Erotikromane ersteht (ISBN 978-3-8312-0604-9) und laut dem Vertriebsteam des Verlags ist es immer am besten, wenn schon in der ersten Woche viele Bestellungen eingehen (Vorbestellungen zĂ€hlen da auch rein).

Wow, surprise. Klar, was Vertriebler halt so sagen. GELD! SUCCESS! UMSATZ!Geht aber tatsĂ€chlich darum, dass es dann in entsprechenden Listen landet, die auch von dĂŒsteren Wurstbaronen gesehen werden, die sich ansonsten nie im Leben auch nur in der NĂ€he dieses Buches hĂ€tten aufhalten wollen. Und ja, es ist auch als E-Book erhĂ€ltlich.

Wenn ihr dieser Seite hingegen folgt, weil ihr mich und meine Arbeit ausnehmend doof findet und mir jeden Erfolg missgönnt, dann kauft das Buch am besten nicht in der ersten Woche, sondern erst spĂ€ter. Life-Hack: Am besten kauft ihr gleich mehrere und entsorgt sie direkt im MĂŒll, dann können andere sie gar nicht lesen! Damit gebt ihr es mir so richtig.

So, der Deal war, dass die Supporter ein Exemplar kostenlos bekommen bzw. ab 7-Euro-Support eins mit Widmung. Auf Steady und Patreon habe ich schon eigene Posts dazu verfasst, ihr solltet eine E-Mail dazu bekommen haben, wenn ihr mich dort unterstĂŒtzt.

Wenn ihr eins möchtet und mich per Paypal oder DirektĂŒberweisung unterstĂŒtzt, ist es leider etwas komplizierter: Schreibt mir dann bitte eine E-Mail an weltuntergangfaelltaus@gmx.net mit eurer Adresse und der Info, ob ihr per Paypal oder per DirektĂŒberweisung gespendet habt und ob Ihr eine Widmung wĂŒnscht. Ich kann euch dann in die Datenbank mit aufnehmen (die Daten behandle ich natĂŒrlich streng vertraulich und lösche sie, sobald der Versand erfolgt ist).

ACHTUNG: DIE ADRESSE IST KEIN PAYPAL-KONTO! Das ist einfach nur eine Email-Adresse, um das alles zu koordinieren und die Gratisexemplare sind fĂŒr Leute, die mich bereits unterstĂŒtzt haben. Bitte schickt KEIN Geld per Paypal an diese Email, ich kann euch kein Buch verkaufen, das geht nur ĂŒber den Buchhandel!

Ich muss irgendwie prĂŒfen, ob ihr zu meinen Supportern gehört. Schreibt mir also bitte etwas dazu, damit ich euch identifizieren kann:

Paypal: Wenn Ihr mir die E-Mail mit der gleichen E-Mail-Adresse schickt, die ihr auch bei Paypal nutzt (mit der loggt ihr euch ein), reicht das eigentlich schon. Schreibt dann einfach „gesendet mit meiner Paypal-Adresse“ dazu. Wenn nicht mĂŒsstet ihr mir entweder die Paypal-Email-Adresse sagen oder den Transaktionscode, den könnt ihr fĂŒr jede Paypal-Überweisung einsehen, hier mal beispielhaft anhand meiner Bestellung von Fahrrad-Ersatzteilen:

DirektĂŒberweisung: Meistens geht eure Überweisung ohnehin aus eurem Namen hervor. Ihr mĂŒsst mir eigentlich nur den Namen des Kontoinhabers / der Kontoinhaberin (oder die IBAN) nennen, mit dem ihr was ĂŒberwiesen habt .

Achtung: E-Mails sind standardmĂ€ĂŸig nicht verschlĂŒsselt, schreibt da nichts rein, was in den HĂ€nden zwielichtiger BlödmĂ€nner ein Problem wĂ€re. Schickt mir das dann im Zweifel lieber als verschlĂŒsselte Mail.

Ach so, mich haben schon ein paar RĂŒckfragen von Menschen erreicht, die das Buch trotz ihres Supports selbst kaufen möchten (yeah) und eine Widmung aber auch nicht schlecht fĂ€nden. Da gibt es folgende Optionen:

  • Ihr kauft das Buch und trefft mich dann auf der (hoffentlich stattfindenden) Lesereise
  • Ihr kauft das Buch und schickt es mir, ich signiere es und schicke es zurĂŒck
  • Weil wir bei Option 2 nicht viel weniger Geld fĂŒr Porto raushauen als ich im Einkauf fĂŒr das Buch bezahle, könnt ihr euch auch einfach hier eintragen, bekommt eine signierte Ausgabe und kauft dann im Handel eins, das ihr eurer Tante schenkt, die mit „f**k-you-Greta-Aufkleber“ auf dem Pickup-Truck rumfĂ€hrt 😉

Ich bin gespannt, wie ihr es findet 🙂 PS: Ich versuche, euch allen zu antworten, kann aber ggf. etwas dauern. In dem Fall bitte nicht wundern.

Mit diesen 5 Falschbehauptungen manipuliert Hans-Werner Sinn in der Bild-Zeitung

Hans-Werner Sinn ist studierter Volkswirt und war lange Zeit PrĂ€sident des ifo Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung. Man könnte meinen, dass jemand mit diesem Lebenslauf hochrangige Debatten mit anderen Ökonom:innen fĂŒhrt und seine Expertise gerade zu Krisenzeiten in der Regierungsberatung oder sonst wie zur Abwendung der aktuell drohenden Inflationsspiralen einsetzt.

Stattdessen entscheidet sich Professor Sinn leider, in die klebrigen Niederungen der Bild-Boulevardpresse vorzudringen und seine Thesen zwischen schlĂŒpfrigen Bildchen und empörten Texten ĂŒber schlĂŒpfrige Bildchen unterzubringen. Kann man machen, weckt bei mir aber Ă€hnliche Assoziationen als hĂ€tte Christian Drosten an einer Staffel Schwiegertochter gesucht teilgenommen, um darin die Natur von Escape-Mutationen zu beleuchten (und das wĂ€re bestimmt trotzdem noch sehenswert gewesen).

Nun hat eine Veröffentlichung in einem Klatsch-Magazin fĂŒr den Autor aber auch Vorteile: Quellen braucht er nicht und das Lektorat in der Rumpelpresse korrigiert an der Überschrift „Aufgedeckt:  Kommunistennazis haben Markus Söder entfĂŒhrt und durch einen, Roboter ersetzt“ maximal den Kommafehler. Wenn es einen guten Tag hat. Wer als Autor inhaltlich derartig freie Hand hat, kann auch den absurdesten Unsinn zu Papier bringen. Zum Beispiel das hier:

1. GrĂŒne Energie sei gar nicht gĂŒnstiger als konventionelle, denn  

„wenn die grĂŒne Energie billiger wĂ€re, dann wĂŒrden die Menschen sie von ganz allein wĂ€hlen. TatsĂ€chlich muss der Staat sie erzwingen, indem er konventionelle Energien verbietet oder kĂŒnstlich verteuert.“

Das ist nun gerade fĂŒr einen Ökonomen beklagenswert unterkomplex argumentiert. Die Einteilung der unterschiedlichen Arten der Stromerzeugung in „grĂŒn“ und „konventionell“ wĂ€re fĂŒr einen Schulaufsatz in der dritten Klasse okay, tatsĂ€chlich soll es aber auch unter den konventionellen Kraftwerken große Unterschiede bzgl. der Erzeugungskosten geben:

Ein kombiniertes Erdgaskraftwerk (dessen AbwĂ€rme genutzt werden kann) lag 2019 weltweit bei Erzeugungskosten von etwa 56 US-Dollar pro Megawattstunde, Kohlekraft bei 109 US-Dollar, Kernkraft bei 155 US-Dollar und reine Gaskraftwerke bei 175 US-Dollar pro Megawattstunde. Und das war das Jahr 2019, bevor ein gewisser russischer PrĂ€sident mit Wachstumsschmerzen einen Krieg begonnen hat. Wie auch immer: Die teuerste Erzeugungsform war ĂŒber 200 Prozent teurer als die billigste, was Sinns doch sehr pauschales Urteil fragwĂŒrdig macht.

Seine Behauptung ist so trennscharf als wĂŒrde ich sagen, dass ein Fernseher gar nicht teurer ist als ein Smartphone, worauf mir mit der Materie vertraute ElektronikhĂ€nderinnen vermutlich ihren Produktkatalog um die Ohren hauen wĂŒrden, an deren Inhalt man die Sinnlosigkeit meiner Aussage ablesen könnte.

„GrĂŒne“ Energie kann durchaus gĂŒnstiger sein als konventionelle, z.B. wenn ich relativ gĂŒnstigen Onshore-Windstrom mit Atomstrom vergleiche (40 bis 80 Euro pro Megawattstunde vs. 130 Euro pro Megawattstunde). Anders sieht es aus, wenn ich Offshore-Windstrom an einem ungĂŒnstigen Standort mit Braunkohlestrom vergleiche (138 Euro / Megawattstunde vs. 46 bis 80 Euro / Megawattstunde). Ihr seht, warum ich Sinns Behauptung mindestens seltsam finde?

Der reine Preis, der ans Kraftwerk zu entrichten ist, mag mittels Braunkohleverbrennung tatsĂ€chlich vergleichsweise gering sein, aber dieser beinhaltet eben auch versteckte Kosten: Die Folgekosten der Klimawirkung dieser Stromerzeugung. Wir verbrauchen dann Strom, der auf der Rechnung mit 46 Euro/Megawattstunde wunderbar gĂŒnstig aussehen mag, stellen aber auch gleichzeitig einen Schuldschein auf unsere Kinder aus, der vom Klima unerbittlicher eingelöst werden wird als von jedem InkassobĂŒro. Bei einem Kohlekraftwerk mit Wirkungsgrad von 35 Prozent sind das zusĂ€tzliche 235 Euro/Megawattstunde

Mit anderen Worten: Wir bezahlen fĂŒr unseren Kohlestrom heute gerade mal 16 Prozent des tatsĂ€chlichen Preises und bĂŒrden den kommenden Generationen zusĂ€tzlich das FĂŒnffache unserer eigenen Kosten auf. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit kann eigentlich niemand mit einem Funken Anstand im Leib ernsthaft gut finden, weswegen es ein europaweites System fĂŒr CO2-Zertifikate gibt, das diese kĂŒnstliche Verbilligung des Kohlestroms immer weiter ausgleicht.

Hans-Werner Sinn nennt dieses Zertifikate-System in seinem Text nun eine erzwungene, kĂŒnstliche Verteuerung und impliziert damit, es sei in irgendeiner Form unrechtmĂ€ĂŸig oder wĂŒrde jemanden benachteiligen. Dass fossile Brennstoffe in Deutschland zusĂ€tzlich zu diesen, den Verursachern nicht in Rechnung gestellten KlimaschĂ€den, noch jĂ€hrlich mit 37 Milliarden Euro gefördert werden, erwĂ€hnt er ebenfalls nicht. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser gefĂ€hrliche Unsinn nur noch in einem recht ehrlosen Boulevardblatt stattfindet.

2. Der Strom sei wegen der Erneuerbaren teuer

Seine Behauptung ist folgende:

„Schon heute hat Deutschland wegen des hohen Anteils der erneuerbaren Energien neben DĂ€nemark die höchsten Stromkosten der Welt.“

Das FĂŒnkchen Wahrheit in dieser Aussage ist, dass private Haushalte in Deutschland in der Tat mehr fĂŒr Strom zahlen als Menschen in den meisten anderen europĂ€ischen LĂ€ndern. Die Behauptung, das lĂ€ge an den Erneuerbaren, hĂ€ngt aber ziemlich in der Luft:

Der Preis, der auf unserer privaten Stromrechnung steht, stammt ja nicht allein aus den reinen Kosten Erzeugungskosten des Stroms, diese machen nur etwa 44 Prozent aus. Weitere 25 Prozent des Preises entstehen durch Netzentgelte, damit finanzieren die Netzbetreiber die Infrastruktur, also das Stromnetze, die Umspannwerke und all solche Dinge, die wir auch ohne Erneuerbare brÀuchten.

Auch die Kosten fĂŒr die neuen Stromtrassen SuedLink und SuedOstLink zum Transport von Windstrom in den SĂŒden werden darĂŒber auf uns alle umgelegt. Aktuell werden die Baukosten auf 15 Milliarden Euro geschĂ€tzt, fĂŒr die unser aller Stromkosten leicht ansteigen: Je ungleichmĂ€ĂŸiger wir Erneuerbare installieren und je mehr solcher Hochspannungstrassen wir stattdessen brauchen, desto stĂ€rker steigen unser aller Netzentgelte im Strompreis. Sollte Bayern sich also weiterhin weigert, selbst Windkraft zuzubauen, dann tragen einen Teil der dadurch entstehenden Mehrkosten wir alle.

Einen Teil der Netzentgelte mĂŒssen wir tatsĂ€chlich den Erneuerbaren zurechnen, da wir fĂŒr ihren Einsatz ein robusteres Netz brauchen als im bisherigen System. Laut dieser Studie des Fraunhofer Instituts ISI sind die gestiegenen Netzkosten aber zum grĂ¶ĂŸten Teil strukturbedingt und nicht EE-bedingt.

Der dritte Teil sind mit 30% Steuern und Abgaben. Diesen Anteil beeinflussen die Erneuerbaren seit dem Wegfall der EEG-Umlage am 01. Juli 2022 gar nicht mehr, er bedeutete auch bei reinem Kohle-Atommix die gleiche Belastung fĂŒr Haushalte.

So, das ist aber nur ein Strompreis. Es gibt daneben natĂŒrlich auch noch Gewerbekunden und Industriekunden, fĂŒr die ganz andere Preise und teilweise Sonderregeln gelten, wodurch Sinns Aussagen erneut klĂ€glich pauschal erscheinen.

Die Behauptung, Erneuerbare machten den Strom teuer, ist nun insofern perfide, dass gerade an Tagen mit guter Wind- oder Solareinspeisung der Börsenstrompreis in Deutschland rekordverdĂ€chtig niedrig ist. Am 04. Juli hatten wir zum Beispiel ordentliche Sonneneinstrahlung, der Day-Ahead-Strompreis sank in der Folge auf 172 Euro pro Megawattstunde wĂ€hrend der französische Markt fĂŒr 432 Euro / Megawattstunde anbot.

Ein deutscher Betrieb kann an Tagen mit viel Wind- und Solarstromeinspeisung ganz besonders gĂŒnstigen Strom einkaufen, hier im Diagramm schön zu sehen:

Je mehr Wind- und Solarstrom im Netz war, desto niedriger war der Börsenpreis. Dieser Zusammenhang ist so berechenbar, dass manche energieintensive Unternehmen ihre teuren, aber zeitlich flexiblen Betriebsprozesse mittels schlauer Algorithmen an Zeiten anpassen, an denen viel Windstrom im Netz ist. Sie sparen damit heute schon siebenstellige EurobetrÀge.

3. Erdöl einsparen sei sinnlos, weil es dann jemand anders kauft

Auch die nĂ€chste Behauptung von Sinn lĂ€sst seinen Nachnamen nicht gerade als optimale Wahl erscheinen: 

„Und ob der Umweltnutzen ĂŒberhaupt kommt, ist mehr als fraglich, wenn Europa allein handelt, wie es das mit seiner rabiaten Politik zur ZurĂŒckdrĂ€ngung der Verbrennungsmotoren tut. Damit das hierzulande nicht mehr verbrannte Erdöl zu einer Entlastung der AtmosphĂ€re fĂŒhrt, mĂŒsste es Europa auf seinem Territorium lagern und versiegeln – ein absurder und teurer Gedanke.

TatsĂ€chlich gibt Europa die nicht mehr gekauften Mengen fĂŒr die WeltmĂ€rkte frei. Die Tanker liefern sie nun eben nach China und andere LĂ€nder, die sich nicht zur CO2-Einsparung verpflichtet haben. Wie sich empirisch zeigen lĂ€sst, gelangt dort ziemlich genau so viel mehr an CO2 in die Luft, wie wir einsparen. Wir ruinieren die deutsche Automobilindustrie, fördern unsere fernöstlichen Konkurrenten und helfen der Umwelt nicht einmal ein bisschen.“

Ich weiß, das klingt anmaßend, aber Professor Sinn scheint irgendwann vergessen zu haben, wie MĂ€rkte, Angebot und Nachfrage funktionieren und auch lĂ€nger nicht mehr in irgendeine Zeitung geguckt zu haben.

Europa handelt in Bezug auf die Elektrifizierung seines Verkehrssektors alles andere als alleine. Auch außerhalb von Europa legen immer mehr ökonomisch einflussreiche Staaten Ausstiegsdaten fĂŒr Verbrennertechnik fest, elektrifizieren ihre Busflotten und definieren Verbotszonen in dicht besiedelten Gegenden.

FĂŒr das Jahr 2035 haben die Autohersteller selbst bereits so klare Ausstiegsdaten definiert, dass sie zusammen 84 Prozent der Marktanteile ausmachen. Und gerade China, das Professor Sinn gerne als Ersatzmarkt fĂŒr Erdöl ins Spiel bringt, hat eine höhere E-Auto-Quote in seinen Neuzulassungen als Deutschland und exportiert vermehrt E-Autos nach Europa.

Diese Entwicklung leugnet ja nicht mal mehr die Erdölbranche selbst. Darren Woods, Chef des grĂ¶ĂŸten US-Erdölkonzerns ExxonMobil, geht davon aus, dass 2040 weltweit keine neuen Verbrennerautos mehr zugelassen werden. Sinns seltsame Idee, dass Europa Erdöl einkaufen und im Boden verbuddeln muss, damit niemand anders es verbrennt, ist Ă€hnlich grotesk wie die Vorstellung, dass der Verkauf von VHS-Kassetten in den 90ern trotz der EinfĂŒhrung der DVD gleich hoch geblieben wĂ€re, weil einfach irgendwer anders sie kauft.

Dieser Mumpitz ist so weit weg von jeder wirtschaftlichen RealitĂ€t, er hĂ€tte auch Teil der aktuellen Franz-Josef-Wagner-Kolumne sein können. Was Sinn hier eigentlich meint: Sollte Europa kein Erdöl mehr kaufen, so wĂŒrde Erdöl aufgrund der sinkenden Nachfrage (theoretisch) billiger und andere LĂ€nder könnten es sich eher leisten. Nun verhĂ€lt sich der Erdölmarkt aber selten nach normalen Marktgesetzen, weil das OPEC-Kartell die Fördermenge gerne mal kĂŒnstlich knapp hĂ€lt, um den Preis hoch zu halten.

Hinzu kommt: Die Elektrifizierung des Verkehrssektors ist ein globales PhĂ€nomen. An wen soll das Erdöl denn stattdessen verkauft werden? Selbst in Afrika entstehen aktuell Firmen, die robuste E-MotorrĂ€der mit Wechselakkus herstellen, große E-LKW drĂ€ngen auf den Markt, die globale Batterieproduktion bricht jĂ€hrlich Rekorde. Verbrennungsmotoren werden schlicht verdrĂ€ngt werden, auch oder eher ganz besonders in China, das bei der Batteriefertigung richtig weit vorne ist und sich weltweit entsprechende Rohstoffvorkommen sichert.

Seine Behauptung, die chinesischen Mehremissionen entsprĂ€chen genau denen, die wir hier einsparen, entbehrt jeder Grundlage. Um das zu prĂŒfen, mĂŒsste geklĂ€rt werden, wer genau „wir“ ist und welcher Zeitraum gemeint ist, aber selbst wenn wir einen Zeitraum fĂ€nden, in dem sich die chinesischen Emissionen in genau dem Maße erhöhen wie „unsere“ sich verringern, hĂ€tte das drölfzig Ursachen, von der Stromproduktion ĂŒber die Zementherstellung, die Landwirtschaft, den Bausektor usw.

Die Idee, dass unsere und die chinesischen Emissionen sich quasi in einem exakten Gleichgewicht befinden, weil ein paar findige chinesische Trader jedes Fass Öl aufkaufen, dass wir in Europa nicht mehr brauchen, ist wirklich vollkommen abwegig. Schon allein aufgrund der Tatsache, wie viel Öl hier per Pipeline ankommt, das sich nicht mal eben nach China umleiten lĂ€sst, ohne den Kostenvorteil komplett zu verlieren.

GrundsĂ€tzlich hat Professor Sinn sich wohl festgelegt, dass elektrische Antriebe Teufelszeug sind, so dass ich etwas Sorge habe, ob er konsequenterweise bei sich zu Hause diverse Sonderanfertigungen nutzt. Wer weiß, vielleicht hat er sich Rasierapparat, Mixer und Ventilator auf ganz kleine Diesel-Aggregate umbauen lassen, damit diese nicht mit schĂ€ndlichen Elektromotoren angetrieben werden wie in dieser Renault-Werbung, und er lĂ€uft morgens mit einer ganz kleinen Benzinkanne durch die Wohnung und fĂŒllt alle nach? So klingt das zumindest in Behauptung 4:

4. Mit E-Autos wĂŒrden wir abhĂ€ngiger von anderen LĂ€ndern:

„Aber wir werden doch vom Ausland unabhĂ€ngiger, wenn E-Autos mit selbst gemachtem GrĂŒnstrom fahren? Nicht einmal diese Behauptung stimmt, denn wenn die Stromproduktion mit Hilfe von Wind- und Sonnenstrom ausgedehnt wird, damit auch der Verkehr elektrisch wird, brauchen wir auch mehr konventionelle Kraftwerke, um die manchmal wochenlangen Dunkelflauten ausfĂŒllen zu können. Da Deutschland aus der Kohleverbrennung und der Atomkraft zugleich aussteigt, mĂŒssen Gaskraftwerke diese Arbeit leisten. Damit jedoch vergrĂ¶ĂŸern die E-Autos die AbhĂ€ngigkeit von Russland.“

Ja, doch, diese Behauptung stimmt sehr wohl, weil Professor Sinn schon wieder nicht gerechnet hat. Was er meint, ist: Wenn wir in Zukunft noch mehr Strom benötigen, weil ein paar Millionen E-Autos rumfahren, dann erhöht sich die Last im Netz. FĂŒr diese Last setzen wir zukĂŒnftig sinnvollerweise stark auf Wind- und Solarkraft, mĂŒssen dann aber auch vorsorgen fĂŒr den Fall, dass beide punktuell mal keinen Strom liefern.

In Zukunft werden wir dafĂŒr verschiedene Speicher nutzen (wie genau habe ich hier erklĂ€rt), aber solange es diese Speicher nicht gibt, mĂŒssen eben andere Kraftwerke auf Abruf bereits sein. Diese können dann in den seltenen FĂ€llen einspringen, in denen wirklich weder Wind noch Sonne verfĂŒgbar sind.

Der Witz ist nun: Wir HABEN bereits eine Menge Kraftwerke, die zur Reserve im Land stehen. Heute schon. Selbst nach dem kommenden Atomausstieg Ende 2022 werden wir noch 89 Gigawatt Kraftwerksleistung haben, die unabhĂ€ngig vom Wetter Strom erzeugen kann (Kohle, Gas, Öl, Biomasse, Wasserkraft).

Selbst wenn also in Winter mal mehrere Tage kaum Wind wehen sollte und wir noch keine Speicher installiert haben, dann können wir immer noch locker genug Strom erzeugen. Üblicherweise verbraucht Deutschland bei solchen Wetterlagen um die 70 Gigawatt (das ist etwas weniger als im Schnitt, weil Strom dann teuer ist).

Dieser Verbrauch wĂŒrde natĂŒrlich mit E-Autos steigen, bei einer Flotte von 10 Millionen E-Autos um etwa 3 Gigawatt im Schnitt, wir brĂ€uchten also 73 Gigawatt. Was mit einem Kraftwerkspark von 89 Gigawatt immer noch vollkommen problemlos machbar ist.

Hinzu kommt: Bis wir 10 Millionen E-Autos im Land haben, haben wir auch Speicher. Beziehungsweise: E-Autos SIND Speicher. Wir können es in Zukunft preislich attraktiv gestalten, sie bei viel Wind- und Sonnenstrom zu laden, und bei hohem Strombedarf wieder Strom zurĂŒckzuspeisen. Die gesetzliche Regelung dazu wurde bereits in die Wege geleitet.

Bis dahin wird vermutlich auch der Erdgasbezug nicht mehr nennenswert ĂŒber Russland laufen, aber selbst wenn das in 5 Jahren immer noch der Fall wĂ€re UND wir keine Speicher gebaut hĂ€tten, dann brĂ€uchten wir dieses Erdgas nur an den wenigen ZeitrĂ€umen im Jahr, an denen fĂŒr mehrere Tage weder Wind weht noch Sonne scheint – was nun mal recht selten der Fall ist.

Phasen mit nur 15% Strom aus Sonne und Wind machen pro Jahr etwa 232 Stunden oder 10 Tage aus. WĂŒrden wir also an allen anderen Tagen mit Sonne und Wind versorgt und wĂŒrden an diesen 10 Tagen Dunkelflaute unsere 10 Millionen E-Autos mit 100 Prozent Strom aus russischem Gas versorgen, wĂ€re der Bedarf nach Energieimporten immer noch ein winziger Bruchteil von dem als wenn alle diese Autos immer (!) mit Import-Erdöl funktionieren.

5. Mit Erneuerbaren ließe sich kein grĂŒner Wasserstoff herstellen

Im genau Wortlaut sagt er:

„Richtig ist, dass langfristig grĂŒner Wasserstoff wĂ€hrend der Dunkelflauten fĂŒr die Stromproduktion eingesetzt werden kann. Aber auch der lĂ€sst sich nicht gut aus Wind- und Solarstrom herstellen, weil der zu flatterhaft ist. Der Wasserstoff wird deshalb aus den  vielen neuen Atomkraftwerken kommen, die Frankreich gerade zu bauen beschlossen hat“

Okay. wow. Allein ĂŒber den Absatz könnte ich einen eigenen Artikel schreiben, weil er so hardcore konfus Dinge durcheinanderwirft. Wasserstoff lĂ€sst sich selbstverstĂ€ndlich aus Wind- und Solarstrom herstellen. Wie wichtig eine möglichst gleichmĂ€ĂŸige Stromversorgung fĂŒr Elektrolyse (Herstellung von Wasserstoff) ist, lĂ€sst sich nicht pauschal sagen, da es unterschiedliche Verfahren gibt.

Es wird entscheidend sein, wie diese Verfahren in den kommenden Jahren verbessert werden können, und zwar nicht nur fĂŒr Energiespeicherung, sondern fĂŒr alle wirtschaftlichen Anwendungen, die wir nicht ökonomisch sinnvoll elektrifizieren können. FĂŒr die Schifffahrt, den Flugverkehr, Hochöfen oder die Landwirtschaft werden wir synthetische Kraftstoffe benötigen.

Witzig: Sinn widerspricht hier vermutlich unbeabsichtigt den Verfechtern von E-Fuels in PKW, auf deren Seite er sich ja vermutlich eigentlich wĂ€hnt: Die grĂ¶ĂŸte Anlage fĂŒr PKW-E-Fuels entsteht gerade unter der FederfĂŒhrung von Porsche in einer recht windigen Region in Chile. Surprise: Dort wird Wasserstoff mittels Windstrom hergestellt. HĂ€lt Hans-Werner Sinn diese Investition von 70 Millionen Euro fĂŒr Unfug? Damit sollen doch Verbrennungsmotoren angetrieben werden, Sinns große Leidenschaft… wĂ€re auch interessant, was Porsche dazu sagt.

Stattdessen formuliert Sinn in ĂŒberzeugtem Indikativ, der grĂŒne Wasserstoff werde aus den vielen französischen Kernkraftwerken kommen, die gerade neu gebaut werden. Echt? Französische Kernkraftwerke sollen Wasserstoff fĂŒr die Puffer-Stromproduktion herstellen, welche Frankreich aber aufgrund der GrundlastfĂ€higkeit von Kernkraftwerken gar nicht braucht? Wer hat sich den grotesken Plan ausgedacht, Tingeltangel-Bob?

Abgesehen von der ökonomisch haarstrĂ€ubenden Unsinnigkeit, die eher verlĂ€ssliche Leistung von Kernkraftwerken zusĂ€tzlich mit noch teurerem Wasserstoff abzusichern, ĂŒberschĂ€tzt Sinn hier auch maßlos, wie viel die neuen Kraftwerke beitragen werden. Emmanuel Macron hat den Bau von bis zu (!) 14 neuen Meilern angekĂŒndigt. Selbst wenn es 14 werden, so wurde bislang nirgends nĂ€her erlĂ€utert, Wie viel Leistung diese dann erbringen werden. Aber sie mĂŒssen halt perspektivisch die jetzigen 56 Kernkraftwerke ersetzen.

Es kann natĂŒrlich sein, dass die neuen Kraftwerke das sogar schaffen, indem sie jeweils deutlich mehr Leistung erbringen als die alte Generation von Reaktoren, aber auch Frankreich will gleichzeitig weg von Öl und Gas. Diese EnergietrĂ€ger decken aktuell jedoch zwei Drittel des französischen Energieverbrauchs.

Das klingt zwar nach mehr als es ist, weil fossile Brennstoffe ineffizienter in der Nutzung sind als elektrische Maschinen, aber es dĂŒrfte dennoch ein paar hundert Terawattstunden zusĂ€tzlichen Strombedarf bedeuten. Die Idee von Hans-Werner Sinn ist also, dass 14 Kernkraftwerke in Zukunft den gesamten Strombedarf Frankreichs wuppen, alle heutigen Erdöl- und Erdgasverbraucher mit versorgen und zusĂ€tzlich noch gigantische Mengen grĂŒnen Wasserstoff herstellen.

Seid alle gespannt auf nĂ€chste Woche, da veröffentlicht die Bild Hans-Werner Sinns vermutlich Ă€hnlich gut durchdachte Immobilientipps, laut denen ihr ganz viel Geld spart, indem ihr mit eurer 7-köpfigen Familie, einer Gruppe von Zirkusartistinnen und 30 aufgenommenen Straßenhunden gut fĂŒr 300 Euro kalt in einer 3-Zimmer-Wohnung unterkommt. In der MĂŒnchner Innenstadt.

Ja, schade, das war nichts. Bitte im Hinterkopf behalten, was fĂŒr grundsĂ€tzliche VerstĂ€ndnisprobleme Sinn hier offenbar hat, wenn er sich das nĂ€chste mal zu komplexen Energiethemen Ă€ußert.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

Damit der hiesige Blogger sein Leben dem Schreiben revolutionĂ€rer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier ein paar Euro UnterstĂŒtzung zukommen lassen. Er wĂ€re dafĂŒr sehr dankbar und wĂŒrde Dich dann ebenfalls namentlich erwĂ€hnen – sofern Du ĂŒberhaupt willst.

So bekommen wir das Benzin wieder gĂŒnstiger

Nein, teures Benzin macht keinen Spaß, da sind wir uns einig. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens ein Auto besessen, und das fing bereits in jungen Jahren an. Meine Oma traf damals eine weise Entscheidung: Sie akzeptierte frĂŒher als viele andere Menschen, dass ihre FahrkĂŒnste eigentlich nicht mehr ausreichen (obwohl sie noch 10 Kilometer lange Deichwanderungen unternahm) und verschenkte Ihren alten Opel E-Kadett mit SchrĂ€gheck an ihren 19-jĂ€hrigen Enkel. An mich.

Fortan war ich fast ĂŒberallhin mit 120 PS unterwegs. In die Schule, zu Freunden und zu meinem Nebenjob, um das Auto zu finanzieren. Das gestaltete sich aufgrund der Wartung schwieriger als ich dachte und so stand ich oft mit den letzten 5 Mark an der Tankstelle, damit die Tanknadel knapp ĂŒber den Bereich kletterte, in dem die Warnleuchte wieder erlosch. Im Jahr 2000 stieg der Preis fĂŒr einen Liter Superbenzin auf ĂŒber einen Euro und selbst fĂŒr mich als vergleichsweise nichtsnutzigen BWL-Student ohne lebenswichtige Fahrtziele wirkte das auf einmal bedrohlich. Ich war wĂŒtend. Aber auf wen ĂŒberhaupt?

Ich war wĂŒtend ĂŒber hohe Benzinpreise. Aber auf wen eigentlich?

Vermutlich auf die Falschen, denn vom Mineralölmarkt hatte ich keine Ahnung und so waren als Schuldige nur irgendwelche sinistren Behörden denkbar, die mir böswillig das Benzin teuer machen. Das Schöne an dieser Auffassung ist, dass irgendein Schurke dahintersteckt. Nennen wir ihn einfach Dr. Doom und sind sauer auf ihn. Dieser Blödmann! Sitzt da in seiner Geheimfestung und spielt mit Rohstoffpreisen – weiß der gar nicht, dass ich kein Geld fĂŒr so einen Quatsch habe?

Das Schlechte an dieser Auffassung ist, dass sich das Problem kaum lösen lÀsst:

Im Jahr 2004 kostete der Liter Superbenzin erstmals ĂŒber 1,10 Euro, im Jahr 2005 ĂŒber 1,20 Euro und im Jahr 2007 ĂŒber 1,30 Euro. Dann kam endlich 2009, puh, da sank er dann wieder unter 1,30 Euro. Hatte Dr. Doom endlich ein Einsehen? Nein, es war Weltfinanzkrise. Menschen fuhren schlicht weniger Auto und Benzin war erst mal nicht mehr so gefragt. Danach stieg der Preis wieder stark an – zwar nicht stetig, aber unter 1,30 Euro kam er nie mehr nennenswert.

Aber warum ist das so? Laut Social-Media-Kommentaren sind es meist entweder Robert Habeck oder Christian Lindner, die jeden Morgen das Benzinpreis-GlĂŒcksrad drehen. Manch andere vermuten dahinter wiederum die Merkel-Diktatur und haben nicht mitbekommen, dass die gar nicht mehr Bundeskanzlerin ist. Der Witz an der Sache ist nur: Benzin ist mitnichten nur in Deutschland teurer geworden. Genau die gleichen Anschuldigungen treffen aktuell Emmanuel Macron oder Jo Biden, denn auch französische und US-amerikanische Tankstellen erzielen derzeitig Rekordpreise pro Liter Sprit.

Nun belegen die USA ihre PKW-Kraftstoffe mit einem absoluten Witz an Steuern und dennoch sind selbst Kolumnisten liberaler BlĂ€tter wie der Washington Post erbost, dass Jo Biden ihnen den US-amerikanischen Traum stiehlt, mit ihrem gottgegebenen Hummer H2 von Boston nach San Diego zu fahren. Es scheint also gar nicht am deutschen Steuersystem zu liegen, vielmehr werden weltweit die Erdölprodukte teuer. Was uns zur strĂ€flich vernachlĂ€ssigten Frage fĂŒhrt, warum manche Produkte ĂŒberhaupt teuer werden.

Also klar, wenn die Herstellung teurer wird, wird auch das Produkt teurer. WĂŒrde jemand Clemens Tönnies zwingen, die Menschen in seinen Fabriken fair fĂŒr das ZersĂ€gen von Schweinen zu entlohnen, wĂŒrde deren Wurst am Ende vielleicht doch mehr kosten als Katzenfutter. Aber Erdölförderung ist ja genauso teuer wie frĂŒher, trotzdem kostet der Liter Rohöl heute 75 Prozent mehr als vor einem Jahr und 130 Prozent mehr als vor 3 Jahren (der Wert von 2020 ist pandemiebedingt kein guter Vergleich). Betrug? Verschwörung? Skandal?

Nein, das ist die Wirkung von Angebot und Nachfrage. Ich weiß, einige rollen jetzt mit den Augen, daher mal ein Beispiel ganz ohne Finanz-Blabla und FachausdrĂŒcke: Ich bin mal zu einem Depeche-Mode-Konzert gepilgert, weil ich ĂŒber Connections an einen Platz auf der GĂ€steliste gekommen war. Dachte ich zumindest. Wie immer war ich viel zu spĂ€t und als ich an der Commerzbank-Arena ankam, spielte bereits deutlich hörbar die Vorgruppe. Da ich etwas grenzdebil nach dem richtigen Einlass suchte, war ich schnell von zwei dieser klebrigen Ticket-Spekulanten umringt. Die Typen, die Konzerte großer Bands leerkaufen, um dann bei echten Fans das Doppelte fĂŒr ein Ticket zu verlangen. Eklig.

Hat Robert Habeck Depeche-Mode-Tickets auf dem Schwarzmarkt teuer gemacht? Unwahrscheinlich…

Der Vorverkaufspreis lag eigentlich bei ca. 80 Euro, so dass diese Aasgeier in der Regel 150 bis 200 Euro verlangen konnten. Warum? Na weil verzweifelte Menschen mit Dave-Gahan-Tattoo im Intimbereich das zu zahlen bereit waren – wenn denn genug davon auftauchten. Nun habe ich kein solches Tattoo und war auch nicht verzweifelt, denn ich stand ja auf der GĂ€steliste. Oder anders: Das Angebot war grĂ¶ĂŸer als die Nachfrage. Die Typen fingen also schnell an, angesichts meines Desinteresses im Preis immer weiter runterzugehen, denn in einer halben Stunde wĂŒrde ihre Ware nur noch hĂŒbsches Altpapier sein. 120 Euro. 90 Euro. 50 Euro.

Ich fand dann den richtigen Einlass und die Frau dort sagte mir, sie habe keine Ahnung von einer GĂ€steliste und sie mĂŒsse jetzt auch gleich schließen, das Konzert finge ja ohnehin gleich an. Ich also zurĂŒck zu den Aasgeiern in der Absicht, ein 50-Euro-Ticket zu erstehen. Mein Pokerface war aber wohl nicht das beste und so verkaufte der gewiefte Ticketfuzzi mir das Ticket fĂŒr 70 Euro. Der letztendliche Preis hatte also kaum etwas mit den tatsĂ€chlichen Kosten der Veranstaltung zu tun. HĂ€tte ich mich etwas geschickter angestellt, hĂ€tte ich nur 50 Euro bezahlt und wĂ€re noch ein Reisebus voller Fans ohne Ticket angekommen, wĂ€ren es ĂŒber 200 Euro gewesen.

Und so ist das prinzipiell auch mit den Benzinpreisen (wenn auch deutlich komplexer und mit einem Haufen anderer Einflussfaktoren): Wer dieser Tage einen Verbrennungsmotor benutzen will, steht auf dem globalen Markt wie einer der Depeche-Mode-Fans mit Intimtatoo da, denen man aktuell jeden noch so absurden Preis abverlangen kann. Wenn hingegen niemand mehr Erdöl bzw. ein Konzertticket haben will, dann fĂ€llt der Preis ins Bodenlose, zuletzt geschehen am 20. April 2020: Der Preis fĂŒr Erdöl war kurz negativ. Wolltet ihr an diesem Tag ein Barrel Erdöl an den Mann oder Frau bringen, musstet ihm/ihr nicht nur das Öl sondern auch 30 US-Dollar dafĂŒr geben. VerrĂŒckt, nicht wahr?

Der Tag, an dem Erdöl auf einem minus 30 Dollar pro Barrel kostete

Schuld daran war ein winziges StĂŒck Biomasse, das auf den Namen SARS-CoV-2 hört und dazu gefĂŒhrt hatte, dass die Menschen im April 2020 kaum noch Auto fuhren, kaum noch in Flugzeuge stiegen und auch sonst alle AktivitĂ€ten stark herunterfuhren, die in jedem anderen Jahr das Verbrennen großer Erdölmengen bedingt hĂ€tte. Die Lager waren alle randvoll und niemand war mehr in der Lage, nennenswerte Mengen aufzukaufen.

Das Betreiben einer Raffinerie war zu dieser Zeit also wirklich kein Zuckerschlecken, und in der Folge musste ein Teil davon stillgelegt werden oder es wurde Personal abgebaut, um die Produktion zu reduzieren, so dass die weltweite Raffinerieleistung im Jahr 2021 zum ersten Mal seit 30 Jahren sank. Weniger Raffinerien bedeutet logischerweise weniger Benzin und Diesel.

Im Jahr 2021 fuhren fast alle Staaten ihre Corona-Maßnahmen zurĂŒck und so sprang die Nachfrage wie bei einem Jojo sprungartig wieder an. Die Menschen wollen jetzt all ihre verschobenen Reisen machen, tausende Frachtschiffe sind wieder unterwegs, um die LĂŒcke wieder aufzufĂŒllen, so dass die Öl- und Spritnachfrage aktuell weltweit höher ist als vor der Pandemie.

Dazu komm, dass der Preis von Rohöl zwar den Preis von Benzin beeinflusst, aber dieser Einfluss kann schwanken – zum Beispiel wenn eigentlich genug Öl da ist, aber nicht genug Raffinerien, die daraus Benzin herstellen können. Wenn die Preise sich voneinander entfernen, nennt sich das „Crack Spread“, also zu deutsch Crackspanne (Cracken ist das Verfahren, mit dem aus Erdöl Benzin, Diesel, Kerosin usw. gemacht wird). Dieser Crack Spread ist aktuell sehr hoch, hier der Wert der New Yorker Börse:

Abweichung von Öl- und Benzinpreis (Quelle)

Der Wert steigt bereits ab November 2021, also lange bevor der Ukrainekrieg losgeht. An dem Tag, an dem Russland seinen wahnsinnigen Angriffskrieg auf die Ukraine startet, schießt der Crack Spread so richtig nach oben und liegt heute beim ca. vierfachen Wert verglichen mit November 2021.

Auch das ist wenig verwunderlich, denn die EU importiert aus Russland nicht nur Rohöl, sondern auch große Mengen Diesel. Auch von diesen Importen wollen wir aus naheliegenden GrĂŒnden so schnell wie möglich loskommen und so sinken auch die russischen Dieselexporte um mehrere 100.000 Tonnen pro Monat. Aber nicht nur aus Russland kommt weniger Kraftstoff, auch China hat seine Exporte stark reduziert.

Benzin ist aktuell ĂŒberall teuer, oft teuer als in Deutschland

Der Effekt ist der Gleiche als wenn ihr zur Konzerthalle kommt und da steht jetzt nur noch ein TicketverkĂ€ufer mit einem einzelnen Ticket und ihr seid 20 Leute, die es alle haben wollen: Die Ware ist knapp, der Preis steigt. Und das tut er weltweit: Die Biden-Administration hat bereits mehrfach die Betreiber von US-Raffinerien aufgefordert, ihre Produktion wieder zu erhöhen. FĂŒr einen Liter Benzin musstet Ihr am 06. Juni 2022 folgende Preise zahlen:

Frankreich: 2,12 Euro
Spanien: 2,08 Euro
DĂ€nemark: 2,55 Euro
Österreich: 2,00 Euro
Schweiz: 2,08 Euro
Niederlande: 2,25 Euro
(Quelle)

Aber wo landet die ganze Kohle? Bei den Raffinerien, die die Krise von 2020 gut ĂŒberstanden haben. Ihre Margen steigen gerade gewaltig:

Es wĂŒrde den Benzinpreis also schnell stabilisieren, wenn einfach mehr Raffinerien Benzin herstellten, nur bauen Raffinerien sich nicht mal schnell neu. Das sind riesige Industrieanlagen mit Baukosten in Milliardenhöhe (Milliarden, nicht Millionen). Die Konzerne, die einen Teil ihrer Anlagen stillgelegt haben, haben jetzt natĂŒrlich besonders viel davon, den Betrieb wieder aufzunehmen und werden das vermutlich auch versuchen.

Dazu mĂŒssen sie aber wieder Personal finden, sie mĂŒssen teures Rohöl am Markt kaufen, das aus europĂ€ischer Sicht wegen des starken Dollarkurses noch etwas teurer ist, und all das hat seine Vorlaufzeiten. Ob und wenn ja wie schnell das geht, kann euch ohne Glaskugel wohl niemand seriös beantworten. Es kann also gut sein, dass die Preise erst mal hoch bleiben.

Die Spritpreisbremse wirkt. Die Wirkung von Angebot und Nachfrage wirkt noch stÀrker

Unpopular Opinion: Die Spritpreisbremse von Christian Lindner kann aktuell wenig dafĂŒr, dass der Benzinpreis in Deutschland nun fast wieder genauso hoch ist wie vor der Bremse, weil gleichzeitig die Preise einfach weltweit in ungeahntem Ausmaß steigen. Ohne Bremse wĂ€re er vermutlich einfach noch höher.

Was können wir also tun? Am Angebot können wir wenig Ă€ndern, da Deutschland weder ĂŒber Ölvorkommen verfĂŒgt noch ĂŒber unausgelastete Raffinerien. Worauf wir aber Einfluss haben: Die Nachfrage. WĂŒrden die Welt ihren Spritverbrauch auch nur um ein paar Prozent verringern, hĂ€tte das schon eine Wirkung und die Preise wĂŒrden ein Bisschen sinken.

Und hier kommen wir dazu, warum die Spritpreisbremse wirklich eine unglaublich blöde Idee war: Sie animiert Menschen dazu, wieder mehr zu verbrauchen. Das ist dann Anfang Juni vielleicht ganz schön, weil ihr pro TankfĂŒllung 15 Euro spart, aber langfristig kann das ein grandioser Bumerang werden: Es ist ja nicht plötzlich mehr Benzin da als vorher, nur weil der Staat mit Steuermilliarden beispringt. Trotzdem verbrauchen wir mehr.

Folge: Wie verschĂ€rfen den Engpass noch, was den Preis erneut steigen lassen dĂŒrften. Das ist so als wenn ihr eine schmerzhafte, eitrige Wunde habt, die dringend behandelt werden muss. Aber weil euch der Weg zur Arztpraxis zu lĂ€stig ist, ballert ihr euch einfach 1,2 Gramm Ibuprufen in die Blutbahn. Vorteil: der Schmerz lĂ€sst sofort nach. Nachteil: Die Wirkung ist irgendwann wieder weg und dann ist alles noch schlimmer.

Mehr Benzinverbrauch: Die dĂŒmmste Idee seit verbleitem Benzin

Viel klĂŒger wĂ€re es hingegen, wenn wir unseren Verbrauch verringern. Ja, manche Leute sind aufs Auto angewiesen, aber nicht alle. Der deutsche PKW-Fuhrpark ist zum Januar 2022 erstmals auf 48,5 Millionen angewachsen, die Wiesbadener Straßen sind an einem Sonntagmorgen voller Autos mit einem einzelnen Mensch darin und der Hang, sich Automodelle mit der Windschnittigkeit eines KĂŒhlschranks auf RĂ€dern zu kaufen, steigt nach wie vor.

Dieses Verhalten ist nichts anderes als eine Wette auf stabile Spritpreise. Tja, Wette verloren, wĂŒrde ich sagen. Und das nicht allzu ĂŒberraschend: Der globale Ölpreis ist den Launen eines Erdöl-Oligopols unterworfen und die Kurve der letzten 20 Jahren sieht aus wie eine richtig fiese Achterbahn:

Unter Anderem deswegen reden weitsichtige Leute seit Jahren gebetsmĂŒhlenartig auf ihre Mitmenschen ein: Fossile Rohstoffe sind nicht nur eine Katastrophe fĂŒr Klima und Gesundheit, sie sind auch endlich. Selbst wenn wir die Dinger CO2-neutral verbrennen könnten: Sie sind immer ein Risiko fĂŒr die Versorgungssicherheit, weil die Vorkommen weltweit sehr ungleich verteilt sind und weltweite Krisen wie Pandemien und Kriege die Förderung einbrechen lassen können.

Endlich bedeutet auch: Es wird in Zukunft immer schwerer und teurer und oft auch umweltschÀdlicher, die verbliebenen Vorkommen zu nutzen. Die Benzinparteien in Deutschland argumentieren gerne mit der Freiheit des Autofahrens, aber tatsÀchlich sind Erdölprodukte ein Weg in massive AbhÀngigkeiten. Wir Deutschen haben es nun aber tatsÀchlich geschafft, unsere AbhÀngigkeit in den letzten Jahren auch noch zu erhöhen, obwohl es Alternativen dazu gibt.

Besonders bizarr, dass hier gerne mit der Krankenpflegerin argumentiert wird, die 40 Kilometer zur Arbeit fahren muss und jetzt an der ZapfsÀule ziemlich im Regen steht. Die Spritpreisbremse mildert die Auswirkungen zwar aktuell etwas ab, aber das zu horrenden Kosten und ohne Langfristwirkung. Gleichzeitig fahren gutbetuchte Manager in 120.000-Euro-Autos herum und bekommen von uns allen den 10-Liter-Verbrauch ihrer riesigen GefÀhrte teilfinanziert, was das Problem am Ende nur noch verschÀrft.

Ihr wollt der Krankenpflegerin helfen? Dann spart Benzin.

Wenn diese Krankenpflegerin euch wirklich am Herzen liegt und ihre Tankrechnung sinken soll, dann senkt den Verbrauch. Robert Habeck kann da nicht viel machen und Christian Lindner auch nicht. Aber wir:

Fahrt keine unnötigen Strecken, fahrt nicht mit 180 ĂŒber die Autobahn, fahrt kleine Autos oder noch besser elektrische Autos. Oder noch besser: Gar keine Autos. Ja, das können nicht alle, schon klar. Wenn ihr Verbrennerauto fahren mĂŒsst (herzliches Beileid), dann ermutigt aber doch nicht andere, auch eins zu fahren. Ihr schneidet euch damit ins eigene Fleisch, denn ihr verknappt damit Benzin und Diesel.

Das verstehe ich grundsĂ€tzlich nie an der Debatte: Wer wirklich Auto fahren muss, weil deutsche Verkehrspolitik in den letzten 30 Jahren die Perspektive hinter dem Lenkrad eingenommen hat, genießt meine SolidaritĂ€t. Aber hey, ihr habt doch nur Nachteile, wenn außer euch NOCH mehr Leute mit dem Auto fahren.

Die Menschen beschweren sich ĂŒber hohe Spritkosten, wenig ParkplĂ€tze und zu viele Staus (verstĂ€ndlicherweise) und vergessen dabei stĂ€ndig, dass jedes Auto mehr diese Probleme verschĂ€rft: Ob ich in einer Stadt einen Parkplatz abschaffe oder ein weiteres Auto zulasse, hat den gleichen Effekt. Ob eine Raffinerie zusĂ€tzlich Benzin fĂŒr 10 PKW produziert oder 10 Menschen ihr Auto abschaffen hat den gleichen Effekt.

Seid froh ĂŒber Leute, die aufs Rad umsteigen, seid froh ĂŒber Leute, die jetzt mit 9-Euro-Ticket ihr Gegend erkunden oder mit E-Roller. Ihr steht nĂ€mlich gerade mit 48,5 Millionen anderen vor einer imaginĂ€ren (echt großen) Konzerthalle und versucht, ein Ticket von Leuten zu ergattern, die möglichst viel Geld damit verdienen wollen. Was ist da wohl besser? Wenn sich 500.000 ĂŒberlegen, auf das Konzert zu pfeifen oder wenn 500.000 dazukommen?

Genau. Und weder Herr Habeck noch Herr Lindner können das Àndern.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

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Die Welt ist einen der schlimmsten Klimaleugner ĂŒberhaupt losgeworden. Wo ist die Party?

Okay, sorry wegen des Ohrwurms, aber: Celebrate good times, come on! DedededemmdemmdemmdemmdĂ€! Yahoo! Dedededemmdemm… usw. Im restlichen Artikel sind Fragmente anderer Lyrics eingestreut, damit ihr meinen Blog mit einem anderen Lied im Kopf wieder verlasst. Vorerst gilt jedoch: Yahoo!

Ich weiß, das ist in der deutschen Medienlandschaft kaum zur Geltung gekommen, so dass sich viele von euch jetzt fragen, wovon zum Geier ich rede. Ich rede von einem Mann namens Scott. Das ist Scott:

Scott mag Kohle so sehr, dass er sie mit ins Parlament bringt und da stolz rumzeigt. Ich werde euch jetzt ein paar schaurige Geschichten ĂŒber ihn erzĂ€hlen, die wirklich zum Verzweifeln wĂ€ren, wenn er nicht vorletzte Woche mit fliegenden Fahnen von der politischen WeltbĂŒhne abgestĂŒrzt wĂ€re. Das ist zwar ein harter Spoiler, aber so lĂ€sst sich das ja alles viel besser ertragen.

Scott wurde 1968 geboren, hat Wirtschaftsgeografie studiert, mit 16 Jahren seine Frau kennengelernt und ist Vater von zwei Töchtern. MissbrĂ€uchliche Verwendung von Social Media hĂ€lt er fĂŒr das Werk des Teufels. Er denkt, er könne Menschen per Handauflegung helfen und ging davon aus, dass er gewĂ€hlt wurde, um Gottes Werk zu verrichten.

Wir können nur spekulieren, ob Gottes Plan demnach eine ErdĂŒberhitzung jenseits der 4 Grad Celsius beinhaltet oder ob Gott wohl plante, höchstselbst einzuschreiten, bevor die ersten Kipppunkte ausgelöst werden. Aus Scotts Sicht schien Gott jedenfalls kein gesteigertes Interesse daran zu haben, ob Scott sich selbst darum kĂŒmmert, dass die 12t-grĂ¶ĂŸte Volkswirtschaft des Planeten ihre Klimaemissionen nennenswert senkt. Wie praktisch fĂŒr Scott.

Wie unpraktisch fĂŒr Scotts Töchter, die sich spĂ€ter mit horrenden Klimafolgekosten herumschlagen dĂŒrfen. Ebenfalls unpraktisch, dass sie das mit ihrem Vater wohl kaum vernĂŒnftig werden besprechen können, da dieser dem Irrglauben anhĂ€ngt, die Prognosen zu den Folgen der ErderwĂ€rmung seien alle maßlos ĂŒbertrieben. Oder zumindest hing er diesem Irrglauben lange an, bis sein Land in den letzten 2 Jahren von heftigen BuschbrĂ€nden und Flutkatastrophen heimgesucht wurde.

Das brachte die Bevölkerung seines Landes ins GrĂŒbeln, ob Scott wirklich geeignet ist fĂŒr das Amt des Premierministers bzw. fĂŒr ĂŒberhaupt irgendein Amt, in dem die eigene Weitsicht die eines brĂŒnftigen Hirschs ĂŒbersteigen sollte. Und so wĂ€hlte das Volk von Australien Scott „I believe in miracles” Morrison, auch „Scomo“ genannt, am vorletzten Sonntag in die WĂŒste, wo er hoffentlich bleibt. Das ist aus Klimasicht eine wirklich gute Nachricht.

Die bizarre Klimapolitik Australiens, die ihren Namen nicht verdient

Nun wĂ€re es etwas unfair, Scott Morrison alleine die Schuld zu geben, Australien hat sich in den letzten Jahrzehnten grundsĂ€tzlich unmöglich aufgefĂŒhrt, was Klimapolitik und internationale Verhandlungen angeht: Es ist 1996, meine… nee, stop, es ist 1997. 1997 traf sich die Weltgemeinschaft in Kyoto und einigte sich erstmals darauf, in Zukunft Klimaemissionen zu reduzieren. Die Vereinigten Staaten erklĂ€rten sich bereit, 7 Prozent zu reduzieren, Japan 6 Prozent, Deutschland 21 Prozent, und zwar verglichen mit dem Ausstoß von 1990.

Klingt jetzt mal wieder totaaal unfair, wir armen Deutschen! Nun war das aber gar kein so krasses Ziel, weil 1990 eine gewisse Wiedervereinigung dafĂŒr sorgte, dass ehemalige DDR-Betriebe geschlossen wurden und die Kohleverstromung in den neuen BundeslĂ€ndern stark zurĂŒckging. Von 1990 bis 1995 sanken die ostdeutschen Emissionen um unglaubliche 45 Prozent, wĂ€hrend die westdeutschen leicht anstiegen.

Nach 1995 musste dann auch in Westdeutschland und in so ziemlich jedem anderen wohlhabenden Land effektiv eingespart werden. Nur fĂŒr Australien wurde (als einziges Industrieland) das Ziel definiert, die Emissionen um 8 Prozent zu erhöhen. Ja, richtig gelesen, wĂ€hrend bereits allen klar war, dass die Weltgemeinschaft gemeinsam an diesem Ziel arbeiten muss, hat Australien ein paar Fossil-Lobbyisten mit zum Weltklimagipfel genommen und fĂŒr sich die Extrawurst durchgesetzt, die ohnehin schon auf hohem Niveau liegenden Emissionen nochmal zu erhöhen.

Aber nicht nur das, die australischen Fossilfuzzis bestanden darauf, eine spezielle Klausel in den Vertrag aufzunehmen, den „Australia Clause“. Dieser besagte, dass Australien mehr Emissionen verursachen kann, je stĂ€rker seit 1990 die Landrodungen zurĂŒckgegangen waren. Ein recht offensichtlicher Trick, da das Jahr 1990 als absoluter Höchstwert in die australische Landrodungsstatistik einging:

Quelle: tinyurl.com/db4ccvek

Genau so könnte jemand sich bereiterklĂ€ren, in Zukunft weniger zu rauchen, indem er zum Stichtag 8 Packungen Lucky Strike wegballert und die Menge ab denn zu reduzieren gedenkt. Die Folge: Die Landrodungen nicht berĂŒcksichtigt stiegen die australischen Emissionen zwischen 1990 und 2012 um entsetzliche 28 Prozent (!).

Australiens Klimaziel war eine Erhöhung der Emissionen

Es war also nicht nur eine Extrawurst, es war eher ein Extra-Wurstsalat. Nun könnte man annehmen, dass ein Land auf so ein Abkommen nicht sonderlich stolz ist und anschließend entsprechend wenige Worte darĂŒber verliert. Darauf angesprochen wĂŒrde ich wohl betreten zu Boden blicken, an den BĂ€ndeln meines Hoodies rumnesteln und irgendwas UnverstĂ€ndliches vor mich hinmurmeln. Nicht so in Australien, wo der ehemalige Umweltminister Greg Hunt sich wiederholt mit vor Stolz geschwellter Brust zeigte, dass Australien sein Ziel erreicht hat und andere nicht (kein Scheiß):

We are one of the few countries in the world to have met and beaten our first round of Kyoto targets and to be on track to meet and beat our second round of Kyoto targets.

Ja, ganz toll, Greg! Und ich habe gestern gegen ein paar 4-jĂ€hrigen im Scrabble gewonnen und dann im Wettrennen eine sedierte Traumapatientin besiegt, was bin ich nur fĂŒr ein krasser Dude! Aber nur fast so krass wie ihr, die ihr eure Emissionen NUR um 28 Prozent erhöht habt, wenn man stagnierende Landrodungen nicht berĂŒcksichtigt. Hey, Deutschland hat gerade einen Tankrabatt gestartet, was den Erdölverbrauch voraussichtlich nur um ein paar Prozent erhöht, wollt ihr uns dafĂŒr nicht den eurasisch-pazifischen Umweltpreis verleihen?

Ja, das klingt zynisch, aber nichts ist zynischer als australische Klimapolitik: Im Jahr 2012 haben sich alle Staaten in Doha getroffen und sich in fröhlicher Runde auf die Schultern geklopft angesichts der Ziele, die erfĂŒllt wurden. Gut die Ziele waren nicht geeignet, um das Weltklima in Sinne der jungen Generation zu stabilisieren, aber hey, Ziel ist Ziel. Alles ist lustiger, wenn ihr Ziele einfach unter der PrĂ€misse eines maximalen Spaß-Faktors definiert: Das Ziel eurer HaushaltsfĂŒhrung könnte z.B. lediglich sein, dass es aufgrund von Verschmutzung nicht zu grĂ¶ĂŸeren Rattenpopulationen im Vorratsschrank kommt.

Wenn Samantha und Ralf das nĂ€chste mal zu Besuch kommen, werden sie euch vermutlich darauf ansprechen, dass sich im SpĂŒlbecken eine undefinierbare Masse aus Töpfen, Essensresten und Schimmelansammlungen in unterschiedlichen Farben befindet, aber die können euch gar nichts. Ihr lauft schnell ins Arbeitszimmer und holt euer laminiertes Dokument mit eurem Ziel raus, reibt es dem hochnĂ€sigen Ralf unter die Nase und wedelt damit demonstrativ in Richtung KĂŒche: „KEINE RATTEN! ZIEL ERFÜLLT“.

Ja, das klingt absonderlich, aber das wĂ€re ja immerhin nur ein UnglĂŒck lokaler Natur, das sich mit ordentlich Chlorbleiche lösen ließe. Wir haben aber die globale Klimapolitik lange dieser kruden Logik unterworfen, die ĂŒber weit mehr entscheidet als den Gestank in eurer KĂŒche. Das Ganze wird jetzt noch etwas bekloppter, wenn Australien ins Spiel kommt, denn deren Ziel war ja eben eine weitere Zunahme der Emissionen oder ins Beispiel ĂŒbertragen, dass die Rattenpopulation eben nur eine gewisse MaximalgrĂ¶ĂŸe annimmt. Ja, verrĂŒckt. Wer in aller Welt wĂ€hlt solche Leute?

Die Welt kam also in Doha zusammen und zeigte sich gegenseitig die Bilder ihrer mehr oder weniger geputzten KĂŒchen und die LĂ€nder mit den schmutzigsten KĂŒchen hatten die tatsĂ€chlich mehrheitlich etwas sauberer bekommen. Australiens KĂŒche hingegen sah aus, als hĂ€tte darin ĂŒber Jahre eine WG mit Anti-Putz-Challenge gehaust, in die nun noch eine Bombe eingeschlagen ist.

Das war aber irgendwie okay, denn laut Ziel hĂ€tte sie sogar noch dreckiger sein können. KĂŒche im komplett hinĂŒber, Ziel erfĂŒllt. Nein, nicht nur erfĂŒllt: Im Rahmen ihrer eigenen Unlogik von Kyoto hatte Australien das Ziel sogar ĂŒbererfĂŒllt. Und Staaten, die ihre ohnehin schon lahmen Ziele ĂŒbererfĂŒllt hatten, konnten sich dafĂŒr „Kyoto carryover credits“ anrechnen lassen. Da kommt also eine Preisjury in der KĂŒche der Chaos-WG und sagt „Boah, sieht das hier ekelhaft aus. Aber hey, wir hatten etwas noch schlimmeres erwartet, also ist hier ein Pokal fĂŒr euch und jetzt macht euch erst mal locker, wo ihr das Ziel ĂŒbererfĂŒllt habt.

Australien bestand auf einer Reihe von Sonderregelungen

Nun war den vernĂŒnftigen Menschen bei den Verhandlungen des Pariser Klimaabkommens dann schon klar, was fĂŒr eine destruktive Wirkung diese Credits gehabt hĂ€tten und so verzichteten fast alle Staaten darauf, besagte Credits ĂŒberhaupt fĂŒr ihre neuen Ziele anzurechnen (Der Einsatz wĂ€re laut SchĂ€tzungen einer zusĂ€tzliche ErderwĂ€rmung um 0,1 Grad Celsius gleichgekommen). Alle bis auf Australien.

Und hier kommen wir wieder zurĂŒck zu Scott Morrison: Dieser saß Ende 2020 mit den Vertreter:innen verschiedener pazifischer Inselstaaten zusammen, die ihn angesichts der Bedrohung durch einen steigenden Meeresspiegel dazu drĂ€ngten, einen Ausstiegspfad fĂŒr Australiens Fossilwirtschaft zu nennen. Und was antwortete Scott Morrison angesichts dieser ĂŒberaus berechtigten Forderung?

Andere LĂ€nder hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Reduktionsziele von Paris noch mal verringert, feste Ausstiegsdaten fĂŒr netto-Null CO2 festgelegt und begonnen, ihre Energiewirtschaft umzubauen. Australiens Premierminister war das aber alles zu ambitioniert – da hĂ€tte ja wirklich was machen mĂŒssen – und so versprach er feierlich, dass Australien seine Anstrengungen jetzt mal so richtig in Schwung bringt, indem es
 seine Kyoto Carryover Credits nicht benutzen wĂŒrde.

Besagte Credits, deren Daseinsberechtigung ohnehin fragwĂŒrdig war und die auch kein anderes Land benutzt hat. Wow. Das ist so zynisch, dass ich es nicht mehr in die Rattenmetapher eingebaut bekomme. Die Idee, die Klimazile von Paris mit Hilfe dieser Carbon-Credit-Geschichte zu erfĂŒllen, entpuppt sich nĂ€mlich als eine Ă€hnlich effektive Maßnahme wie die Idee, AmoklĂ€ufe in den USA durch Thoughts and Prayers zu verhindern: Sowohl die AmoklĂ€ufe als auch die Emissionen bleiben auf sehr hohem Niveau.

Scott Morrison agiert hier ist also in australischen MaßstĂ€ben fast schon konsequent, aber aus Sicht von StaatsoberhĂ€uptern wie Fidjis Regierungschef Frank Bainimarama, dessen 900.000 Menschen zĂ€hlendes Volk bereits Teile seines Inselstaates als unbewohnbar aufgeben musste, ist es schamlose Ignoranz. Im Meeting dachte er vermutlich: Warum hast du mir das angetan?

Bevor das jetzt zu anti-australisch daherkommt: Auch in Down Under gibt es eine Menge vernĂŒnftiger Menschen, denen das Ausmaß dieses Wahnsinns schmerzlich bewusst ist. Die Regierungen der australischen Bundesstaaten haben fĂŒr sich lĂ€ngst Netto-Null-Ziele definiert und organisieren ihre Energiewende, ohne auf die australische Bundesregierung zu warten.

Zudem fußt dieser Artikel hier auf einer Menge Informationen aus australischen Medien, denen ihre Regierung mehr als peinlich ist. Unbedingt empfehlenswert sind hierzu die hervorragend recherchierten (und echt lustigen) Videos von The Juice Media und der Twitter-Account von Ketan Joshi, der auf seinem Blog die bezeichnende Einleitung formulierte:

„It’s never easy to explain the sheer horror of where Australia’s government sits on climate.”

Die Kritik ist also bitte als Kritik an der Regierung, der Fossillobby und allzu fossilfreundlichen Medien zu verstehen, fĂŒr die Scott Morrison aber eine Art Galionsfigur war. Unvergessen sein peinlicher Auftritt im Jahr 2017, als er im ReprĂ€sentantenhaus ein StĂŒck Steinkohle hervorholte, dazu ĂŒberflĂŒssigerweise erklĂ€rte „This is coal. Don’t be afraid, don’t be scared“, um sich abschließend in einen Lobgesang hineinzusteigern, dass die australische Wirtschaft nur mit Kohle wettbewerbsfĂ€hig sei. Parallelen zu deutschen Parteien sind möglich.

Scott Morrisons Klimapolitik oder der Traum der Kohlelobby

Was er sonst noch so gemacht hat? Oh, einiges


All das fĂŒhrt dazu, dass Australien mit 15,3 Tonnen CO2 die höchsten Pro-Kopf-Emissionen aller OECD-Staaten hat, noch mehr als die Vereinigten Staaten und Kanada. Im Climate Performance Index landete Australiens Klimapolitik auf dem allerletzten Platz und fĂŒr 2021 war es das einzige Land, das in diesem Index nicht einen Punkt sammeln konnte.

Im Jahr 2020 emittierte Australien immer noch 400 Megatonnen CO2. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 640 Megatonnen CO2 und das Vereinigte Königreich bei 330 Megatonnen CO2:

Quelle: https://ourworldindata.org/co2-and-other-greenhouse-gas-emissions#co2-and-greenhouse-gas-emissions-country-profiles

Klingt gar nicht so schlimm? Nun, in Deutschland leben 83 Millionen Menschen, in UK 67 Millionen und in Australien gerade mal 25 Millionen. Das ergibt folgende Emissionen pro Person:

Quelle: https://ourworldindata.org/co2-and-other-greenhouse-gas-emissions#co2-and-greenhouse-gas-emissions-country-profiles

Autsch. Als hĂ€tte die Klimagöttin von diesem unwĂŒrdigen Gewiesel die Nase voll gehabt, wurde Australien in den letzten Jahren von mehreren Katastrophen getroffen, deren Wahrscheinlichkeit durch die globale ErwĂ€rmung stark steigen:

Die BuschbrĂ€nde von 2019/2020 dĂŒrften den meisten noch in Erinnerung sein, als in Australien eine FlĂ€che ungefĂ€hr so groß wie Deutschland einer Serie ungewöhnlich heftiger WaldbrĂ€nde zum Opfer fiel. Scott Morrison, der wĂ€hrend dieser stressigen Katastrophe etwas Entspannung in einem Urlaub auf Hawaii gesucht hat, reagiert so: Australien mĂŒsse sich in Zukunft besser an die KlimaverĂ€nderung anpassen.

Australiens Emissionen/Person die höchsten aller Industriestaaten

Was hierzulande im Zuge des Ukrainekriegs weniger Aufmerksamkeit bekommen hat, ist, dass Australien im FrĂŒhjahr 2022 ebenfalls mit einer Jahrhundertflut zu kĂ€mpfen hatte. 22 Menschen starben, zehntausende mussten fliehen, der Schaden geht in die Milliarden. Reaktion Scott Morrison: Australien wird in Zukunft schwerer bewohnbar sein (getting harder to live in). Motto: Ich muss durch den Monsun. Erkennt ihr das Muster?

Normalerweise nutzen Leute wie Morrison solche Gelegenheiten gerne, um sich im Krisengebiet als Macher zu inszenieren. Wenn den Menschen aber zunehmend klar wird, dass es außer ein paar warmer Worte fĂŒr sie keine Hilfe gibt, werden derartige PR-Aktionen zu extrem peinlichen Situationen:

Hier will Morrison einer von den BrĂ€nden heimgesuchten Anwohnerin die Hand schĂŒtteln, die das ganz offensichtlich nicht will, woraufhin er einfach ihre Hand nimmt und wie einen toten Fisch hin und her schĂŒttelt. Auch nach der dreißigsten Wiederholung kann ich mir die 10 Sekunden nicht angucken, ohne das Gesicht vor Fremdscham zu verziehen.

Hier passiert das gleiche mit einem wirklich nicht begeisterten Feuerwehrmann.

Okay, genug gejammert, denn das Schöne ist ja: Der Typ und seine Partei finsterer KlimadĂ€monen wurde abgewĂ€hlt. Der neue Premier ist Anthony Albanese von der Labour Party und es ist anzunehmen, dass er eine Menge Dinge besser macht als Morrison, legt aber in Bezug auf Kohleförderung und Erdgasprojekte eine gewisse Olafscholzigkeit an der Tag. Diese ist vielleicht auch der Grund ist, warum bei dieser Wahl ĂŒber 30 Prozent der Stimmen an kleinere Parteien jenseits der großen beiden Parteien Labour und Liberal ging, die seit 1968 den Premierminister/die Premierministerin stellen.

Das Online-Medium „The Conversation” fragt bereits, ob das das Ende der 2-Parteien-Landschaft in Australien bedeutet, denn die australischen GrĂŒnen und die unabhĂ€ngigen Kandidat:innen konnten die Anzahl ihrer Sitze von 6 auf 16 erhöhen. Es könnten stĂŒrmische Zeiten anbrechen fĂŒr Fossilfuzzis und Klimaverharmlosung, so dass auch der neue Premier sich unangenehme Fragen wird anhören mĂŒssen, wenn das nĂ€chste Megafire durchs Land zieht.

Dass es auch anders geht, zeigt der Bundesstaat South Australia: Dieser versorgte sich im letzten Dezember bereits fĂŒr fast eine ganze Woche rein mit Solar- und Windstrom. Damit das klappt betreibt er bereits entsprechende Speicher, z.B. die ehemals grĂ¶ĂŸte Lithium-Ionen-Batterie der Welt, durch die das Netz in South Australia zum stabilsten des Kontinents wurde.

Wir dĂŒrfen gespannt sein, welche CO2-Ziele Australien uns beim nĂ€chsten Klimagipfel prĂ€sentiert. Dieser findet im November 2022 in Ägypten statt und wir sollten alle die Augen aufhalten, ob Australien ernst macht oder uns wieder erklĂ€rt, dass in jede ordentlich KĂŒche ein paar Ratten gehören😉

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

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In eigener Sache: Es wird ein Buch!

Liebste Community, es gibt Neuigkeiten!

Um meinen Dank adĂ€quat auszudrĂŒcken, mĂŒsste ich hier eigentlich jeden Monat einen Danke-Post schreiben, aber da ich mich immer so schlecht kurzfasse, wĂŒrde das zu Lasten der anderen Texte gehen und das will ja auch niemand. Also erst mal vielen Dank fĂŒr eure unfassbare und nachhaltige UnterstĂŒtzung, ohne die mein kleines Blog-Projekt immer noch ein kleines Blog-Projekt wĂ€re.

Mittlerweile ist es schon ein mittelgroßes Blog-Projekt, was einerseits wahnsinnig viel Spaß macht, mir aber andererseits auch vor Augen fĂŒhrt, wie viele Fake-News und Quatsch-Artikel ich gar nicht behandeln kann. Meine Tage begrenzen sich leider sehr störrisch auf 24 Stunden und meine Experimente zum Erschaffen meines eigenen Klons fĂŒr den Papierkram sind gĂ€nzlich gescheitert, also bekomme ich tĂ€glich Nachrichten, Mails, Markierungen auf Twitter, Facebook und Instagram und allerlei Anfragen, die ich alle nicht beantworten kann. Und das frustriert mich.

In den allermeisten geht es um meine Artikelreihe How to Energiewende, die Verkehrswende oder pflanzliche ErnĂ€hrung. Oft kommt die Frage, ob ich vielleicht ein laminiertes Heft fĂŒr die wichtigsten Themen machen kann, ob ich bei euch vor Ort einen Vortrag halten kann usw., denn meinen Blog liest nur ein Bruchteil der deutschsprachigen Bevölkerung. All diese Themen werden in den kommenden Jahren vermutlich auch noch heißer diskutiert als jetzt gerade und meine Reichweite ist gefĂŒhlt zu begrenzt. Die Idee ist daher: Ein Buch muss her!

Ist nicht mal meine Idee, ich bin schon oft gefragt worden, was das alberne Bloggen soll, das ginge doch auch als Buch. Und ich antwortete „Ja, gute Idee, ich muss nur noch ganz kurz diesen Quatsch im Internet widerlegen!” und vergesse das Ganze dann im nĂ€chsten Schreib-Tunnel. Aber jetzt habe ich auch einen Verlag, eine Idee, ein Cover und einen Titel: „Weltuntergang fĂ€llt aus“:

Das ist der vorlĂ€ufige Entwurf, weil die Art, wie hier am Ende U und S in die Anzeige sinken, physikalisch nicht möglich ist 🙂

Nein, das soll kein Versuch werden, unsere Krisensituation zu verharmlosen, es soll nur einfach einen positiven, Mut machenden Blinkwinkel einnehmen und Leute ansprechen, die mit den (sehr berechtigten) Warnungen nicht mehr erreichbar sind – und das sind viele. Ferner gibt es auch eine ganze Menge Leute, die all die Warnungen sehr ernst nehmen und in der Folge in eine Angststarre verfallen, was weder angenehm noch sonderlich hilfreich ist.

FĂŒr all diese Menschen möchte ich gerne darlegen, dass die Klimakrise nicht nur ein Risiko ist, sondern dass die richtige Reaktion darauf auch eine riesige Chance fĂŒr eine bessere Welt wĂ€re: Eine Welt ohne fossile Brennstoffe, ohne Mega-StĂ€lle voller Frankenstein-HĂŒhnchen, mit lebenswerten StĂ€dten und Dörfern, in denen der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Und ja, ich weiß, dass das etwas pathetisch klingt, aber das ist eine potentielle Zukunft.

Und hier kommen wir zu Euch: Ich schreibe dieses Buch gerade, werde dafĂŒr aber bis Mai weniger klassische Artikel bringen können (es sei denn, bei der Klon-Nummer gibt es einen Durchbruch, fingers crossed!).

Mit anderen Worten: Ihr finanziert die ganze Nummer mit euren Spenden mit, und damit sich das auch fĂŒr Euch gut anfĂŒhlt hier mein Vorschlag: Alle, die mich regelmĂ€ĂŸig unterstĂŒtzen, bekommen ein Exemplar gratis zugeschickt und erhalten damit ungefĂ€hr den Gegenwert von 3 Monaten UnterstĂŒtzung in Höhe von 7 Euro. Ist jetzt blöd fĂŒr die unter Euch, die mehr spenden als 7 Euro – wollt Ihr vielleicht
 zwei BĂŒcher? Oder eine Heizdecke dazu? Oder eine Widmung? Ich wĂŒrde ja auch eine Zeichnung oder sonstwas anbieten, aber meine GemĂ€lde haben bislang keine sonderlich hohen Auktionswerte erzielt.

Wie klingt das fĂŒr Euch? Ich bin da ganz offen fĂŒr VorschlĂ€ge und möchte wirklich, dass sich das fĂŒr alle gut anfĂŒhlt. Ach so, und ein paar Artikel und Facebook-Korrekturen wird es natĂŒrlich auch noch geben, aber eben weniger.

Was die GrĂŒnen mit dem höheren Benzinpreis zu tun haben

Ja, wir schreiben den MĂ€rz 2022 und es gĂ€be angesichts eines Angriffskriegs mitten in Europa inkl. entsprechend vieler KriegsflĂŒchtlinge, einer hausgemachten Energiekrise und einer dennoch fortschreitenden ErderwĂ€rmung eine Menge wichtigerer Dinge zu besprechen. Stattdessen geht es hier nun aber um vergleichsweise profane Benzinpreise, denn zum Krieg schreiben mal lieber all die Leute, die sich schon lĂ€nger mit Russland und Osteuropa beschĂ€ftigen als ich.

Zu Energiekrise und ErderwĂ€rmung schreibe im Moment zudem ein Buch (daher auch etwas wenig Artikel im Moment), in dem das alle schon vorkommt. Also mache ich, was meinen Followern aktuell am meisten hilft: Einen Faktencheck zur Frage, wie stark die GrĂŒnen eigentlich gerade das Benzin verteuert haben. Es ist nĂ€mlich so: Jeden Morgen noch vor seinem ersten Kaffee bereitet Robert Habeck im Wirtschaftsministerium eine Liste mit den fĂŒr den Tag geltenden Spritpreisen vor.

Ja, das ist angesichts des Ernstes der Lage sehr albern formuliert, aber die vielen tausend Kommentare, laut denen die jetzt hohen Preise den GrĂŒnen anzulasten sind, die scheinbar wie angekĂŒndigt alles teurer machen, sind genau genommen nicht viel ernstzunehmender. Ganz grundsĂ€tzlich: Nur weil jemand das Wirtschaftsministerium leitet, kann er/sie nicht einfach die Preise fĂŒr Produkte privatwirtschaftlicher Unternehmen bestimmen. Robert Habeck kann weder die Spritpreise festlegen, noch die Preise fĂŒr Milchschnitte, TischtennisbĂ€lle oder KlobĂŒrsten. Oder wie stellen die Leute sich das vor?

Ja klar, Robert Habeck setzt sich morgens eine Krone auf, kommt in einer Runde mit seinen StaatssekretĂ€r:Innen zusammen, die nach einem ausgeklĂŒgelten Verfahren ĂŒberlegen, was ein guter Preis wĂ€re. Wer schon mal Das Schwarze Auge oder andere Rollenspiele gespielt hat, kennt vielleicht diese 20-seitigen WĂŒrfel. Die gewĂŒrfelten Werte werden in mehreren Runden zusammenaddiert, daraus dann die jeweiligen Quersummen gebildet und quadriert, und dann fĂŒr den Dieselpreis durch Pi und fĂŒr Benzin durch die Eulersche Zahl geteilt. Das faxen die dann an Aral, Shell, Esso und Jet und dann ist erst mal Zeit fĂŒr eine Runde Tischfußball.

Was Wirtschafts- und Finanzministerium machen können, sind Rahmenbedingungen Àndern, die dann einen Einfluss auf die Preise haben. Die Entscheidung, welche konkrete Zahl nun aber auf der Preistafel eures Benzin-FachgeschÀfts angezeigt wird, liegt in der Privatwirtschaft IMMER beim Unternehmen. Dieses Unternehmen ist in erster Linie daran interessiert, Geld zu verdienen. Gerade bei Mineralölkonzernen, die bei der Beschaffung ihres Rohstoffs nicht gerade zimperlich vorgehen, solltet ihr jetzt bei der Preisgestaltung keine soziale Verantwortung erwarten.

Hinzu kommt: Die GrĂŒnen sind erst seit Dezember 2021 an der aktuellen Regierung beteiligt, in dieser Zeit wurden noch gar keine Gesetze eingefĂŒhrt, die irgendeinen Einfluss auf die Preise hĂ€tten. Ich weiß, dass viele Menschen in Deutschland ins Autosystem gedrĂ€ngt werden und nun angeschmiert sind, aber dann Ă€rgert euch auch bitte ĂŒber die Leute, die das verbockt haben.

Ihr könnt hohe Spritpreise gerne Ă€tzend finden, aber der Ärger darĂŒber kanalisiert sich aktuell ein bisschen oft an Leuten, die damit wenig bis gar nichts zu tun haben. Der Staat bereichere sich hier auf Kosten der Autofahrer:Innen, lese ich stĂ€ndig. „Melkkuh der Nation!!1!“, „Wut bei den Autofahrern groß“ und allerlei Hasstiraden auf die GrĂŒnen. Nur hat euch niemand gezwungen, ein Erdöl-Auto zu kaufen. Schon gar nicht die GrĂŒnen, die versuchen doch seit Jahren, die Erdölautos loszuwerden (ausgenommen Winfried Kretschmann).

HartnĂ€ckig hĂ€lt sich die Legende, die GrĂŒnen hĂ€tten das Benzin teurer machen wollen und jetzt sei es so weit. Ha! Ja, die GrĂŒnen halten das Verbrennen von Benzin fĂŒr keine so gute Idee, aber mĂŒssen wir echt darĂŒber reden, dass die mit den Preiserhöhungen nichts zu tun haben? „Korrelation“ ist ein Begriff? Nur weil A und B zeitlich zusammen auftreten, heißt das nicht, das A nun B verursacht hĂ€tte oder umgekehrt: Zwischen 1999 und 2009 starben in den USA relativ mehr Menschen an den Bissen von Giftspinnen, je lĂ€nger das Finalwort des nationalen Buchstabierwettbewerbs war.

Ähnlich wenig Kausalzusammenhang findet sich zwischen der aktuellen Regierung und den Tankstellenpreisen: Die Steuern auf Benzin und Diesel sind genau dieselben wie noch letztes Jahr unter CDU und SPD. Der Preis setzt sich neben den reinen Produktionskosten zusammen aus Energiesteuer, Umsatzsteuer und CO2-Abgabe, und da ist der Vorwurf der „staatlichen Bereicherung“ wirklich hart lĂ€cherlich:

  • Die Umsatzsteuer wird tatsĂ€chlich nach dem Betrag erhoben. Der Staat verdient also an einem Liter Diesel fĂŒr 2,40 Euro doppelt so viel Umsatzsteuer wie an einem Liter Diesel fĂŒr 1,20 Euro. Tanke ich nun aber fĂŒr 20 Euro mehr und kaufe im Gegenzug fĂŒr 20 Euro weniger Orangensaft als sonst, nimmt der Staat genauso viel Umsatzsteuer ein.

Diese Abgaben kann nun jeder gerne fĂŒr zu hoch halten, aber bitte bedenken: Diese Abgaben waren unter Angela Merkel, Peter Altmaier und Olaf Scholz exakt dieselben wie heute. Der Liter Diesel hĂ€tte vor einem Jahr genau das gleiche gekostet wie heute, wenn die Erdölkonzerne dieselben Preise abgerufen hĂ€tten. Die GrĂŒnen haben also, um mal die Frage in der Überschrift zu beantworten, gar nichts damit zu tun.

Ein sehr oft geteiltes Bild in den sozialen Medien ist aktuell die GegenĂŒberstellung von Rohöl- und Dieselpreis mit scheinbar sensationellem Inhalt: Der Rohölpreis lag 2008 schon mal deutlich ĂŒber dem heutigen Wert, die Kosten fĂŒr Diesel-Kraftstoff aber weit unter dem heutigen. FĂŒr viele Menschen im Internet DER Beweis, dass die hohen Tankkosten kaum etwas mit dem Krieg zu tun haben, sondern das Ergebnis sinistrer MĂ€chte sein mĂŒssen:

Oft ist es ergĂ€nzt um die Schlussfolgerung, dass Benzin nun im Einkauf gĂŒnstiger sei und der Preis folglich nicht am Konflikt liegen könne.

Nun ist es so: SelbstverstĂ€ndlich beeinflusst der Rohölpreis auch die Kosten fĂŒr Produkte, die aus Rohöl gewonnen werden, aber eben nicht in Echtzeit und auch nicht 1 zu 1. Damit aus Erdöl so wunderbar stinkige Substanzen wie Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl werden können, muss das Erdöl ĂŒber den halben Planeten transportiert und anschließend in einer Raffinerie veredelt werden (nennt sich Cracken). Das Erdöl, aus dem das aktuell an Tankstellen erhĂ€ltliche Benzin hergestellt wurde, wurde also lange vor der jetzigen Krise gefördert (Öl fließt mit ca. 5 km/h durch Pipelines, also z.B. zur PCK-Raffinerie in Brandenburg 1,5 Monate).

Im Jahr 2008 lag der Ölpreis tatsĂ€chlich sehr hoch, und das hatte seine GrĂŒnde: Venezuela setzte aufgrund eines Rechtsstreits seine VerkĂ€ufe an ExxonMobil aus, die irakischen Erdölfelder war vom Krieg und AnschlĂ€gen geschwĂ€cht, nigerianische Gewerkschaften gingen in den Streik und fast zeitgleich legten schottische Pipeline-Arbeiter ihren Job nieder. Die Folge: Erdöl wurde teurer.

Aber warum wird ĂŒberhaupt irgendwas teurer, nur weil weniger davon da ist? Die Kosten fĂŒr die Herstellung sind doch die exakt gleichen, sollte der Preis nicht der gleiche sein? Die Erdölpumpen sind sowieso schon installiert, die Pipelines Jahrzehnte alt, die ÖltankerkapitĂ€ne verdienen genau wie die Menschen in den Raffinerien den gleichen Lohn. Willkommen in der wunderbaren Welt von Angebot und Nachfrage:

Wenn viele Meschen ein Produkt wollen, dann steigt seine Nachfrage. Wenn Firmen im Zuge dessen viel davon herstellen, steigt das Angebot. In freien MĂ€rkten entwickelt sich daraus eine GrĂ¶ĂŸe, durch die sich Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht befinden: Der Preis. Mit steigender Nachfrage steigt der Preis, mit steigendem Angebot sinkt er.

Das könnt ihr an allen möglichen Produkten beobachten: Aufgrund der Chipkrise konnte Sony letztes Jahr weniger Playstation 5 herstellen als das Unternehmen vorhatte. Als dann an Weihnachten 2021 weniger in den LÀden waren als Menschen kaufen wollten, stieg der Preis auf Verkaufsplattformen wie Ebay entsprechend an, obwohl die Herstellung einer Playstation Àhnlich viel kostete wie vor Weihnachten.

Oder erinnert sich noch jemand an Fidget Spinner? Im FrĂŒhjahr 2017 waren sie weltweit schlagartig so populĂ€r, dass Eltern verzweifelt von SpielwarengeschĂ€ft zu SpielwarengeschĂ€ft pilgerten und dort unter TrĂ€nen anboten, eine Hypothek auf ihr Haus aufzunehmen, solange ihr Kind nur eines der begehrten Objekte mit in die Schule nehmen konnte. Bis zu 10 Euro waren locker drin, obwohl es sich einfach nur um ein Kugellager mit etwas Plastik drum rum handelte. Jetzt, 5 Jahre spĂ€ter, sind die LagerbestĂ€nde voll und der Hype vorbei, mit 50 Cent seid ihr dabei.

Beim Preis fĂŒr ein Produkt spielt also nicht nur eine Rolle, wie viel die Herstellung kostet, sondern vor allem was Menschen bereit sind, dafĂŒr zu bezahlen. Eine 3-Zimmer-Bude im Zentrum von MĂŒnchen kostet nicht 1.500 Euro Kaltmiete, weil sie im Vergleich zum Jahr 2005 grĂ¶ĂŸer oder schöner geworden ist, sondern weil Menschen diesen Preis jetzt bezahlen. WĂŒrde eine gute Fee dort nun spontan zehntausende Ă€hnliche Wohnungen erscheinen lassen und diese fĂŒr 500 Euro im Monat vermieten, wĂŒrden auch die anderen Wohnungen schlagartig billiger werden.

Und solche PreisĂ€nderungen funktionieren sogar, wenn noch gar keine VerĂ€nderung des Angebots stattgefunden hat, sondern allein eine glaubwĂŒrdige Aussicht auf eine VerĂ€nderung vorliegt. An der Börse kann ein Unternehmen von einem auf den anderen Tag Milliarden Euro weniger wert sein, allein aufgrund von entsprechenden Annahmen der handelnden Menschen. Das Unternehmen hat dann nicht eine Maschine weniger, den gleichen Personalbestand und die gleichen AuftragsbĂŒcher. Es zĂ€hlt der psychologische Umstand, dass Menschen den Wert geringer einschĂ€tzen.

Andersrum sind viele Menschen davon ausgegangen, dass Schrottanleihen fĂŒr US-Immobilien ein super-cleveres Investment sind und haben dafĂŒr viel zu viel Geld bezahlt. Als dann irgendwann allen schlagartig klar wurde, dass diese Produkte ĂŒberbewertet sind, „platzte“ die Blase, siehe auch die Entstehung der Weltfinanzkrise von 2007/2008 und den grandiosen Film „The Big Short“ von Adam McKay, dem Regisseur von „Don‘t Look Up“.

Und jetzt zurĂŒck zu Erdöl: Hier ist die Preisentstehung grundsĂ€tzlich fragwĂŒrdiger, denn es gibt nur ein paar LĂ€nder und Anbieter weltweit (nennt sich Oligopol), die ĂŒber nennenswerte Reserven verfĂŒgen. Damit der Preis nicht allzu stark sinkt, sprechen sie sich ab und vereinbaren in der OPEC bzw. OPEC+, wie viel Erdöl insgesamt gefördert wird. Das Ziel ist ganz offiziell, eine Preisbildung zu normalen Marktbedingungen zu verhindern, indem das Angebot meist begrenzt und somit den Preis kĂŒnstlich hoch gehalten wird.

Übrigens: WĂŒrden das mehrere Unternehmen in Deutschland mit einem anderen Produkt tun, wĂŒrden sie sich wegen Kartellbildung strafbar machen. Mögliches Bußgeld gegen Verantwortliche bis zu eine Million € und gegen die Unternehmen bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes.

Es gibt also eine Menge Ursachen dafĂŒr, dass Öl- und Benzin- bzw. Dieselpreise sich Ă€ndern, auch in Friedenszeiten. Und genau das ist auch letztes Jahr schon passiert: Der Ölpreis hat sich zwischen Januar 2021 und Dezember 2021 fast verdoppelt, wĂ€hrend der Benzinpreis verglichen damit recht stabil blieb: Kostete Benzin im Jahr 2020 im Schnitt 1,29 Euro, stieg dieser Wert nur recht moderat um 23 Cent auf einen Durchschnitt von 1,52 Euro fĂŒr das Jahr 2021 – also nur um 18 Prozent.

WĂ€hrend Öl also fast 100% teurer wurde und Benzin nur um 18 Prozent war Facebook trotzdem nicht voller Charts und Grafiken, die spitzfindig auf diesen Unterschied hinwiesen. Niemand kam auf die Idee, dass die GrĂŒnen gerade das Benzin gĂŒnstiger machen als der Rohölpreis nahelegt. Aber jetzt, wo sich das gleiche Schauspiel nur mit anderen Vorzeichen abspielt, wittern alle die große Polit-Verschwörung dahinter und dass der Staat sich bereichern wolle. Was wollte der Staat dann 2021? Sich kĂŒnstlich arm machen?

Ja, der Benzinpreis steigt gerade stĂ€rker als wir mit dem Erdölpreis erklĂ€ren können. Damit haben aber nicht die GrĂŒnen etwas zu tun, sondern im Zweifelsfall die Raffinerien der Mineralölkonzerne. Malte Kreutzfeldt von der taz hat hier recht plausibel berechnet, dass die Preissteigerung sich mit Steuern und Rohölpreisen allein nicht erklĂ€ren lĂ€sst. Wir können also zumindest mutmaßen, dass das generell knappere Benzin wie bei den Fidget Spinnern höhere Preise ermöglicht.

Das gilt ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr westliche Konzerne: Deutschlands viertgrĂ¶ĂŸte Raffinerie, die PCK-Raffinerie in Brandenburg, die 95 Prozent des Sprits fĂŒr Berlin herstellt, gehörte laut letzter Freigabe des Bundeskartellamts zu 92 Prozent dem staatlichen russischen Rosneft-Konzern (Aufsichtsratsvorsitzender: Gerhard Schröder).

FĂŒr die aktuellen Preise gibt es also vermutlich mehrere GrĂŒnde, von denen einer der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist, durch den die Raffinerien nun ihre Gewinne steigern können. Dass Benzin auf lange Sicht teurer werden und ggf. sogar auf einen Preis ĂŒber 2 Euro / Liter klettern kann, war aber bereits letztes Jahr auch ohne Krieg ein denkbares Szenario:

„Dennoch stellten bereits im Juni einige Experten den Verbrauchern deutliche Preissteigerungen in Aussicht. Sie warnten, dass der Benzinpreis auf bis zu zwei Euro steigen könnte.“

Ja, Benzin war in absoluten Zahlen noch nie so teuer, aber der Grund, dass das in Deutschland derartige Wellen schlĂ€gt, ist vermutlich eher unsere immer stĂ€rker gefestigte AbhĂ€ngigkeit von Erdölautos. Bereinigt um Lohnerhöhungen und den Umstand, dass heute sparsamere PKW-Modelle zur VerfĂŒgung stehen, mĂŒsste der Liter Benzin laut Gernot Sieg, Direktor des Instituts fĂŒr Verkehrswissenschaft an der UniversitĂ€t MĂŒnster, erst auf 2,40 Euro steigen, um wieder das Preisniveau von 2012 zu erreichen.

Setzen wir das deutsche Median-Einkommen ins VerhÀltnis zu unseren Tankstellenpreisen, befinden wir uns in Europa nahe am unteren Drittel:

Dass jetzt Menschen von Benzin geradezu abhĂ€ngig sind und auf Erhöhungen empfindlich reagieren, ist verstĂ€ndlich. Aber das liegt nicht nur an der reinen Höhe, sondern auch aus unserer selbstverschuldeten Ausweglosigkeit, auf die Schnelle keine Alternative zu haben. Wenn Tulpen auf einmal drastisch teurer wĂŒrden, oder Netflix oder Gelee-Bananen, naja, dann kauft man halt Petunien, wechselt zu Disney+ und
 okay, schlechtes Beispiel, an Gelee-Bananen kommt nichts ran.

Wer sein Leben am Auto ausgerichtet hat und jetzt darauf angewiesen ist, kann nicht mal eben schnell wechseln (die aktuellen Lieferzeiten von E-Autos sind entsprechend lang). Und ja, ich habe „Autokorrektur“ von Katja Diehl gelesen. Ich weiß, dass viele Menschen im Auto eigentlich gar kein Auto wollen, HĂ€me liegt mir daher fern. Es gibt dennoch ein paar Abers.

Aber 1: Hey, Autofahrer:Innen seid nicht die einzigen, die von höheren Energie- und MobilitĂ€tskosten betroffen sind. Ja, Benzin kostet jetzt 70 Prozent mehr als noch vor einem Jahr, aber Erdgas ist in dieser Zeit 590 Prozent (!) teurer geworden. Heizöl kostet ca. das Dreifache verglichen mit letztem Jahr, ÖPNV-Preise sind zwischen 2000 und 2018 um 79 Prozent gestiegen. In all diesen FĂ€llen heißt es bislang: Das ist der Markt, deal with it.

Aber 2: Nur 20 Prozent der Autofahrten in Deutschland haben Arbeit oder Ausbildung als Ziel. Die meisten Fahrten (knapp 40 Prozent) finden in der Freizeit und im Urlaub statt. Wer einen Pendelweg von 100 km / Tag hat und ein sparsames Auto fÀhrt, muss selbst bei 50 Cent Spritpreiserhöhung mit 50 Euro Mehrkosten im Monat rechnen. Das ist sicher Àrgerlich, kann aber auch durch das eigene Verhalten in der Freizeit abgefedert werden.

Aber 3: nicht mal die HĂ€lfte der prekĂ€r Verdienenden haben ĂŒberhaupt ein Auto.

Lange Rede kurzer Sinn: Ja, jetzt ist alles teurer als noch vor ein paar Jahren und das ist fĂŒr viele Menschen echt bitter. Aber hey, immerhin wird euch die Wohnung nicht von russischen Panzern in StĂŒcke geschossen, das ist ja auch was. Ärger ĂŒber teure Energiepreise ist nachvollziehbar, ich Ă€rgere mich auch, aber bitte nicht vergessen, wer Adressat dieses Ärgers sein sollte.

Dass fossile, endliche (!) Rohstoffe irgendwann richtig teuer werden können, davor wurde in den letzten Jahre immer öfter gewarnt, nicht zuletzt von den GrĂŒnen. An Robert Habeck wird jetzt die undankbare Erwartung gerichtet, innerhalb von wenigen Wochen ein trĂ€ges Tankschiff zu wenden, das ĂŒber die letzten Jahrzehnten von allen anderen mit voller Kraft in die falsche Richtung gesteuert wurde.

Dass die Erdöl-Staaten und Mineralölkonzerne die Preise unter sich ausmachen und jetzt von unser aller Notlage profitieren, ist kein Geheimnis. Das verhindern wir aber nicht durch Spritpreisbremsen, sondern indem wir aus dem Erdöl-System rauskommen.

Nehmt also bitte euren Zorn und nutzt ihn dazu, uns alle aus diesem Klammergriff zu befreien. Macht euch von Ölkonzernen unabhĂ€ngig. StĂ€rkt Verkehrslösungen ohne Auto und wenn irgendwo ĂŒber eine Straßenbahn oder einen Radweg abgestimmt werden soll, dann stimmt mit „ja, verdammt!“. Fahrt elektrisch, fahrt mit dem Rad und wenn das alles nicht geht, dann spart einfach Benzin. Jeder Liter, den wir weniger benötigen, muss nicht aus Russland importiert werden.

An der Tankstelle stehen und mit zum Himmel gereckter Faust auf die GrĂŒnen schimpfen mag sich im ersten Moment gut anfĂŒhlen, löst euer Problem aber Ă€hnlich nachhaltig als wenn ihr euch die Haare orange fĂ€rbt. Außerdem sĂ€he gelb-blau ja auch besser aus.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

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Mit diesen Tricks rechnet eine Studie von 2010 die Klimabilanz von Hafermilch schlecht

Laut Bauernverband Schleswig-Holstein ist Kuhmilch jetzt sogar klimafreundlicher als Hafermilch. In einem Facebook-Post machte der einschlÀgig bekannte Verband auf eine Rechnung aufmerksam, laut der die Klimawirkung von Hafermilch sogar zehnmal so hoch wie Kuhmilch sei.

Der Fairness halber: Die Rechnung selbst stammt nicht vom Bauernverband, sondern von Dr. Malte Rubach, Autor der beliebten Klassiker „Gesund mit Kaffee“, „PlĂ€doyer fĂŒr Milch“, „Essen im Ernstfall – Crashkurs Gesundheitsvorsorge“ und „Kaffee-Apotheke – Die Bohne fĂŒr mehr Gesundheit“. Dieser wurde vom Blog „Das PResstaurant“ (sic) interviewt und erklĂ€rt darin:

„Auf den ersten Blick sind die pflanzlichen Drinks natĂŒrlich klimaschonender. BerĂŒcksichtigt man jedoch ihren NĂ€hrstoffgehalt, ergibt sich ein anderes Bild. Da mĂŒsste man schon sehr viel Haferdrink trinken, um auf denselben NĂ€hrstoffgehalt wie bei Kuhmilch zu kommen – und es wĂŒrden immer noch NĂ€hrstoffarten fehlen, die der pflanzliche Drink eben nicht liefert. Dann wĂ€re die Klimawirkung von Haferdrink zehnmal so hoch wie die von Kuhmilch.“

Dr. Rubach bezweifelt also gar nicht, dass die Produktion von einem Liter Kuhmilch mit höheren Klimaemissionen verbunden ist als die Produktion eines Liters Hafermilch. Aus seiner Sicht sind ein Liter Kuh- und Hafermilch aber gar nicht vergleichbar, weil in der Kuhmilch mehr NÀhrstoffe vorhanden sind und ein Mensch davon entsprechend weniger benötigt.

GrundsĂ€tzlich ist die Überlegung durchaus berechtigt: Ein Kilo Feldsalat verursacht zum Beispiel nur 270 Gramm CO2-Emissionen, ein Kilo Gnocchi hingegen 1.000 Gramm CO2. WĂ€re es nun fair, die Gnocchi pauschal klimaschĂ€dlicher zu nennen? Naja, das Kilo Gnocchi enthĂ€lt beruhigende 1.500 Kilokalorien, das Kilo Salat hingegen nur 124 Kilokalorien, Eine Kilokalorie Salat verursacht also 2,2 Gramm CO2 und eine Kilokalorie Gnocchi 0,7 Gramm CO2. Ist also doch der Feldsalat klimaschĂ€dlicher als die Gnocchi?

Nein, auch das kann man so pauschal nicht sagen, denn erstens kann ich ja nicht den ganzen Tag nur Gnocchi essen und zweitens wĂ€re es nach dieser Logik am klimaschonendsten, einen Becher Pflanzenöl mit 4 Esslöffeln Zucker zu sich zu nehmen oder einfach eine Flasche Schnaps (zusĂ€tzlicher Toilettenpapierbedarf nicht eingerechnet). Entscheidend ist daher eigentlich eher, wie viel CO2 wir fĂŒr die ErnĂ€hrung eines ganzen Tages emittieren und dass bei direkten Vergleichen Nahrungsmittel gewĂ€hlt werden, die sich gegenseitig ersetzen können, anstatt zum Beispiel GummischlĂŒmpfe versus Haferflocken.

Dr. Rubach meint nun, dass genau das auf Kuhmilch und Hafermilch nicht zutrifft – wobei er ulkigerweise allerdings immer „Haferdrink“ sagt. Er möchte das mit der schwedischen Studie „Nutrient density of beverages in relation to climate impact“ aus dem Jahr 2010 belegen, die verschiedene GetrĂ€nke auf ihren NĂ€hrstoffgehalt hin untersucht, dabei aber mehrere Fehler macht. Auf Basis der Ergebnisse hat er dieses Diagramm erstellt:

Auf der Y-Achse sind die Emissionen pro NĂ€hrstoff dargestellt und auf der X-Achse â€Š Ja, gute Frage, wozu hat das Ding ĂŒberhaupt zwei Dimensionen? Was soll das sein, die Mondphase, in der Dr. Rubach am liebsten Milch trinkt? Entweder wusste hier jemand nicht, wie man ein eindimensionales Diagramm erstellt, oder wollte, dass der Haferdrink optisch so richtig evil heraussticht und sich von der guten Kuhmilch so weit weg befindet wie möglich.

Okay, aber was genau bedeutet denn „Punkt NĂ€hrstoffindex“ auf der Y-Achse konkret? Damit ist der NDCI-Index gemeint, den die schwedische Forschungsgruppe zu diesem Zweck praktischerweise erfunden hat. Dieser setzt die enthaltenen NĂ€hrstoffe mit der empfohlenen Verzehrmenge ins VerhĂ€ltnis, aber auf eine komische Weise: Wenn 100 Gramm eines Lebensmittels mindestens 5 Prozent des Tagesbedarfs eines NĂ€hrstoffs decken, bekommt es eine Art Extrabonus. Auf je mehr NĂ€hrstoffe das zutrifft, desto grĂ¶ĂŸer der Bonus. Den grĂ¶ĂŸten Bonus erhĂ€lt in dieser Berechnung die Kuhmilch.

Solltet ihr euch jetzt fragen, warum zum Henker 100 Gramm und 5 Prozent ausgewĂ€hlt worden sind: Gute Frage, denn das ist eine recht willkĂŒrliche Entscheidung. Ich kann damit in etwa ablesen, wie gut ich mit NĂ€hrstoffen versorgt bin, wenn ich mich den ganzen Tag nur mit 2 Kilo dieses Lebensmittels ernĂ€hre. Solltet ihr aber der vollkommen verrĂŒckten Idee anhĂ€ngen, ĂŒber den Tag verteilt mehrere unterschiedliche Dinge zu euch zu nehmen, zum Beispiel weil ihr schon abgestillt seid, dann bringt euch der NDCI-Index recht wenig.

Zu diesem Schluss kamen auch zwei Forscher der UniversitĂ€t Oxford, die sich hier aus genau diesen GrĂŒnden recht kritisch mit dem Index auseinandersetzen: Der Index scheint laut ihnen dazu erfunden zu sein, Kuhmilch eine gute Bilanz zu bescheinigen, denn ersetzt man in der Rechnung die 5 Prozent mit 1, 2 oder 20 Prozent, erzielen auf einmal Orangensaft oder Sojamilch den besten Indexwert.

Die Indexberechnung selbst ist also schon fragwĂŒrdig, aber dann wird sie auch noch kombiniert mit Daten von 2010. Erinnert ihr euch noch an 2010? Das ist das Jahr, in dem Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewann und Pflanzenmilch im Supermarkt kaum Vitamine oder Mineralstoffe zugesetzt waren. Heute ist das nicht mehr der Fall und in meiner Hafermilch sind Calcium, Kalium, Vitamin D, Vitamin B2 und Vitamin B12. Das in der schwedischen Studie verwendete Produkt reißt jedoch fĂŒr all diese NĂ€hrstoffe die selbst auferlegte 5-Prozent-HĂŒrde, schneidet also deutlich schlechter ab, als wenn die Studie mit heutigen Produkten durchgefĂŒhrt werden wĂŒrde.

Viel entscheidender ist aber, dass der ganze Ansatz mit unserer LebensrealitĂ€t nur wenig zu tun hat: Laut (veralteter) Studie ist die NĂ€hrstoffdichte von Kuhmilch 53,8 und damit 36-mal so hoch wie die von Hafermilch (1,5). Okay, aber daraus kann ich ja nicht einfach ableiten, dass ich im Gegensatz zu meinem frĂŒheren Kuhmilch trinkenden Ich nun 35-mal so viel Hafermilch trinke – allein das ganze Geschleppe, da trinke ich ja lieber das Essigwasser aus alten GurkenglĂ€sern.

Nein, so lĂ€uft das nicht. Ich verwende exakt so viel Hafermilch, dass der Pfannkuchen fluffig und das MĂŒsli eingeweicht ist. Ich trage ja nicht in eine Excel-Tabelle ein, welche NĂ€hrstoffe ich ĂŒber den Tag aufgenommen habe, und merke dann: „Oh, mein Kalium-Haushalt ist noch nicht gedeckt, trinke ich besser noch mal vier Liter Oatly!“ Soll ja noch andere Lebensmittel geben als weiße FlĂŒssigkeiten.

Ja, in Kuhmilch mag sechsmal so viel FolsĂ€ure enthalten sein, aber FolsĂ€ure ist halt gerade fĂŒr Veganer:innen ĂŒberhaupt kein Problem. Davon ist in HĂŒlsenfrĂŒchten, GemĂŒse und Obst so viel drin, dass mein FolsĂ€ure-Blutwert beim letzten Test krass hoch war. Es ist daher vollkommen irrelevant fĂŒr meinen CO2-Fußabdruck, wie hoch die FolsĂ€ure-Dichte in Kuhmilch ist.

In der Tabelle ist sogar Rotwein enthalten, der enthĂ€lt 44-mal „weniger“ NĂ€hrstoffe als Kuhmilch. Das wĂ€re aus Klimasicht aber doch nur relevant, wenn sich irgendwer gegen einen Schuss Kuhmilch im Kaffee entscheidet und sich dann stattdessen fĂŒr seinen NĂ€hrstoffhaushalt 2 Flaschen Rotwein reinknallt. Ich kenne niemanden, der sich nach dieser Logik ernĂ€hrt.

Oder ist das so ein neuer Trend, den ich noch nicht mitbekommen habe? Geht man im Supermarkt neuerdings in die Weinabteilung und fragt den Sommelier altklug, welcher von den Rotweinen gut mit dem Alnatura FrĂŒchtemĂŒsli harmoniert? Vermutlich sind SĂ€tze wie „Schatz, bringst du mir fĂŒr die Fruit Loops noch ‘ne Flasche Chianti mit?“ jetzt bald in aller Munde und ich habe es einfach noch nicht mitbekommen. Hey, wenn die Leute euch schrĂ€g angucken, weil ihr um 11 Uhr morgens schon voll wie ein Haus seid, dann kramt ihr die ausgedruckte Smedman-Studie hervor und lallt: „Sssis fĂŒr meine Sundheit *hicks*.“

Die ganze Nummer wird nicht besser durch den mega-erfolgreichen Hashtag #bleibnatĂŒrlich, mit dem der Bauernverband Schleswig-Holstein wohl unterstellen möchte, es sei natĂŒrlicher, die Muttermilch 700 kg schwerer Paarhufer zu trinken als in Wasser eingeweichten Hafer. Wer denkt beim Anblick eines Kuhkarussells, auf dem Tiere mit krankhaft vergrĂ¶ĂŸerten Eutern im Kreis herumfahren, um ihnen möglichst kostengĂŒnstig 10.000 Liter pro Jahr abzutrotzen, nicht spontan „hach, wie natĂŒrlich!“?

Ganz grundsĂ€tzlich: Was treibt einen Bauernverband ĂŒberhaupt dazu, eine Nutzpflanze schlechtzureden, mit der seine eigenen Verbandsmitglieder gutes Geld verdienen? Schleswig-Holstein hat seine AnbauflĂ€chen fĂŒr Hafer zuletzt fast verdoppelt und ist jetzt das Bundesland mit dem meisten Haferanbau relativ zu seiner FlĂ€che, und zwar mit Abstand. Wieso redet der Bauernverband die Ernte seiner eigenen Leute schlecht, die die Nachfrage einer globalen Entwicklung bedienen wollen?

Quelle: Statista

Auf nationaler Ebene agiert der Deutsche Bauernverband ĂŒbrigens deutlich cleverer: BauernprĂ€sident Rukwied sieht „Bauern als mögliche Gewinner der Trendwende zum veganen Essen“. Es seien ja nun mal seine Mitglieder, die die Rohstoffe fĂŒr Ersatzprodukte anbauen wĂŒrden. Ja, ganz genau, und genau das macht die wiederholten Angriffe des Bauernverbands Schleswig-Holstein auf pflanzliches Essen um so irritierender. Wir, die Typen, die sich pflanzlich ernĂ€hren, sind doch deren Kundschaft.

Vielleicht sollte der Deutsche Bauernverband mit seinem Ableger im Norden mal ein ernstes GesprĂ€ch fĂŒhren â€Š

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

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Nein, durch das Abschalten der Atomkraftwerke droht uns kein Stromausfall

Okay, das wird jetzt bitter fĂŒr alle, die sich den Keller schon mit Dosenravioli, eingemachtem Rosenkohl und sauren Zungen vollgestellt hatten: Es gibt gar keinen Stromausfall. Und jetzt? Sitzen sie da, mĂŒssen den ganzen Rosenkohl trotzdem essen und in Kombination mit den sauren Zungen kann das echt auf den Magen schlagen. Blöd.

Vor 19 Tagen war es nĂ€mlich soweit: 3 der verbliebenen 6 Kernreaktoren in Deutschland wurden abgeschaltet. Und obwohl das ein 10 Jahre alter Kompromiss zwischen Energiewirtschaft und Politik war, der da entsprechend lange geplant umgesetzt wurde, ging das Schreckgespenst deutschlandweiter StromausfĂ€lle durch die Gazetten, so als wenn der Strom-Grinch in den Kraftwerken aus einer bösen Laune heraus den Not-Aus-Knopf drĂŒcken wĂŒrde.

Klar, diese Geschichte erzĂ€hlt natĂŒrlich besonders gerne die AfD. Je mehr Angst die Leute haben, umso eher sind sie bereit, vollkommen ungeeignete Leute in Ämter zu wĂ€hlen. Da wird gepoltert „Mitten in der grĂ¶ĂŸten Energieknappheit seit Jahrzehnten werden aus ideologischen GrĂŒnden fast 9 GW Leistung vom Netz genommen“ (stimmt nicht) oder „Mit der Abschaltung dreier deutscher Kernkraftwerke Ende des Jahres steigt massiv die Gefahr eines Blackouts“ (stimmt auch nicht).

Aber neben den braunen TerrorschlĂŒmpfen gibt es auch ganz seriöse Quellen, die vor einem Blackout warnten. Die Wirtschaftswoche fragte „Droht nun der Blackout?“. Der Bayerische Rundfunk vermeldete: „Kernkraftwerk Gundremmingen wird abgeschaltet: Reicht der Strom?“ und der Ex-Chefredakteur der Zeit, Theo Sommer, durfte eine ganze Kolumne um die Fragestellung „Geht in Deutschland bald das Licht aus, weil wir nicht mehr genug Strom produzieren?“ verfassen.

Nun lauten die Antworten auf all diese Fragen aber schlicht „nein“, „ja“ und „nein“. Nein, es droht kein Blackout, ja, der Strom reicht, nein, das Licht geht nicht aus. Wie ich zu dieser EinschĂ€tzung komme? Nun, Folgendes ist am 31.12.2021 passiert: Die Reaktoren Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C sind abgeschaltet worden.

Ui, gleich drei Kernkraftwerke weniger, das klingt natĂŒrlich erst mal einschneidend und bedrohlich. Das liegt aber auch daran, dass die wenigsten Menschen eine grobe Idee haben, wie viel Strom so ein Kernkraftwerk liefert und wie viel wir in Deutschland verbrauchen. Unpraktischerweise muss man zu diesen Überlegungen nĂ€mlich mit einer Unzahl von Nullen und kompliziert klingenden Einheiten hantieren, wobei viele Menschen nach meiner Erfahrung entweder sehr, sehr wĂŒtend werden oder spontan einschlafen.

Bei mir ist es genau andersrum: Ich kann stundenlang durch die Fraunhofer Energy Charts scrollen und denke dann Sachen wie „boah, interessant“ oder „ach, ist ja erstaunlich“, mache mir dabei Notizen und erzĂ€hle meinem Coworker etwas ĂŒber das französische Stromnetz. Der ist nĂ€mlich zu höflich, um „das interessiert mich einen Scheiß, Jan!“ zu sagen, so dass ich in der Illusion lebe, er wolle das wirklich hören. Und jetzt, Anfang 2022, ist das Thema auf einmal echt relevant und von Debatten ĂŒberschattet, so dass ein paar nerdy Zahlen vielleicht doch interessant sind, denn so einen Stromausfall will ja auch niemand.

Also, das war die deutsche Stromerzeugung Ende 2021:

Die einzelnen Farben symbolisieren unterschiedliche Kraftwerkstypen (gelb = Solarstrom, hellgrĂŒn = Windkraft, hellblau = Pumpspeicher usw.). Rot steht fĂŒr den Strom aus Kernkraftwerken und alle ĂŒbereinander symbolisieren den gesamten Strom, der in Deutschland generiert wird. Und ganz wichtig: Die schwarze Linie, das ist die Last; also der gleichzeitige Verbrauch aller GerĂ€te, die in Deutschland ans Stromnetz angeschlossen sind. Sie schwankte in der letzten Woche des Jahres zwischen 40 und 60 Gigawatt, was urlaubs- und pandemiebedingt etwas weniger ist als in einer durchschnittlichen Woche.

Wer sich das Bild aufmerksam ansieht, stellt schnell fest: Der erzeugte Strom weicht von der Last stĂ€ndig ab. In Woche 52 war andauernd mehr Strom im Netz als wir verbraucht haben und kurzzeitig am 29.12.2021 gab es auch mal eine StromlĂŒcke von etwa 2 Gigawatt – wie kann das sein? Kann es nicht, Stromerzeugung und -verbrauch mĂŒssen sich immer die Waage halten, sonst wird das Netz ĂŒberlastet. Das Bild ergibt sich tatsĂ€chlich nur, weil hier Exporte und Importe ausgeblendet sind. Blende ich sie ein, liegen die Linien nahezu gleichauf.

Was passiert mit diesem System also, wenn wir gleichzeitig 3 Kernreaktoren abschalten? Das ist in der Grafik recht gut zu erkennen: Über dem Timestamp „31.12.2021“ ist deutlich zu sehen, wie der rote Balken sich ungefĂ€hr halbiert, aus 8 Gigawatt Leistung werden 4 Gigawatt Leistung. TatsĂ€chlich war das aber kein so harter Cut, das sieht hier nur so aus, weil die deutsche Strombörse ihre Daten mutmaßlich fehlerhaft ins System speist. Einen Kernreaktor kann man nicht einfach ausschalten wie einen Stabmixer, vielmehr dauert es schon ein paar Stunden, bis die Leistung auf null abgesunken ist.

Schaut man sich die blockscharfe Erzeugung an, gibt es ein realistischeres Bild. Grundremmingen C lief um 20 Uhr nicht mehr, Brokdorf und Grohnde waren ab Mitternacht aus.

Der Knick im ersten Bild ist also zu steil und zu frĂŒh eingezeichnet, aber fĂŒr das Gesamtbild ist das unerheblich. Wichtig ist: Der restliche Kraftwerkspark hat die ausbleibende Leistung problemlos abgefangen. Direkt zum Jahreswechsel war sogar so viel Windstrom im Netz, dass kein einziges fossiles Kraftwerk die Leistung hochfahren musste. Wir haben einfach nur weniger Strom exportiert und stattdessen selbst genutzt.

Aber was wĂ€re ohne den vielen Wind passiert? DafĂŒr springen wir in Woche zwei des neuen Jahres, denn ab dem 10. Januar 2022 legte der Wind in Deutschland fĂŒr 48 Stunden eine Ă€hnliche Motivation an den Tag wie J.J. Abrams beim Schreiben der DrehbĂŒcher fĂŒr die Star Wars-Fortsetzungen und lungerte stundenlang nur in der Gegend herum:

Der Urlaub war zudem vorbei, die deutschen Stanzwerke und Galvanisierungsbetriebe liefen wieder auf Hochtouren und so kletterte der Bedarf auf 70 Gigawatt, ein fĂŒr deutsche Werktage recht typischer Wert. Und, fiel dann landesweit der Strom aus? NatĂŒrlich nicht, stattdessen lieferten nun die fossilen Kraftwerke den fehlenden Strom: 15 Gigawatt kamen aus Gaskraftwerken und 25 Gigawatt aus Kohlekraftwerken, zudem haben wir am Montag 10 Gigawatt importiert.

Aha, Importe! Also ist das deutsche Stromnetz jetzt vom Ausland abhĂ€ngig und wir schalten hier einfach alles aus, um dann französischen Atomstrom zu importieren, danke Merkel! Ach Mist, hier passt das ja sogar einigermaßen – aber tatsĂ€chlich importieren wir den meisten Strom gar nicht aus Frankreich. An besagtem 10. Januar haben wir wĂ€hrend der höchsten Verbrauchsspitze 1,6 Gigawatt aus Frankreich importiert und 9,2 Gigawatt aus dem restlichen Europa (primĂ€r Norwegen, Niederlande, DĂ€nemark, Schweiz).

Und auch das ist kein Problem. Viele denken, wir wĂŒrden nur dann Strom importieren, wenn wir gar keine andere Wahl mehr haben, aber tatsĂ€chlich importieren wir auch dann, wenn es schlicht gĂŒnstiger ist als noch mehr eigene Kraftwerke anzuwerfen. Am 10. Januar hĂ€tten wir die fehlenden 10 Gigawatt auch selbst erzeugen können, es wĂ€re nur einfach unökonomisch gewesen. Unökonomisch, aber im Notfall möglich:

In Deutschland ist zusÀtzlich zur Wind- und Sonnenkraft an Leistung aktuell installiert: 30 Gigawatt Gaskraftwerke, 38 Gigawatt Kohlekraft, 8,5 Gigawatt Biomasse, 5 Gigawatt Wasserkraft, 4 Gigawatt Kernkraft und 7 Gigawatt Reservekraftwerke (unter Anderem Mineralöl).

Bedeutet: Selbst wenn in ganz Deutschland nirgends Wind weht und kein einziges Photon auf unsere Solarzellen trifft, können die restlichen Kraftwerke 92,5 Gigawatt Leistung bereitstellen. Die höchste Last hatten wir letztes Jahr am 11.01.2021 mit 79 Gigawatt und auch da waren unsere Kraftwerke alles andere als voll ausgelastet. Wer in dieser Situation also vor akuten, flÀchendeckenden StromausfÀllen warnt, kennt das deutsche Stromnetz einfach nicht (fairerweise muss ich ergÀnzen: Bei meinen Twitter-Diskussionen zu dieser Frage haben das die meisten Kernkraft-Supporter genauso eingeschÀtzt).

Deutschland befindet sich nach wie vor in einer deutlichen Überversorgung: Wir haben seit 2006 jedes Jahr mehr Strom ins Ausland exportiert als importiert und auch in der Handelsbilanz mit Frankreich haben wir seit mindestens 2015 einen deutlichen Strom-ExportĂŒberschuss. Bedeutet also , dass Frankreich mehr Strom aus Deutschland importiert als umgekehrt.

Allein letztes Jahr haben wir 8,5 Terawattstunden aus Frankreich importiert und 15 Terawattstunden nach Frankreich exportiert, im Detail sieht das fĂŒr das Jahr 2021 so aus (AusschlĂ€ge ĂŒber null sind Importe, Ausschlage kleiner null Exporte):

Quelle: Fraunhofer Energy Charts

Stromimporte und -exporte sind ĂŒbrigens grundsĂ€tzlich kein Beweis fĂŒr irgendwelche schlechten Netze, es zeigt einfach nur, wie gut das europĂ€ische Verbundnetz funktioniert. Dass wir bei ÜberkapazitĂ€ten Strom an andere LĂ€nder abgeben und bei Bedarf welchen von dort kaufen ist viel effizienter, als wenn jedes Land sein ganz eigenes SĂŒppchen kochen wĂŒrde.

TatsĂ€chlich ist die folgenreichste Konsequenz aus der Abschaltung, dass nun an Tagen mit weniger Windstrom als dieser Woche mehr fossile Kraftwerke einspringen mĂŒssen, um die jetzt fehlenden 4 Gigawatt aus der Kernkraft auszugleichen. Entsprechend mehr CO2 verursacht eine Kilowattstunde aus dem deutschen Strommix dann logischerweise.

Hier stellen viele die Frage, warum wir in Deutschland denn nicht zuerst aus der Kohle und dann aus der Kernkraft ausgestiegen sind und ja, die Frage ist berechtigt. Die Reihenfolge des Ausstiegs kann man gerne kritisieren. Aber die Sorge vor Blackouts wird dadurch nicht plausibler.

GrundsĂ€tzlich ist es aber auch nicht richtig zu behaupten, dass statt der Kernkraft jetzt immer Kohlekraftwerke einspringen. TatsĂ€chlich wurde die fehlende Kernkraft in 2022 bislang mit Gaskraftwerken, Windkraft und Kohle kompensiert, immer abhĂ€ngig von der GrĂ¶ĂŸe der StromlĂŒcke.

Am meisten Strom haben wir netto ĂŒbrigens aus DĂ€nemark importiert, dessen Strommix 2021 fast zu 70 Prozent aus erneuerbaren Quellen bestand. Wenn jemand also schon vor dem Blackout warnt, dann doch eher mit Verweis auf dĂ€nischen Windstrom aus auf französischen Atomstrom.

Komischerweise höre ich die Sorge „Ausbau der Windenergie in Deutschland komplett versemmelt – drohen uns jetzt StromausfĂ€lle?“ aber recht selten.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

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Wie aus einer WDR-Doku zu E-Autos eines der schlimmsten Fake-News-Videos auf Facebook wurde

Dieser Artikel ist ein Paradoxon: Er kommt viel zu spĂ€t und ist dennoch top-aktuell. Wenn ich vorhersagen könnte, welche Sendungen irgendwann in Form leicht verdaulicher Screenshots und Minivideos zu untoten Desinformationsschnipseln der Medienlandschaft verwesen, hĂ€tte ich der WDR-Dokumentation „Elektroautos – wie umweltfreundlich sind sie wirklich?“ schon vor 20 Monaten meine Aufmerksamkeit geschenkt. Kann ich aber leider nicht (DAS wĂ€re wirklich mal eine innovative Superkraft fĂŒr den nĂ€chsten Marvel-Film).

Die Situation war folgende: Die Dokumentarfilmer Florian Schneider und Valentin Thurn waren 2019 im Auftrag der ARD-Sendergruppe mit dem Flugzeug um die halbe Welt geflogen, um dem WDR-Publikum mit dem gesammelten Material zu erklĂ€ren, wie umweltschĂ€dlich E-Autos angeblich sind. Dieses Material fand sich folglich im Juni 2019 in der WDR-Dokumentation „Die Story im Ersten: Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten“ wieder, dessen irrefĂŒhrende Machart ich in meinem mittlerweile ĂŒber zwei Jahre alten Artikel ausfĂŒhrlich kritisiere.

Nun war ich lĂ€ngst nicht der Einzige, dem die groben Fehler und irrefĂŒhrenden Aussagen aufgefallen waren. Es gab eine Menge berechtigter Kritik an der Recherche, der Darstellung von Interviewpartnern, dem intransparenten Umgang mit Quellen und der grundsĂ€tzlich nicht vorhandenen Bereitschaft, jenseits von Standardfloskeln auf all diese VorwĂŒrfe zu reagieren.

Der WDR legte vielmehr die Selbstreflexion eines SĂ€uglings an den Tag und brachte sieben Monate spĂ€ter einfach ein „Update“ heraus. Update steht in AnfĂŒhrungszeichen, weil Doku-Kompost hier die zutreffendere Bezeichnung gewesen wĂ€re: Der absolute Großteil des „neuen“ Werks, das – sehr einfallsreich – nun auf den exakt gleichen Namen („Elektroautos – wie umweltfreundlich sind sie wirklich“) hörte, bestand schlicht aus dem alten Material, aber in einer anderen Reihenfolge und leicht verĂ€nderten Formulierungen. ErgĂ€nzt war es um wenige Minuten neues Material und zwei kurze Animationen, die mittlerweile tausendfach geteilt worden sind, funktionieren sie als scheinbarer Beweis dafĂŒr, wie heuchlerisch die Klimaschutz-Szene doch agiert.

Das war vor 20 Monaten aber leider nicht abzusehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade erst einen anderen Artikel zum Thema E-Autos veröffentlicht und beim Überfliegen des „Updates“ gesehen, dass hier alter Wein im neuen Schlauch prĂ€sentiert wurde, auf den ich ja ausfĂŒhrlich eingegangen war. Die Erinnerung war noch recht frisch, wie ich das erste Werk dazu viele, viele Male hintereinander ansehen musste, Zitate abtippte, entsprechend oft in ein Kissen schrie, die HintergrĂŒnde recherchieren musste, mir wiederholt ein Brett vor den Kopf schlug und schlussendlich in einem immer noch lesbaren Text 45 Minuten Bewegtbild einordnete. Mit anderen Worten: Meine Unlust, mich mit dem ganzen Wust nochmal zu beschĂ€ftigen, ĂŒberwog.

Wenn ich gewusst hÀtte, wie oft dieses Werk in Zukunft genutzt wird, um Erdölautos zu verteidigen, ich hÀtte mich zusammengerissen und mich direkt drangesetzt. Nun gucken sich die wenigsten Menschen die kompletten 44 Minuten an, viel beliebter ist stark komprimierter Instant-Unsinn, der euch hauptsÀchlich in drei Formen begegnet:

1. Die schludrige Zusammenfassung auf Grundschulniveau

Sie findet sich besonders oft kommentarlos in Facebook-StÀdtegruppen, aber auch Privatprofile posten sie so hÀufig, dass ich jede Woche mehrfach unter den Kopien markiert werde:

Schon verblĂŒffend: Seit 20 Monaten war der Beitrag jetzt „gestern in der ARD“, dabei wird man hier lediglich auf einen komplett toten Link der Sendung in der Mediathek verwiesen. Vorm Posten einmal kurz anklicken und prĂŒfen, ob der Link ĂŒberhaupt noch funktioniert, scheint zu viel verlangt.

Die unzulĂ€ssigen VerkĂŒrzungen bringen geradezu drollige Formulierungen hervor, wie z. B., dass 80.000 Liter Wasser „fĂŒr immer“ verschwĂ€nden. Entwarnung: Materie verschwindet nicht einfach. Wasser kann verdunsten, was dann ggf. in einer Region zu Trockenheit fĂŒhrt, aber es ist halt immer noch da. Fördert man Lithium in Verdunstungsbecken, verbraucht das in der Tat Wasser, aber die 80.000 Liter stammen aus einem Bericht von Brot fĂŒr die Welt und unterstellen viermal so viel Lithium pro Batterie, wie realistisch anzunehmen ist.

Ganz grundsĂ€tzlich stammt Lithium nur zu einem kleinen Teil aus Argentinien, wo der Wasserverbrauch vergleichsweise hoch ist. TatsĂ€chlich fördert Australien ungefĂ€hr siebenmal so viel Lithium und baut es in ganz gewöhnlichen Bergwerken ab, wo der Wasserbedarf eher unspektakulĂ€r ist. Ach ja, und wie viele deutsche E-Autos speichern ĂŒberhaupt 100 kWh? So große Batterien sind in der deutschen Zulassungsstatistik die klare Ausnahme.

Eine vollstÀndigere Liste der Fehler im Originalbeitrag findet ihr hier.

2. Das Kurzvideo mit der ErklĂ€rung, wie lange E-Autos fahren mĂŒssen, um gegenĂŒber Verbrennern im Vorteil zu sein

Wer dieses Standbild noch nie gesehen hat, war nie wirklich auf Facebook:

Es ist der Beginn einer (netto) 144 Sekunden langen Animation (um sie komplett zu sehen, mĂŒsst ihr ab 26:00 noch mal 38 Sekunden vorspulen, dann kommt der Rest), die die Ergebnisse einer Fraunhofer-Studie zusammenfasst. Solltet ihr sie euch gerade nicht ansehen können, hier das Transkript:

„Doch aktuell ist der Klimarucksack noch groß. Forscher des Fraunhofer ISI-Instituts haben fĂŒr die Story ausgerechnet, dass ein Elektroauto mit einer nur 40 Kilowattstunden großen Batterie, das mit Strom aus der Steckdose geladen wird, 72.000 Kilometer braucht, um einen CO2-Vorteil gegenĂŒber einem Benziner zu erreichen. Bei einer 58 Kilowattstunden großen Batterie sind es schon 100.000 Kilometer. Und ein E-Auto mit einer Batterie wie der des Audi-E-Tron fĂ€hrt stolze 166.000 Kilometer bis zu einem Klimavorteil. In diesem Fall im Vergleich zu einem Diesel. Auf die gesamte Lebensdauer gerechnet, sparen alle am Ende CO2. Doch gerade E-Autos mit großen Batterien mĂŒssen sehr lange dafĂŒr fahren.“

Nach dem Einschub mit BĂ€ckermeister (und Betreiber von Europas grĂ¶ĂŸtem Ladepark) SchĂŒren geht es weiter mit:

„Wenn sie aber mit 100 Prozent Solarstrom vom eigenen Dach betankt werden, schaffen es Elektroautos viel frĂŒher in den Klimavorteil. Der Kleinwagen mit 40 Kilowattstunden großer Batterie schafft das so schon nach 30.000 Kilometern. Das Mittelklasseauto braucht 43.000 und der große Stromer mit der großen Batterie nur noch 60.000 Kilometer. Und wenn dann auch noch die Batterie durch reinen Ökostrom hergestellt wĂŒrde, also extra fĂŒr die Herstellung produzierten Solar- oder Windstrom, könnte der CO2-Fußabdruck noch weiter sinken. Selbst das große E-Auto wĂ€re dann schon nach 35.000 Kilometern besser fĂŒrs Klima.“ (Nicht erwĂ€hnt aber im Bild zu sehen: Der Kleinwagen liegt dann bei 18.000 Kilometern und die Mittelklasse bei 26.000 Kilometern.)

Das Positive zuerst: Anstatt sich Zahlen auszuwĂŒrfeln, hat der WDR das Fraunhofer-Institut um Hilfe gebeten. Daraufhin hat das Institut bzw. Professor Martin Wietschel auf Basis der verfĂŒgbaren Daten im Jahr 2019 eine umfangreiche Analyse vorgelegt. Deutlich umfangreicher als der Beitrag vermuten lĂ€sst, denn die Doku geht nur auf einen bestimmten Teil der Berechnungen vom Fraunhofer-Institut ein. Das stand nĂ€mlich vor dem gleichen Problem wie alle anderen Organisationen, die den Klima-Impact von E-Autos vergleichen wollen: Wie viel Emissionen sollen fĂŒr die Batterieherstellung angesetzt werden?

Die Herstellung von Batteriezellen ist ein wenig zu kompliziert, um da einfach ein CO2-Preisschild dranzukleben: Rohstoffe werden sehr unterschiedlich gefördert und in dieser aktuellen Studie werden allein fĂŒr die anschließende Fertigung 13 verschiedene Prozessschritte auf ihre Emissionen hin ĂŒberprĂŒft, die dann von Hersteller zu Hersteller auch noch um GrĂ¶ĂŸenordnungen auseinanderliegen können. Auf die Frage „Wie viel CO2 emittiert eine Traktionsbatterie mit 50 kWh“ lautet die zutreffendste Antwort daher „kommt drauf an“.

Kommt drauf an, weil seriöse Studien hier keinen einzelnen Wert, sondern eine Spannweite errechnen: Diese Studie kam im Jahr 2019 zum Ergebnis, dass wir pro kWh Batterie 61 bis 106 kg CO2 emittieren. 61 kg CO2, wenn die Batteriezellenfabrik mit klimaneutralem Strom betrieben wird, 106 kg CO2, wenn der Strommix fĂŒr die Fabrik extrem klimaschĂ€dlich ist (1.000 Gramm CO2/kWh).

Professor Wietschel berĂŒcksichtigte das in seiner Arbeit, indem er nun einfach die CO2-RucksĂ€cke fĂŒr diese komplette Spannweite berechnet und zudem noch einen Worst Case mit aufnimmt fĂŒr die Batterien von Plugin-Hybriden. Deren Emissionen wurden (allerdings eher aufgrund der intransparenten Daten) auf einen sehr schlechten Wert von 146kg CO2/kWh Batterie geschĂ€tzt.

Ihr findet in seiner Berechnung daher fĂŒr alle Auto-Modelle drei Ergebnisse, eben fĂŒr 61, 106 und 146 kg CO2/kWh. Das war dem WDR offenbar etwas zu kompliziert, er hat seine Animation komplett auf Basis des Maximums fĂŒr vollelektrische Autos von 106 kg CO2/kWh erstellt (Studie Seite 7):

Das sind die 72.000 Kilometer und 100.000 Kilometer aus der Animation. Allerdings gelten diese Zahlen eben nur bei einem krass fossil ausgerichteten Strommix von 1.000 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Im Jahr 2019 lag dieser Wert fĂŒr Deutschland bei 401 Gramm pro Kilowattstunde. Direkt eine Seite zuvor sind die Werte einmal mit dem Minimum berechnet:


 und schwupps, werden aus 72.000 Kilometern eher 51.000 Kilometer bzw. aus 100.000 Kilometern fĂŒr das etwas grĂ¶ĂŸere Modell werden 68.000 Kilometer. Genau diesen Zusammenhang beschreibt Prof. Wietschel dort auch: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Höhe der THG-Emissionen der Batterieproduktion einen deutlichen Einfluss darauf hat, wie lange ein Fahrzeug fahren muss, um den Break Even Point [
] zu erreichen.“ Davon erfahre ich als WDR-Zuschauer an der Stelle nichts.

Das gleiche Spiel spielt die Dokumentation dann nochmals fĂŒr den Fall, dass die Autos mit Solarstrom geladen werden. Sie kommt dann auf benötigte Fahrstrecken von 30.000, 43.000 und 60.000 Kilometer, bis die GefĂ€hrte einen Klimavorteil erreicht haben. Das ist laut Studie aber ebenfalls nur dann der Fall, wenn die Batteriezellen mit nahezu 100 Prozent Kohlestrom hergestellt werden (siehe Seite 7 und 9). Ganz am Ende wird dann eingerĂ€umt, dass sich die Strecken nochmal auf 18.000, 26.000 und 35.000 Kilometer reduzieren, wenn die Batteriefabriken klimaneutral betrieben werden (Die RealitĂ€t dĂŒrfte sich aktuell zwischen diesen Zahlen befinden).

Dass die Studie auch berechnet hat, wie viel klimaschonender E-Autos mit dem deutschen Strommix von 2030 fahren werden und wie gut diese Zahlen aussehen, erfahren wir beim WDR nicht. und das, obwohl der Strommix fĂŒr das Jahr 2030 sogar noch pessimistischer angesetzt wurde als der Koalitionsvertrag des Kabinetts Scholz vermuten lĂ€sst.

Hinzu kommt, dass neue Batterien voraussichtlich sensationell lang genutzt werden können. Hier spricht Dr. Jeff Dahn ĂŒber die Tests an der neuesten Generation von Lithium-Ionen-Batterien und verweist auf die schwarze Kurve in seinem Diagramm. Es ist nur keine Kurve, es ist eher einer Gerade:

Screenshot, Quelle

Er hat seinen neuen Prototypen hierfĂŒr 15.000-mal zu 25 Prozent entladen und wieder aufgeladen und kann kaum eine nachlassende KapazitĂ€t messen. Und genau diese 25 Prozent sind der Rahmen, in dem sich die meisten Menschen beim tĂ€glichen Pendeln ohnehin bewegen.

Mit anderen Worten: Diese Batterien werden voraussichtlich viele 100.000 Kilometer nutzbar sein. Break-Even-Rechnungen sind ohne die Betrachtung der Gesamtlebensdauer daher immer etwas unvollstĂ€ndig. Ja, die Batterie mag ein paar 10.000 Kilometer benötigen, um den Klimaschaden ihrer Produktion wieder rauszufahren, aber wenn sie danach 500.000 oder eine Million Kilometer im Dienst ist, dann spielt das doch kaum eine Rolle. Der Eindruck des WDR-Publikums dĂŒrfte nach „Doch aktuell ist der Klimarucksack noch groß.“ ein komplett anderer sein.

GrundsĂ€tzlich ist die Formulierung „mit Strom aus der Steckdose“ auch wirklich drollig. Damit meinen die WDR-Leute den deutschen Strommix. Fun Fact: Auch Solar- und Windstrom kommen aus irgendeiner Steckdose/Wallbox oder vielmehr einem Kabel, z. B. dem, das BĂ€ckermeister SchĂŒren im Beitrag in der Hand hĂ€lt, um die werkseigenen Lieferwagen aufzuladen.

3. Das Video mit der Aufstellung der Rohstoffe

Ab Minute 32:56 bekommen wir ebenfalls eine neue Animation zu sehen, also eine, die in der ursprĂŒnglichen Dokumentation noch nicht enthalten war. Zu dĂŒsterer Musik lautet der Text aus dem Off:

„FĂŒr die Herstellung eines Elektroautos wird doppelt so viel Umwelt zerstört wie bei einem Auto mit Verbrennungsmotor. Bei Benzinern und Dieseln kommt ĂŒberwiegend Stahl zum Einsatz, schon dafĂŒr wird viel Umwelt zerstört. Beim E-Auto sind es vor allem die Batterierohstoffe, die noch grĂ¶ĂŸere ökologische SchĂ€den anrichten. Und je grĂ¶ĂŸer die Batterie desto grĂ¶ĂŸer der Umweltschaden. FĂŒr Forscher ist damit klar: Ökologisch gesehen ist der Trend zu Elektroautos mit immer grĂ¶ĂŸerer Reichweite Unsinn. FĂŒr das Klima und die Umwelt.“

Bebildert ist diese Passage hiermit:

An dieser Stelle wĂ€re es schön, wenn wir alle eine Kerze anzĂŒnden wĂŒrden fĂŒr Menschen, die viel Energie und Liebe in das Anfertigen schöner, leicht verstĂ€ndlicher Diagramme stecken und beim Anblick dieses grafischen Komplettunfalls vermutlich in eine trĂ€nenreiche Heulattacke ausbrechen, um den Rest des Tages mit einem XXL-Becher Eiscreme unter der Dusche zu verbringen. Es tut mir leid, das habt ihr nicht verdient.

Fairerweise ist dem Grafikteam hier vermutlich der kleinste Vorwurf zu machen, denn wenn die Redaktion ihm als Grundlage nur einen schlampig zusammengeschusterten MĂŒllhaufen an Informationen zur VerfĂŒgung stellt, was soll es dann machen? Shit in shit out


Mein Physiklehrer aus der siebten Klasse hĂ€tte diese wunderliche Aufstellung schon mal nicht akzeptiert, weil sie gar keine Einheiten hat. Vermutlich soll das die zerstörte Umwelt darstellen, also entspricht der linke Haufen vermutlich ca. 415 Kilo-Umwelt und rechte 830 Kilo-Umwelt? Oder war das doch mehr? Mist, ich muss mal wieder nach Paris ins Internationale BĂŒro fĂŒr Maß und Gewicht und checken, wie groß ein Ur-Umwelt noch mal war.

Und soll hier ernsthaft irgendwer erkennen, wie viel der einzelnen Substanzen das darstellen soll? Nein, vermutlich nicht, denn die einzelnen, unterschiedlich eingefĂ€rbten / gemusterten Bereiche spiegeln nie im Leben die tatsĂ€chlichen Relationen wider – den dicken Platin-Klops oben auf dem linken Haufen könnte sich kein Mensch leisten, ein VW Polo wĂŒrde dann mehrere hunderttausend Euro kosten. Dementsprechend kann anhand dieses Machwerks auch niemand vergleichen, welche Antriebsart welche Rohstoffe benötigt.

Und wer in aller Welt hat die einzelnen Elemente zusammengestellt? Sollte es mal Verbrenner-Autos gegeben haben, die nur aus Eisen, Platin, Stahl (?), Kupfer und Erdöl bestanden, so ist das lange her. In der Batterie ist Blei, der Motorblock und diverse Bauteile bestehen aus Aluminium, der Katalysator enthĂ€lt Palladium und Rhodium. Auch Magnesium, Titan, Chrom und diverse Legierungen mit Mangan, Zink oder Silicium kommen zum Einsatz. Und seit wann ist Stahl ein Element? Die fĂŒhren hier ernsthaft Eisen auf und beschriften einen anderen Bereich mit „Stahl“, der nun mal aus Eisen besteht. Das Ganze wirkt wie ein ĂŒbernĂ€chtigt hingeschludertes Diagramm aus der Mittelstufe.

Aber viel wichtiger: Die ganze Grafik wirkt massiv irrefĂŒhrend, da eine reine Betrachtung der Auto-Produktion den Großteil der verwendeten Rohstoffe komplett ausblendet: Die, die beim Tanken und Aufladen der Vehikel benötigt werden. Ja, der Beitrag sagt, dass hier die „Herstellung eines Elektroautos“ betrachtet wird, aber am oben besprochenen Facebook-Ausschnitt könnt ihr schön sehen, wie diese Information verarbeitet wird: „Das E-Auto braucht fast doppelt so viel Rohstoffe“ steht da, und das sei ja „ökologischer Unsinn“.

Toll nachgeplappert, lieber Manfred, aber hier kommt die unbequeme Wahrheit: Benzin lĂ€uft nicht einfach so in deinen Tank, weil ARAL einen Replikator aus Star Trek in der ZapfsĂ€ule verbaut hat, sondern indem Menschen jeden Tag Millionen Liter Erdöl in Raffinerien zu Benzin cracken und dann zu dir fahren. Was wĂ€hrend eines Autolebens mit Verbrennungsmotor eben einem riesigen Haufen Rohstoffe entspricht. Wie viel Rohstoffen? So viel Rohstoffen (das vielen ÖlfĂ€sser rechts):

Quelle Seite 14

Der winzige Klumpen auf der linken Seite symbolisiert die Menge Material, die eine Traktionsbatterie fĂŒr ein E-Auto benötigt. Wenn in Zukunft die Rohstoffe aus alten Batterien recycelt werden, ist noch mal deutlich weniger. Komisch, sieht jetzt irgendwie gar nicht mehr nach ökologischem Unsinn aus. Zugegeben, Transport & Environment macht es sich hier etwas einfach, denn sie gehen hier einfach davon aus, dass die Stromerzeugung ohne Rohstoffe auskommt. Ich habe es deswegen mal erweitert um die Rohstoffe, die ein mit deutschem Strommix von 2020 beladenes E-Auto verbraucht hĂ€tte:

Links: Rohstoffbedarf fĂŒr das Beladen eines E-Autos mit deutschem Strommix ĂŒber 225,000 km (1,5 Tonnen Kohle, 500 mÂł Erdgas, 10 Liter Öl, 140 kg Baumaterial fĂŒr Kraftwerke, 160 kg Material fĂŒr eine recycelte Batterie

Rechts: Rohstoffbedarf fĂŒr das Beladen eines Autos mit fossilem Kraftstoff ĂŒber 225,000 km (12,5 Tonnen Ressourcen

Ihr könnt euch jetzt fĂŒr die Produktion der Autos gerne noch ein bis zwei Tonnen Ressourcen dazu denken, aber an der grundsĂ€tzlichen Relation Ă€ndert das auch nichts mehr: Das Erdölauto verbraucht selbst dann ein Vielfaches der Rohstoffe, wenn es genauso lange hĂ€lt wie ein E-Auto. Was es wie oben beschrieben höchstwahrscheinlich bald nicht mehr tut:

Wenn die kommenden Batterien dann so robust werden wie der Batterieforscher im Test zeigen konnte, halten die lÀnger als die Karosserie, so dass diese Autos locker 600.000 km oder noch lÀnger gefahren werden können. Dann ist die ganze Rechnung ohnehin obsolet, denn bei modernen Erdölautos wird aufgrund der immer komplexeren Bauweise eine durchschnittliche Laufleistung von 200.000 Kilometern erwartet.

Bedeutet: FĂŒr 600.000 Kilometer Fahrt könnt ihr (bei obiger SchĂ€tzung) in Zukunft ein E-Auto oder drei Erdöl-Autos bauen, was dann auch dreimal so viel Ressourcen verbraucht. Und das nach heute entwickelter Technik. der Witz ist nur: In kaum einem Wirtschaftsbereich ist der Entwicklungsdruck aktuell so hoch wie in der Batteriefertigung, so dass hier noch einiges passieren kann. Zum Beispiel könnte Volkswagen in Zukunft auch klimaneutral gefördertes Lithium aus dem Oberrheingraben verwenden. Ach lustig, werden sie voraussichtlich ab 2026 auch.

Es ist daher plausibel, dass die alte Erdöl-Technologie schon bald sowohl in der Herstellung als auch im Verbrauch die umweltschĂ€dlichere Variante ist. Die zentrale Schlussfolgerung des WDR-Beitrags somit komplett fragwĂŒrdig. Der Fairness halber sei hier angemerkt, dass ich hier mit dem Wissen des Jahres 2021 einen Beitrag von Anfang 2020 kritisiere, nur hindert das Alter der Dokumentation ja leider auch niemanden, sie auch heute noch hervorzukramen und so zu tun, als sei die Entwicklung seitdem stehengeblieben.

Zu guter Letzt wird dann noch Harald Lesch als Anwalt gegen das E-Auto hervorgekramt, aber auch das ist nicht mehr aktuell. Der von mir hochgeschĂ€tzte Professor Lesch (keine Ironie) hat zugegeben, in dieser Frage seine Meinung geĂ€ndert zu haben. Es gehört sehr viel GrĂ¶ĂŸe dazu, so einen Fehler einzugestehen, was ich ihm hoch anrechne.

So, und als sei das alles nicht schon krude genug, haben sich ein paar mutmaßliche Fridays for Hubraum-Aktivisten hingesetzt, und diese irrefĂŒhrende Dokumentation nochmal so zusammengeschnitten, dass sie echt noch irrefĂŒhrender ist. Es ist, als wĂŒrde jemand einen echt entsetzlichen Song von Nickelback nehmen und den noch mal covern, indem der grauenvoll prĂ€tentiöse Text durch eine Trump-Rede ersetzt wird.

Dieser Zusammenschnitt ist ein Renner auf Facebook und wann immer er mal wieder hochgeladen wird, gibt es wĂŒtende Zustimmung, Empörung und er wird tausendfach geteilt, runtergeladen, auf WhatsApp wieder hochgeladen, wo er Onkel Hartmut und Tante Liesbeth mit dem GefĂŒhl zurĂŒcklĂ€sst, sich jetzt richtig gut auszukennen. Gebt einfach in der Facebook-Suchmaske „e-autos video wdr“ ein und ihr bekommt diese Liste mit lauter Bekundungen, wie dumm E-Autos seien und Videos von AfD-Politikern, die stolz verkĂŒnden, dass die „Mainstream-Medien“ ihnen jetzt recht geben. Keine Ahnung, warum das wichtig ist fĂŒr eine Partei, laut der die Mainstream-Medien ja ohnehin immer lĂŒgen, aber okay


Der Zusammenschnitt pickt sich schlicht nur die Zahlen raus, in denen Erdöl-Autos mit E-Autos verglichen werden, die deutschen Strommix laden und mit dem denkbar klimaschĂ€dlichsten Strommix hergestellt worden sind. Alle anderen Berechnungen aus Beitrag oder Studie werden dem Publikum verschwiegen, es werden nur die fĂŒr E-Autos schlechtesten Zahlen gezeigt. Dann folgt die Passage ĂŒber die Rohstoffe und der veraltete Kommentar von Harald Lesch.

Das Ergebnis sehen wir in allen Kommentarspalten, in denen es um E-MobilitĂ€t geht. Menschen wettern dort gegen alles Elektrische, weil das ja gar nicht dem Klima helfe und ganz viele Rohstoffe verbrauche. Die beißende Ironie, dass die in ihren Autos jeden Tag ganz selbstverstĂ€ndlich den kritischen Rohstoff Erdöl verbrennen, ist ihnen selbst nicht klar.

Bleibt die Frage: Warum lĂ€sst der WDR bei Valentin Thurn ĂŒberhaupt so einen Unsinn produzieren? Warum geht er nicht gegen diesen Missbrauch des eigenen Materials vor? Und wieso gibt er auf die berechtigte Kritik am ersten Werk nur dieses schlampig recherchierte „Update“ beim selben Filmemacher in Auftrag?

Auf meine RĂŒckfragen hin, wie er zu all seinen Aussagen kommt, hat Valentin Thurn mir bislang nicht geantwortet.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

Damit der hiesige Blogger sein Leben dem Schreiben revolutionĂ€rer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier ein paar Euro UnterstĂŒtzung zukommen lassen. Er wĂ€re dafĂŒr sehr dankbar und wĂŒrde Dich dann ebenfalls namentlich erwĂ€hnen – sofern Du ĂŒberhaupt willst.

Breaking News: Jugend nicht so grĂŒn, wie ein paar alte MĂ€nner dachten

Stellt euch vor, bei euch im BĂŒro oder der Fachschaft geht auf einmal das GerĂŒcht rum, ihr nehmet es mit eurer Körperhygiene nicht so genau, weil die Firmen -oder Campuszeitung getitelt hat „Anneliese Unterberg wĂ€scht sich seltener als gedacht!“. Ihr sprintet also zum vierschrötigen Chefredakteur und stellt ihn zur Rede, immerhin duscht ihr ja tĂ€glich. „Ach so“, erwidert der, „aber wir DACHTEN halt, du wĂ€schst dich hĂ€ufiger. Tja, blöd gelaufen.“

Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass das ein fiktives Beispiel ist, oder? Nicht auszudenken, wenn irgendwer auf Basis dieser unseriösen Herangehensweise eine Studie herausgĂ€be, diese allen großen Redaktionen des Landes schickte, welche diesen Quatsch dann unkritisch ĂŒbernĂ€hmen. Genau das ist aber leider passiert. Nur geht es nicht um Körperhygiene, sondern darum, wie „grĂŒn“ die heutige Jugend eigentlich ist.

Es ist wohl eine der beliebtesten Geschichten, die meine Generation sich selbst erzĂ€hlt, um sich die eigene TrĂ€gheit in Bezug auf die Klimakrise schönzureden: Weil Jugendliche selbst auch das Klima belasten, sollen sie von der Politik gefĂ€lligst keine Klimaschutz-Maßnahmen fordern. Und obwohl die Stichhaltigkeit dieses Arguments nicht wirklich mehr hermacht als „EierbĂ€tsch, selber doof!“, findet sie in der Bevölkerung und vielen Redaktionen gruselig viel Anklang.

Nach dieser naiven Maßgabe dĂŒrften sich ja nur Menschen mit perfekter LebensfĂŒhrung fĂŒr bestimmte VerĂ€nderungen stark machen: FĂŒr ein Tempolimit dĂŒrfte nur eintreten, wer nie zu schnell fĂ€hrt. Eine Lebensmittelampel darf nur fordern, wer seinen eigenen Zuckerkonsum unter Kontrolle hat, und fĂŒr verbindliche Lieferkettengesetze darf nur sein, wer keine Elektronikprodukte zu Hause hat. Also quasi niemand.

WĂ€hrend die meisten Leute euch einen Vogel zeigen wĂŒrden, wenn ihr solche Bedingungen aufstellen wĂŒrdet, schlĂŒpft der exakt gleiche Unsinn beim Thema Klimaschutz durch das Logikzentrum vieler Leute. Noch schlimmer: Obwohl junge Menschen in einer Studie Antworten gegeben haben, die eine ĂŒberdurchschnittlich nachhaltige Lebensweise nahelegen, zitiert die halbe Medienlandschaft diese Studie damit, dass die Jugend nicht so grĂŒn ist „wie gedacht“.

Wer da was gedacht hat und ob das vielleicht von Beginn an grandioser Unsinn war, scheint nicht so wichtig. Wir lesen: „Jugend nicht so grĂŒn wie gedacht“ (Tagesschau), „Klimaschutz? Aber nicht ohne mein Auto“ (Spiegel), „Studie: Jugend nicht so „grĂŒn“ wie angenommen“ (Arte), „Nicht so „grĂŒn“ wie gedacht“ (F.A.Z.) „Jugend in Deutschland: Doppelmoral unter dem grĂŒnen MĂ€ntelchen“ (Neue OsnabrĂŒcker Zeitung), „Jugend nicht so „grĂŒn“ wie angenommen“ (Stuttgarter Zeitung).

In den Kommentarspalten wird frohlockt, wie heuchlerisch und blöde die Jugend doch sei, alte MĂ€nner Ă€tzen gegen Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Carla Reemtsma und ĂŒberhaupt habe man ja schon immer gewusst, dass von dieser Klimajugend nichts zu halten ist. Tja, pauschal auf junge Menschen schimpfen geht halt immer. Der doppelte Haken an der Sache: Die Ergebnisse dieser Studie lassen den vielfach zitierten Schluss gar nicht zu. Es wirkt so, als hĂ€tte keine der genannten Redaktionen sie jemals gelesen.

Was ist das ĂŒberhaupt fĂŒr eine Studie? Es handelt sich um eine Trendstudie mit dem Namen „Jugend in Deutschland“, die mittels einer Online-Befragung die Einstellungen von 1014 Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren abgefragt hat. Studienleiter ist ein gewisser Simon Schnetzer, laut Studienseite ist er „fĂŒhrender Jugendforscher in Europa“ und hat viele zufriedene Kunden, darunter Google, TikTok, die IG Metall und Kirche (sic). Erstaunlich, dass der laut eigenen Angaben fĂŒhrende Jugendforscher Europas gar kein entsprechendes Studium der Sozialwissenschaften abgeschlossen hat, sondern VWL studiert hat und seine FĂŒhrungsposition in der Jugendforschung mit dem Wissen aus „Workshops“ erlangt haben will. Zudem ist die Studie nirgends publiziert, außer auf der Homepage von Simon Schnetzer, wo man sie dann auch fĂŒr 29 Euro kaufen muss, wenn man sie lesen will.

Keine Sorge, ihr mĂŒsst sie nicht kaufen, eine sehr nette Supporterin hat mir schneller 30 Euro gespendet, als ich „wollen wir zusammenlegen?“ in die Facebook-Gruppe „EuropĂ€ische Energiewende“ schreiben konnte. Aber was steht denn nun drin? Wie „grĂŒn“ ist die deutsche Jugend und was dachte Simon Schnetzer, wie „grĂŒn“ sie ist? Und wieso soll es fĂŒr eine objektive Beurteilung ĂŒberhaupt wichtig sein, fĂŒr wie „grĂŒn“ Simon Schnetzer, Jahrgang 1979, die Jugend hĂ€lt?

Die Studie ist unterteilt in 3 Abschnitte, Corona, Klima, Politik. Teil 2, also Klima, beginnt so:

„Die von Angehörigen der jungen Generation initiierte Umweltbewegung hat in den letzten vier Jahren mit vielen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Selbst wĂ€hrend der Corona-Pandemie hat die Organisation Fridays for Future immer wieder gezielte Kampagnen durchgefĂŒhrt, um auf die Bedeutung von Umweltschutz und die Notwendigkeit der BekĂ€mpfung des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Hierdurch ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, die junge Generation habe insgesamt ein grĂ¶ĂŸeres Interesse an der Sicherung der natĂŒrlichen Grundlagen des Lebens als die mittlere und Ă€ltere Generation in Deutschland.“

Und diesen Eindruck wollen die Studienautoren nun ĂŒberprĂŒfen, indem sie das persönliche Konsumverhalten von jungen Menschen untersuchen. Es gibt zwei GrĂŒnde, warum dieses Framing hochproblematisch ist:

  1. Es vermittelt der Öffentlichkeit, dass nur solche Menschen politische VerĂ€nderung fordern dĂŒrfen, die selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

    Wie schon eingangs erwĂ€hnt, ist das eine vollkommen naive, nicht praktikable Vorstellung von politischer Teilhabe. Oft sind die UmstĂ€nde, die wir mit effektiver Klimapolitik zu beseitigen versuchen, ja genau der Grund fĂŒr unseren hohen persönlichen CO2-Impact. Forderte ich beispielsweise, den ÖPNV auszubauen, wĂ€re es irgendwie nicht zielfĂŒhrend, mir vorzuwerfen, dass ich selbst ja mit dem Auto zur Arbeit fahre. Genau das zu Ă€ndern ist ja nun mal das Ziel meiner Forderung.

    Vollends absurd gerÀt das Ganze, wenn man sich klarmacht, wieviel CO2-Emissionen Àhnlich strukturell bedingt sind und damit von uns, den Àlteren Generationen, mitverursacht werden.

  2. Es vermittelt der Öffentlichkeit, die Klimakrise sei mit persönlichem Verzicht lösbar.

    Ja, jedes eingesparte Gramm CO2 hilft, die ErderwĂ€rmung auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. Es spricht also nichts dagegen, auch heute schon so klimaschonend wie möglich zu leben, aber als Ansatz zur Lösung der Krise reicht das nicht mal annĂ€hernd. Ich persönlich esse keine Tierprodukte, bewege mich zu 90 Prozent mit FĂŒĂŸen und Fahrrad fort, bewohne mit Ökostrom versorgte 34 mÂČ pro Person und dennoch liegt mein Impact bei 4,5 Tonnen CO2 im Jahr.

    Und das bleibt so, solange unsere Gesellschaft noch mit fossiler Energie lĂ€uft, da kann ich mich so sehr einschrĂ€nken, wie ich will. Irgendwann sind GebrauchsgĂŒter am Ende ihres Lebenszyklus angekommen und dann brauchen wir eben neue Busse, neue Möbel, neue Batterien und neue Heizungen. Die Rohstoffe fĂŒr diese GebrauchsgĂŒter werden aktuell fossil aus der Erde gegraben, in Fabriken mit fossiler Energie verarbeitet und dann fossil zu uns transportiert. Sparsam ist nett, aber CO2 wirkt kumulativ. Ohne einen echten Umbau der Gesellschaft ist das also alles nur ein Aufschub des Problems. Das, was in den Kommentarspalten gerne als „Heuchelei der Klimakids“ bezeichnet wird, ist also in Wirklichkeit deren grĂ¶ĂŸter, sinnvollster Hebel, um echte VerĂ€nderungen zu bewirken.

Das Seltsame daran: Sowohl Schnetzer als auch der Co-Autor Prof. Klaus Hurrelmann scheinen der jungen Generation gegenĂŒber recht wohlgesonnen zu sein und machen in Interviews auf deren schwierig Lage durch gleich mehrere Krisen (Corona, Klima, Politik) aufmerksam. Sie fordern mehr Aufmerksamkeit fĂŒr deren Themen und mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr ihre von mehreren Seiten bedrohte Lage. Vielleicht können sich die Herren fĂŒr die nĂ€chste Ausgabe ja einen Medienprofi ins Team holen, um der Jugend nicht noch so einen BĂ€rendienst zu erweisen.

Und wenn sie gerade dabei sind, können sie sich vielleicht noch etwas Beratung in Klimafragen einkaufen, denn in der Online-Umfrage werden eine Menge Dinge abgefragt, die mit effektivem Klimaschutz kaum etwas zu tun haben oder bezogen auf die Altersgruppe bizarr anmuten:

„Was tust du konkret, um Klima und Umwelt zu schĂŒtzen?“

ist die erste Frage und darunter finden sich dann z. B. Antworten wie „MĂŒlltrennung“, „Öko-Strom aus erneuerbarer Energie beziehen“, „Verzicht auf Einweg-Plastik“, „Kompensationszahlungen fĂŒr CO2-Verbrauch“. Aua:

Quelle: Trendstudie „Jugend in Deutschland – Winter 2021/22″ | N = 1.014, reprĂ€sentativ fĂŒr 14- bis 29-JĂ€hrige in Deutschland“, Seite 14

MĂŒlltrennung ist gut, hat aber einen sehr ĂŒberschaubaren Einfluss auf unsere Klimabilanz. (Echter) Ökostrom ist vermutlich wirklich eins der effektivsten, persönlichen Mittel, aber welche 15-JĂ€hrigen haben einen eigenen Stromvertrag (48 Prozent der Befragten leben noch bei ihren Eltern)? Auch die Wirkung von Einwegplastik ist je nach Menge kaum ausschlaggebend (in Bezug auf das Klima) und mit welchem Geld Jugendliche CO2-Kompensationszahlungen leisten sollten, ist mir auch nicht klar. Zudem wird das CO2 emittiert, nicht verbraucht (!).

Die nĂ€chste Frage lautet „Welchen Beitrag zum Umweltschutz bist du bereit durch persönlichen Verzicht oder VerhaltensĂ€nderung zu leisten?“, die Optionen können mit „ja“, „vielleicht“ und „nein“ beantwortet werden. Eine irgendwie recht hypothetische Fragestellung, denn laut Umfragen sind Deutsche zu einer ganzen Menge Dinge bereit, auch zu FrĂŒhsport, anteilig mehr Biofleisch und weniger Autofahrten. Ob sich in der RealitĂ€t an solche VorsĂ€tze gehalten wird, steht dann auf einem ganz anderen Blatt.

Wie auch immer, die Ergebnisse dieser Frage konnten wir in allen oben verlinkten Artikeln lesen:

Rund ein Viertel (26 Prozent) ist bereit, konsequent auf Fleisch zu verzichten. Dauerhaft auf alle tierischen Produkte verzichten wollen hingegen nur 16 Prozent.

Schrieb die Tagessschau und findet offenbar, dass das recht wenig ist. Ist es? Naja, 26 Prozent antworteten auf die Frage mit „ja“ und weitere 27 Prozent mit „vielleicht“. Es sind also 53 Prozent, die eine ErnĂ€hrung ohne Fleisch zumindest in ErwĂ€gung ziehen, was verglichen mit dem hohen Fleischkonsum der Gesamtbevölkerung ein sensationell hoher Wert wĂ€re. Wie passt das also zum Tagesschau-Claim „Jugend nicht so grĂŒn wie gedacht“?

Quelle: Trendstudie „Jugend in Deutschland – Winter 2021/22″ | N = 1.014, reprĂ€sentativ fĂŒr 14- bis 29-JĂ€hrige in Deutschland“, Seite 15

Nun, die zĂ€hlt halt nur die „ja“-Antworten und orientiert sich zudem an der wirklich merkwĂŒrdigen Erwartungshaltung des Co-Autors, der sich in Interviews so ausdrĂŒckt:

„Die Vorstellung, die wir Älteren haben: Dass sich fast nur vegan und vegetarisch in der jungen Generation ernĂ€hrt wird und das Auto nicht mehr benutzt wird [
]. Umso ĂŒberraschender war es fĂŒr mich zu sehen, dass sie eine Minderheitengruppe ist und es noch nicht geschafft hat, die Mehrheit auf ihre Seite zu ziehen.“

Aha. Wieso geht ein Professor der Soziologie einfach davon aus, in der jungen Generation ernÀhrten sich fast alle vegetarisch oder vegan? Ist nicht genau das etwas, das es im Rahmen soziologischer Forschung herauszufinden gilt bzw. wozu andere Forscher:innen bereits entsprechende Erkenntnisse gesammelt haben? Liest der Mann zur Abwechslung nicht auch mal, was seine Kolleg:innen so erarbeitet haben?

Selbst die Umfragen mit den höchsten Quoten ermitteln in der Gesamtbevölkerung 10 Prozent Vegetarier:innen und 2 Prozent Veganer:innen. Laut der jÀhrlichen Marktanalyse des renommierten Marktforschungsinstituts Allensbach stieg der Anteil der sich vegan ernÀhrenden Menschen von 0,85 Prozent im Jahr 2015 auf 1,13 Prozent im Jahr 2020.

Die Annahme, in der jungen Generation wĂŒrde sich nur vegan und vegetarisch ernĂ€hrt, ist also gerade aus soziologischer Sicht eine sehr, sehr steile These. Und im VerhĂ€ltnis zur Grundgesamtheit aller Deutschen ist das Ergebnis der Studie, dass 16 Prozent der jungen Menschen bereit sind, dauerhaft auf tierische Produkte zu verzichten und weitere 33 Prozent diese Frage mit „vielleicht“ beantworten, ein krasser Kontrast. „Jugend nicht so grĂŒn wie gedacht“ ist hier also synonym fĂŒr „Anteil der sich vegan ernĂ€hrenden Jugendlichen nur 16-mal grĂ¶ĂŸer als bei Älteren“, was genauso plemplem klingt, wie die eigentliche Schlagzeile ist.

ErgĂ€nzt wird dieser Themenkomplex in Punkt 3.4 mit der Frage „Wie hast du dich in den letzten 7 Tagen ernĂ€hrt?“, was die SchwĂ€che der vorherigen Fragestellung offenbart: Rein vegetarisch ernĂ€hren sich demnach 15 Prozent der Befragten und rein vegan 4 Prozent (was immer noch eine deutliche Steigerung wĂ€re).

Auch in Bezug auf die MobilitĂ€t scheinen sich die Herren hinter dieser Studie derartig in einer absonderlichen Idealisierung der Jugend verheddert zu haben, dass sie von vollkommen erwartbaren Ergebnissen ĂŒberrascht sind. Gefragt wurde „Wie hĂ€ufig hast du in den letzten 7 Tagen die folgenden Verkehrsmittel genutzt?“, um dann in den Antworten fröhlich Nah- und Fernverkehr miteinander zu vermischen:

Quelle: Trendstudie „Jugend in Deutschland – Winter 2021/22″ | N = 1.014, reprĂ€sentativ fĂŒr 14- bis 29-JĂ€hrige in Deutschland“, Seite 16

So ĂŒberrascht es eigentlich nicht, dass Fernzug und Fernbus eher niedrige ProzentsĂ€tze erreicht. Soll ja gerade wĂ€hrend einer Pandemie eine Menge Menschen geben, die innerhalb von sieben Tagen schlicht keine Fernreise unternehmen. Insofern ist fraglich, wie vergleichbar diese Ergebnisse ĂŒberhaupt sind. Aber zurĂŒck zur nicht so grĂŒnen Jugend:

AuffĂ€llig sei laut den Autoren, dass 40 Prozent der Befragten tĂ€glich oder mehrfach mit dem eigenen Auto unterwegs gewesen seien. Die starke HĂ€ufigkeit der Nutzung des Autos mache „unzweifelhaft deutlich, welche SchlĂŒsselrolle diesem Verkehrsmittel nach wie vor zukommt.“ Fun Fact: 21 Prozent der Befragten waren jĂŒnger als 18, vermutlich ist der Prozentsatz unter den 18- bis 29-JĂ€hrigen also noch mal ein paar Prozentpunkte höher.

Aber gut, die Herren Schnetzer und Hurrelmann finden ja schon 40 Prozent „auffĂ€llig“ viel. Die 40 ist zugegeben eine große Zahl, sogar grĂ¶ĂŸer als 39 und 38,5 (das muss man sich mal vorstellen) und damit quasi der Beweis fĂŒr eine nicht so grĂŒne Jugend. Aber nur um ganz sicher zu gehen: Wie viel Prozent der Deutschen benutzen das Auto denn mindestens dreimal pro Woche? Leider gibt es aufgrund der Antwortmöglichkeiten keine guten Vergleichsdaten fĂŒr exakt diese Frage, aber bezogen auf die tĂ€gliche Nutzung gibt es sie: WĂ€hrend 18 Prozent in der Jugendstudie angaben, fast tĂ€glich ein Auto zu benutzen, liegt dieser Prozentsatz in der Gesamtbevölkerung bei 50 Prozent (Quelle: „MobilitĂ€t in Deutschland, Seite 56)“.

Unter den jungen Deutschen finden sich verglichen mit der Gesamtbevölkerung also nur gut halb so viele Menschen, die mindestens dreimal pro Woche mit dem Auto unterwegs ist, und trotzdem wird ihnen vorgeworfen, nicht grĂŒn genug zu sein?! Was fĂŒr ein seltsames Anspruchsdenken ist hier am Werk, das von einer jungen Generation fordert, all die Dinge konsequent zu 100 Prozent zu unterlassen, die von den Ă€lteren Generationen frenetisch zelebriert werden?

Junge Menschen werden hier in eine Gesellschaft hineingeboren, die verrĂŒckt nach Tierfleisch und Autos ist, die vegetarische und vegane ErnĂ€hrung kĂŒnstlich verteuert und bekĂ€mpft und MobilitĂ€t ohne Auto irrwitzig verkompliziert und gefĂ€hrlich macht. Und jetzt finden zwei Forscher heraus, dass diese ihre Fleisch- und Autonutzung dennoch viel stĂ€rker einschrĂ€nken als wir Älteren das tun, und dennoch meckern die jetzt, dass das nicht genug sei. Uff.

Es ist, als wĂŒrden ein paar Eltern ein Kinderzimmer mit SĂŒĂŸigkeiten und Fanta vollstellen, das Obst im Keller aufbewahren und dann beobachten, dass das Kind trotzdem in den Keller geht und sich da regelmĂ€ĂŸig Obst und Leitungswasser holt. Und dann kommentieren sie es auf Facebook mit „Unser Kind ernĂ€hrt sich nicht so gesund wie gedacht“, haben dabei selbst 200 Gramm Gammelfleisch im Mund und bekommen von allen Freunden und Bekannten Recht, wie verwahrlost die Jugend doch ist. Wie wenig souverĂ€n kann ein Jahrgang mit den eigenen Fehlern umgehen? Meine Generation: Ja!

37,5 Prozent der Befragten von „Jugend in Deutschland“ leben ĂŒbrigens in Dörfern und KleinstĂ€dten und haben dann dieselben Probleme wie wir Älteren: kaputtgesparter und teurer ÖPNV, kaum Radwege, kaum Sharing-Angebote, aber feste Uhrzeiten, zu denen es in Uni, Berufsschule oder am Arbeitsplatz zu sein gilt. Wer ein System aufbaut, in dem viele Menschen von privatem Autobesitz abhĂ€ngig sind, was passiert dann wohl? Richtig, viele Menschen kaufen sich ein Auto. Weil sie es mĂŒssen.

Oh, auch unter jungen Menschen wollen nicht alle auf Flugreisen verzichten? Ob das daran liegt, dass ein spontaner Flug von Frankfurt nach Berlin oft billiger ist als eine Zugfahrt und die ZĂŒge auf dem kontinuierlich zusammenschrumpfenden Schienennetz regelmĂ€ĂŸig ausfallen?

Da es bei „Jugend in Deutschland“ angeblich um die Einstellung zum Klimaschutz geht, wĂ€re es da nicht vielleicht noch mal spannend zu sehen, wie viele dieser jungen, ach so ungrĂŒnen Menschen elektrisch unterwegs sind? Nein, Auto ist Auto, scheinen sich die Macher gedacht zu haben. Dass die Umfrage zwischen klassischen FahrrĂ€dern und E-Bikes unterscheidet, aber nicht zwischen Erdöl- und Elektroautos, rundet das seltsame Gesamtbild ab.

Als wĂ€re das alles nicht schon konfus genug, ließen sich die beiden Forscher von allen möglichen Medien dazu interviewen und stellen es (unbeabsichtigt?) so dar, als sei die heutige Jugend inkonsequent. Der Klimawandel sei die grĂ¶ĂŸte Sorge der Jugend (wird von 56 Prozent als solche genannt), lassen sie sich z. B. von der Tagesschau zitieren, dennoch sei die „Bereitschaft gering, auf das eigene Auto oder Flugreisen zu verzichten.“ Es ist zum Wegrennen.

Sie ist halt nicht gering, sie ist (laut den vorliegenden Zahlen) doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Was sollen die jungen Deutschen denn machen? Alle in Erdlöcher ziehen, um den unrealistischen AnsprĂŒchen von zwei Forschern zu genĂŒgen, deren Generation mit diesem ganzen Unsinn erst angefangen und bislang auch nicht aufgehört hat?

Wie viel Prozent Autoverweigerer hĂ€tten es denn sein mĂŒssen, damit der Anspruch auf Einhaltung des Pariser Klimaabkommens von zwei MĂ€nnern Jahrgang 1944 und 1979 als adĂ€quat angesehen wird? Ich meine, ich bin ja kein Soziologe, aber nur weil die Jugend die Generation mit der grĂ¶ĂŸten Sorge vor der Klimakrise ist, heißt das ja nicht, dass alle jungen Menschen diese Sorge gleich teilen (und schon gar nicht, dass sie alle konsequent handeln). Woher ich das weiß? Aus den Zahlen der Studie: Von allen Befragten gaben lediglich 23 Prozent an, sich regelmĂ€ĂŸig fĂŒr Klimaschutz zu engagieren. 16 Prozent wĂ€hlen FDP, 10 Prozent wĂ€hlen CDU/CSU und 6,5 Prozent wĂ€hlen die AfD.

Wie kann irgendwer bei solchen Zahlen davon ausgehen, die Jugend wĂŒrde sich „fast nur vegan und vegetarisch ernĂ€hren und das Auto nicht mehr benutzen“ und dann die Ergebnisse seiner Studie aus der Perspektive dieser Fiktion heraus beurteilen?

Die Tagesschau formuliert das alles noch einen Tick verzerrender: 18 Prozent haben die Fragestellung „Welchen Beitrag zum Umweltschutz bist du bereit durch persönlichen Verzicht oder VerhaltensĂ€nderung zu leisten?“ bezogen auf „dauerhafter Verzicht auf ein eigenes Auto“ mit ja beantwortet und 28 Prozent mit „vielleicht“. Daraus macht die Tagesschau: „Mehr als 80 Prozent können sich ein Leben ohne Auto nicht vorstellen“.

Die meisten Medien (Tagesschau, Spiegel, Arte, Zeit, Stuttgarter Nachrichten) zitieren auch ohne jede Einordnung die Formulierung:

„Der grĂ¶ĂŸte Gegenspieler von VerĂ€nderung ist die Komfortzone des Wohlfahrtstaats, in der sich die jĂŒngere Generation nach dem Vorbild ihrer Eltern bequem eingerichtet hat. [
] Die große Mehrheit ist noch nicht bereit, die lieb gewordenen Gewohnheiten in den Bereichen Konsum, MobilitĂ€t, ErnĂ€hrung aufzugeben und wartet erst einmal auf Entscheidungshilfen durch die Politik.“

Im Wohlfahrtsstaat? Was hat der denn mit (zu wenig) Klimaschutz zu tun? Mini-Exkurs: Der Wohlfahrtsstaat gewĂ€hrleistet unsere sozialen Grundrechte, kĂŒmmert sich also um unsere Absicherung in Form von z. B. Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung und ist damit das Gegenmodell zur individuellen Eigenvorsorge, bei der solche Dinge eigenverantwortlich geregelt werden mĂŒssen. Eine private Krankenversicherung hat mit Klimaschutz aber weniger zu tun als Andreas Scheuer mit Anstand, was soll diese groteske Formulierung also?

Und wieso hat die junge Generation sich darin „bequem“ eingerichtet? Ist es nicht besonders die junge Generation, die erst ein Dutzend unbezahlte Praktika absolvieren muss, bevor sie eine sozialversicherungspflichte Anstellung bekommt, und die alles andere als sicher sein kann, mit den BezĂŒgen aus der Rentenkasse ihren Ruhestand finanzieren zu können?

Und noch mal: Es ist vollkommen egal, wie sehr die junge Generation sich in Bezug auf Konsum, Autos und ErnĂ€hrung einschrĂ€nkt, solange eine Armee Ă€lterer Menschen mit einem vielfach höheren Budget einen viel grĂ¶ĂŸeren Klimaschaden anrichtet, als gĂ€be es kein Morgen, und den Umbau unserer Gesellschaft weg von fossiler Technologie blockiert. In dieser Situation ist es daher das KlĂŒgste und Effektivste, so viel Druck auf Gesellschaft und Politik auszuĂŒben, wie es geht.

Solange das System selbst klimafreundliches Verhalten bestraft und verteuert, ist es illusorisch anzunehmen, der Anteil sich freiwillig einschrĂ€nkender Menschen klettere irgendwann auch nur in die NĂ€he von 50 Prozent. Und selbst wenn er bei 100 Prozent wĂ€re: Auch sich einschrĂ€nkende Menschen brauchen ein Minimum an Ressourcen, um GrundbedĂŒrfnisse zu decken: Beheizter Wohnraum, Bildung, Medizin, Strom, Lebensmittel, Produkte des tĂ€glichen Bedarfs, Kleidung etc.

Solange diese Dinge alle aus fossiler Energie stammen, ist Verzicht allein keine Lösung, sondern nur eine verlĂ€ngerte Galgenfrist, bis den jungen Menschen dann doch irgendwann die Kipppunkte um die Ohren fliegen. Ein Umstand, den ein Medium ja ruhig mal ansprechen könnte, wenn die Studie des „fĂŒhrenden Jugendforschers Europas“ mit solchen Worten beworben wird. Keines der genannten Medien hat nachgefragt.

Wie gesagt, Professor Hurrelmann scheint sich als VerbĂŒndeter der Jugend zu verstehen, so oft wie er betont, unter welch schwierigen Bedingungen diese sich im Spannungsfeld zwischen Pandemie, ökologischen und ökonomischen Krisen befindet und wie solidarisch sie sich mit den von Covid-19 bedrohten Risikogruppen verhalten hat. Vielleicht will er mit Aussagen wie

„Unter diesen UmstĂ€nden kann der von jungen Leuten mehrheitlich befĂŒrwortete Klimaschutz nur mit klaren Regeln und Vorgaben durch die Politik gelingen.“

dafĂŒr werben, es nicht der Jugend allein zu ĂŒberlassen, das Klima zu retten (anders kann ich mir das nicht erklĂ€ren).

Diese Wirkung verfehlt er jedoch. Durch einen mutmaßlichen BĂ€rendienst epischen Ausmaßes gewinnt eine riesige Leserschaft den Eindruck, die Jugend stelle anmaßende Forderungen, sei bequem, verwöhnt und wĂŒrde ihren eigenen AnsprĂŒchen nicht gerecht. Dabei fordert sie einfach nur die Einhaltung des rechtlich bindenden Pariser Klimaabkommens, um massive Verwerfungen zu verhindern. Der Beitrag der Tagesschau wird hĂ€misch in der Anti-Fridays-for-Future-Bubble geteilt und dort dutzendfach mit Aussagen wie „Wasser predigen, aber Wein saufen“ kommentiert.

Sorry, liebe Jugend. Meine Generation ist unfÀhig, das Klima zu stabilisieren, und sinnvolle Berichterstattung kann sie auch nicht mehr.

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Dieser Text wĂ€re nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht viele großzĂŒgige Menschen unterstĂŒtzen wĂŒrden, die zum Dank dafĂŒr in meiner Hall of Fame aufgelistet sind.

Damit der hiesige Blogger sein Leben dem Schreiben revolutionĂ€rer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier ein paar Euro UnterstĂŒtzung zukommen lassen. Er wĂ€re dafĂŒr sehr dankbar und wĂŒrde Dich dann ebenfalls namentlich erwĂ€hnen – sofern Du ĂŒberhaupt willst.