Über den peinlichen Unsinn, den ein selbsternannter „Experte“ über E-Autos schreibt, und wie FOCUS Online ihn veröffentlicht

Als ich ein kleiner Junge war, hat meine Oma immer gesagt: „Jan, wenn FOCUS Online eine reißerische Schlagzeile benutzt, darin von einem ominösen „Experten“ redet und darüber auch noch „Dieser Inhalt wird bereitgestellt* von Mopo“ geschrieben steht, dann glaub diesen miesen Lügnern nicht ein Wort. Und jetzt iss Deine Haferflocken“. Hach, was war meine Oma für eine weise Frau. Damit will ich natürlich nicht sagen, der FOCUS verbreite Lügen, ich zitiere lediglich meine Oma.

Zudem bedeutet das Sternchen neben „bereitgestellt“, dass der Text nicht mal vom FOCUS stammt, sondern in diesem Fall von der Hamburger Morgenpost, einem norddeutschen, lokalen Rumpelportal, dessen Seriosität ich ganz subjektiv irgendwo zwischen der BILD und der Gala einordnen würde. Eine entsprechende Suche im Bildblog ergibt 11 Seiten erhellende Suchergebnisse. Der FOCUS stellt direkt im Text auch schon klar: „Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.“, und wer auf „hier“ klickt, landet einfach im Impressum der Mopo. Ich frage also beim Chefredakteur der Mopo gerne mal nach, wer sich denn stattdessen um die redaktionelle Prüfung gekümmert hat, aber erwartet nicht allzu viel.

Geschrieben hat diesen Artikel nämlich kein gewöhnlicher Mopo-Autor, sondern Prof. Dr.-Ing. Prof. h.c. Jörg Wellnitz von der technischen Hochschule Ingolstadt. Dieser hat in der Vergangenheit diverse Forschungsprojekte zu Wasserstoff- und Benzinantrieben durchgeführt, Wasserstofftanks mitentwickelt und mit den Partnern Audi und BMW ein Forschungsprojekt zur Leichtbauweise für zukünftige Autogenerationen durchgeführt. Es könnte also sein, dass dieser Mann aufgrund seiner Karriere und der wirtschaftlichen Interessen in Bezug auf Antriebstechnologien nicht so ganz unbefangen ist – bei Mopo und FOCUS wird der Leser darüber komplett im Unklaren gelassen. Professor Wellnitz ist zudem bereits im Januar mit sehr kritischen Beiträgen zur E-Mobilität in den eher unbekannten Portalen „Autohaus“ und „Ingolstadt-Today“ aufgefallen, dennoch wird er vom FOCUS einfach nur „Experte“ genannt. Seine Ausführungen zu E-Autos wecken aber erhebliche Zweifel, ob er diese Bezeichnung wirklich verdient, sein erster Vorwurf ist:

„Das E-Auto ist für die Industrie ein lukratives Geschäft – für das Klima aber eine Katastrophe. Batteriebetriebene Elektrofahrzeuge sind per EU-Definition Null-Emissionsautos. Stimmt aber nicht. Die Emissionen entstehen nur an anderen Stellen.“

Aha. Und Benzin- und Wasserstoffautos werden von der Industrie aus reiner Nächstenliebe unter den Bevölkerungsteilen mit den traurigsten Augen verteilt? Klar ist das ein Geschäft, willkommen im Kapitalismus. Da im Text dieses Professors nicht ein einziger Quellenlink gesetzt ist, muss ich leider jeweils mutmaßen, worauf er jeweils hinaus will. Die EU spricht in ihren Klimazielen von Förderungen für „zero- or low-emission vehicles“, vermutlich ist das gemeint. Es ist aber allen Beteiligten vollkommen klar, dass „Null-Emission“ sich hier nur auf die lokalen Emissionen bezieht, diese kalifornische Regierungskommission definiert „Zero-Emission“ z.B. so: „Vehicles which produce no emissions from the on-board source of power“. Der Experte verwendet hier also ein Strohmannargument.

Deutlich enttäuschender: Für die markige Behauptung, für das Klima sei das eine Katastrophe, liefert er gar keine Belege, sondern erwähnt lapidar, dass in Kohlekraft- und Gaskraftwerken Klimaemissionen entstehen. Von einem „Experten“ sollte man aber schon mehr erwarten dürfen als ein ungefähres Bauchgefühl, laut dem ein mit deutschem Strommix betanktes E-Auto angeblich höhere Klimaeffekte hervorruft als ein entsprechendes Benzinauto.

Tatsächlich fährt so ein mit deutschem Strommix betanktes E-Auto heute schon klimaschonender als ein Benziner gleicher Größe, in anderen europäischen Ländern ist der Vorteil noch größer. Das liegt zum einen am besseren Wirkungsgrad: Während ein Verbrennungsmotor bis zu 70% der Energie in eher nutzlose Wärme umwandelt und damit nur 30% zur Fortbewegung nutzt, treiben die in einen Elektromotor fließenden Elektronen zu über 90% das Auto an. Zum zweiten wird der deutsche Strommix immer klimafreundlicher, der bislang im Jahr 2019 erzeugte Strom stammte zu 45% aus regenerativen Quellen. Zudem haben Batterieautos den charmanten Vorteil, dass sie die meiste Zeit des Tages aufgetankt werden können, also auch zu den Zeiten, in denen wir momentan Kapazitäten aus Wind- und Solarstrom verfallen lassen, weil zu wenige Stromverbraucher im Netz sind.

Zu all diesen Aspekten verliert der Experte kein Wort, allein der Umstand, dass überhaupt Kohlestrom im Netz vorhanden ist, lässt ihn das komplette Konzept kurzsichtig verwerfen. Woher der viele Strom für den Transport für Benzin stammt, scheint ihn hingegen nicht zu interessieren, dabei hat eine einzelne Pipelinepumpe schon eine Leistung von bis zu 2,2 Megawatt (das entspricht dem Strombedarf einer Stadt mit 12.000 Einwohnern). Stattdessen lenkt er ab zur Frage, aus welchen Rohstoffen die Batterien bestehen:

„Aber bei der Herstellung einer Batterie werden Lithium und Kobalt in großen Mengen verwendet. Bei den Punkten Recycling, Lebensdauer und Brandgefahr müssen wir erhebliche Abstriche machen.“

Das sind nun alles interessante Punkte, die eines gemeinsam haben: Mit der drohenden globalen Erwärmung haben sie kaum zu tun. Ja, auch E-Autos benötigen Rohstoffe (in Zukunft hoffentlich weniger), neben Lithium und Kobalt muss auch das viele Metall für die Karosserie irgendwo herkommen – was die Frage nach den Rohstoffen generell zu einem schlechten Argument für überhaupt irgendwelche Autos macht, auch wenn sie mit Benzin oder Wasserstoff angetrieben werden. Radfahren, zu Fuß gehen und die Nutzung des ÖPNV schlagen das Benutzen eines Autos um Längen, wenn es um die Klimaschädlichkeit geht. Welche Abstriche wir beim Recycling angeblich machen müssen, wird leider, wie so vieles in diesem Text, nicht näher erläutert. Tatsächlich sind alte Akkus ein hervorragendes Lithiumerz und viel zu kostbar, um einfach entsorgt zu werden. Aus den alten Akkus der BMW I3s werden große Batteriesysteme installiert, mit denen Windstrom zwischengespeichert wird (dieses Konzept nennt sich second Life). Alte Bleibatterien aus Verbrennungsmotoren landen währenddessen unter Anderem in Nigeria, wo ganze Dörfer durch das Recycling mit Blei vergiftet werden. Weiß er das nicht oder will er das nicht wissen?

Als nächstes wird der altbekannte Taschenspielertrick bemüht, dem sich alle Lobbyisten bedienen, wenn sie ihre persönlichen Passion durch allzu strikte Klimavorgaben bedroht sehen: Sie vergleichen die Klimaemissionen ihrer Lieblinge mit irgendwelchen Gesamtemissionen und wollen durch den kleinen Prozentsatz vermitteln, wie unwichtig solch wüstes staatliches Eingreifen ausgerechnet bei ihnen ist: Der Straßenverkehr trage ja nur zu 16 Prozent zu den deutschen Klimaemissionen bei, PKW allein sogar nur zu 10 Prozent, das ist ja praktisch nichts. Okay, abgesehen davon, dass es mittlerweile eher 12 Prozent sind, ist das halt eine Geisteshaltung, laut der man seinen Hund ruhig auf den Kinderspielplatz kacken lassen kann, solange der deutlich größere Hund des Nachbarn dort auch sein Geschäft verrichtet.

Man suche sich also einen ausreichend großen Hund Verursacher von CO2 und kann dann sämtliche andere Klimainstrumente als unsinnig darstellen: Will zum Beispiel das Stadtparlament Wiesbadens Elektrobusse einführen, könnte man das als scheinbar höchst unsinnig einordnen, denn: Wiesbaden ist ja nur eine Stadt in Deutschland mit knapp 300.000 Einwohnern, verursacht also nicht mal ein halbes Prozent der deutschlandweiten Emissionen. Ferner entfallen überhaupt nur wenige Prozent auf den Busverkehr, der Beitrag Wiesbadener Busse am deutschen Klimaschaden, ach, was sage ich, am weltweiten Klimaschaden, ist ja homöopathischer Natur! Hey, ein super Konzept für alle Nach-mir-die-Sintflutler: Ganz Brandenburg hat nur einen Anteil von 3 Prozent am CO2-Ausstoß Deutschlands, Schleswig-Holstein nur einen von 3,5 Prozent und Hessen nur 7,5 Prozent. Fazit: Kein Bundesland sollte irgendwas machen, solange alle anderen nicht klimaneutral sind.

Das ist ja ganz niedlich, aber kein Konzept für Menschen, die nicht in einer Welt voller zugekackter Spielplätze und mit dem Finger auf andere zeigende Hundehalter leben wollen. Professor Wellnitz schaut zudem in seine Expertenkristallkugel und behauptet nun einfach mal, Elektromobilität könne in Deutschland generell nur 0,3 Prozent der Emissionen einsparen. Für die 0,3 Prozent gibt es – da ist er konsequent – keine Quelle und keine Rechnung. Es stellt sich jedoch die Frage, was in aller Welt an einem hypothetischen CO2-Rückgang von 0,3 Prozent denn nun katastrophal für das Klima wäre, wie die Überschrift es behauptet. Stammen Überschrift und Text überhaupt von derselben Person?

So, bislang war das eher übliches Lobbygerede, aber ab jetzt wirkt das Niveau wie ein einseitig gelähmter Geier, aus dessen Flug jäh ein von lautem Gekreische begleitetes, unelegantes Abstürzen wird: Der Experte hat offenbar eklatante Schwierigkeiten damit, die verschiedenen, beim Autoverkehr entstehenden Gase und deren Grenzwerte und Wirkungen grundsätzlich auseinanderzuhalten und schreibt einen der wirrsten Absätze, den ich bislang zu diesem Thema lesen durfte:

„Absurderweise gibt es im Bereich Feinstaub die aberwitzigsten Kennwerte, noch propagiert durch unsere frühere Umweltministerin Angela Merkel1999 [sic]. Die 40 Mikrogramm pro Kubikmeter sind an den Haaren herbeigezogen und führen zu keiner Verbesserung der Luftqualität. Jeder weiß doch, dass die Feinstaubbelastung allein durch Silvesterfeuerwerk und das Abbrennen von Kerzen deutlich höher ist. Abstruserweise kommt hinzu, dass der Grenzwert von 40 Mikrogramm auf Straßen gilt, in EuropasBüros [sic] dagegen bis zu 900 Mikrogramm erlaubt sind.“

Ganz langsam: Es geht in der Debatte primär um drei Substanzen:

  1. CO2, schlecht fürs Klima, aber keine direkte gesundheitliche Gefahr für Menschen
  2. NOx (Stickstoffoxide): Irrelevant* fürs Klima, gefährdet die menschliche Gesundheit
  3. Feinstaub (konkret PM10 und PM2,5): Irrelevant fürs Klima, gefährdet die menschliche Gesundheit.

*: Es gibt auch klimawirksame Stickoxide, z.B. Lachgas, von denen aber in Dieselabgasen nur wenige enthalten sind.

Professor Wellnitz kritisiert zunächst einen angeblichen Grenzwert für Feinstaub von 40 μg/m³, nur ist das halt der Grenzwert für Stickoxide. Feinstaub hat mehrere Grenzwerte und die liegen tatsächlich bei 50, 40 und 25 μg/m³, abhängig vom Jahresmittel, von der Anzahl der Tage mit Überschreitung und der Art des Feinstaubs. Beide Substanzen haben eine lineare Wirkung auf Menschen, ein Wert von 40 μg/m³ ist besser als einer von 60 μg/m³ und schlechter als 20 μg/m³, die Luft ist bei einem niedrigen Wert also in jedem Fall besser geeignet, um an lauen Sommerabenden im Straßencafé zu sitzen. Die Feinstaubbelastung von Kerzen ist wiederum überschaubar, gemeint sind hier wieder Stickoxide – davon können vier brennende Kerzen über 1000 μg emittieren, was aber den Grenzwert nicht überschreitet, solange das eigene Wohnzimmer größer als 25 Kubikmeter ist. Solange Ihr also nicht in einem Altkleidercontainer wohnt, ist die Gefahr gering.

In Europas Büros wiederum gilt kein Grenzwert für Feinstaub von 900 μg/m³, das ist doppelt falsch: Es ist wieder Stickoxid gemeint und dafür gibt es verschiedene Grenzwerte: 40 μg/m³ für langfristige Büroaufenthalte, 250 μg/m³ als Gefahrenwert und der hohe Wert von 950 μg/m³ gilt nur an Industriearbeitsplätzen und im Handwerk. Ob das noch konfuser geht? Na klar:

„Zudem werden 70 Prozent aller Feinstaubemissionen von Fahrzeugen durch Bremsen und Reifen erzeugt. Diese Emissionen entstehen auch bei Elektroautos. Es gibt also gar keine Reduktion von Feinstaub in Städten durch Einführung von Fahrverboten. Gesperrte Straßen werden, wie in Hamburg, umfahren. Die Folge: mehr Schadstoffausstoß! Dann auch noch im Stop and Go, was deutlich schädlicher ist als alles bisher Erwähnte.“

Herzlichen Glückwunsch, diese Aussage über Feinstaub betrifft nun endlich auch mal Feinstaub, ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn. Ja, ein großer Teil des Feinstaubs aus dem Verkehr stammt nicht aus dem Motor. Fahrverbote könnten also potentiell 30 Prozent davon verhindern, das wäre dann aber nicht „keine Reduktion“, sondern eben eine Reduktion um 30 Prozent. E-Autos haben hier zudem den Vorteil, mit Rekuperation bremsen zu können, also indem mittels des Bremsvorgangs die Batterie aufgeladen wird, was weniger Feinstaub verursacht. Schade, das blinde Huhn pickt nun wieder zielsicher in den Elektrozaun: Der Experte verwechselt erneut die verschiedenen Schadstoffe: Besagte Fahrverbote wurden nicht wegen des Feinstaubs angeordnet, sondern um Stickoxide zu reduzieren. Diese beziehen sich auch nicht immer nur auf einzelne Straßen, sondern betreffen zum Beispiel in Stuttgart das gesamte Stadtgebiet, da kann man nicht einfach auf die Parallelstraße ausweichen. Und als sei das alles noch nicht peinlich genug, muss jetzt noch das urbane Märchen von den Kreuzfahrtschiffen in diesen Text bugsiert werden:

„In Hamburg haben wir zudem die Situation, dass durch den Schifffahrtsverkehr mehr CO2 und Feinstaub emittiert werden, als die halbe Stadt produzieren kann. 750 Millionen Pkw stoßen genauso viele Schadstoffe aus wie ca. 15 Großcontainerschiffe! Das bezieht sich zwar nicht auf die offizielle Feinstaubbelastung, aber auf andere Schadstoffe wie NOx oder CO[sic!]. Und weltweit gibt es 200 dieser Dreckschleudern!“

Auch das ist komplett falsch, erneut wurden hier Schadstoffe verwechselt. Die Fehlinformation geht auf eine Meldung des Nabu von 2012 zurück, der aus einer Untersuchung eine verglichen mit einem PKW 760 Millionen mal höhere Schwefeloxidbelastung (das ist weder NOx noch Feinstaub noch CO2) herausgelesen haben will – was auch schon nicht so ganz stimmte. Daraus haben diverse Personen die Geschichte gestrickt, ein Kreuzfahrtschiff verursache generell 760 Millionen mal mehr Schadstoffe. Das ist aber grober Unfug, die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt emittieren selbst laut besagter Nabu-Rechnung ungefähr so viel CO2 wie 84.000 Autos, das ist um den Faktor 10.000 weniger. Und selbst diese Zahlen scheinen in der Überschlagsrechnung der Hochschule Flensburg vorne und hinten nicht zu stimmen, weil unterschiedliche Einheiten miteinander verglichen wurden.

In Hamburg sind wiederum knapp 800.000 PKW zugelassen. Damit der Schifffahrtsverkehr in der Nähe der Stadt doppelt so viel CO2 ausstößt wie die ganze Stadt, wie Wellnitz behauptet, müssten dort laut NABU-Rechnung jeden Tag 20 der größten Kreuzfahrtschiffe nicht nur anlegen sondern unentwegt durch den Hafen schippern, nur um den Emissionen des Autoverkehrs der Hansestadt zu entsprechen. Rechnet man noch ein, dass Menschen in Hamburg ihre Wohnungen heizen, Strom verbrauchen und anderen CO2 verursachenden Tätigkeiten nachgehen, müssten sich konstant 5% der weltweiten Containerschiffflotte durch den Hamburger Hafen bewegen, damit seine Behauptung stimmt.

Wer Probleme mit groben Überschlagsrechnung zu CO2-Emissionen hat, der sieht auch bei der Frage nach der Stromerzeugung für Elektroautos alt aus. Professor Wellnitz schenkt uns den wunderbaren Satz:

Die Energieversorgung ist ein weiteres Problem. Um in Deutschland etwa fast alle Fahrzeuge zu elektrifizieren, bräuchte man nach Berechnung der „FAZ“ ca. 27 Millionen Solaranlagen auf Häusern oder 20 neue Gaskraftwerke oder 35 000 Windkraftanlagen.“

Etwa fast alle, eine Formulierung, wie sie in einer Pippi-Langstrumpf-Geschichte vorkommen könnte. Auch hier wäre eine Verlinkung wirklich extrem hilfreich, es ist mir ein Rätsel, wie es so ein Satz im Jahr 2019 überhaupt ohne Link durchs Lektorat schafft. Also gut, der jüngste Artikel der FAZ zu dieser Frage ist dieser hier und er spricht nicht von 35.000 sondern von 11.000 bis 15.000 zusätzlich benötigten Windkraftanlagen. Wie kann ein Mann Motoren entwickeln, wenn er an dieser extremen Schwäche im Zahlenraum bis 100.000 leidet?

Leider verlinkt auch die FAZ nicht die Studie, auf die sie sich beruft. Diese stammt von der Forschungsvereinigung Verbrennungskraftmaschinen (FVV), einem eingetragenen Verein, der sich mit der Optimierung von Verbrennungsmotoren beschäftigt, etwas nach Benzinlobby riecht und in seine Berechnung nicht einfließen lässt, dass auch Produktion und Transport von Benzin eine ganze Menge Strom verbrauchen, den man dann einsparen könnte. Setze ich 10% Leitungsverluste an, könnte man mit den in der Studie angenommenen 325 TWh zusätzlichem Strombedarf bei aktuellem Stand der Technik 130 Millionen E-Autos jeweils 15.000 km weit fahren. In Deutschland sind derzeitig knapp 47 Millionen PKW zugelassen, die pro Jahr ca. 13.000 km weit fahren, ich gehe also auch vor dem Hintergrund einer einsetzenden Verkehrswende von weniger als besagten 11.000 benötigten Windkraftanlagen aus.

Kommen wir zum Ende dieser unerträglichen Anhäufungen von Blödsinn, der Experte macht nun selbst Lösungsvorschläge. Ja, das kann schon schwierig werden, wenn man das Problem, zu dem eine Lösung gesucht wird, nicht wirklich kapiert hat, entsprechend naiv sind die „Lösungen“:

Vorschlag Nummer 1: Den Verkehr fließender machen. Ein reibungsloser Ablauf des Verkehrs, ampelfrei und möglichst ohne Stocken und auf breiten Straßen sei eine der wichtigsten Lösungen überhaupt.“

Was genau will FOCUS Online uns mit dieser Bebilderung sagen? Welcher junge Mann?

Offenbar war Professor Wellnitz schon länger nicht mehr vor der Tür, sonst wüsste er, dass es dafür überhaupt keinen Platz mehr gibt. Die begrenzten Flächen der staugeplagten Innenstädte sind ja jetzt schon zu einem Großteil für den Autoverkehr reserviert, wollte man in Hamburg, München oder Berlin die Straßen noch breiter machen, müsste man dafür wie in Nachkriegsjahren Wohnhäuser abreißen – keine gute Idee vor dem Hintergrund unerträglich hoher Mieten. Ampeln sind überhaupt nur notwendig, weil es Autos gibt; Radfahrer und Fußgänger kommen komplett ohne diese aus, weil sie mehr Überblick haben und langsamer unterwegs sind. die Forderung nach mehr Autos und weniger Ampeln ist so sinnvoll wie das Abreißen von Kindergärten, um in der Stadt mehr Platz für kleine Kinder zu haben.

Zudem löst der Bau von mehr Straßen kein Problem, da auf einen Ausbau von Straßen und Parkplätzen in der Regel eine Erhöhung des Verkehrs folgt. Hans-Jochen Vogel brachte das bereits 1972 auf die griffige Formel „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“, die vielleicht etwas simpel wirkt, für die es aber gut dokumentierte Beispiele gibt.

Vorschlag Nummer 2: „Jedermann müsste es erlaubt sein, Strom für Transportzwecke zu erzeugen.  Etwa Umwandlung von Solar-/Windenergie auch im privaten Bereich oder gemeindliche Erzeugung von Treibstoff. So ein Zukunftsprojekt könnte wirklich helfen, CO2-Emissionen einzusparen.“

Toller Vorschlag. Und ich schlage vor, dass Menschen zu Hause einen Anschluss ans Trinkwassernetz und elektrischen Strom bekommen. Ach, das ist längst der Fall? Menschenskinder, die Zeit rast aber auch… Welches Gesetz hindert den Mann daran, sich ein paar Photovoltaikzellen aufs Dach zu dübeln und den Strom daraus zu verfahren? Und warum sollte jemand jetzt privat daraus Benzin herstellen dürfen? So eine Mini-Raffinerie in der Nachbarschaft hat nicht nur Vorteile, zudem kommt man aufgrund der schlechten Effizienz dieser Verfahren lange nicht so weit wie bei direkter Batterieaufladung mit einem E-Auto, wodurch sie auch weniger CO2 einsparen und zudem noch viel teurer sind.

Vorschlag Nummer 3: „Auf Bewährtes setzen! Heutige Ottomotoren mit 3-Wege-Katalysator mit Saugrohreinspritzung sind extrem sauber, rufen kaum noch Emissionen hervor.“

Niedlich. Ein Katalysator filtert kein CO2 aus den Abgasen. Deswegen verursacht der PKW-Verkehr ja nun mal 12% der deutschen Gesamtemissionen und ist in den letzten Jahren noch gestiegen. Die Expertenvorschläge zum Klimaschutz sind also, einfach mehr Straßen zu bauen, Ampeln zu verbrennen, und mit bewährtem Sprit alte Autos zu betreiben. Er könnte fast eine ernsthafte Konkurrenz zu unserem Bundesbenzinkanister-Verkehrsminister werden.

Er spielt noch mal das Spielplatz-Kackhaufen-Spiel und erwähnt, dass erst mal die Massentierhaltung abgeschafft werden müsste, bevor man beim Verkehr ansetzt. Schade, dass es nicht zu einer Expertenrunde zwischen ihm und Julia Klöckner kommt, die beherrscht dieses „die anderen verursachen ja noch viel mehr CO2“-Spiel noch deutlich besser und würde ihm die Treibhausgas-Statistik des Umweltbundesamts um die Ohren hauen, in dem der Balken für Landwirtschaft vielleicht halb so groß ist wie der für Verkehr (was auch daran liegt, dass wir unseren CO2-Impact für Sojaanbau geschickt nach Südamerika exportieren).

Offenkundig hat der Experte ganz zum Schluss seine eigenen Vorschläge vergessen, denn er fordert das

„konsequente Erkennen, dass der CO2-Ausstoß im Wesentlichen durch Reduktion des Personennahverkehrs gestaltet werden kann.“

Das Fazit dieses auf allen Ebenen gut durchdachten Beitrags ist also folgendes:

Der Autoverkehr soll reduziert werden, während wir gleichzeitig im großen Stil Straßen für mehr Autos verbreitern. Aber bitte ohne Ampeln, die stören den Verkehrsfluss – Ihr kennt das, wenn die Dinger an Kreuzungen ausgefallen sind, kommt man ja viel schneller voran. Ferner sind E-Autos eine Katastrophe fürs Klima, weil sie 0,3% weniger CO2 als Benziner ausstoßen und überhaupt sollen erst mal alle anderen Emissionen weltweit verringert werden, bevor wir die Rechte von Benzinmotoren beschneiden. E-Autos sind außerdem schlecht, weil man dafür viel Strom braucht, deswegen sollen Privatleute aus noch viel mehr Strom mitten in Wohngebieten synthetische Kraftstoffe herstellen dürfen. Benzinautos sind außerdem so sauber, demnächst sollen alte VW Bullis von außen an Krankenhäuser geschweißt werden, damit der Auspuff direkt in die Pädiatrie führt. 102 Lungenfachärzte haben jetzt errechnet, dass das gut für das Wachstum von Neugeborenen ist.

Man weiß nicht was peinlicher ist – das Verfassen dieses Texts, das Veröffentlichen desselben oder dass ich in früheren Artikeln den FOCUS mal als Primärquelle verlinkt habe. Ich gelobe Besserung!

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11 Gedanken zu “Über den peinlichen Unsinn, den ein selbsternannter „Experte“ über E-Autos schreibt, und wie FOCUS Online ihn veröffentlicht

  1. Mal wieder wunderbar geschrieben. Man könnte meinen, für nen Professortitel muss man wissen was wissenschaftliches Arbeiten ist und wie man mit Quellen umgeht, aber scheinbar nicht.
    Ich hab 3 Fehler gefunden:
    „Seine Ausführungen zu E-Autos wecken aber erhebliche Zweifel, ob er diese Bezeichnung wirklich verdient, sein > Weiterlesen — erster Vorwurf ist:…“ Copy-Paste-Fehler
    „Radfahren, zu Fuß gehen und die Nutzung des ÖPNV schlagen alle Autos um Längen, wenn es um die Klimaschädlichkeit geht.“ Finde ich missverständlich, weil man Subjekt und Objekt vertauscht werden können.
    „Ferner sind E-Autos eine Katastrophe fürs Klima, weil sie 0,3% weniger CO2 als Benziner verbrauchen…“ verbrauchen/ausstoßen?
    Lg
    Lina

  2. Tolle Analyse!
    Der Satz „Um in Deutschland etwa fast alle Fahrzeuge zu elektrifizieren…“ wurde hier allerdings zu unrecht als pippilangstrumpfhaft kritisiert, denn es war sicher nicht „ungefähr fast alle“ gemeint, sondern das Wort „etwa“ diente hier als Synonym für „zum Beispiel“.

    • Da hast Du Recht, so hat er das mutmaßlich gemeint, aber so eine Formulierung sollte man trotzdem vermeiden, eben weil man es so verstehen kann. Die Lektorin hat mit den Augen gerollt und gesagt, sie würde mir so was anstreichen.

      Ist aber jetzt nur ein Randdetail und hat letztendlich keine Relevanz. ich wollte eigentlich generell noch was zum gesamten Erscheinungsbild des Artikels sagen, in dem grobe Rechtschreibfehler vorkommen, ein seltsames Bild ohne Bezug genutzt wird und eben solche Formulierungen, die man besser vermeidet.

      Wurde dann aber zu lang und ich rausgeflogen :/

  3. Die enorme Sensibilität für Umweltfragen, ausgerechnet bei Elektroautos von Seiten, die sonst zu solchen Themen eher schweigen, ist erstaunlich. Woher das wohl kommen mag? – Wäre die Aufmerksam bzgl. Umweltverträglichkeit bei allen Produkten nur annähernd so eifrig wie bei den Elektroautos, unserem Planeten und seinen Bewohnern ginge es entscheidend besser.

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