Warum Mineralölspuren in Veggiewürsten kein so großes Problem sind, wie die Öko-Test behauptet

Ja, die ÖKO-TEST hat mal wieder Spuren von Mineralöl in Produkten gefunden. Waren es im Jahr 2019 noch vegetarische Burger und im März 2021 veganes Hack, sind es jetzt vegetarische Würste. Wie originell… So wie bei den Fortsetzungen von der Weiße Hai werden auch die „Ah, Hilfe, Mineralöl!“-Meldungen der Öko-Test mit zunehmender Anzahl eher öde und vorhersehbar.

Sollte euch das zu langweilig sein und ihr droht aufgrund des Wiederholungsfaktors einzuschlafen: Es gibt auch entsprechende Testergebnisse, die vor Mineralöl in Müsli-Riegeln, Handcreme, Salamipizzen, Schokolade, Haferflocken, Parmesan, Toastbrot, Kokosmilch, Rapsöl und vermutlich auch neugeborenen Rehkitzen warnen.

Für alle, die sich über den Sarkasmus an dieser Stelle wundern und der Ansicht sind, dass Mineralöl im Essen ja nun wirklich nichts zu suchen hat: Ja, hat es nicht. Ich habe mich mit dem Thema nur schon vor 1,5 Jahren beschäftigt und lebe immer in (womöglich übertriebener) Sorge, mein Publikum mit Wiederholungen zu langweilen. Deswegen habe ich den ganzen Vorgang letzten Freitag etwas lapidar auf Facebook kommentiert, was bei einigen Personen zu Unverständnis führte.

Bei diesen ist wohl der Eindruck entstanden, ich nähme das Thema nicht ernst und wolle die im Test schlecht weggekommenen Firmen verteidigen. Ich kann das nachvollziehen, denn ich bin auf einige Punkte nicht wirklich eingegangen und war auch etwas zynisch und sarkastisch. Deswegen schreibe ich es hier jetzt noch mal ausführlicher zusammen, denn an den Gründen für meine damalige Kritik hat sich eigentlich kaum etwas geändert. Um zu verstehen, warum ich die schlechten Noten für ungerechtfertigt halte, ist folgendes wichtig:

Heutige Messmethoden sind einfach krass sensibel. Mithilfe einer Gaschromatografie können selbst minimale Substanzmengen nachgewiesen werden, die Nachweisgrenze liegt zwischen einem Milliardstel Gramm und einem Billionstel (!) Gramm. Letzteres entspricht ungefähr dem Gewicht eines E.coli-Bakteriums. Die Methode ist also so empfindlich, dass selbst die Verunreinigung mit dem Gewichtsäquivalent von einem E.coli-Bakterum in einer Packung Reis gemessen werden kann.

Das ist einerseits großartig, denn je genauer wir messen können, desto mehr wissen wir. Das bedeutet andererseits, dass Messergebnisse sinnvoll eingeordnet werden müssen, um ihre Bedeutung zu verstehen. Dass bei so einer genauen Messung etwas gefunden wird, ist alles andere als eine Sensation – im Gegenteil: Es wäre eine Sensation, wenn gar nichts gefunden werden würde.

So muss das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bei einer Messung von MOSH-Verunreinigungen in Couscous erst mal aufwändig unterscheiden, wie viel der Verunreinigung aus dem Couscous selbst stammt und wie viel aus der Verpackung. Warum die das nicht einfach mit einer Portion unbelastetem Couscous vergleichen? Weil für so einen Vergleich schlicht kein Couscous komplett ohne Mineralölverunreinigung verfügbar war (Seite 55).

Ich weiß, es drängt sich die Frage auf, warum in aller Welt Hersteller von Couscous, veganen Würsten und Salamipizza denken, Mineralöl sei ein sinnvoller Teil von Rezepturen. Antwort: Das tun sie nicht. Die Rückstände der gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffe (englisch: Mineral Oil Saturated Hydrocarbons oder MOSH) gelangen in der Regel nicht in die Produkte, weil die Entwicklungsabteilung sich davon eine fluffige Konsistenz verspricht, sondern weil das bei Herstellung, Transport und Lagerung unerwünschterweise passiert.

Andere Medien warnen vor Veggie-Würstchen

Diverse Teile von Verpackungen sind potentielle Quellen für einen Übergang von MOSH in ein Lebensmittel, darunter insbesondere Recyclingpapier, aber auch Jutesäcke oder Druckfarben. Für die meisten Ernte- und Verarbeitungsmaschinen werden Schmieröle auf Mineralölbasis genutzt, aber auch Abgase aus der Umwelt können Agrar-Rohstoffe in sehr geringen, aber eben messbaren Mengen kontaminieren.

Für die Hersteller der Produkte, die wir schlussendlich im Einzelhandel erwerben, ist es also unter Umständen gar nicht so einfach möglich, die Ursache einer Belastung mit MOSH zu identifizieren bzw. effektiv etwas dagegen zu tun. Die Messung erfolgt wie schon gesagt chromatographisch, das ist deutlich komplizierter als das messen einer Temperatur und auch schlechter reproduzierbar.

Laut Blick auf das Thermometer in meinem Büro herrschen hier aktuell 21,4 Grad Celsius. Würde mein Coworking-Kollege Lars diese Messung jetzt gleich wiederholen, so läge das Testergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch sehr nahe an 21,4 Grad Celsius. Kaufe ich aber eine Packung Alnatura-Würstchen aus Seitan und ein Labor misst darin 3 Milligramm MOSH / Kilogramm, dann ist überhaupt nicht gesagt, ob eine Messung wenige Wochen später den gleichen Wert ergäbe.

Bei der neuerlichen Ernte des Weizens könnte dann zum Beispiel ein Tropfen Schmieröl des Mähdreschers im Überladewagen landen. Die neue Testprobe könnte außerdem aus einer Verpackung stammen, die ein paar Wochen länger zusätzlich in einem großen Wellpappkarton gelagert wird. Die Würstchen wären den in den Verpackungen enthaltenen Mineralölkohlenwasserstoffen dann länger ausgesetzt und es würde mutmaßlich ein entsprechend höherer Wert gemessen werden.

Die Herstellerfirma hätte dann also alles genauso gemacht wie immer, würde aber dennoch eine strenge Abwertung für eine recht zufälliges Ergebnis erfahren. Zudem spielen die Konsistenz und die Oberflächenbeschaffenheit des Lebensmittels eine große Rolle, besonders trockengelagerte Produkte wie Reis- oder andere Getreideprodukte, sowie Pflanzenöle nehmen MOSH aus den Verpackungen leichter auf als andere.

Aus einem höheren Wert in Produkt A können wir also nicht schließen, dass der Hersteller fahrlässig oder gleichgültig handelt und wir deswegen lieber Produkt B kaufen sollten. Das soll nun nicht bedeuten, dass es uns egal sein sollte, ob solche Verunreinigungen in unseren Lebensmitteln vorkommen. Das in diesem Artikel vielzitierte BfR schreibt:

Die Verunreinigung von Lebensmitteln mit Mineralölbestandteilen aus Verpackungen ist unerwünscht.

https://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_mineraloelbestandteilen_in_lebensmitteln-132213.html

Natürlich wollen wir möglichst wenig Schadstoffe. Nein, eigentlich wollen wir gar keine Schadstoffe. Weg mit den Schadstoffen, buh! Schadstoffe, go home, ihr nervt voll! Dieses hehre Ziel dürfte nur leider bis auf weiteres unerreichbar sein, denn dann müssten nicht nur die Spuren von Mineralöl verschwinden, sondern auch eine Menge anderer Substanzen, die unsere Umwelt bereithält.

Reaktion vom Focus

In unserer Erdkruste lauern diverse Elemente und Verbindungen, die von Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen werden und dann ggf. in unserem Essen landen, auch wenn wir das nicht so prickelnd finden. Vergleichsweise hohe Dosen erreichen z.B. Arsen in Reis, Cadmium in Pilzen und Leinsamen sowie Quecksilber in Muscheln und Fischen. Selbst unser Leitungswasser ist nicht vollkommen frei von Substanzen, die in hohen Dosen sehr gefährlich sind. In der Trinkwasserverordnung ist geregelt, welche Grenzwerte für welche Stoffe gelten, so sind z.B. 250 mg Chlorid, 0,01 mg Uran oder 0,01 mg Blei pro Liter Wasser erlaubt.

Und Blei ist wirklich ein übles Zeug. Schon ab 0,1 mg Blei pro Liter Blut kann bei Kindern ein verminderter IQ gemessen werden. Ab 0,8 mg Blei pro Liter Blut kommt es zu Schädigungen des Gehirns, die unbehandelt häufig tödlich enden und bleibende neurologische Schäden hinterlassen können. Und das richtig Gemeine: Die Halbwertszeit von Blei im menschlichen Körper liegt bei mehreren Jahren.

Die in meinen Augen relevante Frage ist also: Ab welcher Menge ist MOSH ungesund? Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat im Dezember 2020 noch mal seine FAQ zu Mineralölbestandteilen in Lebensmitteln aktualisiert, und laut dieser gibt immer noch keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Schaden für übliche Aufnahmemengen von MOSH und infolgedessen auch keine sinnvoll definierbaren Grenzwerte.

Die Öko-Test hat nun schlicht ihre eigenen Grenzwerte erfunden und entscheidet, dass gemessene Konzentrationen bis 1 mg MOSH / kg Nahrungsmittel nur unbedenkliche Spuren sind. Warum? Auf welcher Grundlage wird diese Grenze gezogen?

Die einzigen bislang gemessenen Effekte wurden übrigens an einem bestimmten Rattenstamm nachgewiesen, dessen Nahrung mit 19 mg MOSH / Kilogramm Nahrung angereichert wurde. Dann konnten entzündliche Effekte in der Leber dieser Tiere beobachtet werden. Inwiefern dieser Fund nun auf Menschen übertragbar ist, kann wie bei allen reinen Tierversuchen nicht wirklich eingeschätzt werden.

Da entsprechende Leberentzündungen bei Menschen recht selten sind, obwohl wir diesen Mineralölen recht häufig ausgesetzt sind, liegt der Verdacht nahe, dass MOSH auf Menschen weniger Auswirkungen als auf den untersuchten Rattenstamm haben.

Menschen in Europa nehmen laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit pro Tag ohnehin im Schnitt 0,03 bis 0,3 Milligramm MOSH pro Kilogramm Körpermasse auf. Auf eine 70 kg schwere Europäerin bezogen bedeutet das also eine tägliche Aufnahme zwischen 2,1 und 21 Milligramm MOSH.

Eine 200-Gramm-Packung Beyond Sausages enthält laut Öko-Test aber maximal 0,8 Milligramm MOSH – also ca. ein Drittel der Menge, die eine Erwachsene ohnehin täglich mindestens aufnimmt. Sieht für mich ja nach einem recht unauffälligen Befund aus. Die Öko-Test nennt die Menge hingegen „erhöht“ und zieht dafür einfach mal zwei komplette Noten ab. Produkte, die pro 200 Gramm-Packung mehr als 0,8 Milligramm MOSH enthalten, werden als „stark erhöht“ eingestuft und bekommen volle 4 Noten abgezogen.

Die Belastung mit einem Produkt, von dem ich ein Kilo vertilgen kann, ohne dass meine MOSH-Aufnahme dadurch den europäischen Durchschnitt übersteigen würde, ist in den Augen der Redaktion also stark erhöht und allein deswegen stürzt das Produkt dafür von „sehr gut“ auf „mangelhaft“ ab, auch weil nicht sicher ausgeschlossen werden könne, dass uns MOSH auf anderem Wege schadet.

Tja, das ist so eine Sache: Wir können generell nie zu 100 Prozent ausschließen, dass uns irgendetwas schadet, denn dazu müssten wir beweisen, dass etwas nicht passiert/existiert. Wir können es mit Hilfe von Studien eingrenzen und Wahrscheinlichkeiten berechnen, aber selbst das gibt uns keine hundertprozentige Sicherheit, dass es nicht doch einen Effekt gibt, den wir einfach übersehen haben.

Bislang wurde für uns halt keine Gefahr gefunden, zumindest sofern ihr keine Exemplare des Rattenstammes F344 seid – in dem Fall aber Respekt, dass ihr bis hierhin gelesen habt. Bei den Ratten wurden vermehrt Mikro-Granulome in der Leber festgestellt, ein Krankheitsbild, das bei Menschen im Allgemeinen asymptomatisch verläuft.

Reichweitenstarke Accounts teilen die Geschichte auf Facebook

Eine Studie, die 12161 Leberbiopsien ausgewertet hat und darunter 472 Granulome finden konnte, konnte nur für 0,7 Prozent dieser Fälle keine Ursache finden. Und das, obwohl wir in Europa einer MOSH-Belastung ausgesetzt sind, die in den Augen der Öko-Test stark erhöht ist.

Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat folgende Richtwerte herausgegeben:

13 mg MOSH / kg: Pflanzliche Öle wie Rapsöl, Sonnenblumenöl, Leinöl, Olivenöl
9 mg MOSH / kg: Süßwaren (Zuckerwaren außer Kaugummi) Schokolade und kakaobasierte Süßwaren
6 mg MOSH / kg: Brot und Kleingebäck, Feine Backwaren, Getreideerzeugnisse und getreidebasierte Produkte, Cerealien, Teigwaren, Reis

Das gilt in Öko-Test-Kriterien jedoch alles als „stark erhöht“ (ab 4 mg MOSH/kg), obwohl es gar keinen offiziellen Grenzwert gibt, der hier überschritten worden wäre. Natürlich kann die Redaktion zum Urteil kommen, dass ihnen diese Werte zu hoch sind, aber sowohl bei Öko-Test als auch in den darüber berichtenden Medien wird mit den Begriffen „gesundheitsschädlich“ und „ungesund“ hantiert, was nach aktuellem Kenntnisstand einfach nicht den Tatsachen entspricht. Zudem müssten sie dann vielleicht auch dazu sagen, dass die durchschnittliche, tägliche Aufnahme von MOSH in Europa ebenfalls stark erhöht wäre und durch den Konsum von ein paar Veggiewürstchen nicht mehr nennenswert steigt.

Die Frage ist außerdem, was die Hersteller denn nun konkret machen können, um im nächsten Testbericht eine bessere Bewertung zu erhalten. Laut BfR gibt es folgende Optionen:

  • Einsatz von Frischfaserkartons
  • Verwendung von mineralölfreien Druckfarben
  • Funktionellen Barrieren in den Verpackungsaufbau einbauen

Ja, das wäre eine Lösung, aber Frischfaser bedeutet eben, dass wir entsprechend viel mehr Bäume zu Papier und Pappe verarbeiten müssen bzw. mit funktionellen Barrieren mehr Müll verursachen. Die Verwendung von mineralölfreien Druckfarben ist da in meinen Augen noch die sinnvollste Maßnahme, aber hierzu müsste eher die Zeitungswirtschaft einbezogen werden, die jährlich über bedruckte Zeitungen 70.000 Tonnen Mineralöl freisetzt, anstatt dafür Pflanzenöle zu verwenden.

Würden jetzt aber alle Hersteller auf Frischfaser und aufwändigere Verpackungen umstellen, würden wir uns einen vermeintlichen gesundheitlichen Vorteil mit gewaltigen ökologischen Schäden erkaufen. Es wirkt dann halt schon schrullig, wenn eine Zeitschrift namens „Öko-Test“ solche Maßnahmen anstößt.

Mir wurde dann im Verlauf vorgeworfen, ich sei nicht auf die anderen Schadstoffe eingegangen. Aber auch da sehe ich die Veggiewurst-Kritiker erst mal in der Pflicht, ihre Behauptung zu belegen. Das Produkt von Wheaty wurde z.B. um eine zusätzliche Note abgewertet, weil es Hefeextrakt enthält. Es gibt aber bislang keine nachvollziehbare Begründung für so eine Abwertung – im Gegenteil – und auf Nachfrage erhalten die Hersteller auch keine Antwort auf ihre Nachfragen.

Warum Glutamat unbedenklich ist (und das Ganze eine irre Story ist)

Andere Abwertungen gab es für Aroma und Würze, irgendwas ist ja immer. Und auch die gefundenen Spuren von Pestiziden, MOAH und Wirkverstärkern lassen sich schlecht einordnen, wenn nirgends angegeben ist, wie viel davon gefunden wurde.

Da es außerdem eine ganze Reihe von Produkten gibt, deren MOSH-Richtwerte aus Sicht der Öko-Test stark erhöht sind, werden wir über die kommenden Jahre vermutlich weitere schockierende Testberichte zu lesen bekommen, deren Messergebnisse aber eigentlich erwartbar sind.

Für die nächste Meldung über Mineralölverunreinigungen in der Öko-Test empfehle ich daher: Keep calm and eat veggie sausages

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Wie die Bild-„Zeitung“ uns allen schadet

Auch wenn die Attacken sich gerade auf Professor Drosten fokussieren, sollten wir nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen medialen Angriff auf den Wissenschaftsbetrieb als solchen handelt – was umso infamer wirkt, da wir uns gerade in einer Pandemie befinden.

Wer diese „Zeitung“ liest und ihr glaubt, bekommt gerade den Eindruck vermittelt, Virologie und Epidemiologie seien so was eine Partie Sackhüpfen unter ForscherInnen und am Ende gewinnt der/die beste einen Preis, ohne überhaupt das Wohl der Allgemeinheit im Blick zu haben.

Als seien Drosten und seine KollegInnen primär daran interessiert, ihren persönlichen Meinungen zur Allgemeingültigkeit zu verhelfen und als bedürfe es ausgerechnet der Bild, zwischen den verschiedenen Fachmeinungen zu vermitteln.

Ja, auch Prof. Drosten kann sich irren. Eine Person, die das immer wieder artikuliert, ist er höchstselbst. Sein Podcast ist geprägt von konsequenter Eigenkorrektur, dem Aufzeigen der eigenen Grenzen und unzähligen Verweisen auf Ergebnisse anderer WissenschaftlerInnen.

Und das liegt nicht daran, dass er so ein bescheidener Typ ist, sondern weil nur so wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Weil schlaue Menschen Studien anfertigen, sich aber dennoch der eigenen Limitation bewusst sind und sich deswegen von FachkollegInnen kontrollieren lassen.

Das nennt sich Peer-Review. Diese Qualitätssicherung ist es, wodurch Studien erst ihre finale Relevanz erlangen und es ist vollkommen üblich und Sinn der Sache, dass dabei konstruktive Kritik geübt wird und Fehler entdeckt werden. Diese Kritik ist ein Feature, kein Bug.

Sie ist eine der größten Stärken des wissenschaftlichen Prinzips und damit eine der Grundlagen unseres gesamten Wohlstandes. Die Bild versucht, daraus eine Art Virologen-Krieg zu erfinden, in der „Star-Virologen“ von anderen scheinbar als inkompetent entlarvt werden, dabei stört sie einfach nur Fachleute bei ihrem akademischen Austausch.

Bei allem, was dieses Blatt schon für schlimme Aktionen zu verantworten hat, könnte das dennoch die schlimmste sein. Wir sind mitten in einer globalen Krise, die unsere komplette Gesellschaft bedroht. Um sie durchzustehen, sind eine Menge offener Fragen zu klären:

Wie stecken Menschen sich an? Sind sie danach immun und wenn ja wie lange? Welche Medikamente können den Krankheitsverlauf verbessern? Welche Schwachstellen hat das Virus? Je mehr wir darüber herausfinden, desto besser für unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft, unser Zusammenleben.

Wenn Boulevardblätter in dieser entscheidenden Phase unsere führenden ForscherInnen bei ihrer Arbeit sabotieren, indem sie sie zu Hauptfiguren in einem medialen Scheinkonflikt reduzieren, tragen wir am Ende alle den Schaden.

#TeamScience

PS: Ich würde gerade die Drosten-Kritiker dringend bitten, in die aktuelle Folge seines Podcasts wenigstens mal kurz reinzuhören. Das Trugbild des hochnäsigen, Akademiker-Fatzkes, der allen seine persönliche Weltsicht aufdrücken will, verfängt da einfach gar nicht, denn er macht gerade ziemlich interessante Vorschläge, um einem zweiten Shutdown zu entgehen.

Achtung, vegane Burger jetzt laut ÖKO-TEST voller Gentechnik!

„Ist ja alles voller Chemie!“ ist einer der ganz großen Klassiker der Kommentarspalte, wenn irgendwo pflanzliches Essen thematisiert wird. Veganer stehen ja gefühlt praktisch immer mit einem Bein in der BASF-Konzernzentrale, selbst wenn sie sich täglich ihre Möhren bis zur kompletten Geschmacklosigkeit zerdünsten und selbstgezogene Keimlinge in der Hosentasche spazieren führen. All diese Naturbelassenheit ist quasi nichtig, sobald sie irgendwann mal mit nachgebauten Fleischersatz in der Hand erwischt werden. Das hat nur selten was mit den tatsächlichen Inhaltsstoffen zu tun, in der Regel hat der gewöhnliche Kommentarheld mit der Discount-Teewurst zwischen den Zähnen weder einen blassen Dunst, woraus veganer Aufschnitt noch woraus die eigene Tierwurst besteht.

Mit der Natürlichkeit ist es bei letzterer nicht wirklich weit her, dennoch ist in den Köpfen vieler Menschen die Fehlinformation verankert, dass tierische Wurstprodukte von hübschen Almwiesen stammen, wo attraktive Metzgerburschen mit gepflegten Zähnen sie in Handarbeit fertigen. Die veganen Ersatzprodukte stammen in dieser Vorstellung aus im Dunklen grünlich schimmernden Substanzen, die aus den Abwasserfiltern großer Chemiekonzerne gekratzt werden. Seit Jahren versuche ich nun, diese Wahrnehmung etwas zurechtzurücken. Das wäre einfacher, wenn Sarah Wiener nicht mehr interviewt würde und wenn Schlagzeilen wie „Öko-Test straft vegane Burger ab“ seltener zu lesen wären.

Zu diesem unsinnigen Titel hat sich die Morgenpost hinreißen lassen, aber auch die Überschriften „Beyond Meat Burger enttäuscht im Öko-Test (Utopia), „Hohe Mineralölrückstände: Ausgerechnet der Beyond Meat Burger enttäuscht im Öko-Test“ (Focus Online), „Jeder zweite vegane Burger weist bedenkliche Verunreinigung auf“ (Welt), „Hype-Burger jenseits von „gut“: Beyond Meat fällt im Öko-Test durch (Chip 365) und „Gehypter Burger: Beyond Meat versagt bei Ökotest“ (InFranken.de) sind ebenfalls recht ungeeignet, das hierzulande herrschende Vorurteil zu korrigieren.

Diese sind in meinen Augen schon allein deshalb irreführend, weil es im Test gar nicht um ökologische Aspekte ging, sondern um Fragen der

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Nein, beim Veganismus geht es nicht um Sünde und Scham, lieber Nils Binnberg

Dinge, die ich mit Fleischessern gemeinsam habe: Wenn mir jemand sagt, Vegansein erscheine ihm wie der Weg zur Unsterblichkeit, rolle ich so hart mit den Augen, dass ich mir die Netzhaut ausrenke. Nils Binnberg ist ein Mann, der früher solche und andere eher unterkomplexe Dinge sagte, und nun erkannt hat, dass er damit falsch lag. Er hat aus diesen Erfahrungen heraus das Buch „Ich habe es satt!: Wie uns Ernährungsgurus krank machen“ geschrieben und dem Tagesspiegel ein Interview gegeben. Darin sagt er ein paar sehr richtige Sachen und ein paar andere Sachen, mit denen man, auf Tonband aufgenommen und wieder rückwärts abgespielt, mutmaßlich mehrere Dämonen beschwören kann.

Vorab: Der Mann leidet laut eigener Auskunft an Orthorexia nervosa, also einer Essstörung, bei der man sich so sehr mit der Auswahl seines Essens beschäftigt, dass man darunter psychisch oder physisch leidet. Es liegt mir fern, mich darüber lustig zu machen, und grundsätzlich ist es eine gute Sache, wenn Menschen so ein Problem für sich erkennen und zu lösen versuchen. Bei Nils Binnberg schlägt das Pendel jedoch in die andere Richtung aus, so dass er ein paar seltsame Behauptungen über eine vollkommen plausible Beschäftigung mit der eigenen Ernährung aufstellt. Da er diese These außerdem publikumswirksam in einem Interview platziert und mit seinen Aussagen Geld mittels eines Buches zu verdienen gedenkt, kritisiere ich seine Aussagen trotz seiner Krankheit.

Er war über Jahre damit beschäftigt, die eine richtige Ernährung zu finden, und hat einer Menge Ernährungsgurus zugehört, die angeblich im Besitz der allseligmachenden Weisheit waren, welche Ernährung für 7,5 Milliarden Menschen mit unterschiedlichen Körpern die einzig richtige ist. Dass es so was eigentlich nicht geben kann, kann man recht schnell erahnen, wenn man eine Mahlzeit für 10 Menschen plant, die ein geeignetes Nährstoffprofil besitzen und allen schmecken soll, während jeder einzelne an verschiedenen 

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