Nein, beim Veganismus geht es nicht um Sünde und Scham, lieber Nils Binnberg

Dinge, die ich mit Fleischessern gemeinsam habe: Wenn mir jemand sagt, Vegansein erscheine ihm wie der Weg zur Unsterblichkeit, rolle ich so hart mit den Augen, dass ich mir die Netzhaut ausrenke. Nils Binnberg ist ein Mann, der früher solche und andere eher unterkomplexe Dinge sagte, und nun erkannt hat, dass er damit falsch lag. Er hat aus diesen Erfahrungen heraus das Buch „Ich habe es satt!: Wie uns Ernährungsgurus krank machen“ geschrieben und dem Tagesspiegel ein Interview gegeben. Darin sagt er ein paar sehr richtige Sachen und ein paar andere Sachen, mit denen man, auf Tonband aufgenommen und wieder rückwärts abgespielt, mutmaßlich mehrere Dämonen beschwören kann.

Vorab: Der Mann leidet laut eigener Auskunft an Orthorexia nervosa, also einer Essstörung, bei der man sich so sehr mit der Auswahl seines Essens beschäftigt, dass man darunter psychisch oder physisch leidet. Es liegt mir fern, mich darüber lustig zu machen, und grundsätzlich ist es eine gute Sache, wenn Menschen so ein Problem für sich erkennen und zu lösen versuchen. Bei Nils Binnberg schlägt das Pendel jedoch in die andere Richtung aus, so dass er ein paar seltsame Behauptungen über eine vollkommen plausible Beschäftigung mit der eigenen Ernährung aufstellt. Da er diese These außerdem publikumswirksam in einem Interview platziert und mit seinen Aussagen Geld mittels eines Buches zu verdienen gedenkt, kritisiere ich seine Aussagen trotz seiner Krankheit.

Er war über Jahre damit beschäftigt, die eine richtige Ernährung zu finden, und hat einer Menge Ernährungsgurus zugehört, die angeblich im Besitz der allseligmachenden Weisheit waren, welche Ernährung für 7,5 Milliarden Menschen mit unterschiedlichen Körpern die einzig richtige ist. Dass es so was eigentlich nicht geben kann, kann man recht schnell erahnen, wenn man eine Mahlzeit für 10 Menschen plant, die ein geeignetes Nährstoffprofil besitzen und allen schmecken soll, während jeder einzelne an verschiedenen  Unverträglichkeiten oder Stoffwechselstörungen leidet. Viel Erfolg.

So erwähnt er auch ein paar Aussagen, die er früher vehement vertrat und nun selbst als Unsinn einstuft. Früher dachte er, man solle bis 12 Uhr 80 Prozent der Flüssigkeit für den ganzen Tag zu sich nehmen. Er ging davon aus, der Körper brauche Detox-Produkte, und sagt heute, dass dafür die eigene Leber und Nieren vollkommen ausreichen. Er bekam Tobsuchtsanfälle im Supermarkt aus Angst, etwas Falsches einzukaufen, weil er irgendwann mehreren Ernährungslehren folgte, die sich gegenseitig ausschlossen.

Verständlich, dass er sich im Rückblick darauf gegen diese vielen Regeln ausspricht, nur leider schießt er dabei weit über das Ziel hinaus und benutzt auch weiterhin seltsame Formulierungen: Er sei von Low-Carb zu Paläo-Ernährung gelangt und von dort zu veganer Ernährung, einer – wie er sagt – reinen Lehre, die keine industriell verarbeiteten Produkte erlaube und nichts, was mehr als fünf Zutaten enthält. Eeehmja, nach der Definition wäre ich dann selbst kein Veganer und ich würde auch keinen einzelnen persönlich kennen. Hafermilch aus dem Supermarkt? Ginge nicht. Abgepackter Räuchertofu? Verboten.

Mein Lieblingsrezept für Bolognese enthält unter anderem Olivenöl, Zwiebeln, Knoblauch, Möhren und Sellerie. Nach der Binnberg’schen 5-Zutaten-Lehre wären Tomaten, Basilikum, Oregano, Sojahack, Salz und Nudeln nicht mehr erlaubt, schmeckt dann vermutlich ziemlich lahm, die Plörre. Aber hey, wir sind dann Veganer nach reiner Lehre von irgendeinem nicht näher genannten Typen. Ich halte mich dann einfach an die „Lehre“ der Vegan Society, nach der Veganer ihre Mahlzeiten so gestalten, dass möglichst wenig Tierleid dadurch verursacht wird. Harmoniert toll mit 12 Zutaten pro Gericht und fies industriell hergestellter, in finsteren Magiertürmen zusammengerührter Hafersahne. Ist außerdem lecker.

Wer in aller Welt hat ihm diesen Unsinn eingetrichtert? Ich weiß, es gibt echt schräge Protagonisten in der veganen Szene, die ihr Essen mit allerlei esoterischen Heilslehren künstlich aufladen, aber wäre es für ein Buch, das Ernährungsquatsch entlarven will, nicht irgendwie zielführend, auch diese ins Reich der Mythen zu verbannen?

Wir lernen auf den Hinweis des Interviewers, der anmerkt, dass Ernährung ja keine Religion sei:

„Aber ein Ersatz. Der Veganismus zum Beispiel hantiert schon im Vokabular mit Begriffen, die wir aus der Religion kennen: Missionieren, Sünde, Scham, Moral. Wenn man sich die Speisegesetze der Veganer anguckt und die der Juden, dann sieht man plötzlich Ähnlichkeiten: Die Juden verzichten auf Schweinefleisch, aber nicht, weil das Schwein unrein, sondern, weil es einer gottgegebenen Ordnung auf dem Weg zur Perfektion nicht entspricht. Oder auf dem Weg zum Gott. Da sieht man die Nähe zum Veganismus.“

Ja, Ihr kennt das vermutlich: Sobald man im Supermarkt 20 Zentimeter weiter greift und statt des Kuhdrüsensekrets Hafermilch für den Kaffee kauft, ändert man automatisch auch sein Vokabular radikal. Ein typischer Dialog unter veganen Freundinnen läuft so ab:

Julia: „Gepriesen sei der Tag! Uns wurde gutes Wetter gesandt, lobet ihn!“
Maria: „Sei auch Du gegrüßt, Du Gute!“
Julia: „Gestern habe ich mich versündigt, mir ist ein Stück Rucola in den Salat gefallen, dann haben Xavier und ich sechs Zutaten auf einmal vertilgt.“
Julia: „SÜNDE! Ihr müsst Buße tun!“
Maria: „Oh ja *schluchz*, die Scham, sie ist gewaltig, wir werden uns wohl den ganzen Abend auspeitschen, um wieder auf den Pfad der reinen Lehre zu gelangen.“

Okay, ernsthaft, die Begriffe „Mission“, „Sünde“ und „Scham“ benutze ich in Bezug auf mein Essen vermutlich nie. Moral ist ein Begriff, den wir mitnichten nur aus der Religion kennen, sondern der in unserem gesellschaftlichen Miteinander verankert ist, unabhängig davon, wie religiös jemand ist. Und Schweinefleisch esse ich nicht deshalb nicht, weil ich damit einer gottgegebenen Ordnung auf dem Weg zur Perfektion huldige, sondern weil Schweine Schmerz und Angst spüren können. Das ist dann auch kein Speisegesetz wie Ramadan-Fasten oder so was, sondern die Konsequenz einer ethisch-rationalen Überlegung.

Leider lässt Herr Binnberg uns komplett im Dunklen in Bezug darauf, woher er die Motive von Millionen Veganern weltweit zu kennen glaubt. Er unterstellt, dabei ginge es ausschließlich um religiöse Motive, das Streben nach Gesundheit oder nach einem perfekten Körper:

„Beim Veganismus geht es immer mehr um Körpertuning. Es ist ähnlich wie beim Fitnessstudio, wo man sagt, man macht etwas für seine Gesundheit, aber in Wahrheit will man die Figur für den Strand. So isst man vegan, aber nicht wegen der Kuh.“

Womöglich kennt Nils Binnberg ja tatsächlich viele Veganer, bei denen das der Fall ist, nur ist der Plural von Anekdote halt nicht Daten. In den Umfragen der letzten Jahre gab ein Teil der vegan lebenden Menschen als Grund für ihre Ernährung zwar immer auch Gesundheitsaspekte an, der größte Teil entfiel jedoch auf Ethik und Ökologie. Und ob man Gesundheit dann mit „Körpertuning“ gleichsetzen kann, wage ich auch mal zu bezweifeln, denn die Fragen nach dem besten Tofu für ein Sixpack waren zumindest in meiner veganen Filterblase bislang rar gesät ;).

Beim Aufdecken von Mythen verbreitet der Autor leider selbst welche. Er behauptet:

„Unter dem Hashtag #vegan gibt es in den sozialen Medien über 70 Millionen Bilder, die Beliebtesten[sic] sind dünne Frauen in Bikinis. Manche lassen sich dort mit ihrer Celine-Tasche, die dummerweise aus Leder ist, ablichten. Im Zeitalter des Selfies konkurriert eben die Tugendhaftigkeit mit dem Narzissmus.“

Ist da der Narzissmus mitgemeint, den bestimmte Autoren damit füttern, wie geil ihre Bücher angeblich Ernährungsmythen entlarven, der mit der Tugendhaftigkeit konkurriert, die eigenen Aussagen gegenzuprüfen? Ist halt ziemlicher Unsinn, was er da sagt. Unter dem Hashtag #vegan findet man bei Facebook eine Menge Bilder, und die allermeisten zeigen – welch Überraschung – was zu essen. In meiner Stichprobe fanden sich 111 Bilder von veganem Essen, zwei Textzitate mit ethischer Grundaussage und ein Bild von einer Frau im Fitness-Studio.

Vielleicht ist Facebook nicht oberflächlich genug? Mal schauen, selbst auf dem Show-off-Portal Instagram sieht es ähnlich aus: Den Hashtag #vegan sollte man nie suchen, wenn man gerade Hunger hat, denn man sieht primär perfekt ausgeleuchtetes Mampfzubehör und dazwischen vereinzelt Sinnsprüche, Menschen in allerlei Posen und knuffige Bilder von Hunden und Katzen. Aber ja, da sind auch Bilder von leicht bekleideten Frauen zu sehen. Ist das ein untrügliches Zeichen, dass es beim Veganismus nur um das Präsentieren nackter Haut geht?

Machen wir die Gegenprobe: Welche Bilder sehen wir, wenn wir nach #metoo suchen? Im Vergleich zu #vegan sieht man deutlich weniger „Foodporn“ (wer in aller Welt hat dieses Wort erfunden?), stattdessen viele Sinnsprüche, Textzitate, Menschen in allerlei Posen, und: Vereinzelt auch Frauen mit eher wenig Klamotten am Leib. Nach der Logik des Nils Binnberg geht es beim Metoo-Movement also nicht um Frauenrechte und Gleichberechtigung, sondern um Körpertuning.

Es kann ja auch gut sein, dass im Bekanntenkreis des Autors viele Personen einem Lifestyle-Beauty-Körpertuning-Veganismus anhängen, aber das kann man halt schlecht auf alle Menschen eines ganzen Landes hochrechnen. So würde ich auch einem Freund von Helmut Schmidt widersprechen, dass man von Zigaretten wunderbar alt wird, nur weil die Lungen des Altkanzlers das erstaunlich lange mitgemacht haben.

Ich kann schon verstehen, wie der Mann zu seiner Aussage kommt und dass er offenbar dem Einfluss ein paar echt spezieller Typen ausgesetzt war, die die vegane Lebensweise mit allerlei esoterischem Hokuspokus aufgeladen haben, aber solche Schwerpunkte setzen weder die einflussreichsten pro-veganen Organisationen, noch ist so was Thema bei Demonstrationen oder Menschenketten um die Binnenalster wie bei Hand in Hand für Tierrechte. Da geht es nicht um Körpertuning, nicht um flache Bäuche oder Beauty-Contests, sondern um die Frage, ob man Tiere nach Belieben quälen und töten darf.

Nun gut, da hat also jemand allzu große Versprechungen geglaubt, war danach sichtlich frustriert, weil diese sich nicht bewahrheitet haben, und verwirft nun die ganze Idee dahinter. Abgesehen von meinen Kritikpunkten ist das ein interessantes Beispiel dafür, warum extreme Gesundheitsversprechen auch kontraproduktiv sein können. Problematisch ist aber auch das nun folgende Verständnis für Studien und wissenschaftliche Arbeit generell, denn auch hier schlägt das Pendel komplett in die Gegenrichtung aus, und wo der Autor früher jeden noch so geringen statistischen Hinweis spontan in eine konkrete Ernährungsvorschrift ummünzte, lehnt er nun das gesamte Forschungsgebiet ab:

„Über Essen lässt sich alles Mögliche vermeintlich fabelhaft kontrollieren. Dabei gibt es überhaupt keine ernährungswissenschaftliche Studie, die irgendeine Evidenz bringt über irgendeinen Effekt von irgendeinem Lebensmittel. Das existiert nicht.“

Eeeeh, doch. Das Quäntchen Wahrheit in seiner Aussage ist, dass eine monokausale Wirkung eines bestimmten Lebensmittels im Sinne von „das ist gesund“ auf die gesamte Menschheit nur sehr, sehr schwer nachweisbar ist. Nun haben viele Studien auch gar nicht diesen Anspruch, werden publiziert und dann medial leider vollkommen sinnverzerrt widergegeben, so dass man da schnell den Eindruck gewinnen kann, diese Arbeiten seien alle widersprüchlich und führten zu gar nichts. Eine Google-Suche nach „Rotwein gesund“ trägt nicht gerade eindeutige Ergebnisse zutage: Von den ersten 10 Suchergebnissen belegen drei Seiten ihre Aussagen mit Links zu Studien, eine verlinkt auf eine einzelne, nicht repräsentative Studie und sechs belegen gar nichts, erklären aber, wie gesund oder ungesund Rotwein ist. Dieser Umstand ist aber nicht als Kritik an Ernährungswissenschaft geeignet, sondern an der Berichterstattung darüber.

So gibt sehr wohl Studien, die Effekte von bestimmten Lebensmitteln belegen: Kefir scheint eine schützende Wirkung vor dem Mytotoxin Zearalenon zu haben, das konnte diese Studie in Bezug auf HCT116-Krebszellen feststellen. Laut dieser Studie konnte Patienten mit chronischer Verstopfung geholfen werden, indem in deren Ernährung Fruktose und Laktose reduziert wurde, es wurde eine signifikante Reduzierung von Schmerzen und Beschwerden gemessen. Wenn laktoseintolerante Menschen in Malaysia Laktose zu sich nahmen, litten sie laut dieser Studie unter Verdauungsbeschwerden.

Das sind jetzt drei Studien, die selbstverständlich auch Fehler in Design oder Durchführung enthalten können, aber das muss man dann schon konkret benennen. Allein zum Suchbegriff „lactose intolerance“ finde ich auf Pubmed über 3500 Ergebnisse. Es ist schon ein ziemlich starker Vorwurf, diese alle für fehlerhaft zu halten. Das Problem für Nils Binnberg ist vermutlich eher, dass keine dieser Studien ihm konkret erklären kann, was er am besten essen sollte. Das ist aber auch nicht ihre Aufgabe.

Auf die Frage, warum Studien angeblich keine Effekte feststellen können, antwortet Binnberg:

„Weil ernährungswissenschaftliche Studien auf Beobachtungen basieren. Der Stanford-Professor John Ioannidis kommt in Meta-Analysen zu dem Schluss, dass 96 Prozent aller Studien fehlerhaft sind. Aus vielerlei Gründen: Wer hat die Studien in Auftrag gegeben? Ist es die Ernährungsmittelindustrie? Hat der durchführende Forscher vorgefertigte Meinungen, für die er nur noch Bestätigung sucht? Außerdem sind die Versuchsaufstellungen extrem vage, alle basieren auf einer Beobachtungsstudie, das heißt, man sieht nur statistische Korrelationen. Damit kann man alles argumentieren.“

Aha. Studien können also keine Effekte feststellen, weil sie auf Beobachtungen basieren. Danach gehören dann wohl sämtliche Erkenntnisse von Physik und Chemie auf den Prüfstand, bei denen sich die durchführende Wissenschaftlerin nicht durch Strahlenschäden am eigenen Körper zu Erkenntnissen gelangte? Was er vermutlich meint, ist, dass Ernährung kein sonderlich exakter Parameter ist. Während man in einem physikalischen Experiment eine ganz bestimmte Stromstärke auf das Hundertstel Ampere genau definieren kann, ist die Proteinzufuhr eines Probanden in einer Studie nicht so genau feststellbar.

Der zitierte Professor John Ioannidis hat sich in seiner recht berühmten Arbeit „Why Most Published Research Findings Are False“ von 2005 generell auf medizinische Studien bezogen, nicht nur auf solche zu Ernährungsfragen. In der Arbeit wird nirgends darauf verwiesen, dass die Nahrungsmittelindustrie hier Ergebnisse verfälsche. Und ja, Menschen haben vorgefertigte Meinungen, die das Studienergebnis verfälschen können, dieser Effekt nennt sich Confirmation Bias. Und weil es diesen Effekt gibt, haben Wissenschaftler bereits vor langer Zeit ein Instrumentarium entwickelt, der diesen Effekt vermeiden soll, z. B. Doppelblindstudien, in denen nicht mal die behandelnden Mediziner wissen, welche Probanden einen Wirkstoff erhalten und welche nicht. Dieses Konzept wurde in Europa übrigens bereits im 19. Jahrhundert angewandt.

Wenn also irgendwer einschätzen kann, welchen Irrtümern und Fehlern Menschen bei der Erforschung der Welt unterliegen können, dann sind das Menschen aus Forschung und Wissenschaft, die beschäftigen sich nämlich exakt mit dieser Frage. Einer dieser Forscher ist übrigens besagter John Ioannidis. Seine Arbeit hat nicht zum Ziel, dass nun bitte niemand mehr forschen soll, es geht vielmehr darum, besser zu forschen. In seiner Arbeit plädiert er dafür, Schlussfolgerungen einer strengeren Prüfung zu unterziehen, damit diese nicht erst erfolgt, wenn bereits Patienten mit neuen Methoden behandelt werden.

Und nein, mit statistischen Korrelationen kann man nicht einfach alles argumentieren. Dieser Spruch ist der kleine Bruder von „mit Statistiken kann man alles belegen“ und genauso falsch: Finde ich eine Korrelation, dass rauchende Menschen oft an Lungenkrebs erkranken, kann ich damit nicht für mehr Gesundheit durch Rauchen argumentieren. Die Frage ist vielmehr: kann ich damit allein argumentieren, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht? Nein, dafür muss ich erst noch die Kausalität nachweisen. Das heißt aber nicht, dass Korrelationen komplett wertlos sind, man muss sie nur korrekt zu bewerten wissen. Irgendwas lässt mich vermuten, dass dafür ausgebildete Wissenschaftler das besser können als Nils Binnberg.

Was er vermutlich meint: Man kann aus einer einzelnen Studie schlecht ableiten, dass Lebensmittel X gesund ist und Lebensmittel Y ungesund. Und ja, im Internet gibt es tausende Angebote, laut denen man einfach teure Beeren kauft und damit dann gegen Krebs geschützt ist oder – noch schlimmer – Menschen kaufen ernsthaft Chlorbleiche, machen damit Darmspülungen und denken, sie würden damit Parasiten kämpfen (ich verlinke das ganz bewusst nicht). Ja, solche Dinge gibt es und es ist löblich, wenn er sich in seinem Buch dagegen ausspricht.

Das stützt aber nicht seine Aussage, Studien seien generell „Glaubensbekenntnisse“. Studien können fehlerhaft designt sein oder fehlerhaft durchgeführt werden. Der Witz an Peer-Review-Studien ist aber, dass diese von unabhängigen Forschern desselben Fachgebietes geprüft werden – oft in Doppelblindgutachten. Das Ziel dieses ganzen Aufwands ist, so weit weg von Glaubensbekenntnissen zu gelangen wie überhaupt möglich.

Im Übrigen lesen sich diese Vorwürfe des Autors noch unschlüssiger, wenn er selbst Glaubensbekenntnisse in den Raum stellt. Einmal sagt er: „Und natürlich bekommt man von den Smoothies Durchfall. […] Das ist einfach zu viel Information auf einmal für den Körper, extrem viele Ballaststoffe.“. Ein anderes Mal „Viele Fettleibige sind Binge-Eater, essen also aus einer psychischen Störung übermäßig viel“ und ganz am Ende sind Nudeln und Kartoffeln gesund, weil seine Großeltern damit alt geworden sind. Das wären dann aber exakt solche Behauptungen, die es erst mal zu belegen gilt. Idealerweise plausibler als mit zwei Verwandten.

Wissenschaft vermag also nicht immer zutreffende Ergebnisse erzielen, aber mit Wissenschaft ist es wie mit Journalismus: Gegen schlechte Wissenschaft hilft am effektivsten noch mehr Wissenschaft. Oder intensives Auspeitschen 😉

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4 Gedanken zu “Nein, beim Veganismus geht es nicht um Sünde und Scham, lieber Nils Binnberg

  1. Machte übrigens kürzlich einen Selbstversuch (Crosscheck) nach 8 jähriger veganen Zeit Schafskäse mit Schinken. Das Essen fiel im wahrsten Sinne der Worte durch. Saß im eigenen Mist. Immerhin im eigenen Auto. Die kleinen Sünden bestraft der Herr sofort. Um die grossen muss man sich selber kümmern. Meine Darm-Hirnachse hats kapiert. Veganer sind auch nur Menschen…und was für welche. 😉

    • warum eigentlich überhaupt wieder sowas gegessen, wenn ich aus Neugierde fragen darf? Einfach um es mal wieder zu testen oder weil hungrig und nix anderes da?

  2. Ich sage nur Fishgate. Ein kleiner Veganer-Skandal einer jungen Veganerin, die sieben Jahre lang auf YouTube und Instagram einen veganen Lifestyle propagierte und dann von einem Vlogger dabei gefilmt wurde, wie sie heimlich Fisch isst und laut des Filmers übrigens schamhaft herunterblickte. Neben veganer Ernährung riet sie zu 25tägigen Wasserkuren… kein Wunder, dass, wie sie schildert, ihre Periode ausblieb. Finde der Shitstorm, der sich darum gebraut hat, belegt die Analyse vom Buch-Autor dann doch. Zum Einen haben wir es hier mit einer jungen, durchtrainierten Frau zu tun, die sich häufig halbnackt zeigt und suggeriert, ‚mit der veganen Ernährung könnt ihr meinen Körper bekommen‘, was für den in den Veganismus eingesickerten Hedonismus spricht. Immerhin hat sie Millionen Follower… Zum anderen bekommt die junge Frau vor allem aus den Veganer-Reihen teilweise hasserfüllte Kommentare, was zeigt, wie religiös, nicht nur vegane, aber generell Ernährung aufgefasst wird. Daher ist der Vergleich zum Judentum gar nicht so verkehrt. Zumal der Vergleich zeigt, dass Essenstabus nicht ’natürlich‘ sind, sondern eine Frage des Glaubens (es sei denn jemand leidet an Allergien, Unverträglichkeiten oder Darmerkrankungen und muss bestimmte Lebensmittel ausklammern). Und im Zeitalter von Tier- und Klimaschutz gilt es eben als ungesund Fleisch zu essen. Da spielt die Moral eine entscheidende Rolle. Und ja, Essen ist Teil unserer Identität, daher kann man schon ganz nüchtern betrachtet verstehen, warum sich so manch ein Veganer auf den Schlips getreten fühlt und meinetwegen auch ein Paläo-Fan oder Low-Card-Fan, wenn er kritisiert wird. Immerhin greift man damit seine Identität an.

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