Wie der SWR einer Lebensmittel-Esoterikerin eine Bühne für ihre dubiosen Thesen bietet

Boah, so viel Text? So wenig Zeit? Du kannst Dir diesen Artikel jetzt auch anhören, und zwar hier: Graslutscher Podcast Folge 0.9 beta oder mit Hilfe des Plugins direkt eine Zeile weiter

 

Und so trug es sich also zu, dass Katharina Schickling eines schönen Morgens dachte: „Jemand sollte mal einen Bericht darüber machen, ob Menschen unbegründet auf bestimmte Lebensmittel verzichten, nur weil irgendwer ihnen einredet, dass ihnen daraus irgendwelche Nachteile entstehen.“ Der SWR hielt das für eine tolle Idee und ließ eine entsprechende Sendung nach ihrem Drehbuch und mit ihr als Regisseurin produzieren, die am Ende aber leider genau das Gegenteil bewirkt und Menschen unbegründete Angst vor bestimmten Lebensmitteln einredet.

Schade, die Idee ist ja eigentlich nicht übel, oder? Es fand sich eine Art Redaktion um Barbara Schmitz vom WDR und Hans-Michael Kassel vom SWR zusammen, von deren konkreter Mitwirkung aber leider alles von intensiver Recherche in komplett abgedunkelten Räumen bis hin zu extensivem Blaumachen an hübschen Badeseen in der Toskana denkbar ist. Denn – Spoiler – vom hehren Anspruch, hier Aufklärung für den Verbraucher zu betreiben, bleibt am Ende leider nur ganz, ganz wenig übrig.

Veröffentlicht wurde der ganze Bericht laut Datumsstempel bereits im November 2017 in der SWR-Mediathek, erfreut sich aber seit ein paar Wochen deutlich größerer Beliebtheit, weil eine auf 2:46 Minuten zusammengeschnittene, quasi mit erstaunlich verdichteter Ignoranz und hinzuerfundenem Blödsinn befüllte Version des Beitrags auf Facebook hochgeladen wurde. Es ist ein bisschen so, als würde man einen beliebig belanglosen, unplausiblen Film mit Matthias Schweighöfer nehmen, diesen auf irreführende, unzusammenhängende Teilfragmente zusammenschneiden und ihn dann mit den serbokroatischen Untertiteln einer beliebigen Folge Rick & Morty unterlegen. Dieser stümperhafte Trailer wurde mir zahllose Male zugeschickt als scheinbarer Beweis dafür, dass veganes Essen reinste Chemie ist. Wem es primär um diese furchtbaren 2:46 Minuten geht, der kann den folgenden Abschnitt überspringen und hier weiterlesen. Wer sich die komplette Dröhnung geben möchte, für den geht es jetzt weiter:

Der Originalbeitrag ist über 43 Minuten lang und enthält so viele sachliche Fehler, dass eine fünfteilige Artikelreihe notwendig wäre, um sie alle aufzuzählen. Und wenn Ihr Euch die Gesamtlänge wirklich antun wollt: Ja, diese furchtbare Bontempi-Orgelmusik wird Euch bis zum Ende begleiten, viel Spaß! Aber zuerst das Positive: Der Film stellt ein paar berechtigte Fragen hinsichtlich unserer Sorgen, welche Lebensmittel überhaupt noch gesund sind. Wenn Menschen sich aus Angst selbst einschränken, gegebenenfalls deutlich mehr Geld ausgeben für spezielle Produkte, obwohl es die normale Version auch getan hätte, weil irgendein dahergelaufener Otto ihnen Quatsch eingeredet hat, schlägt mein Ungerechtigkeitssensor aus. Ähnlich wie bei Typen, die angeblich irgendein obskures Heilmittel gegen Krebs gefunden haben und ausgerechnet verzweifelten, todkranken Menschen Zeit und Geld stehlen. Zugegeben, das ist in der Sache nochmal deutlich niederträchtiger, als wenn jemand glutenfreies Brot anstatt herkömmlichem isst, aber es kommen auch krassere Situationen im Beitrag vor.

So gibt es im Internet diverse Anbieter von Ernährungskonzepten, die versprechen, anhand einer Blutprobe herauszufinden, welche Lebensmittel man besser oder eben schlechter verträgt. Katharina Schickling schickt entsprechende Proben an die Anbieter ImuPro, gesund & aktiv und Metabolic Balance (Kostenpunkt jeweils 300 bis 450 Euro), die dann aufgrund verschiedener Parameter herausgefunden haben wollen, was Frau Schickling angeblich alles nicht mehr essen darf. Bei den zugrunde gelegten Konzepten handelt es sich um einen IgG-Test und eine Art erweiterte Blutgruppendiät. Eine Erklärung des Verfahrens von Metabolic Balance konnte ich auf deren Website nicht finden.

Nun haben schon andere Leute vor Jahren erforscht, dass diese Verfahren kaum geeignet sind, Lebensmittelunverträglichkeiten zu identifizieren. Entsprechend absurd ist auch das Ergebnis: Die sehr konkreten Anweisungen widersprechen sich extrem; würde die Probandin alle ausgesprochenen Verbote der drei Ernährungspläne befolgen, dürfte sie sich über Monate nur noch von Soja und Reis ernähren.

Die Schnittmenge der erlaubten Lebensmittel aller drei Ernährungskonzepte. Da bekommt man Appetit.

Aber auch die einzelnen Konzepte erscheinen recht willkürlich (Ab Minute 24:00 – Vorsicht, die Musik an dieser Stelle ist extrem grauenvoll): ImuPro empfiehlt eine Reduzierung des Speiseplans auf wenige Obstsorten, eine Ölsorte, eine Getreidesorte, Lollo rosso, Mais und Fleisch über mehrere Monate. Wie man sich mit diesen Nährstoffen DGE-konform ernähren und ausreichend Kalzium, Folsäure sowie Eisen aufnehmen soll, ist mir schleierhaft. Auch die Antworten von Metabolic Balance wirken unseriös, so fragt Frau Schickling zu Recht, warum sie jeden Tag (!) Äpfel essen soll, wenn ihr Allergologe eine Kreuzallergie mit der tatsächlich diagnostizierten Birkenpollenallergie befürchtet. Die verblüffende Antwort:

„Der [Apfel] bleibt auch täglich bitte auf Ihrem Plan, weil in Ihrem Plan sind keine Weißmehlprodukte drin, sind keine Milchprodukte drin.“

Die „Ernährungsexpertin“ behauptet am Telefon auf besorgte Nachfrage, dass die Birkenpollenallergie allein durch den Verzicht auf Weißmehl und Milch verschwinden wird. Ich konnte zu dieser These keine aussagekräftigen Studien finden, das einzige Suchergebnis nach „birch allergy“ & milk auf Pubmed legt das Gegenteil nahe. Von solchen Produkten würde ich also gepflegt die Finger lassen, da gehe ich mit dem Bericht d‘accord.

Eingebettet ist dieses Experiment jedoch in eine lose, anscheinend keiner Logik folgenden Aneinanderreihung von Interviews, in der alle möglichen Leute gefragt werden, ob sie auf irgendwas verzichten, ohne dass immer klar ist, warum sie das überhaupt tun. Es werden anschließend Ärzte, Chemikerinnen, Köche oder Mitarbeiterinnen einer Verbraucherzentrale dazu interviewt, ob man auf diese Dinge denn wirklich verzichten sollte, und Überraschung: Sollte man nicht, denn diese Dinge sind natürlich, also automatisch gesund. Das zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Beitrag. Dinge, die aus Eutern fließen, aus Hühnern ploppen, aus einem aufgeschnittenen Schwein fallen oder bereits seit tausenden von Jahren von Menschen verzehrt werden, müssen gesund sein, so der WTF-eske O-Ton (ab Minute 5:47):

„Ein Ei ist an sich ja ein tolles, natürliches Produkt, das kommt so, wie es ist, aus dem Huhn raus und dann kann ich das verwenden und es kann all die Dinge, die ich mit dem Ei tun will.“ [sic!]

Das Ei kann all die Dinge, die sie mit ihm tun will, toll! Tipp von mir: Das Ei ausbrüten oder Fassaden damit isolieren könnte schwierig werden. Würde jemand ein Huhn züchten, aus dem Breitbandherbizide rausfallen, würde sie sich die wohl ins Müsli rühren. Die Frage war aber ja eigentlich nicht, was gesund ist, sondern ob die meisten Menschen die fraglichen Lebensmittel problemlos vertragen. Es hätte hier vollkommen ausgereicht, wenn die befragten Ärzte und Allergologen ein schlichtes Ja geäußert hätten. Das war aber offenbar nicht knallig genug, denn es wird fortan versucht, diversen Zutaten das für Lebensmittel eher problematische Attribut „gesund“ anzuhängen. Sind Kartoffeln gesund? Kann man so nicht sagen, es sind viele wertvolle Nährstoffe drin, je nach Gattung und Zubereitungsart können Bitterstoffe enthalten sein, und ab einer Menge von 4,5 kg pro Tag könnte die Kost recht einseitig werden. Das Spiel kann man auch mit Möhren, Hühnereiern, Bibermilch und Käferlarven spielen: Die Frage, ob X gesund ist, hängt stark davon ab, wie viel von X verzehrt wird und was sonst noch so auf dem Teller liegt.

Und ja, wenn meine Kinder mich fragen, warum sie die Linsen aufessen sollen, dann sage ich auch, dass die „gesund“ sind, auch wenn das eigentlich eine Verallgemeinerung darstellt. Ich weiß in dem Fall aber, dass sie bislang hauptsächlich Kohlenhydrate gefuttert haben und eine Portion Proteine und etwas Eisen das gut ergänzen, und erweitere das auch in die Richtung „Iss das Gemüse, das ist gesund“. Das können auch gerne alle anderen so halten, aber eine Sendung, die sich auf die Fahnen schreibt, simple, willkürliche Ernährungsregeln zu entlarven, sollte nicht alle paar Minuten irgendein nicht näher analysiertes Nahrungsmittel auf den Thron des ewigen Lebens heben, nur weil es in der Natur vorkommt. Grell leuchtende Urwaldfrösche, Herkulesstaude und Giftquallen sind so natürlich, wie es nur geht, aber ich rate trotzdem dringend davon ab, sich daraus einen Smoothie zu mixen.

Aber auch das ist noch nicht knallig genug. Nicht nur ist Natürlichkeit in Frau Schicklings Augen ein Prädikat für Gesundheit, analog dazu ist eben auch Nahrung aus unnatürlichen Quellen oder auch unnatürlich Klingendes per se ungesund. So wird zigmal die Nase gerümpft, das Gesicht verzogen und es wird albern gegiggelt darüber, was die ganzen Freaks – also Veganer, Zöliakiekranke und Laktoseintolerante – sich so tagtäglich reinfahren, auch wenn es um vollkommen unstrittige Substanzen geht:

In einem glutenfreien Ei-Ersatz identifiziert die Filmemacherin zielsicher Stärke, Emulgator, gehärtetes Fett sowie Verdickungsmittel und fasst das vollkommen unprofessionell mit den Worten zusammen (Minute 6:04):

„Da muss ich ja schon die Lebensmittelchemie ganz wild anwerfen.“

Nein. Bzw. ja, denn: Pflanzen, Tiere, Menschen, die Erdkruste, die Atmosphäre und sämtliche sichtbare Materie dieses Universums bestehen aus Chemie bzw. chemischen Substanzen. Der einzige Ort nahezu ohne „Chemie“ wäre ein Kubikmeter absolutes Vakuum irgendwo im interstellaren Raum. Ein Aufenthalt dort dürfte bei Tripadvisor aber eher mäßige Bewertungen erhalten, solange man nicht auf Ersticken bei minus 263 Grad Celsius steht.

Was sie vermutlich meint, ist, dass diese Dinge in irgendwelchen finsteren, unwirtlichen Labors zusammengerührt werden, womöglich sogar von garstigen Orks in hässlichen Kitteln, während im Hintergrund die Scissor Sisters aus der MP3-Box plärren. Schade, dass Kühe nur Milch geben. Würden ihnen auch Emulgatoren aus dem Euter rinnen, könnte die Regisseurin sich einfach vor lauter Freude mehrere Tassen davon in den Mund kippen und unverständlich, aber sehr glücklich frohlocken, wie natürlich und gesund das sei.

Tatsächlich aber stammen die hier verwendeten Mono- und Diglyceride mutmaßlich aus einem Betrieb, in dem sie mittels Veresterung der Fettsäuren aus Sojaöl hergestellt werden. Sie kommen aber auch vollkommen natürlich vor. Teufel auch, gar nicht so einfach zu entscheiden, ob Monoglyceride jetzt natürlich und somit megagesund oder unnatürlich und somit potenziell todbringend sind. Habt Ihr bis eben vielleicht selbst nicht gewusst, was Monoglyceride sind? So richtig appetitlich klingt das ja nicht gerade. Aber man kann in der Chemie nicht einfach von der Anzahl der Silben oder dem Vorkommen des Teilwortes „Säure“ darauf schließen, ob etwas gesund oder gefährlich ist: Wasserstoffhydroxid und Desoxyribonukleinsäure klingen für den Laien mindestens verdächtig, will man damit in Berührung kommen? Nun, das eine ist Wasser und das andere ist der Träger unseres Erbguts, wirkten diese stark toxisch, wir wären alle tot.

Ich war in Chemie früher übrigens eher schlecht, wenn Ihr als normale Verbraucher also skeptisch seid, weil Ihr auf der Zutatenliste einen seltsam klingenden Inhaltsstoff entdeckt und ihn instinktiv gefährlicher einschätzt als er ist, willkommen im Club. Aber wenn eine Sendung, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Verbraucher vor zu Unrecht in Verruf geratenen Zutaten zu bewahren, hysterisch vor einem glutenfreien Produkt warnt, weil da ein Emulgator drin ist, der auch in diversen Backwaren, Schokoladenprodukten, Margarine, Säuglingsnahrung, Kakaopulver, Milchpulver, Kartoffelpüree, Reis und Nudeln Verwendung findet, ist das schon peinlich.

Emulgator klingt ja wenigstens noch etwas unvertraut, aber was für ein Problem haben die bitte mit Stärke, Fett und Verdickungsmitteln? Unerträgliche 10 Minuten und 50 Sekunden (ab Minute 10:10) reitet dieser Beitrag darauf herum, dass Weizen ein natürliches, gesundes Lebensmittel sei. Es werden Bäcker, Marketingleiter, Köche und Ärzte befragt und alle nicken sie um die Wette, wie großartig Weizen sei, man möchte sich spontan eine Packung Mehl in die Hose schütten, so hypnotisch ist das (habe ich die grauenvolle Begleitmusik erwähnt?). Und woraus besteht Weizen? Zu 70 Prozent aus Stärke. Aber wenn man die Stärke nimmt und daraus etwas anderes herstellt, zum Beispiel glutenfreies Brot, dann ist das „Lebensmittelchemie“.

Fett ist bekanntlich in so gut wie allem drin, übrigens auch in dem extrem gesunden Brot (gehärtetes Fett kann in der Tat etwas viele Transfettsäuren enthalten, muss aber nicht). Und das böse Verdickungsmittel ist einfach Xanthan, ein natürlich vorkommender Vielfachzucker. Hier zählt das mit der Natürlichkeit aber nicht, denn eine verdickende Substanz muss schlimm sein. Später im Beitrag (ab Minute 29:30) ist Frau Schickling auch sichtlich empört über die „extrem verdickende“ Wirkung von Johannisbrotkernmehl. Warum Weizen mit seiner Natürlichkeit punkten darf, das Mehl aus dem Samen des Johannisbrotbaums aber nicht, ist eines der vielen ungeklärten Rätsel dieses Werkes. Auch, dass Verdickung scheinbar generell was Schlechtes ist, Weizen was Gutes, aber ein sehr gebräuchliches Verdickungsmittel beim Anrühren einer Béchamelsoße wiederum Weizenmehl ist, passt so gut zusammen wie das Oktoberfest zu Norderney. Schade, dass sie nicht die Ärzte, Bäcker, Marketingleiter und Köche gefragt hat, ob sie Verdickungsmittel nutzen, die Antwort hätte erhellender sein können.

Und so geht das halt 44 Minuten lang weiter. Anstatt einfach nur unbegründete Ängste vor Gluten oder Weizen zu entkräften, werden unbegründete Ängste vor allerlei Ersatzprodukten geschürt, weil die zu unnatürlich sind, ihre Zutaten mehr als drei Silben haben, sie „teuer“ sind oder „viel Wasser“ enthalten. Hierbei wird konsequent vermieden, die scheinbar so ungesunden Produkte mit den jeweiligen Originalen abzugleichen:

Von meiner Lieblingshafermilch wird in einer hochtrabenden Animation abgeraten, weil der Anteil an Hafer ja nur ein paar Gramm pro Packung betrage und sie zu 85 Prozent aus Wasser bestehe. Na potz Blitz, Kuhmilch besteht dann übrigens zu 87 Prozent aus Wasser. Es wird bemängelt, dass es sich bei der Hafermilch um „teures Wasser“ handele, weil ein Liter Biovollmilch nur 1,10 Euro pro Liter koste. Es wird nicht erwähnt, wie stark Kuhmilchhersteller vom Skaleneffekt profitieren, dass Pflanzenmilch mit 19 Prozent Umsatzsteuer besteuert wird und wie stark Kuhmilch mit EU-Geldern subventioniert wird. Und diese 1,10 Euro pro Liter Biomilch sind übrigens ein nationaler Zankapfel, der in schöner Regelmäßigkeit wütende Demonstrationen von Milchbauern hervorruft, weil sie von so niedrigen Preisen nicht leben können. Daraus wird jetzt echt die Pointe gemacht, dass Hafermilch schlecht, weil teurer ist.

Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern darf dann noch erklären (bei Minute 28:30), Hafermilch sei keine Alternative, wenn man auf naturbelassene Lebensmittel zurückgreifen wolle. Ja, wenn man so richtig naturbelassen unterwegs sein will, dann sollte man genoptimierten Bullensamen erwerben, damit dann mittels eines Handschuhs eine Kuh befruchten, das neugeborene Kalb in Einzelhaft in ein Plastikiglu sperren und die für dieses Kalb vom Kuhkörper produzierte Milch in großen Maschinen homogenisieren sowie pasteurisieren und sie dann trinken. Sie behauptet später sogar mit einem süffisanten Grinsen (Minute 32:00), dass sie über veganen Käse immer schmunzeln müsse, weil das ja praktisch dasselbe sei wie Analogkäse:

„Ich muss immer ein Bisschen schmunzeln wenn ich veganen Käse höre, denn, wenn sie sich erinnern, vor zwei, drei Jahren gab es einen großen Aufschrei in der Bevölkerung, dass es Analogkäse in der Industrie eingesetzt wird. [sic]  Zwei, drei Jahre später ist die vegane Welle bei uns jetzt auch angerollt und dieser Käse wird deutlich teuer verkauft als der sogenannte Analogkäse , weil er als veganer Käse einfach ganz anders dasteht.“
„Aber es ist im Prinzip genau das Gleiche?“
„Veganer Käse und Analogkäse ist vom Ursprungsgedanken identisch“

Schade, knapp daneben, denn klassischer Analogkäse wurde und wird in großem Stil mit Laktose hergestellt, weil das schön billig ist. Der Ursprungsgedanke bei der Herstellung von Analogkäse war einfach Kostenreduktion, während der Ursprungsgedanke bei veganem Käse ist, dass Käsegeschmack bei gleichzeitigem Ausbleiben von Tierquälerei eine tolle Sache wäre. Wenn man seine Schminkmurmel einfach mal anwirft, anstatt die nur in die Kamera zu halten, erübrigt sich auch das Schmunzeln über eigens erfundene Widersprüche.

Frau Schickling besucht die Firma Topas und beißt dort in ein Stück Seitan-Medaillon, verzieht das Gesicht und sagt (Minute 41:35): „Da ist jetzt aber schon ordentlich Hefeextrakt drin, hm? Das merkt man richtig so mit’m… [Satzende].“ Der sichtlich irritierte Geschäftsführer Klaus Gaiser antwortet vollkommen berechtigterweise: „Nicht mehr als in den anderen Produkten.“ Das musste sie aber sagen, denn die Stimme aus dem Off faselte zuvor ja erst (Minute 41:17):

„Fleischgeschmackserlebnis ohne Fleisch, das geht offenbar nur mit Geschmacksverstärkern.“

Wie viele Geschmacksverstärker in herkömmlichen Fleischprodukten sind, erfahren wir nicht. Dass Hefeextrakt primär aus Proteinen und wertvollen B-Vitaminen besteht und es sich nicht mal um einen Lebensmittelzusatzstoff im Sinne der deutschen Zusatzstoff-Verkehrsverordnung handelt, erfahren wir auch nicht. Alles, was hier geschaffen werden soll, ist das mulmige Gefühl, dass in veganen Ersatzprodukten irgendwas Unerwünschtes steckt.

Ähnlich abstoßend ist die Szene ab Minute 16:25, in der drei wohlgenährte (und damit offenbar gesunde) Köche zusammen mit der Regisseurin um einen Tisch herumstehen, glutenfreie Produkte verköstigen und sich über Geschmack und Inhaltsstoffe der Testprodukte amüsieren. Es wird kurz vorher erwähnt, dass Menschen mit Zöliakie auf diese Lebensmittel angewiesen sind, aber …

„[…] so wie diese, diese Sachen im Supermarkt zu haben sind, kann man ja davon ausgehen, dass das ganz viele Leute essen, die, ehm, …, also ich meine, Miley Cyrus ernährt sich auch glutenfrei und die ist glaube ich nicht zöliakiekrank. Sondern das essen Leute, weil sie denken, das ist irgendwie gesünder. Jetzt können wir ja mal probieren, ob die sich da geschmacklich “nen Gefallen tun.“

Wow, eine Kausalkette so elegant wie ein explodierender Hundehaufen. Auch Menschen ohne Zöliakie essen glutenfreie Produkte, denn die gibt es ja im Supermarkt und nicht ausschließlich im Gemischtwarenhandel für Komplettfreaks, und überhaupt isst Miley Cyrus so was auch und die hat, so glaubt Katharina Schickling, keine Zöliakie, auch wenn Miley Cyrus selbst getwittert hat, sie habe eine (was auch kein Beweis ist). Und weil wir wissen wollen, ob das wirklich gesund ist, testen wir jetzt mal den Geschmack. Warum nicht die Farbe der Verpackung oder die Aerodynamik? Wäre genau so plausibel.

Selbst wenn es Menschen gibt, die auf Gluten verzichten, obwohl sie nicht müssten, so vermittelt es eine ziemlich eklige Attitüde, wenn vier gesunde Menschen Produkte verköstigen und in arrogantem und zynischem Tonfall kommentieren, wie schlecht die schmeckten und was da alles Schlimmes drin sei. Hey, Ihr Blitzmerker, mit diesen Produkten möchte man kranken Menschen das Leben erleichtern, seid doch einfach froh, dass Ihr gesund seid. Wieso in aller Welt ist es wichtig, ob das Original besser schmeckt? Wie borniert muss man bitte sein, um den Geschmack von glutenfreien Produkten abzukanzeln? Was kommt nächste Woche beim SWR, eine Sendung, die sich über Diabetikerschokolade lustig macht? Oder eine, die Kopfschmerztabletten nach Geschmack bewertet? Hey, liebe Migränepatienten, Naratriptan schmeckt echt fade, esst doch lieber Smarties!

Hinzu kommt, dass die Macherin des Films offenbar nicht kapiert hat, dass Zöliakie eine Autoimmunerkrankung und keine Allergie im engeren Sinne ist. Ständig erzählt sie stolz herum, dass sie nur gegen Birken allergisch ist und deswegen „alles essen kann“. Das ist, gelinde gesagt, gefährlicher Blödsinn, denn mit einem Allergietest lassen sich weder eine Zöliakie noch eine Laktoseintoleranz feststellen. Für einen zweifelsfreien Nachweis braucht es dazu in der Praxis schon einen Bluttest und gegebenenfalls eine Dünndarmbiopsie beziehungsweise im Fall der Laktoseintoleranz einen Wasserstoffatemtest.

Ein derartiges Trugbild kann die Sendung zudem nur schaffen, weil immer das aus Sicht eines Lebensmittelchemie-Laien krasseste Produkt herausgegriffen wird, um an diesem Beispiel dann simple, vermeintlich allgemeingültige Wahrheiten über eine gesamte Produktkategorie abzuleiten. So ist in der Hafermilch der Firma Kölln in der Tat Gellan (Zucker) enthalten, aber wer darauf verzichten möchte, der kann problemlos auf diverse andere Hafermilchsorten ohne Gellan zurückgreifen. Ich trinke die auch mit Gellan, weil es in Kaffee halt geil schmeckt, was angesichts 5 Gramm Zucker in 100 ml natürlichster Kuhmilch weniger abgefreakt ist, als es klingt.

Genauso kann man auch Seitan- und Sojaprodukte kaufen, die naturbelassener sind als gängige Fleischprodukte. Das Ergebnis der einzig mir bekannten Studie hierzu ist:

„Die konventionellen Fleischalternativen enthielten deutlich mehr Zusatzstoffe als die anderen Rubriken (Tab. 7). Während die bio-veganen und bio-vegetarischen Produkte durchschnittlich einen Zusatzstoff pro Produkt aufwiesen, waren es bei den konv-veganen 1,9 und bei den konv-vegetarischen 3,5. Auch die Fleischerzeugnisse (bio und konventionell) enthielten durchschnittlich etwa einen Zusatzstoff pro Produkt (die Kategorien Geschnetzeltes, Gyros und Steak wurden nicht betrachtet, da es sich hierbei um keine Fertigprodukte handelte und somit keine Zutatenliste vorlag). Bio-Fleischalternativen wiesen somit durchschnittlich geringfügig weniger Zusatzstoffe als die fleischhaltigen Originalprodukte auf und diese weniger als konventionelle Fleischalternativen.“ (Seite 36)

Und auch veganer Käse kann mit so simplen Dingen wie Cashewkernen, Wasser, Salz und Fermentations- sowie Edelschimmelkulturen hergestellt werden. Ist dann halt teurer als die Produkte mit Zusatzstoffen. Die Empörung darüber kann man sich sparen, enthält eine Packung Billig-Scheiblettenkäse halt auch nicht nur Morgentau, sondern dieser hier zum Beispiel Käse, Polyphosphate, Natriumphosphate, Natriumcitrate, Speisesalz und Farbstoff. Aber hey: voll natürlich! Habe ich erwähnt, wie schauderhaft die Hintergrundmusik ist?

Aua, aua, aua. Ich will gar nicht wissen, wie viele Gebührengelder in diese grauenvoll unplausible, ja, Desinformation geflossen sind. 44 Minuten lang wird hinter jeder Ecke die große Lebensmittelverarsche gewittert, sobald irgendein Mensch ein Nahrungsmittel von seinem Speiseplan streicht. Dabei wird komplett unterschlagen, dass unterschiedliche Menschen das gleiche Nahrungsmittel unterschiedlich gut vertragen. Manche verzichten vielleicht einfach auf Weizen, Knoblauch, Bohnen oder Milch, weil sie unerwartete Blähungsattacken im Vorstellungsgespräch vermeiden wollen. Generell gibt es für bestimmte Nahrungsmittel wie z. B. Fleisch Empfehlungen offizieller Stellen, davon nicht mehr als eine bestimmte Menge zu verzehren, auch wenn mäßiger Konsum als unproblematisch gilt. Wenn also jemand von sehr hohem Fleischverzehr zu komplettem Fleischverzicht wechselt, kann das schon gesundheitliche Auswirkungen haben.

Einmal im Beitrag wird erwähnt, dass Veganer sich auch aus ethischen Gründen für ihre Lebensweise entscheiden, und selten kommt zur Sprache, dass glutenfreie Produkte nun mal einen originär sehr einleuchtenden Zweck haben. Dem Zuschauer wird immer wieder vermittelt, dass die Supermärkte primär deswegen voll mit Pflanzenmilch, Ei-Ersatz und Fleischalternativen sind, weil die meisten Konsumenten obskure Heilversprechen glauben. Die Millionen Veganer, Vegetarier und Flexitarier driften in den Hintergrund und scheiden als Erklärung quasi aus. Ich esse übrigens auch manchmal glutenfrei: Ein Freund meines Sohnes hat tatsächlich Zöliakie. Wenn er bei uns übernachtet, plane ich das Essen so, dass alle davon essen können, weil ich aus Erfahrung weiß, wie blöd es ist, als einziger Spezialessen zu bekommen.

Das passt aber alles zum unseriösen Stil der Sendung, in der Suggestivfragen gestellt werden, die Macherin ihre Fragen manchmal einfach selbst beantwortet und die Aussagen der Interviewpartner irgendwie in den Beitrag reingeschnitten sind, sodass man nie weiß, auf welche Frage diese da eigentlich gerade antworten. Dazu passend tauchen in den Schaubildern irreführende Angaben oder manchmal auch ganz andere Produkte auf als die von den Fachleuten zuvor analysierten (Vergleiche Minute 27:50 mit Minuten 28:38). Dieser ganze Unfug schwimmt zudem in einem riesigen, klebrigen Natürlichkeitsfehlschluss (Zitat: „Natürlich klingt ja eigentlich nach ganz okay“ Minute 30:18), der unfreiwillig komische, sich komplett widersprechende Aussagen produziert und vollkommen gewöhnliche Dinge wie Stärke, Schimmelkulturen oder Wasser abhängig von seiner Zubereitungsart mal als etwas Natürliches und Supergesundes oder aber als etwas Künstliches, Chemisches und Schlimmes darstellt, das „zusammengepanscht“ wird, Zitate: „Sojaprotein war früher mal ein Abfallprodukt“, „Viel Chemie für viel Geld“ (Minute 31:55).

Den Interviewpartnern kann man nicht immer einen Vorwurf machen, ich schätze, dass die meisten Befragten einfach die ihnen gestellten Fragen beantwortet haben und hauptsächlich der Schnitt und die horrenden Unsinn schwafelnde Stimme aus dem Off das Gesamtergebnis so schlecht machen. Die Diplom-Chemikerin Dr. Kerstin Filipzik erklärt in einem lichten Moment extra noch, dass ein natürliches Aroma nur bedeutet, dass bei der Herstellung ein Naturstoff beteiligt ist. Alle guten Erklärungen nutzen aber nichts, wenn die Fragestellerin nicht richtig zuhört und einfach ins Drehbuch schreibt, was sie sich während des letzten Saunagangs in ihrem Natürlichkeitswahn ausgedacht hat.

Ab hier geht es um den Facebook-Zusammenschnitt. Solltet Ihr diesen Teil schon kennen, könnt ihr ihn hier überspringen und gelangt zum Fazit.

Nachdem ich mir den gesamten Beitrag angesehen hatte, fragte ich mich unmittelbar danach, ob ein Sender etwas noch Schlimmeres produzieren kann. Oh ja, das geht, denn der SWR wollte noch mal richtig Aufmerksamkeit für seine teuer produzierte Sendung, also beauftragte er mutmaßlich eine zufällig anwesende Kabelträgervertretung für das facebookkompatible Zusammenschneiden auf 2:46 Minuten, die offenbar entweder nicht der deutschen Sprache mächtig war oder so schlecht bezahlt wurde, dass sie diese Arbeit während ihres Zweitjobs als Löwendompteur machen musste. Klar, mit Stuhl und Peitsche in der Hand und einer gefährlichen Raubkatze in der Nähe kann schon mal das ein oder andere Detail verloren gehen.

Allein beim ersten Standbild müssten auch bei Nicht-Veganern sämtliche Bullshit-o-Meter ausschlagen: Eine durchsichtige, zähflüssige Masse tropft unansehnlich an einem Plastikstäbchen herunter, dazu wird untertitelt:

„Diese Pampe steckt in »vegan«, »glutenfrei« und »laktosefrei«“

Das ist so hochgradig schwachsinnig, mir fehlen die Worte. Ihr könnt übrigens einen beliebigen Roman von Philip K. Dick an zufälliger Stelle aufschlagen, die ersten zehn Worte nehmen, die Euch ins Auge fallen, und stattdessen damit das Bild untertiteln, und es wird nicht unsinniger. Ich habe es getestet.

Nein, diese Pampe steckt nicht in „vegan“. „Vegan“ ist übrigens ein Adjektiv, mein Texterherz blutet, wenn man es als Dativobjekt missbraucht. Klingt genau so schön wie „Günther fährt mit schnell“ oder „der Mörder versteckte sich in klebrig“. Die „Pampe“ ist übrigens eine Mischung aus Aroma, Verdicker, Wasser, Farbe, Fett und Protein, woraus die Macherin des SWR-Beitrags höchstselbst im Schülerlabor Scolab Käseersatz herzustellen versuchte.

Diese „Pampe“ steckt nicht in Äpfeln, Brokkoli, Nüssen, Getreide oder tausenden anderen Dingen, die Veganer so zu essen pflegen. Sie steckt erst recht nicht in »glutenfrei« oder »laktosefrei«, denn wer auf Gluten verzichtet, kann in der Regel Kuhmilchkäse essen, und »laktosefrei« ist meist eine Kategorie für schnöde Kuhmilch, deren Laktose bereits aufgespalten ist. Würde mich echt wundern, wenn die Molkereien dieses Landes ins Schülerlabor am Hamburger Großmarkt einbrechen würden und Frau Schicklings beklagenswerten Käseversuch klauen, um ihn in die eigene Kuhmilch zu rühren.

Die Einblendungen gehen unglücklicherweise weiter mit:

„Angeblich ist tierfrei, weizenfrei und milchfrei »gesund«.“

Im Gegensatz zum Hauptbeitrag wird hier nicht erwähnt, dass Veganer auch ethisch und ökologisch motiviert sind, dass glutenfreie Produkte für Zöliakiekranke im Vergleich zu einem herkömmlichen Weizenbrot tatsächlich extrem gesund sind, und weder hier noch im Gesamtbeitrag erfährt man, dass ein hoher Konsum tierischer Nahrungsmittel ebenfalls von hochoffiziellen, nicht veganen Organisationen wie der DGE als problematisch und ungesund angesehen wird.

Die Untertitel werden nicht schlüssiger:

„Dieser Test zeigt, woraus solche Lebensmittel bestehen. Beispiel 1: Veganer Käse. Im Labor ist die Masse für so eine Scheibe schnell nachgemacht. […] Fertig ist die handelsübliche »vegane« Käsemasse. »Ich hab [sic] jetzt das gute Gefühl, dass dafür kein Tier gelitten hat. Aber dafür sind vielleicht große Öko-Sauereien passiert. Hier ist nämlich Palmöl drin.«“

Hä? Welcher Test? Die machen keinen Test, die stellen durchsichtigen Glibber her und nennen dieses traurige Etwas dann veganen Käse, was soll das bitte zeigen? Und welcher vegane Käse sieht im Handel bitte so aus? Dass das Wort „vegan“ in Anführungszeichen gesetzt ist,  ergibt vorne und hinten keinen Sinn. Und was hat das mit gluten- oder laktosefreien Produkten zu tun? Seit wann essen Menschen mit Zöliakie nennenswerte Mengen veganen Glibber? Wie auch im langen Hauptbeitrag wird hier versucht, allen gluten-, laktose- und tierfreien Produkten eine maximale Unnatürlichkeit anzudichten und zu suggerieren, dass die Natürlichkeit eines Lebensmittels automatisch bedeutet, dass es gesund sein muss. Fun Fact: Hasenköttel enthalten viel Vitamin B12 und sind natürlich.

Und wie behämmert muss man sein, um mit Vorsatz ein Gemisch aus unter anderem Palmöl herzustellen, nur um dann anschließend zu bemängeln, es handele sich um eine ökologische Sauerei? Dann nimm doch einfach ein anderes Öl?! Aus der Rubrik Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich habe den Klassenhamster angezündet und jetzt tut er mir furchtbar leid. Tja, dann zünde halt keine Hamster an, Einstein. Ferner ist ein veganer Käse verglichen mit dem tierischen Original ökologisch selbst dann ziemlich weit vorne, wenn er teilweise aus Palmöl hergestellt ist. So eine Kuh stößt große Mengen Methan aus, während ihr Körper aus ihren Blutbestandteilen Milch herstellt, und bekommt Kraftfutter zugesetzt, das deutlich mehr Tropenfläche belegt als die Produktion weniger Gramm Palmöl. Von dieser Milch brauchen wir dann 12,5 Liter, um recht ineffizient ein Kilo Emmentaler daraus herzustellen. Bezogen auf das Klima und die Landnutzung ist das also die weit größere „Sauerei“.

 

 

Das Fazit könnte auch beknackter nicht sein:

„Veganer Käse ist chemisch angedicktes Wasser!“

Näää, komm! Chemisch angedicktes Wasser, darauf muss man auch erst mal kommen. So ziemlich alle Lebensmittel (auch die krass natürlichen) sind das Ergebnis chemischer Prozesse, oder? Und wenn sie Wasser enthalten, ist dieses Wasser verdickt, korrekt? Ich würde also mal ganz mutig behaupten, dass Spaghettisoße, Erbensuppe und Pizza rein technisch gesehen auch chemisch verdicktes Wasser sind – der Verdickungsgrad variiert halt stark.

Woran erkennt man eine veganophobe Drehbuchautorin auf einer Party? Keine Sorge, sie kreischt ständig rum, dass der tierfreie Nudelsalat chemisch verdickte, ungesunde Pampe für Allergiker ist. So, CUT, wir wechseln hier mal genau so abrupt wie im Video mit den irgendwie so gar nicht einleitenden Worten „Dann können wir ja mal probieren, ob die sich geschmacklich einen Gefallen tun“ zu besagter Szene, in der drei Spitzenköche und Katharina Schickling im Kreis stehen und glutenfreies Brot mampfen. Wer „die“ sind, wird in dieser Version nicht näher erläutert.

Angeblich „prüfen“ die Köche Geschmack und Inhaltsstoffe. „Prüfen“ ist hier aber nur ein Euphemismus dafür, sich von der Autorin aufzählen zu lassen, welche Inhaltsstoffe auf der Packung vermerkt sind, und dann „boah“ zu sagen. Ich wünschte, irgendwer beim SWR bestellt demnächst mal den ADAC, um den Reifendruck der Ü-Wagen zu prüfen. Der kommt dann, tritt ein paarmal neben den Kotflügel, sagt dann „ui“, „och“ oder „hmmm“, fährt wieder nach Hause und schickt eine 150-Euro-Rechnung fürs „Prüfen“.

Da prüft überhaupt keiner irgendwas, die Frau liest einfach die Zutaten vor und kapiert im Rahmen ihrer Chemiephobie mutmaßlich kaum ein Wort davon. Maisstärke ist drin, krass. Tja, Weizenstärke ist ja vermutlich schwierig, wenn schon Spuren von Gluten problematisch sind, voll die Überraschung, dass man einfach die Stärke einer anderen Pflanze nimmt. Konservierungsstoffe und Beta-Carotin sind auch noch drin, das Zeug vergammelt also nicht so schnell und ist gefärbt, ich springe gleich vor Schreck aus meinen Klamotten.

Sie suhlt sich förmlich darin, die komplizierten Worte mit den langen Namen möglichst irritiert auszusprechen, als wäre das glutenfreie Brot voller Plutonium und Chlorbleiche. Geht den anwesenden Köchen übrigens ähnlich, das sei ja „voller Chemie“, wird attestiert, ohne dass irgendwer auch nur im Ansatz erklären könnte, wo jetzt die große Gefahr in schnödem Beta-Carotin lauert. Wie ahnungslos Frau Schickling tatsächlich ist, zeigt sich dann beim Test des glutenfreien Vollkornbrotes, das sie gleich mal kritisiert mit den Worten: „Normalerweise ist in ‘nem Brot ja einfach gar kein Zucker drin.“ Nee, Katharina, den Zucker pumpen die Gluten-Illuminati NUR in das glutenfreie Brot. Wäre auch echt schlimm, wenn in abgepackten Broten einfach so Zucker wäre! Wie behütet vor der realen Welt manche SWR-Autorinnen aufwachsen, es ist irgendwie fast rührend.

Es wirkt übrigens auch in der kurzen Version höchst arrogant und großkotzig, wenn sich vier gesunde Menschen darüber lustig machen, wie ekelhaft Brot für zöliakiekranke Menschen schmeckt und was da alles für „Chemie“ drin ist. Der Hinweis, dass Menschen mit Glutenunverträglichkeit das nicht zum Spaß essen, ist im Gegensatz zum langen Beitrag nicht mehr enthalten. Der Zuschauer gewinnt den Eindruck, dass diese Produkte ausschließlich was für Spinner sind und erfährt nicht, dass der Verzehr von Gluten bei den Erkrankten nicht nur heftige Schmerzen auslösen, sondern auch Lymphknotenkrebs verursachen kann.

Dieser ekelhafte Abschnitt gipfelt im gefährlichen Fazit, dass Menschen ohne Allergie auf solche Produkte verzichten sollten. Warum? Keine Ahnung, vermutlich, weil es Spitzenköchen nicht schmeckt und weil Maisstärke drin ist. Eine Glutenunverträglichkeit ist aber keine Allergie, wie dieses stümperhafte Video suggeriert, sondern eine Autoimmunerkrankung, die man nicht mit einem positiven Allergietest auf Gluten diagnostizieren kann.

Letzter Teil: Milchersatzprodukte. Auch da steckt laut Untertitel viel Wasser mit Chemie drin. Auweia, hat beim SWR eigentlich jeder Chemie in der achten Klasse abgegeben? Ja, natürlich ist das Wasser voll mit Chemie, wobei, Wasser selbst ist H2O, das ganze Ding ist also inklusive der Verpackung und dem Wasser Chemie. Aber das gilt nicht nur für die abgebildete Hafermilch, hier eine Aufzählung der Inhaltsstoffe handelsüblicher Kuhmilch ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Wasser, Lactose, Galactose, Glucose, Caseine, Beta-Lactoglobulin, Alpha-Lactalbumin, Serumalbumin, Immunglobulin, Proteosepepton, ein Dutzend Fettsäuren, Spurenelemente, Vitamine. Ich wette, wäre in Hafermilch Proteosepepton, wir hätten es bereits ein Dutzend Mal als Beweis unter die Nase gerieben bekommen, dass Hafermilch mit dem Teufel im Bunde ist und die Rübenernte verdirbt.

Jetzt kommt noch diese hochnotpeinliche Stelle mit dem Johannisbrotkernmehl, bei der die Lebensmittelchemikerin unserer investigativen, die Augen weit aufreißenden Journalistin zeigt, wie ein triviales Verdickungsmittel funktioniert. Diese staunt wie eine Person aus dem achtzehnten Jahrhundert, die einem Raketenstart beiwohnt, und ärgert sich sichtlich, dass es sich hier um einen hocheffizienten Verdicker handelt, Untertitel:

„Er macht aus Wasser etwas, das sich im Mund wie Milch anfühlt.“

Nee, echt? Captain Obvious is in the house. Ralph Wiggum erzählt Lisa Simpson in einer Folge mal, dass der Atem seiner Katze nach Katzenfutter riecht, sehr viel belangloser ist das nicht. Es wird hier offenbar als herber Affront verstanden, dass die Konsistenz von Pflanzenmilch der von Kuhmilch ähnlich ist, dabei ist auch die Konsistenz von abgepackter Kuhmilch das Ergebnis einer starken Verarbeitung.

Überhaupt, es ist halt nur Johannisbrotkernmehl. Das ist so unbedenklich, dass es in der EU uneingeschränkt als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen ist, auch für Bioprodukte, und steht darüber hinaus im Verdacht, Diabetes mellitus und Fettsucht lindern zu können. Ist übrigens krass natürlich, man muss einfach nur den Samen eines Baumes mahlen, fertig. Versteh einer, warum die Kreuzritterin im Namen der Natürlichkeit, die offenbar noch nie selbst eine Soße gekocht hat, das jetzt auf einmal für ungesund hält. Fast vergessen: Das Ganze ist zudem vollkommen unerheblich, weil es dutzende Hafermilchprodukte gibt, deren Zutaten sich auf Wasser, Hafer, Pflanzenöl und Salz beschränken.

Die hysterische Furcht vor dem fiesen Verdicker kann man sich doppelt verkneifen, trotzdem lesen wir anschließend den Untertitel:

„Aber es gibt keine Beweise, dass das »gesund« ist!“.

Stimmt, es ging hier aber eigentlich nur darum, ob bestimmte Nahrungsmittel wirklich ungesund sind. Und nach einem Beweis dafür, dass in Wasser gelöster Hafer mit oder ohne Johannisbrotkernmehl ungesund ist, kann man lange suchen. Muss man ja auch nicht, wenn man einfach durch billige Tricks suggeriert, es wäre so. Wieso lässt der SWR eine Sendung über übertriebene Vorsicht bei der Ernährung ausgerechnet von einer Frau produzieren, für die schon der Anblick eines gewöhnlichen Verdickungsmittels eine revolutionäre Angelegenheit zu sein scheint, weil sie mit der gesamten Materie komplett überfordert ist?

Anstatt unbegründete Furcht vor bekömmlichen Lebensmitteln zu entkräften, schürt der Beitrag solche Ängste selbst. Man hätte ganz nüchtern zum Ergebnis kommen können, dass Gluten für die meisten Menschen nicht gefährlich, sondern gut bekömmlich ist. Hier aber wird krampfhaft versucht, glutenfreien Produkten das Ungesund-Label zu verpassen.

Den krönenden, zu diesem ganzen dubiosen Beitrag sehr gut passenden Abschluss macht Professor Nawroth, der nach dem Abschnitt mit der Hafermilch erklärt, ihn wundere die Gutgläubigkeit der Menschen. Der Zuschauer muss denken, er beziehe sich hiermit auf die Konsumenten von Pflanzenmilch; tatsächlich ist genau diese Aussage im kompletten Beitrag aber hinter eine ganz andere Stelle geschnitten, und zwar in Minute 25:53, nachdem Frau Schickling die Ergebnisse einer absurden Blutgruppendiät erhalten hat. Der Beitrag verzerrt hier bewusst die Aussage von Professor Nawroth, wir können nur raten, worauf der Mann im Interview überhaupt mal geantwortet hat.

Herzlichen Glückwunsch, dieses manipulative, polemische, dumme Ressentiments verstärkende Facebook-Video haben wir alle mit unseren Gebühren finanziert. Es ist tatsächlich gegen allen Erwartungen noch kruder als der Gesamtbeitrag, so als wüchse aus einem eitrigen Pickel ein noch größerer, eitrigerer Pickel. Er wurde über 65.000-mal geteilt und erntet auch eine Woche nach Veröffentlichung zustimmende Kommentare von Leuten, die offenbar keine Ahnung haben, was in ihrem Essen drin ist.

Als Reaktion auf die vielen kritischen Kommentare kommentiert der SWR unter dem Beitrag selbst: „Der Sinn des Films ‚Schöne, neue Essenswelt‘ ist es, Mythen zu entlarven und Fehlinformationen richtig zu stellen [sic]“ und merkt offenbar selbst nicht, wie hochgradig lächerlich diese Aussage angesichts der unfassbar schlechten Recherchearbeit und vom SWR selbst verbreiteten Mythen ist.

Fazit:

Der Film schließt mit dem tiefsinnigen Fazit, dass die Lösung vielleicht sei, einfach das zu essen, was gut schmeckt. Ein genialer Abschluss für diesen Film, in dem es um Allergien und Unverträglichkeiten geht. „Herr Schlonz, wieso haben Sie denn in Erdnussbutter gebadet, obwohl Sie eine Allergie haben?“ „Na weil’s so toll schmeckt!“. Nee, also gerade vor dem Hintergrund, dass wir 15% übergewichtige Jugendliche im Land haben, ist die Regel „einfach essen, was die Zunge geil findet“ so zielführend wie „Am besten nur so viel bewegen, wie der innere Schweinehund zulässt.“

Ausgerichtet auf genau dasselbe dusselige Fazit hat Frau Schickling übrigens bereits ein Buch geschrieben, Titel: „Aber bitte mit Butter: Warum Brot nicht dumm und Fett nicht krank macht“. Ich zitiere mal eine der negativen Rezensionen:

„Dieses Buch kann sich nicht entscheiden: Es propagiert Chips, Croissants, Wurst und Keksen [sic] ohne Schuldgefühle zu essen, aber nur wenn es keine Fertiggerichte sind, denn in denen sind ja so viele ungesunde Zusatzstoffe…“

Ja, so schön einfach ist die Welt von Katharina Schickling. Chips aus der Tüte? Bitte nicht, da ist Reismehl drin. Aber selbstgebackene Chips in Butter und Schweineschmalz geschwenkt, das rockt. Manche Leute verzichten vielleicht auf Butter, weil sie weniger Fett zu sich nehmen wollen, aber… also, ich meine, Miley Cyrus, die isst ja auch keine Butter und deren Mutter hat mal auf einer Party was erzählt, dass sie Butter eigentlich, also äh … mmmh, lecker Chips mit Butter!

Anstatt seltsame, auf willkürlichen Verzicht ausgerichtete Heilslehren zu entkräften, verbreitet der SWR hier willkürliche, auf Nicht-Verzicht ausgerichtete Heilslehren von einer esoterisch daher fabulierenden Historikerin, die sich offenbar dachte „Wenn sich so viel Geld mit Diätbüchern verdienen lässt, dann geht das vielleicht auch mit Anti-Diät-Büchern.“ Und wenn der Herder-Verlag so einen Unsinn verlegt, dann kauft der SWR den Blödsinn bestimmt, wenn ich ihn als Dokumentation tarne.

Ich google jetzt erst mal „Bildungsauftrag“

_________________________________________________________________________________

Dieser Text wäre nicht zu Stande gekommen, wenn mich nicht all die netten Menschen bei Patreon, Steady oder auf andere Art unterstützten. Damit der hiesige Blogger weniger Zeit mit schnöder Prozessberatung verschwendet und sein Leben dem Schreiben revolutionärer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier einen Euro Unterstützung zukommen lassen. Er wäre dafür sehr dankbar und würde Dich dafür gerne namentlich erwähnen (wenn Du das denn überhaupt willst).

In diesem Sinne danke ich recht herzlich meinen Spendern Sophedore, Joël Daniel, Taka Maru, Sonja Kukoski-Berrer, David Bungert, Katja Cordts-Sanzenbacher, Martin Dejonge, Bettina Hövener, Silke Heckmann, Björn Völkel, Michaela Müller, Anna Manow, Anja RiFa sowie Antje und Marcus Guttenberger

Ferner danke ich nicht weniger herzlich Thomas Karl Schneider, Markus Miller, Peffe Stahl, Katharina Brusa, Sabine Manger, Ulrike Bayr, Thorsten Emberger, Dennis Kubon, Julia Kress, Clara , Sabine Kessel, Lydia Ascione, Heike Siegler, Maren Wolff, Nils Sowen, Michael Schenk, Florian Escherlor, Ralf Kuhweide, Diana Diansen, Carina Nowak, Renja Annen, Elke Düzgün, Anne Christin Brück, Sandra Oetting, Phillip Lakaschus, Yvonne Ri, Sabrina Langenberg, Almut Riese, Selina Ehlermann, Chris Reiners, Nicole Aretz, VJ Fränkie, Anna Hanisch, Carmen Thelen, Janine ProNobi, Susanne Krüger, Julia Krause, bernd haller, Mathias Häbich, Neele Engelmann, Uta Vogt, Caro Gilbert, Olga Hildebrand, Jens, Shari van Treeck, Reni Tenzia, Barba Ra, Orenji, Amanda Solala, Daniela TurboNeko, Thomas Pätzold, Raphael Baumann, Vera Oswald, Heike Heuser, Jan Oelschlägel, Naemi Roth, procrasti-nate-or, Kiki Danner, Hanno Endres, Katharina Groß, Andrea Finas, Michaela Senz, Matthias Meyer, Tayfun Bayram, Maximilian Roth, Felix Schulte, Stefan Hunger, Johannes König, Josephine Richter und Lisa Prenger

Ohne Euch gäbe es diesen Text jetzt nicht, dafür aber ein toll graues Web-Formular in irgendeinem noch effizienter arbeitenden Ticketsystem 😉

8 Gedanken zu “Wie der SWR einer Lebensmittel-Esoterikerin eine Bühne für ihre dubiosen Thesen bietet

  1. Es ist wirklich unfassbar, dass dieser Witz von einer Doku wirklich im öffentlich-rechtlichen Fernsehn laufen darf! Willst du dich nicht mal mit ihr treffen und aus dem Gespräch einen Podcast machen? Oder ein Video oder so? Man kann doch sowas nicht einfach so senden dürfen! Hier wäre ihre Email für eine Kontaktanfrage: k.schickling@t-online.de

  2. Ich fand ja überhaupt schon die Formulierung so geil: „Johannisbrotkernmehl – Was so nett nach Bioladen klingt, ist in Wirklichkeit…“
    Wie wäre es mit: „Gelatine – Was so nett nach italienischem Eiscafé klingt…“

  3. Fazit: Wir finden es blöd, dass viele Menschen (zumindest teilweise unbegründet) Angst vor Lebensmitteln haben. Lösung: Wir machen ihnen einfach unbegründet Angst vor anderen Lebensmitteln
    Wird doch ständig so gemacht … wenn Menschen Angst z.B. vor Umweltschäden haben, macht man ihnen Angst vor Arbeitsplatzverlust – Problem gelöst …

    Wobei ich manche Hysterie mit gefährlichen Lebensmitteln manchmal auch nicht mag. Ich glaube nicht, dass ich an einem einzelnen Steak gleich sterbe …. nur, das Tier stirbt halt dran, das ist das Dumme

    Deine Artikel sind einfach Gold wert, danke!!

  4. Der Podcast ist mal eine super Idee! Gerade wenn du solche Rundfunkproduktionen kritisierst, dann bietet sich das ja super an. Dann kann man auch Ausschnitte vorspielen und direkt darauf eingehen. Freue mich auf weitere Produktionen von dir 🙂

  5. Podcast ist eine super Idee! Dafür hab ich im Auto immer Zeit!!
    Tonqualität fand ich ok, aber an deinem Sprecherqualitäten könntest du feilen. Langsamer, deutlicher.

  6. Danke, danke, danke! Als Mutter einer Tochter mit Zöliakie habe ich über die in drr „Doku“ getroffenen Aussagen richtig geärgert auch wenn ich wusste, dass die sowieso Schwachsinn erzählen, ist das Fazit „schmeckt widerlich, haste halt Pech wenn du drauf angewiesen bist“. Der ganze andere Schwachsinn war einfach zu abstrus, ich finde es genial wie du dieses ganze Natürlichkeitsgeschwafel ad absurdem führst! Herzlichen Dank auch für den Podcast, ich freue mich auf weitere Hörfolgen.

Schreibe einen Kommentar

Shares
Share This

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen findest Du in der Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen