Ich kenne diese eine Vegetarierin aus Ulm, die ist doof, deswegen esse ich Fabrikwürste

Ihr denkt, nur Kinder hätten imaginäre Freunde? Blödsinn, die meisten Erwachsenen laufen mit einem Dutzend für niemand anderen sichtbarer Begleiter herum und erzählen bereitwillig davon, was die den lieben langen Tag so tun. Erstaunlich viele meiner Bekannten haben zum Beispiel eine Uroma namens Annegret, die unfassbar viel geraucht hat und im Alter von 104 Jahren trotzdem noch ihre Slipknot-Konzerte im Moshpit verbrachte, weil sie halt trotz ihrer Lungenflügel in Vulkanoptik topfit war. Ob die alle miteinander verwandt sind?


Viele Erwachsene zaubern auch immer diesen einen Vegetarier aus dem Hut, Günther, der von morgens bis abends mit dem SUV Supermärkte abklappert, um dort sämtliche Vorräte an Avocados, Mangos und Quinoa aufzukaufen. Wir alle kennen natürlich über drei Ecken Heiko, der ein Elektroauto fährt und das – haha – nur mit Kohlestrom auflädt. Ach ja, was lachen wir immer gerne darüber, wie dumm Heiko ist, wenn wir unseren Diesel-PKW mit gefaketen Abgaswerten auftanken *Tränen aus dem Augenwinkel wisch*. Wir können uns leider nicht mehr mit Rita treffen, die ist Veganerin und ganz schlimm krank geworden, bestimmt wegen der komischen veganischen Sachen, die sie immer isst.


Kalle, der Cousin zweiten Grades eines ehemaligen Schulkameraden, hat Solarkollektoren auf dem Dach, aber sobald eine Wolke am Himmel ist, kauft er ganz viel Strom aus französischen Atomkraftwerken weg. Gisela verzichtet auf ihr Auto und fährt Fahrrad, aber die fliegt neunzehnmal im Jahr nach Neuseeland, voll bescheuert, diese Fahrradfahrer! Ach ja, und Rolf aus dem Nachbarort, der will sich regional versorgen, kauft seinen Wirsing aber angeblich immer in zehn Kilo Plastik eingepackt, macht ja mal gar keinen Sinn, dieser Regionalquatsch.
Ganz viele Leute kennen Sabine und Nobert: Sabine hält ihre Kühe auf der Weide, wo sie mit ihren Kälbchen zusammen das ganze Jahr über grasen dürfen und wenn die Kühe ganz alt sind und gar nicht mehr so recht Lust haben auf ihr Leben, dann fährt Sabine diese Tiere auf seidenen Laken zu Norbert, der das Tier extrem schonend auseinandersägt und auf diese Weise alle Supermärkte in ganz Deutschland mit unverschämt günstigem Fleisch beliefert.


Und habt Ihr das von Guyame gehört? Der baut in Kenia angeblich Biobaumwolle an, bescheißt uns aber alle, weil er da ganz giftige Gifte draufspritzt und das Biozertifikat nur mit Bestechung bekommt. Seine Cousine Saba lässt aus der Baumwolle dann von achtjährigen Kindern in Akkordarbeit T-Shirts herstellen, kennt aber irgendwen bei der FLO, der ihr da ein Fair-Trade-Siegel draufklebt. Und Rolf? Kauft den Scheiß natürlich noch, dabei ist das nicht mal regional, so ein Spinner.


Ja, und so sitzen wir dann da. Der Bauch voll mit Fleisch von Kühen in Anbindehaltung, der Hintern warm von der Sitzheizung im dicken, schnellen, enorm viel Benzin verbrennenden Benz, der Schrank voller Klamotten ungeklärter Herkunft, der Kühlschrank gefüllt mit irgendwelchem Essen von sonst wo, eingepackt in irgendwas, Hauptsache, es ist billig und lecker, in einer mit Kohlestrom beleuchteten Wohnung, weil Günther, Heiko, Rita, Kalle, Gisela, Rolf so doof, weil Guyame und Saba so korrupt und weil Sabine und Norbert so gut zu Tieren sind.


Stellt Euch mal vor, die wären alle nur bequeme Hirngespinste! Am Ende müssten wir noch Verantwortung für unser Handeln übernehmen…

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Na, immer noch nicht genug? Dir gefällt der Artikel wohl und Du würdest gerne mehr solcher Texte hier sehen, was? Du denkst, der Autor dürfte ruhig mal weniger faulenzen und mehr in die Tasten hauen? Du hast die richtige Einstellung!

Damit der hiesige Blogger weniger Zeit mit schnöder Prozessberatung verschwendet und sein Leben dem Schreiben revolutionärer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier einen Euro Unterstützung zukommen lassen. Er wäre dafür sehr dankbar, würde sich gegen all die Mangelerscheinungen was vernünftiges zu Essen kaufen und Dich dafür gerne namentlich erwähnen (wenn Du das denn überhaupt willst).

Neulich, als eine BBC-Quizshow behauptete, Avocados seien nicht vegan, und alle es geglaubt haben

Oh, was für ein Glück wir doch haben, dass hart arbeitende Journalisten bei Merkur.dePunkt 12, Männersache, 20min, blick.ch, heute.at und der Bild-Zeitung sich so mitfühlend um uns Pflanzenfreaks kümmern! Ich weiß, ist schon zwei Wochen her, aber es erscheinen immer noch Meldungen dazu.

Besagte Journalisten hatten knallhart recherchiert, dass wir keine Avocados essen können, weil die gar nicht vegan sind. Beziehungsweise, wir können schon, aber dann sind wir blöde Heuchler, weil für Avocados ja Bienenstöcke zu den Pflanzen gefahren werden. Ja, das ist auf gleich mehreren Ebenen unfassbar dusselig.

Abgeschrieben haben die das alle von einer sich selbst vermutlich nicht so ganz ernst nehmenden Quizsendung der BBC. Dort wird die Frage gestellt, welche der eingeblendeten Lebensmittel man als ein „strict vegan“ essen kann. Ist das jetzt der Maßstab für seriöse Berichterstattung, alberne Quizsendungen aus dem Vorabendprogramm? Nun gut, die eingeblendeten Lebensmittel sind folgende: Mandeln, Avocados, Melone, Kiwi, Kürbis. Die von der „Redaktion“ dieser Sendung vorbereitete Auflösung: Keines dieser Lebensmittel sei strenggenommen vegan, denn für diese würden Bienenstöcke unnatürlich („in an unnatural way“) zu den Pflanzen transportiert.

Rüben gelten also mutmaßlich nur als vegan, wenn die Landwirte das Saatgut mit Mulis auf den Acker transportieren, Traktoren wären einfach zu unnatürlich. Die Moderatorin erklärt zum Abschluss, dass das auch für Broccoli, Kirschen, Gurken und Salat gelte und freut sich anscheinend diebisch darüber, sie schließt mit den hämischen Worten:

„Lots and lots of vegan things actually are not strictly vegan. So… BAD NEWS FOR MILLENNIALS, I’m afraid avocado toast is usually not vegan.“

Irgendwie ist es schon niedlich, wie viele Menschen sich genau null Gedanken

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Wenn Du tatsächlich nur ganz wenig Biofleisch isst, Dir das aber keiner glaubt

Und jetzt kommt ein verdienter Post für Euch, die wahrhaftigen Ausnahmslos-Biofleisch-Esser. Denn auch wenn ich mich oft darüber lustig mache: es gibt Euch tatsächlich. Und wäre ich einer von Euch, es würde mich wahnsinnig nerven, wie viele Leute sich bei Bedarf zu Eurer Minderheit dazuschummeln, den Geist voller guter Absichten, aber den Bauch voller Bierwurst aus dem Penny-Markt, während Ihr das auch in der Realität durchzieht.

Sehr sehenswert dazu ist das aktuelle Video von Patrick „der Artgenosse“ Schönfeld, der das sehr gut zusammenfasst: Der Bio-Anteil bei Fleisch liegt zwischen 1,2 und 1,8 Prozent. Von diesen 1,2 bis 1,8 Prozent gehen wiederum ganze 12 Prozent auf Wochenmärkten, in Hofläden oder Metzgereien über die Theke. „Gutes“ Fleisch vom Metzger des Vertrauens entspricht also 0,2 Prozent des verkauften Fleischs, findet sich aber gefühlt in 50 Prozent der Kühlschränke von Menschen, die im Internet diskutieren. Wenn also das nächste Mal jemand über den bald schon abebbenden „Trend“ Veganismus spottet, sollte man zurückfragen, ob man sich um den Trend „gutes Fleisch vom Metzger meines Vertrauens“ nicht deutlich mehr Sorgen machen müsste.

Ich habe „gut“ jetzt immer in Anführungszeichen gesetzt, weil

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Ich wäre ja auch gerne vegan, aber ich könnte nicht leben ohne Eutersekret!

Na, würdet Ihr auch gerne mal wieder Lebensmittel einkaufen gehen, checkt aber nicht im Ansatz, was da auf die Verpackungen gedruckt ist, sodass mittlerweile Euer halber Vorratsschrank randvoll ist mit wenig schmackhaften Insektenvernichtern, Batterien und Paketkordel? Kenne ich… Eigentlich wollte ich ja Linsensuppe kochen, aber die Etiketten auf den Produkten sind so scheißkompliziert, dass ich immer mit vollkommen falschen Zutaten nach Hause komme und jetzt Küchenrolle blanchiere. Ich hoffe, die schmeckt zu Wattestäbchen.

Damit diese Qual nun endlich ein Ende hat, hat der Europäische Gerichtshof gestern entschieden, dass Verpackungen ab sofort extrem deppensicher gestaltet sein müssen, sprich: „Milch“ oder „Käse“ darf nur auf Verpackungen stehen, deren Inhalt aus „normaler Eutersekretion“ gewonnen wird. Zugegeben, das klingt schon viel geiler als „Brotbelag auf Mandelbasis“, was auf meinem Käse steht. Wer parkt nicht gerne eine große Portion Eutersekret auf seinen Rigatoni?!

Jetzt frage ich mich nur, wo die Hersteller all die „normale Eutersekretion“ vorfinden wollen. Das klingt so, als würden da Paarhufer gedankenverloren über die Wiese traben, während ihnen das Zeug so mir nichts, dir nichts aus dem Euter tropft und man es einfach nur von der Wiese saugen

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Zuckerminister rät: Für eine ausgewogene Kinderernährung mindestens ein Snickers zu jeder warmen Mahlzeit!

Was ist das da am Himmel??? Ist es ein Vogel? Ein Flugzeug? Nein, es ist unser Ernährungsminister! Aber was ist denn mit seinem Kopf los, er steckt ja bis zu den Schultern in irgendwas drin! So tu doch irgendjemand was! Ach, jetzt erkenne ich es – Entwarnung – das ist einfach nur der Hintern der Fleischindustrie. Welch schönes Naturschauspiel… Immer zu Jahresende fliegen die Lobbyisten gen Süden, um dort ihr Nest für die Zeit nach ihrer politischen Karriere zu bauen.

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Es ist schon schräg. Ausgerechnet in einer Zeit wirklich ernster Probleme parkt die CSU primär Lösungen in ihrem Parteiprogramm, zu denen es gar kein Problem gibt. Christian Schmidt ist Landwirtschafts- und Ernährungsminister, und da gibt es wirklich viel zu tun. Das millionenfache Leid der Kreaturen, Klimawandel, multiresistene Erreger, EU-Klagen gegen Deutschland wegen Gülle, undurchsichtige Subventionen, adipöse Kinder und und und. Aber bei all diesen Punkten setzt man gerne auf Freiwilligkeit, wie Schmidt immer wieder betont.

Diese Dinge scheinen nicht wichtig genug zu sein für echte Maßnahmen. Aber jetzt hat Schmidt ein paar Missstände zur Chefsache erklärt, die wirklich dramatische Folgen haben, wenn sich ihnen nicht der Mann mit dem flexibelsten Rückgrat der Nordhalbkugel annimmt: In Kitas soll nämlich wieder mehr Schweinefleisch

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Biofleisch esse ich nicht – aus Rücksicht auf arme Menschen!

Echt jetzt, es kommt mir vor wie diese chinesische Wasserfolter, bei der ein Tropfen immer auf die gleiche Stelle trifft. Für sich genommen ist der Tropfen ganz harmlos, aber die ewige Wiederholung, wieder und wieder und wieder, die macht es mit der Zeit unerträglich, so dass man es zwar recht lange aushält, aber irgendwann NUR NOCH SCHREIEN MÖCHTE!

*hüstel* – Zumindest geht es erst mal ganz harmlos um Bioschweine. Ja, das sei ja alles wirklich toll, mit dem Biosiegel. Den Tieren ginge es da echt prima, so richtig im Freien und mit dem gesunden Futter. Die überschüssigen Ferkel werden in Kissenschlachten zu Tode amüsiert, bis sie grinsend sanft entschlafen, und für den Rest sind auf die Kreissägen im Schlachthof lustige Hello-Kitty-Bilder in Feng-Shui-Ausrichtung gedruckt. Eben alles ganz schonend und artgerecht, mancher Mensch denkt schon über ein aufwändiges Umoperieren zu einem Schweinekörper nach, so beneidenswert ist die Aufzucht.

ErnährungsministerNun würde ich selbst die landesweite Umstellung der Tierhaltung auf Biostandard nicht als wirkliche Lösung des Problems bezeichnen, zugegebenermaßen aber als durchschnittliche Abschwächung besonders schlimmer Zustände. Aber selbst von diesem Minimalziel sind wir ja mehrere astronomische Einheiten weit entfernt. Denn nachdem irgendwer sich dafür ausgesprochen hat, Hühnern gemäß Bioverordnung mehr Fläche als ein Din-A4-Blatt zur Verfügung zu stellen, kommt er, der ultimative Wasserfolter-Schwachsinnsspruch mit Prädikat „Auch Gehirne von Ernährungsministern produzieren Ausscheidungen“:

„Nicht jeder kann sich ein Huhn für 25 Euro leisten!“

Aua aua, welch Schmerz. Ja, stimmt schon, rein faktisch betrachtet ist das natürlich richtig falsch … ehm … ungenau. Der Aussage würde für ihre ultimative Aussagekraft eine zeitliche Dimension irgendwie echt guttun. Tatsächlich kann sich jeder ein solches Huhn leisten, die Frage ist nur, wie oft. Ich kann mir auch mit dem Gehalt eines Webdesigner-Assistenten eine Weltreise leisten, nur muss ich dafür entsprechend lange sparen. Okay, sollte das gemeinte Produkt tatsächlich mehr kosten als mein gesamtes Lebenseinkommen beträgt, bin ich aus der Nummer raus – aber wir reden von 25 Euro.

Was mit diesem verbalen Fluchtversuch wirklich gemeint ist, ist natürlich, dass Menschen mit niedrigem Einkommen nicht genug Asche auf der Bank haben, um ihren Fleischkonsum bei gleicher Menge einfach mal komplett auf bio umzustellen. Und auch, wenn das so dahingesagt fürchterlich edel klingt, als würde es der Person wirklich um arme Menschen gehen, so wird mit diesem Gedanken erst mal nur das Schicksal armer Menschen abzumildern versucht, indem man einem Vielfachen an Tieren ein noch viel schlimmeres Schicksal aufbürdet.

Bio or not bio

Und das sagt dann auch noch der Bundes-Ernährungsminister (bei 48:55) als Beleg dafür, dass er sich „um die ganze Gesellschaft“ zu kümmern hat. Lieber Herr Schmidt, ein klarer Blick auf die Realität dürfte mit viel Einfluss von CSU-Kollegen kompliziert sein, aber: Wenn Sie sich für die ganze Gesellschaft verantwortlich fühlen, dann ist das Verfüttern von gesundheitlich fragwürdigen Massenstallhühnern an die Ärmsten der Armen und das Opfern der planetaren Substanz für nachfolgende Generationen ein mit diesem Gedanken ziemlich unvereinbares Verhalten. Ihre Wähler mögen ja nach Billigfleisch schreien – aber das auch zu ermöglichen, hat mit gesellschaftlicher Verantwortung so viel zu tun wie die flächendeckende Versorgung mit Alkopops zu vertretbaren Preisen, weil die eben gerne getrunken werden.

Es ist halt eine ökonomische Gesetzmäßigkeit, an der man nicht rütteln kann: Zum heute üblichen Preis kann man Fleisch nur produzieren, wenn daran massiv Kreatur und Planet leiden. Wer für einen „fairen“ und damit viel höheren Preis dann noch wie viel davon kaufen könnte, ist nüchtern betrachtet ein theoretisches Gedankenspiel unserer modernen Welt. Geboren aus der sehr besonderen und zeitlich begrenzten Situation, dass es eben jetzt gerade so absurd billig ist. Hätten vor 50 Jahren Leute gesagt „Zu den jetzigen Preisen können sich nicht alle Menschen jeden Tag Fleisch erlauben“, wäre die Antwort schlichtweg gewesen: „Stimmt, das Leben ist kein Ponyhof. Deal with it.“ Heute ist die Antwort: „Stimmt, wie furchtbar! Lass uns Tiere in winzige Verschläge sperren und mit Scheiße füttern, damit jeder immer Fleisch essen kann!“

Ich will damit jetzt nicht verharmlosen, dass es in Westeuropa immer noch bitterarme Familien gibt, für die soziales Abseits und unerbittliche Perspektivlosigkeit den traurigen Alltag ausmachen – aber deren Probleme löst man nicht, indem man ihnen billiges Fleisch in den Kühlschrank subventioniert, im Gegenteil. Es ist viel eher eine Frage von einer immer weiter auseinanderdriftenden Einkommensverteilung und unfairen Voraussetzungen in unserem Bildungssystem – das hat aber mit Biofleisch nur bedingt was zu tun.

Würde es hier wirklich um Chancengleichheit gehen, wieso höre ich dann nicht auch ähnliche Forderungen zu anderen Produktionsbedingungen? Ist die Flugbenzinsteuer nicht hochgradig unsozial? Nicht jeder kann sich einen Interkontinentalflug für 1200 Euro leisten! Abkommen gegen Kinderarbeit beim Kaffeeanbau? Nicht jeder hat genug Bares, um 20 Euro für 500 Gramm Bio-Fairtrade-Kaffee zu bezahlen! Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Dann wird am Ende ja das Bier teurer, wenn diese Faulpelze in den Brauereien ständig krankfeiern!

Hand aufs Herz – trotz der Preissteigerung sind das doch alles erstrebenswerte Errungenschaften, auch im Sinne der Mehrheit, weil der vorher niedrige Preis eben nur mit inakzeptablen Methoden möglich war. Oder würde sich ernsthaft jemand zu „hart aber fair“ setzen und Frank Plasberg erklären „Ja, mir tun diese 10-Jährigen ja auch leid, dass sie in diesen Schuhfabriken eingesperrt sind. Aber Markensneaker für 180 Euro kann sich eben nicht jeder leisten“? Ein Aufschrei der Empörung wäre die Folge.

Ach ja richtig, der Unterschied ist eben, dass es bei Kinderarbeit um Menschen geht und bei Fleisch um irgendwelche bedeutungslosen Viecher. Aber Schmerz ist Schmerz, für den muss man nicht auf zwei Beinen laufen können. Ich glaube ja nicht an Wiedergeburt oder so was, aber hätte ich für das nächste Leben die Wahl zwischen dem Schicksal eines indischen Jeansnäherkindes und dem eines Huhns in einem Wiesenhofbetrieb, dann würde ich mir schon mal das Hindi-Wörterbuch in den transzendenten Warenkorb legen. Und nein, Fleisch ist kein unersetzbares Grundnahrungsmittel, der menschliche Körper kommt ohne sehr gut klar, sogar weit besser als mit großen Mengen davon.

Warum ich den obigen Satz aber geradezu schmerzhaft doof finde: Ich höre ihn wahnsinnig oft von nicht gerade armen Leuten. Ich sitze in Kantinen von großen Unternehmen herum, an meinem Tisch ausnahmslos Personen mit Gehältern jenseits der 50.000 Tacken im Jahr, ein paar sicher auch noch weit darüber. Und alle haben 250 Gramm Tierprotein auf dem Teller, das im Stammmenü unfassbar günstig ist, während sie sich über Hobbys unterhalten, die alle nicht unbedingt günstig sind. Coole Tablets, edle Uhren, teure Urlaube, alles tipptopp. Niemand käme auf die Idee, an den hohen Preisen was Verwerfliches zu finden. Im Gegenteil: Dass Qualität auch was kostet, scheint auf einmal zur belächelten Binsenweisheit zu verkommen. Keiner von Euch würde dem anderen seinen Audi-Firmenwagen madig reden, weil sich ja nicht alle einen A4 leisten können.

Dann fällt der Blick auf meinen Teller. „Woran erkennt man einen Veganer? Keine Sorge, er wird es Dir sagen!“ Es fragen ihn nämlich alle Löcher in den Bauch, warum denn auf seinem Teller nur unmotiviertes Beilagengemüse rumliegt und dieses in Ermangelung einer echten Soße ohne Tier drin mit schnarchigem Salatdressing garniert ist. „Woran erkennt man einen Menschen, der sich über Veganismus noch nie Gedanken gemacht hat? Er wird sich furchtbar albern aufführen und Dir erklären, dass sich aber nicht alle Biofleisch leisten können.“

Nein, das können nicht alle. Aber Ihr mit Euren Preisvergleichportalen für Markenhandtaschen, Pay-TVs und Cabrios, Ihr könnt das! Ihr wollt nur nicht. Ihr steht zu Hunderten in den Schlangen der Essensausgaben und macht Euch nicht einen einzigen Gedanken darüber, wie es der Kreatur mal ging, die jetzt Tagesgericht A heißt. Ihr bewohnt die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde mit Export-Weltrekord. Die stolz ist auf ihre guten Arbeitsbedingungen und sozialen Errungenschaften und sich darüber empört, wie es anderswo ist.

Aber wenn sich dann die Erkenntnis nähert, dass andere Leute auch die sogenannten Nutztiere in dieses Wertesystem von Fairness und Gerechtigkeit aufgenommen haben, dann entdeckt Ihr ganz plötzlich Euer soziales Gewissen exklusiv für Menschen. Dann mutiert Ihr zu einer Art Fleisch-Robin-Hood und schiebt die Armen vor als Begründung dafür, dass man aus Tieren leider auch den letzten Eurocent herausquetschen muss. Ihr sitzt in Talkshows und erklärt, dass 20.000 Hühner in einer Halle schon irgendwie blöd sind, aber anders würde man halt die Armen ausgrenzen. Oder Ihr sitzt im Publikum und beklatscht diesen Redebeitrag frenetisch. Auch wenn Ihr in einem Hochgeschwindigkeitszug angereist seid, in einem hübschen Hotel übernachtet, satt vom 3-Euro-Dönersandwich seid und Euch um Armut sonst nicht besonders schert.

Das Problem sind doch nicht die Armen. Laut Armutsbericht sind 16 Prozent der Deutschen von Armut bedroht. Wenn also die anderen 84 Prozent auf das konventionelle Zeug verzichten würden, dann wäre ja schon was erreicht (wenn auch lange nicht genug). Ständig erzählen mir Fleischesser, dass man zurückkehren müsste zu Zeiten, in denen es nur einen Sonntagsbraten gab. Ja, dann macht das doch einfach, was hindert Euch daran? Die Tatsache, dass in das Budget von armen Menschen kein Biohuhn passt? Wow, klingt so sinnig wie „Tut mir leid, ich kann Dich nicht vom Bahnhof abholen, mein Nachbar hat nämlich keinen Führerschein“.

Ja, für jemanden ohne große Geldsorgen ist es einfach, die Verteuerung von Fleisch in Kauf zu nehmen. Auf der anderen Seite tut die Bitte-schön-billig-Fraktion immer so, als gäbe es ein Menschenrecht auf 1,99-Euro-Schnitzel und die tägliche Druckbetankung des eigenen Körpers mit Gammelfleisch. Aber nicht, weil Fleisch echt wichtig oder unersetzbar wäre, sondern weil es wirrerweise immer noch als eine Art Statussymbol verstanden wird. Würde ich im Bundestag dafür plädieren, die Umsatzsteuer für Flugananas auf 7 Prozent zu drücken, weil sich „nicht jeder eine frische Ananas für 5 Euro leisten kann“, ich würde ausgelacht. Damit würde man ja den umweltschädlichen Transport subventionieren, würde die Christlich-Soziale Partei der Nächstenliebe vermutlich entgegnen. Und außerdem: Dann kann man halt nicht jeden Tag erntefrische Ananas essen.

Warum diese Aussage in Bezug auf Flugobst in diesem Land als plausibel gilt, aber dieselbe Logik auf noch viel schädlichere Fleischprodukte angewandt in einem Aufschrei der Empörung mündet, wird mit dieser Frage betraute Historiker in 100 Jahren vermutlich in die Verzweiflung treiben.

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Na, immer noch nicht genug? Dir gefällt der Artikel wohl und Du würdest gerne mehr solcher Texte hier sehen, was? Du denkst, der Autor dürfte ruhig mal weniger faulenzen und mehr in die Tasten hauen? Du hast die richtige Einstellung!

Damit der hiesige Blogger weniger Zeit mit schnöder Prozessberatung verschwendet und sein Leben dem Schreiben revolutionärer Texte widmen kann ohne zu verhungern, kannst Du ihm hier einen Euro Unterstützung zukommen lassen. Er wäre dafür sehr dankbar, würde sich gegen all die Mangelerscheinungen was vernünftiges zu Essen kaufen und Dich dafür gerne namentlich erwähnen (wenn Du das denn überhaupt willst).

In der Intensivmast leiden Schweine? Dann nehmt doch einfach Hühner…

Na super…

Ihr habt mich gewarnt, aber ich wollte ja nicht hören. Vor 3 Monaten hatte sich abgezeichnet, dass das Unternehmen Rügenwalder sich bei den Veggies anbiedert, was einigen zu plump war. 180 Jahre lang verkaufen die Typen Zwerchfell und sonstiges Geröll als Schmierwurst und auf einmal, *Plonk* beackert man die Moos-Liebhaber? Einigen kam das komisch vor. Ich aber wollte das nicht hören, klebte mir eine rote Papp-Mühle auf die Stirn, wandelte vor lauter Freude durch meinen Lustgarten und sang das Rügenwalder-Mühlenfest-Lied dazu.

Rügenwalder

Ich schrieb dann, dass das alles nicht so schlimm sei und wir froh sein sollten, dass damit auch Gefilde jenseits der Biomärkte für Gut-Verdiener in den Genuss von Veggie-Wurst kommen und so weiter und so fort. Kleine Schritte sind ja auch wichtig, ja sind nur vegetarisch, aber immerhin. Ich war so gespannt – wie schmeckt das wohl, wenn so echte Wurstprofis eine Veggiewurst herstellen? Was nehmen sie wohl als Basis? Seitan? Linsen? Lupine? Soja? Viiiiel zu kompliziert! Wenn wir weniger Schweine abmurksen dann gerät ja am Ende das ganze Karma-Gefüge aus den Fugen! Lasst uns also zur Sicherheit gigantisch viele Hühner abmurksen oder in winzige Käfige sperren und dann deren Eier in die Wurst packen.

klingt kleinlich? So ein bisschen Ei ist doch nicht so schlimm wie Schmierwurst aus ehemals lebendigen Schweinen? Hätte ich jetzt auch behauptet… bevor ich sah, dass

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Ich alleine kann sowieso nichts ändern

Du bist so ein Naivling Jan, alleine wirst Du sowieso nichts ändern!

Ich alleineAch echt? Ihr ahnungslosen Tölpel wisst gar nichts! Gestern erst habe ich im Alleingang den gesamten Feinstaub des Rhein-Main-Gebietes beseitigt. Tja, das hättet auch ihr machen können, aber jetzt isses zu spät, haha! Den Claim habe jetzt ich abgesteckt, das Denkmal ist mir sicher! Ich erkläre Euch gerne, wie ich das hingekriegt habe, aber zuerst muss ich zum Nobel-Komitee fliegen. Vermutlich erhalte ich für das Schließen des Ozonlochs einen von der Stiftung neu ins Leben gerufenen Sonderpreis. Ja, das war ganz einfach, man muss sich einfach nur mal etwas Mühe geben. Hört bitte auf zu fragen, ich kann nicht jedem von Euch zeitraubend erklären, wie sich vollkommen simpel die Welt retten lässt – dazu ist mein Terminkalender zu voll. Im September werde ich die Weltmeere wieder mit der entsprechenden Fauna auffüllen und wenn ich schon mal dabei bin auch gerade diese gigantischen Plastikstrudel loswerden.

Oh nein!! Ich sehe gerade, dass ausgerechnet jetzt mein Superkräfte-Abo abgelaufen ist. Was machen wir denn jetzt?? Ohne meine Green-Lantern-Fähigkeit der spontanen De-Materialisierung von Müll mit Hilfe von Gedankenstrahlung müssen wir den ganzen Mist wohl doch wieder auf die herkömmliche Art in den Griff bekommen. Also gut, also gut, ich bemühe mich natürlich auch gerne, das

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Sie nennen es „Transparenz“

Tut mir leid, diesen Artikel gibt es gar nicht so richtig, er ist nur semi-existent. Eigentlich ist das hier nur eine Vorab-Version, denn so ganz fertig wird er leider erst im Jahr 2050 oder so. Um das hier besprochene Thema adäquat in Worte zu fassen ist der deutsche Sprachschatz nämlich leider nicht ganz ausreichend. Ich hoffe daher auf eine in Zukunft vom Duden-Verlag herausgegebene Smartphone-App, mit der man existente Adjektive beliebig verstärken kann. Dann werde ich den Begriff „zynisch“ oben in den Trichter meines Handys werfen, die Intensität des Verstärkers auf Maximum stellen und das dann herausplumpsende Wort in den folgenden dritten Absatz anstelle der Platzhalter einbauen, hier solange mit <zynisch_im_Hyperlativ> kenntlich gemacht.

Viele sind ja neulich abend aus allen Wolken gefallen, als der Vizepräsident des Bauernverbands Brandenburg im ZDF Tieren in der Massentierhaltung andichtete, das ganze Elend evtl. gar nicht so recht zu bemerken und sich vielmehr auf einer Art lustigen Party zu befinden – man wisse ja nicht, wie die das empfinden und auf der Aida befänden sich ja auch mehrere 1000 Menschen auf engem Raum. Aber als ich das auf der Gras lutschenden Facebook-Präsenz verlinkt hatte wurde da recht oft behauptet, es sei das zynischste, was man in der Richtung jemals gehört habe. Klar, das ist schon hart; aber noch lange nicht das Ende der Skala. Das geht nämlich noch krasser, und zwar mit Hilfe gewissenloser Marketing-Heinis. Die (in dem Fall die Infood GmbH) produzieren z.B. kleine Image-Filmchen, in diesem Fall hier das recht euphemistisch „Transparenz Tagebuch“ genannte Werk, das den Verbraucher über das Leben des Schweines Lilly (des-)informieren soll:

Ich bin ja meist vorsichtig mit Superlativen, aber dieses Machwerk ist so

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Jetzt hackt doch nicht alle auf dem armen WWF rum!

Da kümmert sich endlich mal jemand um die Tiere und Ihr könnt immer nur meckern, meckern, meckern. Es gibt halt so viele Spezies auf dem Planeten, da kann man sich nicht um alle kümmern! Der WWF schützt so viele Tiger und Elefanten im Jahr, da kann man bei weniger knuddeligen Tieren auch mal eins, zwei Augen zudrücken.

WWF Lobbykram

Ist doch ’ne tolle Idee, so ein Label für Supermarkt-Produkte, an dem der Kunde gleich erkennt, dass das jeweilige Produkt besonders nachhaltig produziert wurde. Ok, klar, um so was für die schier riesige Edeka-Gruppe mit täglich zwölf Millionen Kunden auf die Beine zu stellen, bräuchte man schon eine Organisation mit extrem hoher Glaubwürdigkeit, damit nicht der Verdacht von plattem Greenwashing im Raum steht.

Und wer wäre da besser geeignet als unser allseits beliebter WWF – der World Wide Fund? Sorry, … „for Nature“, heißt das vollständig. Ständig vergesse ich das! Der World Wide Fund für Nature klebt also jetzt im Auftrag von Edeka niedliche Knuddelbären auf Produkte, die offenkundig sehr umweltschonend sind. Woher der WWF das weiß? Nun, er schaut nach, ob andere Organisationen das behaupten: Solange die Teile ein Siegel von Naturland, Bioland, MSC, FSC oder Blauer Engel tragen, bekommen sie, entschieden nach einem ausgeklügelten Würfel-System, auch einen Pandabären verpasst. Nur bei Produkten mit dem „normalen“ EU-Bio-Siegel wird nochmal geprüft, wie die Wassersituation im Produktionsland so aussieht.

Ist das nicht toll? Für Leute, denen die normalen Siegel nicht ausreichen, gibt es auf einigen, leicht willkürlich ausgewählten Verpackungen endlich auch einen visuellen Schulterklopfer von einem Verein, der

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