Ich kenne diese eine Vegetarierin aus Ulm, die ist doof, deswegen esse ich Fabrikwürste

Ihr denkt, nur Kinder hätten imaginäre Freunde? Blödsinn, die meisten Erwachsenen laufen mit einem Dutzend für niemand anderen sichtbarer Begleiter herum und erzählen bereitwillig davon, was die den lieben langen Tag so tun. Erstaunlich viele meiner Bekannten haben zum Beispiel eine Uroma namens Annegret, die unfassbar viel geraucht hat und im Alter von 104 Jahren trotzdem noch ihre Slipknot-Konzerte im Moshpit verbrachte, weil sie halt trotz ihrer Lungenflügel in Vulkanoptik topfit war. Ob die alle miteinander verwandt sind?


Viele Erwachsene zaubern auch immer diesen einen Vegetarier aus dem Hut, Günther, der von morgens bis abends mit dem SUV Supermärkte abklappert, um dort sämtliche Vorräte an Avocados, Mangos und Quinoa aufzukaufen. Wir alle kennen natürlich über drei Ecken Heiko, der ein Elektroauto fährt und das – haha – nur mit Kohlestrom auflädt. Ach ja, was lachen wir immer gerne darüber, wie dumm Heiko ist, wenn wir unseren Diesel-PKW mit gefaketen Abgaswerten auftanken *Tränen aus dem Augenwinkel wisch*. Wir können uns leider nicht mehr mit Rita treffen, die ist Veganerin und ganz schlimm krank geworden, bestimmt wegen der komischen veganischen Sachen, die sie immer isst.


Kalle, der Cousin zweiten Grades eines ehemaligen Schulkameraden, hat Solarkollektoren auf dem Dach, aber sobald eine Wolke am Himmel ist, kauft er ganz viel Strom aus französischen Atomkraftwerken weg. Gisela verzichtet auf ihr Auto und fährt Fahrrad, aber die fliegt neunzehnmal im Jahr nach Neuseeland, voll bescheuert, diese Fahrradfahrer! Ach ja, und Rolf aus dem Nachbarort, der will sich regional versorgen, kauft seinen Wirsing aber angeblich immer in zehn Kilo Plastik eingepackt, macht ja mal gar keinen Sinn, dieser Regionalquatsch.
Ganz viele Leute kennen Sabine und Nobert: Sabine hält ihre Kühe auf der Weide, wo sie mit ihren Kälbchen zusammen das ganze Jahr über grasen dürfen und wenn die Kühe ganz alt sind und gar nicht mehr so recht Lust haben auf ihr Leben, dann fährt Sabine diese Tiere auf seidenen Laken zu Norbert, der das Tier extrem schonend auseinandersägt und auf diese Weise alle Supermärkte in ganz Deutschland mit unverschämt günstigem Fleisch beliefert.


Und habt Ihr das von Guyame gehört? Der baut in Kenia angeblich Biobaumwolle an, bescheißt uns aber alle, weil er da ganz giftige Gifte draufspritzt und das Biozertifikat nur mit Bestechung bekommt. Seine Cousine Saba lässt aus der Baumwolle dann von achtjährigen Kindern in Akkordarbeit T-Shirts herstellen, kennt aber irgendwen bei der FLO, der ihr da ein Fair-Trade-Siegel draufklebt. Und Rolf? Kauft den Scheiß natürlich noch, dabei ist das nicht mal regional, so ein Spinner.


Ja, und so sitzen wir dann da. Der Bauch voll mit Fleisch von Kühen in Anbindehaltung, der Hintern warm von der Sitzheizung im dicken, schnellen, enorm viel Benzin verbrennenden Benz, der Schrank voller Klamotten ungeklärter Herkunft, der Kühlschrank gefüllt mit irgendwelchem Essen von sonst wo, eingepackt in irgendwas, Hauptsache, es ist billig und lecker, in einer mit Kohlestrom beleuchteten Wohnung, weil Günther, Heiko, Rita, Kalle, Gisela, Rolf so doof, weil Guyame und Saba so korrupt und weil Sabine und Norbert so gut zu Tieren sind.


Stellt Euch mal vor, die wären alle nur bequeme Hirngespinste! Am Ende müssten wir noch Verantwortung für unser Handeln übernehmen…

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Na, immer noch nicht genug? Dir gefällt der Artikel wohl und Du würdest gerne mehr solcher Texte hier sehen, was? Du denkst, der Autor dürfte ruhig mal weniger faulenzen und mehr in die Tasten hauen? Du hast die richtige Einstellung!

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4 Gedanken zu “Ich kenne diese eine Vegetarierin aus Ulm, die ist doof, deswegen esse ich Fabrikwürste

  1. Der Mensch hat (in der Regel) ein positives Selbstbild. Alles was daran kratzt wird in Frage gestellt, bzw. einfach gleich negiert. Letztendlich wäre es ja unerträglich, sich einzugestehen, was für einen Scheiß man ja seid Jahren schon baut. Entsprechend werden die hanebüchensten Argumente an den Haaren herbeigezogen um das positive Selbstbild zu erhalten.

  2. Erst musste ich ziemlich lachen, aber dein text macht mich eigentlich echt traurig. Was mache ich denn wenn ich so jemanden jeden tag am tisch sitzen habe? Der jeden versuch von mir Verantwortung zu übernehmen ins lächerliche zieht. Mich als naiv bezeichnet und alle (zitat:) Körner fresser als weltfremd, hippie und dumm bezeichnet? Wie gehe ich damit um dass ich mich für jede biobutter rechtfertigen muss? Und meistens mit einen noch verletzeren Selbstwertgefühl da rauskomme? Hat jemand tipps? Oder ist leidensgenosse? Vlt bin ich ja genauso schlecht weil ich versuche kompromisse zwischen dieser verlogenen konsumwelt und dem (für mich) richtigen handeln zu finden? Fragen über fragen..
    Eure traurige Körnerfresserin 😉

  3. Ja, der Text ist sehr gut und trifft leider oft den Kern dessen, was man sich anhören muss, wenn man versucht sein Leben etwas nachhaltiger zu gestalten und andere davon zu überzeugen, doch wenigstens ein klein wenig mitzudenken.
    Und wehe wir fangen dann noch an von der Klimakrise zu sprechen, die ist ja auch nicht menschengemacht, sondern nur eine Erfindung irgendwelcher Solar- und Windkraft-Lobbyisten!
    Traurig wird es aber erst, wenn uns dann unsere Kinder und Enkelkinder fragen, warum wir eigentlich nichts unternommen haben. Wir wussten doch alle Bescheid. Im Zeitalter der allgegenwärtigen Information können wir uns da später kaum rausreden.
    Da wäre ich dann gerne dabei, wenn die ewige gestrigen ihren Kindern und Enkeln versuchen zu erklären, dass sie das alles nicht gewusst hätten, weil sie gerade im Flieger nach Dubai saßen, oder so.
    Ich arbeite jedenfalls gerne weiter an einem nachhaltigen Lebensstil, auch nach über 20 Jahren der Rechtfertigung und des belächelt werdens. Und vegetarische und vegane Ernährung gehört als ein wichtiger Bausteine definitiv dazu, genau wie Produkte aus Demeter, Naturland oder Bioland Anbau.
    Wir sehen uns im Seniorenheim!

  4. Also ich kann dem Text so nicht zustimmen.
    Schließlich betreibe ich des öfteren (ungewollt) Marktforschung unter Fleischessern, zum Beispiel meinen Kollegen, wenn wir alle gemeinsam in der Unternehmenskantine zu Mittag essen.
    Da vergeht kaum ein Essen, ohne dass einer der Kollegen, der gerade mit Genuss sein Schnitzel zersägt oder sich die Currywurst im Mund zergehen lässt, einen Blick auf meinen Salat oder meine Vollkorn-Spaghetti mit Tomatensauce (erstaunlich, dann und wann gibt es wirklich vegane Angebote in unserer Kantine) wirft und mir dann ungefragt mitteilt, daß er und seine Familie eigentlich kaum Fleisch essen. Und, wenn schon (wohl so einmal in der Woche), dann auch wirklich nur Bio-Fleisch vom Dorfmetzger, der noch jedes Rind persönlich kannte und für die lokale Herkunft bürgen kann.
    Aus diesen Kontakten kann ich bestätigen, daß in Wirklichkeit wohl nur ganz wenige Deutsche das ekelhafte Billigfleisch aus Massentierhaltung kaufen, das ich ja dann und wann noch im Supermarkt sehe. Kann aber wohl nicht mehr lange dauern, bis das auch aus dem Sortiment genommen wird….

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