Durch Veganismus ist die Welt nicht zu retten, schrieb er in seinen NZZ-Artikel, und tat dann einfach gar nichts.

So, und jetzt endlich mal großartige Neuigkeiten! Macht Euch keine Sorgen, denn all unsere Probleme werden schon bald verpufft sein. Schmeißt den Seitan aus dem Fenster, geht zum Metzger und kauft Euch stattdessen ein dickes, fettes Stück Tierarsch und beißt da rein. Leiht Euch einen Audi Q7 und fahrt damit komplett im ersten Gang in der Stadt herum (klingt besser), einfach weil es lustig ist, und erfindet dann einen Cocktail, für den man jeweils zehn Nespresso-Kapseln und einen Klumpen Elfenbein verrührt, auf dass es das In-Getränk 2018 werde.

Wie jetzt, unökologisch und tierfeindlich? Wie seid Ihr denn bitte drauf… habt Ihr denn nicht den Gastkommentar von Toni Stadler in der NZZ gelesen? Es ist nämlich so, dass Missstände in der Tierhaltung beseitigt gehören, aber deswegen direkt keine Tiere mehr zu essen ist total übertriebener Aktionismus, darum kümmert sich, *däfdää*, doch längst Vater Staat, Ihr kleinen Dummerchen! Tierquälerei? „Dies zu korrigieren, ist Aufgabe staatlicher Aufsicht, nicht des Konsumenten.“

Jawoll! Das ist Aufgabe des Staates, haha! „Herr Ober, bitte noch mal zehn Portionen Gänsestopfleber für mich und meine Katze! Was schauen Sie denn so? Der Staat hat sich doch bereits darum gekümmert, dass beim Einführen des Metallrohrs in den Gänsehals keine Schmerzen entstanden sind, ist ja schließlich seine Aufgabe!“.

Ja, lieber Toni Stadler, das ist auch seine Aufgabe. Einen Moment, Ich nehme Dir jetzt mal Deine Einhornbrille ab. Ui, da ist ja ganz schön viel Feenstaub drauf, kein Wunder, dass Du nichts sehen konntest. So, das hier ist die Realität: Der Staat hat ‘ne Menge Aufgaben. Viele davon erledigt er ziemlich gut, aber es gibt da einige andere… ich sag mal so, wäre der Staat Angestellter und bekäme ein Zwischenzeugnis, dann würde da zu den Disziplinen Bankenaufsicht, Tierschutz und Trennung von Staat und Kirche wohl „Er hat sich bemüht, die Aufgaben zu erledigen“ stehen. Was bedeutet, dass er diesbezüglich mal so gar nichts auf die Kette gekriegt hat (zumindest der deutsche Staat).

Mir fehlt jetzt leider der Einblick in die Schweizer Agrarpolitik, aber der deutsche Landwirtschaftsminister sei hier stellvertretend ein Beleg dafür, wie schlecht ein Staat diese Aufgabe erfüllen kann. Der Mann hat in vier Jahren primär irgendwelche Dinge angekündigt und sich auf Messen kamerawirksam und dümmlich grinsend mit Wurst und Käse vollgestopft. Entgegen seiner großspurig in der Boulevardpresse breitgetretenen Pläne werden in Deutschland nach wie vor trächtige Muttertiere geschlachtet, dürfen Schweine ohne Betäubung kastriert werden und werden täglich tausende männliche Küken in überdimensionalen Mixern zerschreddert. Die Güllebelastung verteuert voraussichtlich unser Trinkwasser, das Risiko für scheißgefährliche multiresistente Keime steigt und die deutsche Klimabelastung für das Mästen von 750 Millionen Tieren ist nach wie vor viel zu hoch, um den nachfolgenden Generationen einen intakten Planeten zu überlassen.

Wundert es Toni Stadler da wirklich, dass einige von uns diesem Staat hinsichtlich des Erfüllens dieser Aufgabe wenig Vertrauen entgegenbringen? Dass wir diese krassen Missstände nicht mehr akzeptieren wollen und ihnen deswegen mindestens unsere persönliche Finanzierung entziehen wollen? Wie lange sollen wir uns das Drama denn bitteschön noch anschauen, bevor wir selbst Konsequenzen ziehen? Es ist auch Aufgabe eines Kapitäns, die Passagiere sicher zu transportieren. Aber spätestens, wenn sich die zackigen Ausläufer eines Eisbergs durch die Schiffswand bohren, suche ich dann doch mal nach einem Rettungsboot.

Zumal das immer so hochgekocht wird, als sei das wer weiß wie aufwändig. „kaum eine globale Aufgabe, die nicht durch Askese gelöst werden könnte.“ Schreibt Stadler. Kann die NZZ dem Mann vielleicht mal eine Dienstreise nach Hamburg spendieren, ihn ins Happenpappen vor einen der genialen Burger setzen und nach dem Verzehr fragen, wie asketisch er sich gerade auf einer Skala von 1 bis 10 vorkommt?

Dafür hat er vermutlich keine Zeit, denn er ängstigt sich den lieben langen Tag davor, dass durch Veganer „die ausgeklügelten Speisezettel von weltweit Hunderten raffinierter Esskulturen“ aufgegeben würden. Das bringt den Mann offenbar wirklich um den Schlaf. Ich frage mich immer, ob die nachfolgenden Generationen in Ressourcenkriegen untergehen – Toni Stadler hat Angst, dass in 100 Jahren der Planet gerettet ist, aber keiner mehr weiß, wie man Saumagen in Aspik zubereitet.

Generell hat der Mann, der den Veganern vorwirft, naiv und weltfremd zu sein, eine geradezu niedlich verklärte Vorstellung davon, wie heutzutage Hightech-Produkte auf seinem Teller und in seinem Kleiderschrank landen. Echtfell und Leder kann man seiner Ansicht nach ohne schlechtes Gewissen tragen, weil dafür Wildtiere erschossen werden, die in freier Wildbahn noch brutaler sterben müssten, wenn sie nicht vorher einen sauberen Schuss abbekommen hätten. Liebe NZZ, wenn der Mann aus Hamburg zurückgekommen ist, plant für ihn doch bitte noch Besuche in einer Pelzfarm, einem Zulieferbetrieb für Ledergerbereien und einer Treibjagd ein.

Krankheiten und Verletzungen wären in Landwirtschaftsbetrieben die Ausnahmen, denn das würde den Bauern Geld kosten, der die Tiere ja auch gernhabe, behauptet er. Dass man 10.000 hochgezüchtete Hühner, die laut Stadler nicht mal über ein Bewusstsein verfügen, nicht in eine Halle sperren kann, ohne dass von diesen dann ein paar hundert krank werden oder sich aufgrund der Züchtung ihre Knochen brechen, hat er zu recherchieren vergessen. Die Erkrankungen dieser Tiere lohnen sich selbstverständlich für den Halter, da die schiere Menge erfolgreich geschlachteter Tiere den Verlust der etwas zu früh verstorbenen mehr als ausgleicht. Rein betriebswirtschaftlich ergibt eine Haltung mit nahezu 100% gesunden Tieren keinen Sinn, sie kostet geschätzt 20 bis 40% mehr als die jetzige, würde den Umsatz aber nur um wenige Prozent erhöhen.

Er scheint tatsächlich einen Gastkommentar zum Thema Veganismus geschrieben zu haben, ohne auch nur einen Anflug von Ahnung zu haben, wo sein Fleisch herkommt. Dann kann man sich natürlich zurücklehnen und geduldig auf eine Lösung des Staates warten – wofür eigentlich, in einer Welt, in der Tierhalter all ihre Tiere gernhaben und sich die Realität anfühlt wie eine PR-Broschüre von Wiesenhof? Und wenn der Staat es nicht löst, dann könnten ja internationale Institutionen das tun, oder noch besser: Konzerne erfinden dafür technische Innovationen (sein niedlicher Vorschlag). Prima! Hey, dass der Earth Overshoot Day 2018 mutmaßlich schon im Juli erreicht sein wird, ist echt blöd, aber Procter & Gamble erfindet da sicher irgendein schlaues Gadget, das man einfach in die Erdkruste steckt und das dann Ackerland, Trinkwasser und seltene Erden aus dem Nichts herzaubert.

Sorry, aber wie hoffnungslos naiv und unmündig kann man sein? Mir ist kein Veganer bekannt, der eine politische Lösung dieses Desasters, beispielsweise durch die wörtliche Auslegung des bereits bestehenden Tierschutzgesetztes, ablehnt, weil er „Askese“ so toll findet. Auch kommen mir die anderen Veganer nicht gerade depolitisiert vor, wie er behauptet. Wieso sollten sie auch, sie haben ja ein dringendes politisches Anliegen im Vergleich zu jemandem, dem einfach alles egal ist. Ok, ihm ist ja gar nicht alles egal, er findet schon, dass da mal jemand was machen müsste. Irgendjemand anders am besten und idealerweise so, dass Tonis glückliches Leben davon nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Irgendjemand sagt schon irgendwann mal irgendwas.

Klingt schaurig, was? Entsprechend erfreulich ist die Lektüre NACH dem Ende seines Textes: In den Facebook-Kommentaren kommt Stadler nämlich gar nicht gut weg. Ihm wird für seinen wirren Appell Naivität, Trägheit und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen, und das vorwiegend von anderen Fleischessern. Spätestens wenn ich selbst bei den Konsumenten des Produkts, dessen Boykott ich niedermache, kaum Rückhalt erfahre, würde ich mir als Autor vielleicht mal Gedanken machen.

10 Gedanken zu “Durch Veganismus ist die Welt nicht zu retten, schrieb er in seinen NZZ-Artikel, und tat dann einfach gar nichts.

  1. Und wenn der Staat mal regulieren möchte, jammert mensch über totalitäre Strukturen. Argmentum ad Stadlerum xD

    Oder wie sagte Hagen Rether es, als die Frage kam, wer denn die Welt retten könne: “Ich sehe grade niemand anderen als uns!“

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