Über die Ex-Veganerin, die nun denkt, sie sei ein Tiger

Eine Frau lebt jahrelang vegan, aber nach einem Spinnenbiss kann sie nur noch rohes Fleisch essen! Irgendwie erwarte ich bei solchen Schlagzeilen immer, dass sich mein Wohnzimmer in die Kulisse von „X-Factor: Das Unfassbare“ verwandelt, Jonathan Frakes zur Tür hereinmarschiert und fragt „Kann das wirklich wahr sein oder haben wir uns das nur ausgedacht?“. Leider sitzt Jonathan Frakes aber faul zu Hause rum und kümmert sich darum einen Sch…, bleibt also wohl wieder an mir hängen.

Zunächst mal: Der Stern und die Huffington Post haben diese sensationelle Geschichte von der Daily Mail abgeschrieben, die ihren Artikel wiederum entlang am Instagram-Account der polnischstämmigen US-Amerikanerin Sylwia Tabor verfasst hat, welche sich selbst für einen Gesundheitscoach hält. Sie bewirbt auf ihrem Blog allerlei Mampfzubehör, erklärt aber gleichzeitig, keine Wissenschaftlerin oder Ärztin zu sein und daher niemandem Ernährungsratschläge geben möchte. Das hindert sie aber nicht daran, Coaching in „carnivore diet“, „low carb“ und „gut healing“ für 50 US-Dollar pro halbe Stunde anzubieten.

Der Informationsfluss dieser Kombination aus mehreren Rumpelmedien und der Protagonistin dürfte ähnlich gut sein, wie wenn Ihr zu Weihnachten mit der gesamten Familie Stille Post spielt und die Runde mehrere Schwerhörige und Angetrunkene enthält. Da kann man seinem Nachbar noch so gut „endoplasmatisches Retikulum“ ins Ohr flüstern, am Ende kotzt die Letzte der Reihe, Tante Gerda, in den Vorgarten und pennt ein – und die Runde ist genauso ratlos wie ich nach dem Lesen dieser Artikel.

Sylwia Tabor nennt sich in ihrem Blog selbst „Biohacking Chick“, die auf Wikipedia zu findenden Definitionen von Biohacking passen aber alle nicht recht zu dem, was sie propagiert. Die von ihr verlinkten Biohacking-Vertreter verkaufen primär Ernährungsratschläge, Trainingstipps oder Motivationsprogramme. Ihren eigenen Einstieg ins Biohacking beschreibt sie als den Moment, als sie im Alter von neun Jahren in einem „health book“ las, dass Frauen durch den Verzehr grüner Paprika eine größere Oberweite bekommen könnten. Sie aß also spontan drei Pfund Paprika und war über das Resultat wohl recht enttäuscht.

Nun gut, sie war ja auch erst neun, aber an der Vorgehensweise „Ich lese irgendwo irgendwas und stelle meine Ernährung danach komplett um“ scheint sie Gefallen gefunden zu haben. Laut Daily Mail sah sie 2008 im Chicagoer Triton College die Dokumentation Food, Inc. und wurde infolgedessen zur Veganerin, was konkret bedeutete, dass sie irgendwann ausschließlich Obst aß. Nur zwei Jahre später brach sie sich beim Heben einer Kiste zwei Rippen und hatte 2011 laut eigener Aussage Blut im Stuhl.

Und was macht man mit Blut im Stuhl? Na logo, Fleisch essen natürlich. Es wurde sofort alles besser:

„As soon as I took that first mouthful of meat, I felt myself becoming stronger straight away.“

Nun bin ich auch kein Ernährungswissenschaftler und kein Arzt, ich gebe Euch trotzdem einen Ratschlag: Wenn in der Kloschüssel Sachen rumschwimmen, die da nicht reingehören, dann geht zu einem Arzt (verdammt noch mal)! Sie aß nun also sechs Jahre lang wieder Tiere, dann wurde sie, wie in allen Berichten ausführlich dargelegt, von einer Spinne gebissen, erkrankte dadurch an tatsächlich ziemlich gefährlicher nekrotisierender Fasziitis und nun kann ihr Körper angeblich nur noch rohes Fleisch und Innereien verdauen.

Ob sich das wirklich so zugetragen hat, darf gerne bezweifelt werden, denn Frau Tabor wirkt nicht gerade wie eine hundertprozentig vertrauenswürdige Quelle. Ernährungstipps würde ich generell nicht von Leuten annehmen, die erklären, die fleischfreie Ernährung hätte nicht funktioniert, weil ihr Körper nach Protein geschrien hätte. Protein ist nun mal in Dutzenden veganen Lebensmitteln enthalten, nicht nur in Fleisch. Zudem sieht ihr Instagram-Account wie eine einzige Verkaufsveranstaltung aus.

Angeblich hätte sie sogar – besonders während ihrer Periode – davon geträumt, rohes Fleisch zu essen. Leider kann ich das ohne eigene Periode schlecht einschätzen, aber meine Freundin versichert mir zumindest, dass solche Träume bei ihr nur alle paar Schaltjahre und nach Einnahme exotischer Speisepilze der Fall sind.

Die Daily Mail wiederum ist (neben der Sun) so was wie die Bild-Zeitung Englands mit teilweise so schlecht recherchierten und geprüften Texten, dass sie seit 2017 nicht mehr in der englischsprachigen Wikipedia als Beleg genutzt werden darf. Entsprechend irreführend ist die Überschrift „Vegan now ONLY eats meat after she was nearly killed […]“, denn laut dem Artikel selbst war Sylwia Tabor bereits seit 2011 keine Veganerin mehr. Sie hat sich von 2011 bis 2018 „normal“ ernährt und fing 2018 diese seltsame Tigerdiät an, bei der sie nur rohes Fleisch und Innereien verzehrt. „Woman with American standard diet now ONLY eats meat“ war aber wohl nicht reißerisch genug.

Man könnte so einen Unsinn also einfach ignorieren. ODER… man macht daraus diese tollen Artikel in deutschen Medien: „Veganerin hat 3 Jahre fleischlos gelebt: Deshalb isst sie nur noch rohes Fleisch“ in der Huffington Post und „Frau lebte jahrelang vegan – jetzt isst sie nur noch Fleisch“ im Stern. Beide Texte suggerieren, dass Tabor vegan lebte, von einer Spinne gebissen wurde, und dann aufgrund einer Infektion von vegan auf ausschließlich rohes Fleisch und Innereien umstellen musste, weil ihr Körper so von der veganen Ernährung geschwächt war.

Ist aber ausgemachter Mumpitz, die Gute aß ja von 2011 bis 2017 wieder alles, was die Supermärkte in Wisconsin so hergaben, fühlte sich dann aber nach dem Spinnenbiss, der ernsthaften Krankheit, einer Hauttransplantation und der intensiven Antibiotikabehandlung extrem schwach. Und daran trägt was Schuld? Na, die vegane Ernährung von 2008 bis 2011 natürlich. Ein Allesesser wäre nach der Operation vermutlich wie ein Flummi aus dem OP-Saal gehüpft, hätte gegen den Oberarzt eine Partie Armdrücken gewonnen, um dann zur Ironman-Anmeldung zu rennen. Aber als Ex-Veganerin ist man eben fürs Leben gezeichnet.

Wobei es schon naheliegend ist: Wenn man sich drei Jahre lang vegan und dann sechs Jahre lang omnivor ernährt, dann an nekrotisierender Fasziitis erkrankt, mehrere Stunden operiert werden muss und durch viel Antibiotikagabe erst mal die Darmflora am Boden liegt, dann ist die Ursache für ein allgemeines Schwächegefühl selbstverständlich der Tofu von vor sieben Jahren. Wobei es kein Tofu gewesen sein kann, sie hat angeblich ausschließlich Obst gegessen – wer in aller Welt gibt bei so jemandem 50 Dollar pro Stunde für Ernährungscoaching aus? Es ist also keine Veganerin von einer Spinne gebissen worden, auch wenn Daily Mail, Stern und Huffington Post das in ihrer Formulierung so implizieren.

Eugen Epp vom Stern schreibt über die Zeit nach der OP:

„Anschließend musste Sylwia Tabor wohl oder übel ihre Ernährung umstellen.“

Das klingt so, als wäre das so ein Standardverfahren für Patienten von nekrotisierender Fasziitis. Der Arzt kommt ans Bett der Patientin und sagt „Gut, Sie können heute nach Hause. Aber denken Sie daran: Kein Sport, kein Alkohol, und essen sie ausschließlich rohes Fleisch und Pansen.“ Ob Frau Tabor nun wirklich ausschließlich Fleisch essen darf oder ob sie einfach im selben „health book“, das zum ausgiebigen Verzehr von Paprika zwecks Busenvergrößerung rät, las, dass man sich nach Infektionen durch Spinnen wie ein Puma zu verhalten hat, bleibt also offen.

Vielleicht hat Eugen Epp sich ja von ihrer selbstgewählten Bezeichnung „Health Coach“ blenden lassen und denkt, sie verfüge ernährungstechnisch über enorme Kompetenzen. Wir reden da aber von einer Person, die sich drei Jahre lang nur von Gemüse und Obst ernährt hat und rückblickend über diese Zeit erzählt, ihr Körper habe „eindeutig nach Proteinen geschrien“. Warum sie dann nicht einfach Getreide, Hülsenfrüchte, Samen, Tofu, Seitan oder Tempeh zu sich genommen hat, um ihren Proteinbedarf zu decken, konnte nicht geklärt werden.

Zugegeben: Als sie gemerkt hat, dass das nur mit Obst und Gemüse nicht funktioniert, hat sie was geändert. Sie hat das Gemüse weggelassen (davon bekommt sie nämlich Hautausschlag). Durch den vielen Fruchtzucker wurden zudem ihre Zähne extrem empfindlich und ihre Knochen wurden schwach, weil sie so kein Calcium zu sich genommen hat. Ist ja auch irgendwie logisch, wenn man nur Obst isst. Liebe Medien, können wir für so was vielleicht einen anderen Begriff als „Veganerin“ finden? Ja, rein technisch hat sie sich vegan ernährt, schon richtig. Wenn ich mich jeden Tag nur von Olivenöl mit Butter ernähre, ist das laut Definition auch low-carb, der Begriff „Trottel“ träfe es dann aber eher.

Sollten wir Leute, die aufgrund einer Tierdoku nur noch Obst essen, dann vielleicht einfach „kognitiv überfordert“ oder so nennen? Kein seriöser Arzt, auch kein vegan lebender, würde zu so was raten. Ach, ich vergaß, der Besuch bei einem Arzt ist ja generell nicht so Frau Tabors Ding. Man kann daher auch bezweifeln, dass sie Vitamin B12 supplementiert oder ihre aktuelle Löwendiät mit irgendwem abgesprochen hat, der Medizin studiert hat.

Auch die Huffington Post tut so, als sei rein karnivore Ernährung eine in Fachkreisen anerkannte Behandlung für Menschen mit Frau Tabors Erkrankung:

„Dadurch hat sie eine gefährliche Infektion bekommen – seitdem bleibt der ehemaligen Veganerin nichts anderes übrig, als rohes Fleisch zu essen.“

Nun, das mag sie behaupten, aber sie verdient halt auch Geld mit Coaching zu karnivorer Ernährung und Paläo-Ernährung. Würde Emil Kanuffke, Inhaber der örtlichen Burgerkette, behaupten, dass er seit seinem Herzinfarkt nur noch die Burger von Emils Burgerparadies essen kann, dann würde ich von Autoren einer Zeitung mit journalistischen Ansprüchen schon erwarten, das zu hinterfragen.

Immerhin ringt die Huffington Post sich zu einer Warnung durch, dass rohes Fleisch bestimmte Risiken für Menschen birgt, weil es mit Salmonellen belastet sein kann. Ob es unabhängig von den Salmonellen eine gute Idee ist, ausschließlich Fleisch zu essen, wird nicht näher erläutert. Man könnte zum Beispiel fragen, wie Frau Tabor so hilfreiche Dinge wie Vitamin C, E oder Ballaststoffe aufzunehmen gedenkt, stattdessen wird sie zitiert mit den Worten:

„Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr entdeckte ich, dass Fleisch essen die wirksamste Art ist, Nährstoffe zu absorbieren – weit mehr [sic] als wenn man Kohlenhydrate und Gemüse mischt.”

Das ist eine maximal unsinnige Formulierung, denn erstens besteht Gemüse meist zu einem Großteil aus Kohlenhydraten und zweitens gibt es mehr Optionen als A) nur Fleisch essen und B) nur Gemüse essen. Die Huffington Post lässt das aber alles so stehen, und ich vermute, dass das am ganz oben im Artikel verlinkten Video liegt, das im Artikel mit diesen Worten angekündigt ist:

„Im Video oben erklärt ein Arzt, wie gesund vegan zu leben wirklich ist.“

Ob irgendwer Journalismus studiert mit dem Anspruch, recht unausgegorenen Kram in einen Artikel zu kleiden, weil der Faktencheck ohnehin von einem eingebetteten Videoclip des Sat.1-Früstücksfernsehens übernommen wird? Ich hoffe nicht, aber genau das passiert hier nun – mit unerwartet positivem Ausgang.

Leider ist die Ankündigung auch falsch: Der Mann ist gar kein Arzt, sondern Doktor für Ökotrophologie. Und bevor der seine tatsächlich vernünftigen Antworten geben darf, wird erst mal eine Menge Unsinn erzählt. Klar, es ist halt das Sat.1-Frühstücksfernsehen, am besten schraubt man seine Erwartungen gleich zu Beginn etwas runter, denn es geht ziemlich holprig los:
Die Moderatorin begrüßt mit den Worten:

„Wir sind heute total ve – gan [extra langsam ausgesprochen]. Wobei, ein veganer Burger kann mehr Fett enthalten als ein normaler. Werden wir bei veganen Produkten etwa mit irreführenden Produktangaben getäuscht? Es gibt große Verunsicherung und deswegen haken wir nach.“

Wie kann man 18 Sekunden Sendezeit mit so einem harten Quatsch fluten? Die Macher der Sendung sind heute total vegan? Weil sie jetzt einen Bericht über vegane Produkte ausstrahlen? Cool, dann schreibe ich morgen einen Artikel über Dirk Nowitzki und bin dadurch total groß. Und ja: Ein veganer Burger kann mehr Fett enthalten als einer aus Fleisch. Mit Betonung auf „kann“. Er kann auch mehr Chiliflocken, Kümmelextrakt oder Klärschlamm enthalten, wenn ich die Rezeptur entsprechend beknackt gestalte. Die große Verunsicherung über irreführende Produktangaben entsteht also vermutlich durch genau solche Sendungen, denn bislang sind nicht sonderlich viele vegan lebende Menschen voller Panik nackt auf die Straße gerannt, weil sie die Verpackungen von Sojaburgern nicht schnallen.

Es folgt ein Einspieler, in dem mal wieder diese Geschichte erzählt wird, dass bestimmte vegane Fertigprodukte gar nicht gesund seien und dass deswegen die gesamte Produktkategorie irreführend sein muss. Das Argument funktionierte 2014 nicht und es funktioniert heute auch nicht. Würde irgendwer behaupten, dass blaue Nahrungsmittel irreführend sind, weil Blaubeeren als gesund gelten, während Gummischlümpfe und blaue M&Ms viel Zucker enthalten?

Vermutlich nicht, aber wenn ich mir die Ausführungen von Jessica Fischer von der Verbraucherzentrale Berlin so anhöre, bin ich mir gar nicht mehr so sicher:

„Die Kritikpunkte sind vor allem, dass die Verbraucher getäuscht werden durch diese Kennzeichnung vegan und vegetarisch. Diese Kennzeichnung ist auch nicht gesetzlich definiert, also die Hersteller können das draufschreiben, wo sie wollen. Aber gerade diese Kennzeichnung, die vermittelt doch den Verbrauchern oft den Eindruck, das sei jetzt eben besonders gesund.“

Wow, und die Frau arbeitet echt bei der Verbraucherzentrale Berlin. Notiz an mich: Berichte der Verbraucherzentralen in Zukunft besonders gründlich prüfen, mein Handy formuliert durch die automatische Wortfolgeerkennung ausgehend vom Begriff „Entengrütze“ ja sinnvollere Sätze als diesen. Stimmt, die Kennzeichnung ist nicht gesetzlich definiert, würde Rügenwalder nun aber sein veganes Sojahack fortan mit Gelatine verfeinern, würde es die Zertifizierung auch nicht mehr bekommen.

Zudem erlitte das Unternehmen wohl einen massiven Vertrauensverlust und könnte die Zielgruppe erst mal auf Jahrzehnte vergessen. Warum ein Hersteller so was also machen sollte, ist mir nicht ganz klar. Ich ziehe das mit der veganen Ernährung ja jetzt eine ganze Weile durch und habe in meinem Leben wohl mehr Wörter in den Listen von Inhaltsstoffen auf Verpackungen gelesen als in Romanen. In all der Zeit habe ich kein Produkt mit Vegan-Label gefunden, in dem dann doch Milch gewesen wäre – einzig auf Speisekarten asiatischer Restaurants ist mir das schon passiert.

Und diese Kennzeichnung mit dem Vegan-Label ist jetzt irreführend, weil bestimmte Verbraucher denken, das sei automatisch gesund? Also, das mag schon sein, dass bestimmte Menschen das denken, aber das ist dann wohl ein Problem dieser Menschen und nicht des Herstellers. Ihr seid doch die Verbraucherzentrale, klärt halt auf, dass „vegan“ und „gesund“ nicht zwingend deckungsgleich sind. Aber dass die Kennzeichnung alleine schon irreführend ist, das ist einfach horrender Stuss. Hey, manche Leute glauben auch, dass Alkohol in Maßen gesund ist. Nach der Logik der Verbraucherzentrale ist jedes Etikett von herkömmlichen Wein- und Bierflaschen damit irreführend, denn dort steht meistens so was wie „Alkohol 4,9% vol.“ geschrieben.

Skandal, dabei handelt es sich um Massenbier, das enthält mitunter mehr Kalorien als ein veganer Burger. Ist Bier am Ende gar nicht so gesund, wie immer alle sagen, und genauso gesundheitsschädlich wie industriell hergestellte Softdrinks? Der bewusst saufende Verbraucher wird hier in die Irre geführt, die Verbraucherzentrale sollte sofort eine Untersuchung durchführen. Prost!

Jetzt mal ernsthaft, ein Vegan-Label auf einem Produkt bedeutet nur eines: Das Produkt enthält keine Tierprodukte, Punkt. Man findet es mitunter auf Pizza, Burgern, Ketchup, Schokolade, Chips und Pommes Frites, aber auch auf TK-Gemüse, Linsen, Vollkornreis und Mineralwasser. Und für die vegan lebenden Verbraucher ist das in der Tat eine große Hilfe, weil der Einkauf dann nur halb so lange dauert. Es könnten also alle zufrieden sein: Die Konsumenten bekommen mehr Transparenz bzgl. der Frage, in welchen Produkten Tierkram drin ist, und die Hersteller können ihre Produkte zertifizieren, wenn sie den Ansprüchen genügen. Jetzt hat nur die Verbraucherzentrale was dagegen, eine Institution, die sich für die Belange der Verbraucher einsetzen sollte. Sicher, dass Jessica Fischer von selbiger Verbraucherzentrale das kapiert hat?

Der Beitrag geht weiter mit Werbung für die vegane Feinkostlinie einer Schauspielerin, die dazu rät, einfach immer im Bioladen einkaufen zu gehen. Wie das gegen viel Fett in veganen Burgern helfen soll, wird nicht näher erläutert. Es geht anschließend zurück zum Experten ins Studio (endlich), der erklären soll, was es sonst noch zu beachten gibt für Leute, die sich den Bioladen nicht leisten können.

Und wie vorhin schon angekündigt, ist selbiger Experte im Fernsehen das mit Abstand Beste, was bei dem ganzen Theater um die von der Spinne gebissene Ex-Veganerin rausgekommen ist, denn es handelt sich um Dr. Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (Ifane). Wer auch immer da beim Sat.1-Früstücksfernsehen entschieden hat, diesen Mann zum Thema einzuladen, ihr oder ihm soll bitte jemand eine hübsche, sechs Meter hohe Bronzestatue widmen.

Wem Ifane jetzt nichts sagt, das ist das Institut, das bereits 2017 eine umfassende Studie zur ernährungsphysiologischen Bewertung von Fleischalternativen veröffentlich hat. Vielleicht kann irgendwer ein paar Exemplare davon mal an die Verbraucherzentralen des Landes schicken? Ich habe das Gefühl, dass die Lektüre erhellend sein könnte.

Leider hat auch die Moderatorin sie nicht gelesen, denn sonst würde sie nicht eröffnen mit:

„Ein veganer Burger hat 35 Prozent mehr Fett als ein normaler Burger, da stellen sich mir die Nackenhaare auf. So habe ich mir das nicht vorgestellt, wie kann das sein?“

Gut, dass sie Dr. Markus Keller eingeladen haben und nicht mich, denn ich hätte daraufhin womöglich spontan klingonische Verwünschungen durchs Studio gebrüllt, und dann hätten sich wieder alle über die verbissenen Veganer lustig gemacht. Vorhin hieß es noch, der vegane Burger könne mehr Fett enthalten als ein normaler, jetzt hat er auf einmal 35 Prozent mehr Fett, ganz ohne Konjunktiv. Stimmt halt nur nicht, man kann auch vegane Burger mit wenig Fett herstellen. Dann heißt es aber vermutlich wieder, das Zeug schmecke ja nicht.

Aber was rege ich mich auf, Dr. Kellers erster Satz ist:

„Also, man muss da ein bisschen differenzieren […]. Manche vegane Produkte enthalten eben relativ viel Fett, andere Produkte eben auch weniger.“

Ist das nicht schön? Differenzieren sollen wir, differenzieren! Der Mann ist wie eine hübsche Blume, die aus einem schmierigen Misthaufen herauswächst; man kann sich das Interview ab Minute 3:03 komplett anschauen, ohne schreien zu müssen. Meine Lieblingsstellen:

„Wodka ist auch vegan, aber das ist jetzt auch nicht unbedingt gesundheitsfördernd.“

„Veganer dürfen alles, was sie wollen, aber sie wollen das ja nicht.“

Woraufhin die Moderatorin tatsächlich sagt:

„Das heißt aber, wenn’s ’ne ethische Geschichte ist, heißt es nicht gleich, dass es ’ne gesündere Sache ist.“

Höre nur ich an der Stelle mit dieser Erkenntnis immer so Engelsgesang oder geht Euch das auch so?

Vielleicht tue ich dem Team auch Unrecht und diese komischen, vom Experten zurechtgerückten Fragestellungen sind Teil der Show. Als die Huffington Post ankündigte „im Video oben erklärt ein Arzt, wie gesund vegan zu leben wirklich ist“, hatte ich ja noch das Schlimmste befürchtet, aber das war dann doch unerwartet differenziert und bestimmt für einige Zuschauer erkenntnisreich.

Wer hätte das gedacht, die Ernährungsumstellung von Sylwia Tabor auf rohes Fleisch endet mit einem Interview, das gängige Klischees über vegane Fertiggerichte korrigiert – hätte schlechter laufen können. Würde die Frau nicht jeden Tag zwei Pfund Tier aufessen, die Geschichte hätte nur Gewinner.

Aber Ihr könnt ganz beruhigt sein, denn die 730 Pfund Fleisch pro Jahr kommen nicht irgendwoher, sondern von einem örtlichen Bauern. Und da Sylwia weiß, dass es von einem guten Ort kommt, hat sie keine ethischen Bedenken mehr. Ich muss mir Food Inc. wohl nochmal anschauen, ich habe wohl den Disclaimer verpasst, dass all die dokumentierten Missstände klargehen, wenn man bei örtlichen Bauern in Wisconsin einkauft.

Da sag noch mal einer, vegan sei kompliziert. Immerhin müssen wir keine gekühlten Rehnieren vom örtlichen Bauern durchs Land karren, wenn wir mal verreisen wollen. Wir können sogar bei Burger King einkehren und Pommes kaufen – als Anhänger der Carnivore Diet sieht es da eher mau aus. Wie auch immer, falls das ein Bekannter von Sylwia liest, sie soll doch bitte mal zum Arzt gehen. Muss sie früher oder später sowieso.

 

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Ohne Euch gäbe es diesen Text jetzt nicht, dafür aber ein toll graues Web-Formular in irgendeinem noch effizienter arbeitenden Ticketsystem 😉

6 Gedanken zu “Über die Ex-Veganerin, die nun denkt, sie sei ein Tiger

  1. Manner Waffeln tragen das Vegan Label. Ich habe bis jetzt immer besonders viel davon gegessen, weil ich diese Zucker-Kakaucreme zwischen Weizenplättchen natürlich aufgrund dessen für besonders gesund gehalten habe…😉

  2. Puh jetzt bin ich echt erleichtert!
    Gestern hat mich eine Mücke gestochen und ich hab mir echt schon Sorgen gemacht, das ich jetzt eventuell meine Katzen…. Aber da besteht ja jetzt keine Gefahr mehr. Danke auch im Namen meiner Katzen.❤

  3. bei ikea gibt es jetzt „vegetarische hotdogs“. ich hab just for fun gefragt, ob tierische bestandteile wie ei oder milch in den würstchen sind. das wurde verneint. die dame am tresen meinte, sie dürfe sie aber nicht als vegan deklarieren, weil direkt daneben die fleisch-hotdogs liegen und ein spritzer von deren wurstwasser auf die vegetarischen kommen könnte. ^^ ..ob die brötchen denn vegan sind? nee. warum, was ist da drin? mehl, wasser und salz. achsooo… ja dann vielleicht doch? aber sie garantiert für nix! *facepalm*
    das schwierigste am vegansein sind echt die leute um einen rum, die es NICHT sind! und all diese unnötigkeiten…

    ich freu mich, dass deine spenderliste immer länger wird 😀
    liebgrüßt
    caro

  4. 40 Jahre muss ich mir als Veganer nun schon den Fleischlobby-Vorurteils-Müll der Universaldilettanten und „Experten im Studio“ anhören. Das ist bestimmt nicht gesund und liegt nur daran, dass ich Veganer bin. Ich sollte wohl anfangen (nein, nicht wieder, da noch nie) Fleisch zu essen. Aber nur von Tieren, die ich selbst totgestreichelt habe. Ich fang mal hier mit dem Stubentiger auf meinem Schoß an … den hab ich sowieso schon lange zum fressen gern …

  5. Wenn ich mir morgen ein Bein breche, dann gebe ich dem Fleisch die Schuld, dass ich vor 30 Jahren mal gegessen habe.
    Heute Kopfschmerzen? Keine Frage! Da war doch diese BIFI 1989!!!
    Und die Blähungen von gestern kann man bestimmt getrost dem Hamburger von 1991 in die Schuhe schieben.

    Oh man….zum Glück enden manche Spinnenbisse glücklicher. Soll die gute Dame sich doch lieber von Dach zu Dach hangeln und böse Buben jagen! Vorrausgesetzt ihre Oberweite ist mittlerweile superheldintauglich.

    Wenn ich meine Periode habe, bekomme ich keinen Hunger auf rohes Fleisch, sondern auf Schokolade. Natürlich vegan und reichlich davon. 🙂

  6. Super Antwortartikel. Ja das schwierigste am vegan sein, sind die ganzen Ernährungsexperten um dich herum, die Fachmagazine wie die Bild lesen. Oh man.

    Mich würde jetzt noch interssieren:
    Kannst du wirklich klingonisch?

    Glg Mary

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