Stellt Euch vor es ist Klimawandel und keiner geht hin

Hey, gute Nachrichten: Es ist nüchtern betrachtet ziemlich simpel, unseren Planeten zu retten.

Ich weiß, das klingt immer wie eine nahezu unmögliche Aufgabe. Wenn man ein paar Tage nach Veröffentlichungen des Klimarats Zeitung liest, dann erscheint der Kampf gegen die globale Erwärmung so schwer wie Doom im Nightmare-Modus, in dem alle getöteten Gegner nach kurzer Zeit wieder auferstehen und Euch weiter bekämpfen.

Was gerne vergessen wird: Die Verursacher der Erwärmung sind zum Großteil Faktoren, die nicht lebensnotwendig sind. Keiner ist auf Verbrennungsmotoren, Kohlestrom, riesige Fleischmengen, Flugreisen oder fünf Pfund Unterhaltungselektronik pro Jahr angewiesen. Ganz naiv gesagt: Wir könnten einfach sofort damit aufhören, den Planeten zu zerstören, indem wir unser Leben auf die Dinge beschränken, die für ein glückliches Leben vollkommen ausreichen.

Ähnlich wie in einer Partie Doom im Nightmare Modus sind unsere härtesten Gegner bei dieser Aufgabe immer wieder zum Leben erweckte Zombies, aber nicht in Form von Monstern, sondern in Form von ignoranten Null-Aussagen. Diese folgen dem beliebten Muster: „Bevor ich was ändere, sollen sich erst mal alle anderen ändern.“

Natürlich formuliert es niemand so, würde ja sonst jedem gleich auffallen, was für ein Unsinn es mal wieder aus der Großhirnrinde bis zum Sprachzentrum geschafft hat. Nein, das geht eher so, dass Knut sagt: „Klar esse ich Fleisch, Rudi fliegt ja auch ständig in den Urlaub.“ Und Rudi beschwert sich: „Ja, ich fliege häufig nach Fuerte, aber Rita fährt jeden Tag mit einem Geländewagen zur Arbeit!“ Und Rita sagt so was wie: „Ich lasse mir doch das Autofahren nicht verbieten, solange Knut so viel Fleisch isst! Außerdem sitze ich in dem Panzer so schön hoch!“

Auf Neudeutsch nennt man dieses rhetorische Mittel Whataboutismus, auch wenn es eigentlich gar nicht so neu ist und schon der Sowjetunion als Rechtfertigung für Menschenrechtsverletzungen diente, indem diese einfach entgegnete: „In den USA lynchen sie Schwarze.“ Ihr werdet mir zustimmen: Auf der Grundlage dieser Logik hätte man vermutlich niemals die Menschenrechte verbessert, denn dabei ruht man sich ja nur auf den Defiziten der anderen aus.

Stellt Euch mal vor, wie die Gesellschaft aussähe, wenn das bestimmende Prinzip nur wäre, dass es ausreicht, wenn irgendwer die Dinge noch schlechter umsetzt als ihr.

„Hey Papa, ich habe eine Fünf in Deutsch geschrieben, aber Marlene hat eine Sechs.“
„Super Schatz, ich mach Dir als Belohnung versalzene Kürbissuppe!“
„Versalzen?“
„Na, die von Mama war neulich total angebrannt.“
„Toll, ich freu mich!“

Bei einem Chemieunfall würde der Pressesprecher von Bayer gelangweilt ins Mikrofon murmeln, dass beim Unglück von sonst wann noch viel mehr giftige Dämpfe ausgetreten sind, und die Pressekonferenz von Sicherheitskräften mit Schlagstöcken räumen lassen. Sollte jemand dieses Vorgehen kritisieren, verweist man einfach darauf, dass Journalisten von saudischen Sicherheitskräften nicht nur verprügelt, sondern direkt zerstückelt werden.

Klingt furchtbar, oder? Klingt nach einer Welt, in der die Menschen komplett ihren Verstand verloren haben und das Ziel nicht mehr gesellschaftlicher Fortschritt und friedliches Miteinander ist, sondern einfach nur das Erreichen des vorletzten Platzes.

Jetzt kommt einem das schon mit Suppe und Schulnoten absurd vor, wir betreiben diesen unverantwortlichen Quatsch aber bezogen auf eines der größten Probleme der Menschheit. Wenn wir uns weiter benehmen wie ein Haufen bekiffter Abiturienten, die alle nicht das Chaos im Wohnzimmer wegräumen wollen, bevor die Eltern nach Hause kommen, weil es ja auch der jeweils andere machen könnte, dann ist nicht nur die Suppe versalzen, dann ist der Planet nicht mehr bewohnbar.

Und ja, ich zähle mich hier explizit dazu. Ich habe in meinem Leben auch bereits deutlich über meinem CO2-Budget gelebt. Und ebenfalls ja, wir können unseren CO2-Fußabdruck nicht mit Konsumverzicht allein weit genug nach unten bekommen, auch die Politik muss hier die richtigen Weichen stellen. Es bringt trotzdem nichts, sich darauf auszuruhen, denn es wird nichts besser dadurch, dass es irgendjemand anders schlechter macht als Ihr. Euer Rindfleischkonsum verursacht immer noch bis zu 28 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kilo, das dabei entstandene Methan wirkt in der Atmosphäre und es ist ihm dabei vollkommen schnurz, ob Eure Nachbarin Auto fährt oder fliegt oder ob sie im Wald alte Reifen verbrennt. Es wird nicht denken „Oh, jetzt guck Dir an, wie viel Avocados die Veganer essen“, um dann spontan in die Kuh zurückfliegen, aus der es rausgerülpst wurde.

Übrigens: Selbst wenn wir uns jetzt krass einschränken und wie der Klimaforscher Michael Kopatz weitestgehend auf Auto, Fleisch und Flüge verzichten: Unsere Lebensqualität wäre immer noch auf einem Rekordhoch verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten und so gut wie allen Menschen, die früher hier gelebt haben. Eine deutsche Sachbearbeiterin mit Krankenversicherung, einem Spotify-Account und Verhütungsmitteln kann ziemlich easy mehr Vergnügen aus ihrem Leben rausholen, als stinkreiche Monarchen im 17. Jahrhundert das konnten. Ich würde moderne Zahnmedizin, großartige Musik und Wassertoiletten nicht eintauschen wollen gegen regelmäßige Orgien in einer zugigen Burg. Anstatt aber anzuerkennen, welchen Luxus wir als Mitteleuropäer historisch gesehen genießen, benehmen wir uns wie Prinzessin Vespa aus Spaceballs, die unbedingt ihren riesigen Fön durch die Wüste schleppen lassen muss, weil sie laut eigener Aussage ohne dieses Gerät leider nicht leben könne.

Wenn wir gewinnen wollen, dann müssen wir zusammenarbeiten. Momentan tun wir das meistens nicht, stattdessen benehmen wir uns ständig wie das idiotischste Fußballteam der Welt. Da schießen Spieler den Ball fünfmal hintereinander ins Seitenaus, anstatt zu den anderen zu passen, finden das aber vollkommen richtig, weil die anderen halt oft Zweikämpfe verlieren. So kann man natürlich nicht gewinnen. Die Erklärung nach dem Spiel, dass die anderen auch scheiße gespielt haben, dürfte bei den Fans genauso gut ankommen, wie wenn wir in 40 Jahren unseren Enkeln erklären, dass wir diesen einen Kumpel hatten, der immer ganz viel geflogen ist und wir deswegen auch nicht auf irgendwas verzichten wollten.

Wäre es also nicht dufte, wenn wir diesen Quatsch einfach durch vernünftiges Handeln ersetzten? Wir sind doch die Krone der Schöpfung, die wird sich doch nicht selbst vernichten, weil sie Butterhörnchen wichtiger findet als eine bewohnbare Natur, oder? ODER? Also, simple Anleitung zur Nicht-Apokalypse:

  1. Bedenkt, dass Ihr Euch nicht ausgesucht habt, Teil einer Gesellschaft zu sein, in der umweltzerstörerischer Konsum eine Pflichtveranstaltung ist. Oder wie die Ärzte das formulierten: Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist…
  2. Seid ehrlich zu Euch selbst. Ihr findet den Gedanken an ein Leben ohne Käse beängstigend? Ihr könnt Euch Mobilität ohne eigenes Auto nicht vorstellen? Okay, kommt mir bekannt vor. Dann gesteht Euch das aber auch ein. Die Position „Ja, ich weiß, dass ich damit der Umwelt schade, aber ich schaffe es (noch) nicht, darauf zu verzichten“ ist ehrlich, und es ist wichtig, das erst mal anzuerkennen. Viele Menschen leugnen aber die Konsequenzen ihres Verhaltens – und machen dadurch nicht nur eine Verbesserung unmöglich, sondern bestätigen andere auch in diesem Verhalten.
  3. Fragt Euch, ob Ihr nicht mal irgendwo anfangen könnt, dazu muss man ja nicht gleich in eine Höhle ziehen. Ist vielleicht konsequent, aber die einzigen wirklich konsequenten Klimaschützer leben dann in ein paar Erdlöchern und werden demnächst schlimm frieren. Man muss nicht gleich ein Erdlochbewohner werden, aber man kann bestimmt einen einzelnen Aspekt verbessern, ohne im Tal der Tränen zu landen. Es kann manchmal auch sehr befreiend sein zu merken, dass man auf bestimmte Dinge nicht angewiesen ist, um glücklich zu sein
  4. Ihr seid nicht allein. Es gibt eine Armee von cleveren Leuten, die bereits das Team der Idiotenfußballer verlassen haben und Ihr Leben der Idee widmen, unser planetares Habitat zu schützen. Die erforschen, wie man ohne Tierdünger Pflanzen anbauen, sich ohne Mineralöl fortbewegen oder aus Pflanzen Fleisch herstellen kann. Sie verkaufen nachhaltig hergestellte Handys, entziehen der Atmosphäre CO2, um es in Kalkstein zu speichern, oder gestalten Städte so, dass man sich auch ohne Auto darin bewegen kann.
  5. Überbewertet nicht, dass es weltweit noch Milliarden anderer Menschen gibt, bei denen all diese Themen noch keine Rolle spielen, denn: Deren persönlicher Verbrauch ist noch lange nicht so hoch wie unserer und trotzdem passieren da tolle Sachen: In Costa Rica bekommen Landbesitzer finanzielle Unterstützung, wenn sie nachhaltig mit ihm umgehen. Das Land möchte bis 2021 komplett klimaneutral sein und forstet momentan einen Großteil seiner Wälder wieder auf. Die Organisation proveg international möchte in Zukunft aufgrund der großen Bevölkerungen und des steigenden Wohlstands besonders in China und Brasilien für pflanzliche Ernährung werben. Die chinesische Regierung strebt eine Reduktion des Fleischkonsums um 50% bis 2030 an. Man könnt das runterbrechen auf folgenden etwas flapsigen Spruch: Wann immer jemand sagt, dass Deutschland alleine das Klima nicht retten kann, wird in China eine Solarzelle installiert.
  6. Seid stolz auf das, was Ihr geschafft habt. Denkt nicht „Sollen sich doch andere darum kümmern“, denkt lieber „Ich kann mich da selbst drum kümmern und bin stark genug, noch mehr zu machen“. Nehmt als Vergleichsgröße nicht, was die anderen machen, sondern was Ihr früher gemacht habt. Es gibt diesen alten Vorwurf, Veganer hielten sich für was Besseres. Ja, das stimmt, und zwar besser als ihre früheren Ichs. Und ja, das ist ein tolles Gefühl.

Lasst mal zusammen spielen, nicht gegeneinander. Auf einem kaputten Planeten gibt es keine Billigflüge, keinen Käse und keine Jobs.

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Ohne Euch gäbe es diesen Text jetzt nicht, dafür aber ein toll graues Web-Formular in irgendeinem noch effizienter arbeitenden Ticketsystem 😉

1 Gedanke zu “Stellt Euch vor es ist Klimawandel und keiner geht hin

  1. Leider ist die Welt voller scheinheiliger A. die zwar den Splitter im Auge des anderen erkennen, aber so tun als gäbe es den Balken nicht vor dem eigenen Hirn. Und das sind intelligente Leute, denen man Dummheit nicht durchgehen lassen kann, und wenn sie Kritik an dieser ihrer Scheinheiligkeit versuchen zu unterdrücken, kann man nur von bösem Willen, skrupellosem Egoismus und Profitdenken ausgehen. Und es genügt nun mal einer von denen, der den letzten Käfer einer Art tot tritt – alle Professoren der Welt werden ihn nicht wieder lebendig machen.

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