„Vegan“ ist ja altindianisch und bedeutet „synthetische Chemiepampe“

Kennt Ihr das? Sobald es irgendwo um fleischloses Essen geht, ploppen um Euch rum auf einmal diverse kommentargewordene Paradoxa auf: Ganz viele Leute würden so was nämlich nie, nie, niemals! essen, weil es blöder Hippiescheiß ist – gleichzeitig aber wissen sie ganz genau, wie das ganze Zeug schmeckt (selbstverständlich extrem ekelhaft und brechreizauslösend). Das wirkt auf mich immer ähnlich glaubwürdig wie die cineastische Einordnung „Ich habe diesen Film nicht gesehen, aber er ist bestimmt voll doof!“. Ach so, nein nein, es geht diesen Leuten dabei natürlich nicht um Kartoffeln mit Spinat oder einen Pfannkuchen, sondern um den gleichsam beliebten und gefürchteten… *Trommelwirbel* Fleischersatz! *diabolisches Lachen*.

Warnung vor dem Seitan med

Die erste Auffälligkeit daran ist: Der Markt wächst stark. Allein in Deutschland gibt es mehrere Dutzend Marken und entsprechend viele verschiedene Artikel. Schon die Auswahl nur für die Kategorie „Wurstalternativen“ bei alles-vegetarisch.de umfasst 144 verschiedene Produkte, die wiederum aus recht unterschiedlichen Zutaten hergestellt sind. Die Behauptung, jemandem schmecke davon nun jedes Einzelne überhaupt gar nicht, klingt ungefähr so unvoreingenommen wie die Behauptung, dass die Gerichte aller Restaurants im Großraum Basel ungenießbar seien. Und dann noch in der Kombination mit der Feststellung, so was schon aus Prinzip niemals nicht zu essen –  WOHER WEIßT DU DANN, WIE ES SCHMECKT??? Klingt schon wie grandioser Mumpitz.

Nun gut, über Geschmack lässt sich nicht streiten und es gibt bestimmt auch Leute, die das mal ernsthaft probiert und tatsächlich einen kulinarischen Griff ins Klo gelandet haben. Mich zum Beispiel. Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich mal Tofuwürste im Reformhaus gekauft (für die Jüngeren: Da mussten Veggies früher hingehen, weil sonst kein Geschäft etwas Entsprechendes im Sortiment hatte). Die Dinger waren unpraktisch in Plastik eingeschweißt, zerbröselten beim Rausschneiden, erlangten nach 30 Sekunden auf dem Grill Optik und Aroma eines ausgebrannten Kleinwagens und an der Stelle, wo ich sie würgend in den Garten gespuckt habe, wächst seit zehn Jahren kein Rasen mehr.

Ausgespuckte Wurst_med

Aber wie gesagt, das ist bestimmt zehn Jahre her. Mittlerweile hat sich da so viel getan, dass ich z. B. Burger aus Fleisch gar nicht mehr vermisse, weil der Geschmack guter veganer Bratlinge geradezu unheimlich ähnlich ist. Und mit der Einschätzung scheine ich nicht alleine zu sein: Dass ein Gericht für guten Geschmack nicht zwingend mit zerhackten Muskelfasern angereichert sein muss, bejahen auch immer mehr mir bekannte Fleischesser. Vielleicht betritt ja auch deswegen gerade zunehmend der kleine Bruder von „Vegetarisch schmeckt scheiße“ die Kommentar-Bühne, und der heißt „Diese Veggiesachen sind doch alle voller Chemie, ungesund und machen krank!“.

Ach je, wo fängt man da an? Wie schon mehrmals angemerkt, ist die Kritik, dass etwas voller Chemie sei, so inhaltsleer wie die Warnung, dass Bio-Tomaten aus Spanien voller Atome sind. Ja, sind sie, wie alle sonstige Materie halt auch. Ab wann ist denn ein Nahrungsmittel „voller Chemie“? Wenn es Stoffe enthält, deren vielsilbige Namen schwer auszusprechen sind? Hey, in Kürbiskernen sind große Mengen Phenylalanin! Und das ist auch noch eine Säure, übel, was? Nein, eigentlich nicht, Phenylalanin ist eine für den Menschen essenzielle Aminsosäure, der Körper stellt daraus Proteine her.

Basel

Ok, also die meisten behaupten damit wohl eher, dass angeblich gefährliche Chemikalien in vegetarischen Produkten seien, und drücken sich einfach sehr unbeholfen aus. Man fragt sich, ob sich diese Leute die gleichen Sorgen machen, wenn sie abgepackte Bierwurst, Hähnchenbrust, Salami oder Putenbrust kaufen, lesen sich deren Verpackungsdetails nicht gerade wie die Zutaten eines sonderlich naturbelassenen Produktes aus liebevoller Handarbeit: Nitritpökelsalz, Natriumnitrit, Diphasphate, Natriumascorbat, Triphosphate, Dextrose, Glucosesirup, Saccharose, Trinatriumcitrat, Diphosphate, Triphosphate, Natriumisoascorbat, Aroma (Das waren einfach die ersten vier Treffer einer Google-Suche mit „inhaltsstoffe aufschnitt“).

Die Inhaltsstoffe von entsprechenden Produkten von Heirler, Viana, Topas, Veggy Friends und Hobelz lesen sich tatsächlich anders: Das Hobelz-Produkt enthält mit modifizierter Stärke, E1422 (Mais), Geliermittel, Carrageen, und veganen Aromen noch das meiste an „Chemikalien“. In der Veggy-Friends-Salami findet sich an verdächtig klingendem nur Carrageen, das laut WHO und FAO bis 75mg pro Körperkilo harmlos ist. Das Topas-Produkt liest sich noch unverdächtiger, die Zutaten sind: Seitan* (Wasser, Weizeneiweiß*) 81%, ölsäurereiches (High-Oleic) Sonnenblumenöl*, Hefeextrakt*, Salz, Weizenstärke*, Zwiebeln*, Gewürze*, Verdickungsmittel Johannisbrotkernmehl*. Aaaah, alles voller Chemie!

Zugegeben, diese Aufstellung besitzt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Man kann mit etwas mehr Zeit bestimmt noch ein vegetarisches Produkt mit mehr „Chemikalien“ finden und vermutlich auch positivere Beispiele für Frischfleischprodukte. Nun will ich aber auch nicht beweisen, dass alle Fleischprodukte per se mehr Zusatzstoffe enthalten als vegetarische Alternativen, die zu widerlegende These ist ja lediglich „Da ist ungesundes Chemie-Dings in Eurer Fake-Wurst!“, und die ist so pauschal formuliert halt Blödsinn, selbst wenn man als Bewertungsgrundlage nur „Die Namen der Inhaltsstoffe klingen chemisch“ nimmt.

Chemisch unterwegs

Wesentlich systematischer und mit wissenschaftlichem Anspruch hat diese Fragestellung das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in Gießen im Auftrag der Albert Schweitzer Stiftung untersucht (sehr lesens- und verlinkenswert). Ein gutes Beispiel, warum wissenschaftliche Arbeitsweise eine tolle Sache ist, kommen die Autoren dann doch zu anderen Ergebnissen als ich: Vergleicht man nämlich konventionelle Fleischalternativen, schneiden diese in Bezug auf Zusatzstoffe im Durchschnitt schlechter ab als die Fleischprodukte (Seite 36). Meine scheinbar willkürlich gewählten Beispiele waren hier etwas verzerrt, da das Angebot von Alles-vegetarisch einfach viele Bio-Produkte enthält.

So sind die in der Studie untersuchten bio-veganen und bio-vegetarischen Produkte die mit den wenigsten Zusatzstoffen, dann folgen Fleischprodukte und dann die konventionellen veganen und vegetarischen Produkte. Die Autoren urteilen aber auch: „Die pauschale Behauptung von »ellenlangen Listen mit Zusatzstoffen« (Focus Online 2015) bei Fleischalternativen ist demnach nicht haltbar.“ Nun sollten Zusatzstoffe nicht das einzige Kriterium für gesundheitliche Auswirkungen sein, die Studie kommt zudem zu folgenden Ergebnissen:

Ergebnisse

–          Die fleischfreien Alternativen enthielten im Schnitt mehr Protein, teilweise deutlich mehr

–          Der Gesamtfettgehalt der Fleischprodukte war höher

–          Die Fleischprodukte enthielten mehr gesättigte Fettsäuren (hier sollte man beim Kauf von Alternativprodukten auch aus diesem Grund auf Palm- und Kokosfett verzichten, erzielten nur solche Produkte eher schlechte Werte in dieser Kategorie)

–          Der Salzgehalt war in allen Produktkategorien zu hoch

Zudem hat die University of Massachusetts vor Kurzem herausgefunden, dass Muskelaufbau mit pflanzlichen Proteinen prima funktioniert. Das klingt alles nicht so, als würde einen die vegane „Chemiepampe“ krank machen. Falls jetzt der ein oder andere mit den Augen rollt, weil die Studie von einer für vegane Ernährung eintretenden Organisation in Auftrag gegeben wurde oder ihm das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung nicht objektiv genug klingt: Die Studie bedient sich der in den Ernährungswissenschaften gängigen Kriterien für die Beurteilung, sodass das Studienfazit nicht einfach „Die Fleischprodukte sind allesamt viel zu wurstig, das ist voll ungesund!“ lauten kann. Zudem haben sowohl die ASS als auch das Institut ein hohes Interesse daran, hier seriös zu arbeiten, da die Reaktion auf leicht zu durchschauende Schwurbelei wohl für beide Organisationen desaströs wäre.

Viel wichtiger aber: Wenn ich als Veganer mit dieser Studie meine Position belege, dann ist das weitaus seriöser als offizielle Verlautbarungen vom Wurstminister oder anderen Hanseln, die fleischlosen Alternativen Chemiehaftigkeit und hanebüchene gesundheitliche Folgen andichten, dafür aber genauso viele Quellen haben wie die US-Regierung für das Bowling-Green-Massaker:

Nämlich keine.

3 Gedanken zu “„Vegan“ ist ja altindianisch und bedeutet „synthetische Chemiepampe“

    • Genau! Ich hab letztens von einer Studie gelesen, dass alle getesteten Veganer diese Desoxyribonukleinsäure schon im Gewebe hatten. Manche von denen waren noch voll jung und scheinbar auch gesund und alles. Da sieht man mal wieder, wie ungesund das alles ist.

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