Und jährlich grüßt der Fleischatlas

Jedes Jahr veröffentlicht die Heinrich-Böll-Stiftung die deutsche Ausgabe vom Fleischatlas und kommt in beunruhigender Regelmäßigkeit zu dem Ergebnis, dass 60 Kilo Fleischkonsum pro Jahr und Deutschem viel zu viel sind, um dem Anspruch der Bundesbürger an ihren eigenen Klimaschutz zu genügen. Jedes Jahr reagieren in ebenso unschöner Regelmäßigkeit ansonsten vollkommen vernünftige, erwachsene Menschen darauf wie stark abhängige Junkies, denen jemand ihre Drogen wegnehmen will, und zerren fürchterlich winselnd derart unwürdige Argumente aus ihrer Hirnanhangdrüse, dass ich doch überlege, bei Elon Musks Marsbesiedlung mitzumachen.

Wie finden es die Deutschen bizarr und lächerlich, mit welch irrationaler Inbrunst US-Amerikaner an ihrem Waffenrecht hängen und wie sich das stichhaltigste Argument dieser Lobby nach blutigen Schießereien zusammenfassen lässt zu „FUCK YOU, DON’T TAKE MY GUNS!“. Zu Recht, es ist absurd. Nach Lektüre der Kommentare von gar nicht mal dummen Menschen auf den Seiten von FAZ, Süddeutsche und Spiegel muss ich aber konstatieren, dass das stichhaltigste Argument der Deutschen gegen Pläne zur Fleischreduktion folgendes ist: „FUCK YOU, DON’T TAKE MY 60 KILOGRAMS MEAT PER YEAR!“.

Okay, zugegeben, Handfeuerwaffen sind scheißgefährlich und töten jedes Jahr mehrere tausend US-Amerikaner. Der Klimawandel hingegen kann ja nur die Pegel der Weltmeere dramatisch ansteigen lassen, womöglich den Golfstrom zum Erliegen bringen und zu einem massiven Anstieg von Dürren und Extremwetterphänomenen beitragen, was soll da schon passieren? Oh, wait… Und fürs Protokoll: Die Empfehlung der Macher ist nicht mal Vegetarismus, sondern nur Fleischreduktion.

Das häufigste Argument ist, dass erst mal die Chinesen (!) oder sonst wer was machen solle, bevor wir hier in Deutschland so „krasse Maßnahmen“ ergreifen. Lustig, dabei haben die Chinesen ja erst letztes Jahr was gemacht und versuchen, bis 2030 ihren Fleischkonsum zu halbieren. Aber selbst wenn nicht, ist das echt euer Plan? Dass wir sagen, die Chinesen sollen zuerst was tun? Und die Chinesen sagen, die Amerikaner sollen zuerst was tun und so weiter? Und in 40 Jahren machen wir dann mit unseren Enkeln Ausflüge und schauen uns an, wie die Spitzen ehemals hoher Gebäude aus dem Wasser ragen, da, wo früher mal Hamburg war, und sagen „Ja, schon schade, aber wisst Ihr, die Amis und die Chinesen, die haben ja auch nichts unternommen“.

Genau die gleiche absurde Logik verfolgen Menschen, die auf 60 Kilogramm Fleischkonsum pro Jahr bestehen, weil andere Dinge ja auch klimaschädlich sind. Sie finden, dass erst mal Flugreisen, Kreuzfahrtschiffe, SUVs und Flugobst eingeschränkt werden sollten, bevor man sich an etwas so elementar Wichtiges wie Mettwurst heranwagt. Das ist bescheuert, genau so können sich Vielflieger für lächerlich billige Flugtickets starkmachen, weil man ja erst mal Fleisch, Kreuzfahrten und große Autos verteuern könnte, während Innenstadtbewohner mit 2,5 Tonnen schweren Geländewagen freie Fahrt für freie Bürger fordern, weil erst mal Billigflüge, Kreuzfahrten und Fleisch reglementiert gehören. So stehen dann am Ende alle im Kreis, zeigen mit dem Finger auf den Typen neben sich und denken sich „bevor ICH was mache, sollen sich erst mal alle anderen einschränken“. Toll. Wenn Eure Enkel Euch fragen, was Ihr gegen den Klimawandel unternommen habt, antwortet ihr „Ich habe unserem Nachbarn gesagt, er soll weniger fliegen“. Sehr überzeugend.

Hey, ein ganz ähnliches Problem hatten wir schon mal, als die Menschheit nämlich feststellte, dass sie gerade ihre Ozonschicht zerstört. Hätten damals auch alle gesagt, dass erst mal die Chinesen ihren FCKW-Ausstoß verringern sollen, dann wäre heute ein Aufenthalt im Freien ohne Sunblocker Stufe 80 echt keine gute Idee. Haben die Menschen aber nicht, sie haben sich darauf geeinigt, dass alle vom FCKW wegkommen müssen – mit dem Ergebnis, dass sich das Ozonloch heute schließt. Und auch in Klimafragen sind es längst nicht mehr nur „Ze Germans“, die das Feld anführen. Die Kapazitäten für erneuerbare Energien werden in China bis 2020 für 320 Milliarden Euro ausgebaut.

Das zweithäufigste Argument ist, dass so extreme Maßnahmen gar nicht nötig seien, wir könnten ja stattdessen einfach alle Weidefleisch essen, weil das total super-toll und mega-klimaschonend sei. Dazu zwei Dinge:

1. Nein, ist es nicht. Es gibt in der Tat Untersuchungen, die dann unter für Steakliebhaber extrem beruhigenden Schlagzeilen wie „Extensive Weidehaltung schützt das Klima“ thematisiert werden, aber das ist doch arg verkürzt. Gerade Rindfleisch ist extrem klimaschädlich, weil Kuhfürze leider nur in Methan-Flavor erhältlich sind. Man kann die Kühe jetzt auf eine Weide stellen und sie da Gras fressen lassen anstatt um die halbe Welt gekarrte Soja-Pellets, das ist natürlich weniger schlecht fürs Klima.

Aber an den unerwünschten Flatulenzen dieser Tiere ändert das halt nicht viel. Dementsprechend geht der CO2-Fußabdruck pro Kilo Milch dann eben verglichen mit Stallhaltung um wahnsinnige sechs Prozent runter *klatsch*, *klatsch*. Es werden aber immer noch 13.300 Gramm CO2 pro Kilo Rindfleisch und unfassbare 23.500 Gramm CO2 pro Kilo Butter emittiert. Wer nach dieser Logik ständig Weidefleisch isst, um das Klima zu schützen, der wirft vermutlich auch anstatt vier alten Autoreifen nur drei alte Autoreifen in den Wald, um die Schönheit der Natur zu bewahren.

2. Wo zum Geier sind all diese Weidehaltungsfans im wahren Leben? Ich muss beruflich andauernd in diversen Kantinen dieses Landes zu Mittag essen, und die Rückfrage an die Person an der Essensausgabe, ob es sich beim Hackbraten denn um Fleisch vom Weiderind handelt, habe ich bislang genauso oft gehört wie den Spruch „Ach, Sie ernähren sich vegan? Eine tolle Idee, dieser Beilagensalat sieht sowohl extrem lecker als auch beruhigend sättigend aus!“. Gibt es im Supermarkt Etiketten, die das Fleisch als „Weidefleisch“ auszeichnen? Ist jemals jemand zu Eurer Grillparty erschienen und hat davon geschwärmt, wie er jetzt mit der Weidewurst das Klima rettet?

Vergesst das Weidefleisch. Vergesst die Amerikaner und vergesst die Chinesen. Wenn Ihr morgen an der Essensausgabe steht, dann bedenkt einfach, dass allein das Fleisch in einem Double Whopper von Burger King bereits 53% eines nachhaltigen Tagesbudgets für Treibhausgasemissionen verbraucht.

… und wie schön Hamburg ist.

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11 Gedanken zu “Und jährlich grüßt der Fleischatlas

  1. Die Klimabilanz von Reis war mir gar nicht so bewusst. Tomaten hätte ich allerdings schlechter eingeschätzt. Klar, es wird CO2 in g/kg Nahrungsmittel dargestellt, nicht in g/kcal, aber dennoch…

      • Krass, ich dachte das solle ein Witz sein mit dem Methan, lese ich gerade zum ersten Mal. Die Pommes sind schockierender, das stimmt, allerdings sind die ja schon verarbeitet und der ganze Tiefkühlakt nachher kommt ja auch noch drauf.

        • Das heißt, dass man Reiskonsum aus Nassanbau einschränken sollte, wenn einem was am Klima liegt. Dabei entsteht nämlich Methan, weswegen der Impact so hoch ist.

          Es gibt hier bereits Arten, die mit Trockenanbau angebaut werden, die sind weniger schädlich und idealerweise auch nicht aus Fernost oder Amerika, damit liegt man dann deutlich unter Schweinefleisch.

          Die Forderung an Veganer, komplett auf Reis zu verzichten, während die Deutschen wütend gegen 30 kg Fleisch im Jahr pro Person anessen, weil das grünradikales Gedankengut ist, kommt mir etwas asymmetrisch daher. Man könnte ja einfach sowohl Fleisch als auch Reis steuerlich benachteiligen, das klingt mir zielführender.

  2. Ich finde diese Fakten hier bzgl. Klimaerwärmung sehr interessant:
    https://www.youtube.com/watch?v=4xep6MvyUT8

    CO2 hin oder her, planzliche Ernährung ist natürlich das Optimum für die meisten Menschen… Wäre nur blöd, wenn irgendwann die Mehrheit bemerkt hat, dass das mit diesem ganzen CO2 und Klimawandel irgendwie nicht aufgeht und dann alle schreien „Seht ihr, ihr veganen Spinner, Fleischkonsum macht überhaupt nichts! Haha!“

  3. was mmn viel zu wenig beachtung findet in diesen klimadiskussionen: co2 ist an sich nix schlimmes, wir atmen es aus und pflanzen wandeln es in sauerstoff um, den wir einatmen.
    was aber, wenn wir 95% der regenwälder auf dem planeten in rekordzeit plattmachen, damit wir noch mehr monokulturviehfutter anbauen können? dann wird aus dem co2 eigentlich erst ein problem. und immer nur den anstieg des ausstoßes zu betrücksichtigen und dabei die schwindenden abbaufaktoren zu vernachlässigen, verfälscht die betrachtung. warum also nicht nach indischem vorbild mal flott aufforsten, um wenigstens schadensbegrenzung zu betreiben?
    https://utopia.de/indien-baeume-weltrekord-klimawandel-57255/
    und wie in dem (mmn stark überschätzten) film „the end of meat“ ja in den himmel gelobt wurde: bald kommt ja das laborfleisch. lecker gezüchtete petrischalen-zellklumpen, die sich die fleisch-junkies dann auf den grill schmeißen können. klimabilanzen hab ich dazu zwar auch noch nicht gesehen, aber neutral wird es wohl nicht gerade sein…

    • Kann ich nur unterschreiben… Es gibt eh nur weniges, was der Seele so gut tut, wie selbst gesähte/gepflanzte Bäume wachsen zu sehen. Ich habe unseren ca. 80 m² großen Garten zu einem Gemüsegarten mit Bienenweiden noch und nöcher umgestaltet, es ist herrlich. 🙂

  4. Wenn ich in meinem Erinnerungskästchen suche, muss ich an meine Kindheit denken. Meine Oma hatte eine kleine Landwirtschaft, so wie uns das heute in der Werbung verkauft wird. Zwei Kühe, die den Traktor ersetzten, Milch gaben, aber nicht in den gewaltigen Mengen einer Hochleistungskuh, die nicht mehr laufen kann durch die riesigen Euter. Zum Besamen gab es den Gemeindebullen. Ein bis zwei Schweine und jede Menge Hühner. Hinter dem Haus einen Bauerngarten und eine Obstwiese. Felder, auf denen Kartoffeln und Gemüse angebaut wurde. Das alles reichte nicht nur zur Selbstversorgung, sondern auch noch, um Produkte zu verkaufen. Und, ganz merkwürdig und unerklärlich, alles ist gewachsen ohne Musanto und Bayer…ebenso unerklärlich ist, wie das ganze Viechzeug so ganz ohne Medikamente und Antibiotika überhaupt überleben konnte…wie wir damals die heute ach so ungesunde Rohmilch vertragen hatten, ohne davon krank zu werden. Zumal die Milch immer von der gleichen Kuh kam und nicht, wie heute, eine Mischung aus zigtausend Kühen mit unterschiedlichem Medikamenten Coktail. Klar wurde auch geschlachtet, Fleisch und Wurst gegessen. Aber nicht jeden Tag mehrere Schweine, sondern zweimal im Jahr. Ab und an ein Huhn oder Hahn. Ja, es gab tatsächlich Hähne, die ihre Mädels bewachten und morgens die halbe Nachbarschaft aufweckten. Heute undenkbar! Ruhestörung…dagegen gibt es Gesetze! Heute auch undenkar, weil die meisten männlichen Küken heute geschreddert oder vergaßt werden…sind ja unproduktiv.
    Fleisch gab es nur an Sonn- und/oder Feiertagen, ansonsten alles, was der Hof ansonsten hergab. Dieses „alte“ Wissen hat meine Mutter übernommen und uns vier Kindern vorgelebt, vieles davon haben wir ebenfalls übernommen. Manches auch wieder vergessen, leider! Ich bin, wie viele andere auch, irgendwann in die „normale“ Lebensmittel Routine gerutscht: Lebensmittel aus dem Supermarkt, alles verpackt, Mittags mal schnell zum Schnellimbiss oder zum goldenen M, etc. etc.
    Das alles hat sich gerächt: Übergewicht mit allem, was an daraus resultierenden Krankheiten dazu gehört, träge, Arzthopping etc. etc. Bis ich mir das ganze Elend vor 10 Jahren bei mir selbst nicht mehr anschauen konnte…meine Frau übrigens auch nicht ;-)…Ich habe meine Ernährung umgestellt, immer mehr Gemüse und weniger Fleisch…alles ohne Druck. Habe wieder regelmäßig Sport gemacht, mich beruflich anders orientiert, hatte dadurch mehr Freizeit, die ich sinnvoll nutzen konnte, und habe mein Gewicht ganz easy von 95 Kilo auf 72 reduziert (habe ich heute immer noch, ohne JoJo-Effekt). Mittlerweile bin ich (fasst, ganz lässt es sich manchmal nicht vermeiden) Veganer und habe seit 5 Jahren keine Arztpraxis wegen irgendwelcher Krankheiten mehr von innen gesehen. Selbst wenn rundum alles schnieft und hustet, habe ich damit kein Problem. Ich für meinen Teil habe dafür nur eine Erklärung: Du bist, was Du isst und wie Du lebst! Ich arbeite mittlerweile überwiegend an der frischen Luft (Hufpfleger, früher Büro), bekomme also alle Jahreszeiten aktiv mit. Der Grund, auf tierische Produkte zu verzichten, waren einmal die Haltungsbedingungen, auch im Biobereich, zum anderen der Einsatz von Medikamenten. Aber der für mich fasst wichtigste Grund ist, das es sich dabei um Lebewesen handelt, die nicht dazu da sind, um von uns in die Pfanne gehauen zu werden. Ich möchte nicht mehr mitverantwortlich sein für Tiertransporte, Stress in Schlachthäusern etc. Diese Stresssituationen der Schlachttiere bewirken immens hohe Hormonausschüttungen, die von uns mit gegessen werden. Zusätzlich zu den Medikamenten!
    Aber ich lasse jedem seine Vorlieben, Gewohnheiten und versuche nie, jemanden zu überzeugen, Vegetarier oder Veganer zu werden. Das hätte bei mir früher auch nicht funktioniert. Das Leben wird einfacher und relaxter mit gegenseitiger Toleranz auf allen Ebenen. Und, ganz wichtig, immer mal wieder über den Tellerrand schauen ;-)…

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