Wer seine Kinder in Kitas bringt kann sie auch gleich einsperren und umbringen

Nein, das ist nicht der Titel vom nächsten Matussek-Buch (hoffe ich!). Und bevor mir liebende Eltern einen Shitstorm in die Kommentarspalte kleben: Das ist nicht meine Behauptung sondern der neueste Geistesblitz eines älteren Herrn, der schon durch Artikel wie „Wer Tierrechte will, bahnt der Euthanasie den Weg“ unangenehm auffiel. Lustigerweise ist beiden „Artikeln“ gemein, dass der großspurigen Behauptung recht wenig einleuchtende Begründungen folgen – stattdessen beschränkt Eckhard Fuhr sich darauf, seine spärliche Munition auf von ihm selbst mühsam konstruierte Strohmann-Argumente abzufeuern.

Artikel-Screenshot

Ach so, der neueste Erguss trägt natürlich nicht wirklich den Titel wie mein Blogbeitrag hier. Er fordert etwas weniger konkret: „Eigentlich müsste die Tierrechtsbewegung die Schließung von Kindertagesstätten genauso fordern wie die Abschaffung der Kälberboxen“. Und zwar weil Kinder in Kitas schon mal schreien, wenn die Mutter sie in die dortige Betreuung abgibt. Der Trennungsschmerz  sei so groß, dass es praktisch der gleiche Vorgang sei, wie wenn man einer Milchkuh den Nachwuchs entreißt. Und da sei es ja irgendwo befremdlich, dass Tierrechtler und Veganer gegen Milcherzeugung sind aber nicht gegen Kita-Betreuung. An der Stelle weiß man auf Anhieb nicht genau, ob Fuhr diesen geisteskranken Vergleich bringt, weil er keine Ahnung von Kita-Betreuung hat oder weil er keine Ahnung vom Leben einer Milchkuh hat oder beides.

Eine 5-minütige Recherche hätte ergeben, dass einer Milchkuh die Anwesenheit ihres Neugeborenes maximal wenige Tage vergönnt ist, oft aber auch nur ein paar Minuten, bevor das Jungtier dann für immer von der Mutterkuh getrennt wird. Ja, ich weiß, der Begriff „Recherche“ in einer Replik auf einen Springer-Artikel ist recht gewagt. Wie auch immer, damit der Vergleich irgendwie passt, müssten in Deutschland die meisten Eltern ihren Säugling schon in die Kita fahren, noch bevor ihm der Rest Nabelschnur abgefallen ist. Und nie wieder abholen. Tatsächlich liegt das gesetzliche Mindestalter (in Hessen) bei 2 Monaten, die meisten Kinder sind aber mindestens ein Jahr alt, bevor sie zum ersten Mal in den Genuss kommen.

Und auch wenn Fuhr sich das in seiner reaktionären Verblendung vermutlich gerne möglichst grausam ausmalt, in einer Kita kommen nicht einfach 2 Männer angelaufen, schnappen sich das Kind und rennen damit vor der kreischenden Mutter davon. Wir haben 2014, es gibt monatelange Eingewöhnungs-Phasen, in denen die Abwesenheit der Mutter peu à peu von wenigen Minuten auf einige Stunden erhöht wird. Länge und Art dieser Phasen werden an die Bedürfnisse des Kindes angepasst. Die Kinder werden in dieser Zeit ja außerdem liebevoll betreut (war zumindest bei meinen so) – wie man hier einen Vergleich ziehen kann zu einem Kälbchen, das in der Einzelhaft einer winzigen Box der Witterung trotzend ausharren muss, ist mir schleierhaft.

Kuh-kita

Zumal so eine Trennung für mich irgendwie etwas anderes ist, wenn sie von den Eltern selbst initiiert ist. Diese furchtbaren Szenen, in der Mutter-Kuh und Kalb tagelang nacheinander schreien, bis sie dann irgendwann den unwiederbringlichen Verlust des für sie wichtigsten Wesens auf der Welt akzeptieren, mit dem kurzzeitigen Schreien eines Kindes in einer Kita zu vergleichen, wirkt schon arg bemüht. Ja, ein Kind mag unter einem gewissen Trennungsschmerz leiden, dieser wird aber so gut es geht minimiert und ist eben nicht von langer Dauer. Sollte ein Kind sich nicht beruhigen wird man als Elternteil auch schlicht gebeten, es wieder abzuholen. Man kann übrigens oft beobachten, dass wenn andere Eltern ihre Kinder unter viel Geschrei in welcher Einrichtung auch immer abgeben, diese Kinder sich 2 Minuten nachdem die Eltern weg sind nichts mehr anmerken lassen und so tun, als sei gar nichts gewesen. Das ist etwas anderes als wenn man eine Mutter gewaltsam von ihrem Kind trennt und beide sich ihr Leben lang nie wieder sehen dürfen!

Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand Kita-Betreuung ablehnt. Insbesondere für sehr kleine Kinder bin ich da sogar dabei, 2 Monate finde auch ich etwas früh. Vielleicht haben sogar besonders Veganer ein Problem damit. Es wäre erhellend gewesen, wenn Fuhr hierzu wirklich was sagen könnte. Da er aber wohl keine Veganer kennt und mit seinem Hund immer nur an Kitas vorbei aber nicht in sie hinein geht, geht er einfach mal davon aus, dass Veganer Kitas ausnahmslos toll finden. Wäre es anders hätte man ja keinen Artikel schreiben können, das wäre schon doof. Fuhr fragt besonders gewitzt:

Es geht weiter mit:

„Muss man tierethisch darauf beharren, dass menschliche Säugetierkinder zur Mutter gehören und nirgendwo sonst hin? Eventuell bis zur Schulpflicht?“

Ja, goldig, ich weiß. Fuhr scheint in der Familienpolitik der 50er Jahre hängengeblieben zu sein. Nicht nur, dass schon 2-jährige Kinder den Drang haben, ihre Umwelt auch ohne Eltern zu erkunden. Auch scheint ihm das Konzept sich kümmernder Väter, Großeltern oder sonstiger Bezugspersonen nicht wirklich vertraut zu sein. Dabei sind solche zusätzlichen Beziehungen zu anderen Menschen als der Mutter für die kindliche Entwicklung sehr wertvoll. Fallen sie komplett weg werden Kinder schon mal wunderlich und schreiben dann im hohen Alter verwirrte Artikel zu Tierethik.

kuh-kita2

Besonders fragwürdig an der Position ist, dass Fuhr ein Verfechter des Althergebrachten ist. Menschen haben immer schon Fleisch gegessen, schwule hat man immer schon eingesperrt, Frauen mussten immer schon alleine die vollgeschissenen Windeln wechseln. Keine Ahnung wie Fuhr sich so den Alltag einer Durchschnittsfamilie vor 100 Jahren vorstellt – aber in Zeiten von 10-köpfigen Familien und einer drängenden Not, den Acker zu bestellen / einen Haushalt ohne die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts zu führen, konnte keine Mutter ihre Kinder 12 Stunden am Tag exklusiv behüten bis diese 3 Jahre alt waren. Nicht umsonst waren oftmals 3 Generationen unter einem Dach versammelt.

Also lieber Eckard, ich beantworte die Frage jetzt einfach mal: Ja, Tierrechtler sollten die Abschaffung von Kitas fordern. Zumindest sobald Kita-Mitarbeiter gewaltsam Pädiatrie-Stationen stürmen, den frisch gebackenen Eltern dort ihren Nachwuchs entreißen und ihn bis zum Ende seines kurzen Lebens in winzige Verschläge sperren, um den Müttern ihre Milch zum eigenen Verzehr abzuringen. Die Forderung hat gemessen an den tatsächlichen Verhältnissen die gleiche Brisanz wie die einer Petition zur bundesweiten Schließung aller Nachwuchs-Organisationen von Fußballvereinen. Aus Sorge, die dort anvertrauten Sprösslinge müssten in dystopischen Todesarenen gegeneinander antreten bis nur ein Überlebender übrig ist.

Nun spielen Kinder in Fußballvereinen aber einfach Fußball. Und Kinder in Kitas werden dort betreut. Wer das Gegenteil behauptet scheint mit einer Recherche der simpelsten Zusammenhänge überfordert, oder gibt die Ergebnisse bewusst irreführend wieder, um ihrem bereits vor der Recherche festgelegten Ergebnis gerecht zu werden. Vermutlich Methode bei der „Welt“. Womöglich hat Fuhr sich auch einfach diebisch gefreut, ein vermeintliches Thema gefunden zu haben, dass emanzipierte Frauen UND Veganer gleichsam in die Pfanne haut.

Der Kolumnentitel der nächsten Woche lautet dann vermutlich „schwuler Oralsex und Veganismus – passt das zusammen, obwohl Veganer Würste im Mund ablehnen?“ Oder irgendwas inhaltsleeres gegen atheistische Femen-Mitglieder. Hauptsache möglichst viele Gruppierungen angeschwärzt, die sich gegen Fuhrs 50er Jahre Alt-Herren-Traum auflehnen, in der man als alter, weißer, religiöser Mann mit Jagdfaible automatisch die Krone der Schöpfung darstellt, auch ohne jemals was relevantes geleistet zu haben.

8 Gedanken zu “Wer seine Kinder in Kitas bringt kann sie auch gleich einsperren und umbringen

    • Die Kommentare unter dem Artikel… ja. Geht’s noch?
      Viel gefordertes gilt für vollkommen intakte Familien und wieviele davon gibt es heutzutage noch in Deutschland? Bei der aktuellen Scheidungsquote etc.?
      Ich war eine Weile alleinerziehend und fast alle meiner durch meinen Sohn geschlossenen Bekanntschaften sind es. Ohne Betreuung, bzw. Großeltern oder andere Verwandte, die einem das Kind auch mal abnehmen, ist man in unserer Gesellschaft mit allen Anforderungen komplett überlastet. Als mein Sohn 2 Jahre alt war, hatte ich meinen ersten Burnout und ein Jahr lang Depressionen. Weil ich der Meinung war, als Mutter muss ich das doch alles alleine schaffen können und 24/7 gehört nun einmal dazu.
      Eine Psychologin hat mich dann mühsam vom Gegenteil überzeugt.
      Mein Sohn ging mit 2 1/2 Jahren zu einer Tagesmutter, davor war er nur bei mir zu Hause. Jeden Morgen beim Abliefern das selbe Bild: Er ging durch die Tür und war weg. Kein „Tschüss!“, keine Umarmung. Nur „Juchuuu! Mit anderen Kinder spielen!!“.

      Sowohl in dem Artikel als auch in den Kommentaren wird einfach nur undurchdachter Blödsinn pauschalisiert. Aber bitte in höchst korrekt klingendem Akademikerdeutsch.

  1. Interessant sind in dieser Hinsicht vor allem neueste Studien was die immer frühere Betreuung von Kindern in KiTas mit den Kindern bewirkt. Es hat sich gezeigt, dass ein gewisses Stresshormon, das zu Beginn des Tages seinen Höchstwert hat in der Regel im Verlauf des Tages abgebaut wird. Bei Kindern die früh (unter 2 Jahren!) in die Kita kommen, bleibt dieser Stresshormonpegel allerdings durchgehend konstant! Das ist unabhängig wie „schlecht“ evtl. die Eltern sind und wie „gut“ die Betreuung in der Kita. Mögliche Spätfolgen dieses erhöhten Stresshormonpegels können Bindungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, etc. sein. Da wird aber gerade noch dran geforscht.
    Unterm Strich heißt das nicht mehr und nicht weniger, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter einfach ihre Eltern brauchen. Selbst ein noch so liebevoller Ersatz bleibt für die Kinder nur ein Ersatz! Nur leider interessiert das heutzutage kaum jemanden. Erst recht nicht die Politik. Sieht man doch am Beispiel Hessen, ab wann man Kinder schon „abschieben“ darf.
    Natürlich ist es immer fraglich inwieweit man Studien vom Mensch auf Tier oder vom Tier auf den Menschen übertragen kann (Tierversuche sind nicht zuletzt deswegen vollkommener Schwachsinn). Aber wer die Reaktion bei einer Trennung, sowohl von Mutterkuh als auch Kalb jemals beobachtet hat, sollte erkennen, dass es hier nicht nur um „etwas“ Stress geht. Hier wird in einer der sensibelsten Lebensphasen ein zutiefst traumatisches Erlebnis für beide erzwungen. Bei einem Menschen würde etwas Vergleichbares wohl die notwendigkeit einer lebenslangen Therapie mit sich bringen.

    • Na die Frage wäre schon, wie relevant diese Studie ist, da man rein aus „Studien-Schlagzeilen“, ohne die genauen Hintergründe zu kennen, NICHTS ableiten kann. Wenn man diesem „Ergebnis“ folgt, wären z.B. auch die ganzen Leute aus den Neuen Bundesländern ja böse benachteiligt, hätten Bindungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite etc. Das Problem ist doch eher heutzutage, dass die Leute in den Kitas oft unterbesetzt sind, oft unterqualifiziert, die Gruppen zu groß, dass es immer mehr Alleinerziehende gibt wodurch die Kinder ein ganz anderes Aufmerksamkeitsdefizit haben (nämlich zu wenig Aufmerksamkeit erhalten) etc etc. DAS dürfte das Problem sein, nicht die Kita vor dem Alter von 2 Jahren an sich.

      Für viele Kinder ist es durchaus positiv, auch mal in einem anderen Umfeld zu sein – auch früher war es doch normal, mal eben bei der Oma oder bei der Nachbarin zu sein. Und für ne „artgerechte Aufzucht“ braucht man auch andere Kinder und nicht „nur“ die Mutter. Das heißt ja nicht, dass man die Kinder ab dem Alter von 2 Monaten jeden Tag für 12 Stunden mal eben abschiebt. Und gerade was Immunsystem etc anbetrifft ist es laut anderer Studien wiederum durchaus von Vorteil, schon vor dem Kindergartenalter in der Kita gewesen zu sein.

      Außerdem helfen Pauschalisierungen eh nicht weiter – was für 90% richtig ist, muss es für den Rest nicht zwingend sein. Solange niemand wirklich leidet, ist durchaus mal etwas Toleranz angebracht.

      Interessant wäre übrigens ne Kontrollstudie, wie der Cortisolspiegel sich bei diesen Kindern über den Tag verteilt dann so entwickelt, wenn das Kind allein ist mit der alleinerziehenden Mutter z.B., oder den fallweise nicht unbedingt fähigen Großeltern. Da ist je nach psychischer Verfassung auch nicht grad alles easy going.

  2. Als vegane Kindergärtnerin schüttel ich den Kopf und frage mich, ob es dem Eckard nicht peinlich ist, solche Gedanken der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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