Sie nennen es „Transparenz“

Tut mir leid, diesen Artikel gibt es gar nicht so richtig, er ist nur semi-existent. Eigentlich ist das hier nur eine Vorab-Version, denn so ganz fertig wird er leider erst im Jahr 2050 oder so. Um das hier besprochene Thema adäquat in Worte zu fassen ist der deutsche Sprachschatz nämlich leider nicht ganz ausreichend. Ich hoffe daher auf eine in Zukunft vom Duden-Verlag herausgegebene Smartphone-App, mit der man existente Adjektive beliebig verstärken kann. Dann werde ich den Begriff „zynisch“ oben in den Trichter meines Handys werfen, die Intensität des Verstärkers auf Maximum stellen und das dann herausplumpsende Wort in den folgenden dritten Absatz anstelle der Platzhalter einbauen, hier solange mit <zynisch_im_Hyperlativ> kenntlich gemacht.

Viele sind ja neulich abend aus allen Wolken gefallen, als der Vizepräsident des Bauernverbands Brandenburg im ZDF Tieren in der Massentierhaltung andichtete, das ganze Elend evtl. gar nicht so recht zu bemerken und sich vielmehr auf einer Art lustigen Party zu befinden – man wisse ja nicht, wie die das empfinden und auf der Aida befänden sich ja auch mehrere 1000 Menschen auf engem Raum. Aber als ich das auf der Gras lutschenden Facebook-Präsenz verlinkt hatte wurde da recht oft behauptet, es sei das zynischste, was man in der Richtung jemals gehört habe. Klar, das ist schon hart; aber noch lange nicht das Ende der Skala. Das geht nämlich noch krasser, und zwar mit Hilfe gewissenloser Marketing-Heinis. Die (in dem Fall die Infood GmbH) produzieren z.B. kleine Image-Filmchen, in diesem Fall hier das recht euphemistisch „Transparenz Tagebuch“ genannte Werk, das den Verbraucher über das Leben des Schweines Lilly (des-)informieren soll:

Ich bin ja meist vorsichtig mit Superlativen, aber dieses Machwerk ist so unfassbar <zynisch_im_Hyperlativ>, dass ich auch beim 3. Betrachten nur ungläubig mit dem Kopf schütteln konnte bzw. mein Gesicht vor Fremdscham in den Händen vergrub oder in hysterisches Lachen ausbrach – ich hoffe, die Leser liken den Artikel, bevor sie sich das Teil anschauen. Ich befürchte, einige durch spontane Gehirnexplosionen zu verlieren. Damit also planten die Köpfe hinter www.vertrauenliebt.at – so was wie das österreichische Pendant zu Lebensmittelklarheit.de – Ehrlichkeit und Transparenz bei Lebensmitteln zu erhöhen. Wenn sie wenigstens zugeben würden, damit primär Verkaufszahlen erhöhen zu wollen. Aber Transparenz und Ehrlichkeit? Alice im Wunderland ist wohl näher an der Realität als das hier.

Ich habe wohl nicht zu viel versprochen, oder? So viele WTFs in nur 2:25 Minuten, das toppt den Bauernverband Schleswig-Holstein wohl um Längen. Schon nach den ersten 10 Sekunden überprüfe ich meine elementaren Gehör-Funktionen – sagt die Stimme aus dem off echt „Lilly ist eigentlich ein sehr seltsamer Name für ein Schwein“? Oh ja, Lilly ist in der Tat ein seeehr seltsamer Name für ein Schwein – diese für Schnitzel auserkorenen Kreaturen bekommen nämlich GAR KEINE Namen! Der Stallbursche hätte wohl nicht mal genug Zeit, all den x-1000 Tieren im einem üblichen „Stall“ einen individuellen Namen zu geben, bevor diese die Schlachtreife erreichen. Ok, also in der rührseligen Geschichte hat sie den Namen von Bauer Bernd (ja, das ist echt Zufall, ich musste lachen).

Natürlich bekommt die Muttersau ihre Ferkel in diesem denkbar beknackten Video auch nicht wie üblich im Kastenstand  sondern liegt gemütlich mit ihnen im Stroh und lacht. Die Sau lacht, der Stalljunge lacht, alle sind sie mutmaßlich high auf einer hammer-geilen Schweine-Party und bekommen vor lauter Frohlocken die Mundwinkel nicht nach unten. Das schlimmste, was einem Schwein da passieren kann, ist ein Piekser für die Impfung. Niedlich. Unterlegt ist diese surreale Szenerie passenderweise mit Musik, die an solch schräge Film-Szenen erinnert, in der 5 Jugendliche von einem gewalttätigen Kettensägen-Clown über den Jahrmarkt gejagt werden.

Lilly überlegt auch goldigerweise, ob sie selber mal Kinder bekommen möchte – als läge das in ihrem Einflussbereich. Sie ist aber überzeugt, dass sie für „weit höheres“ bestimmt ist (sic). Ich habe extra für diesen Satz beim Artgenossen angefragt, ob ein Emoticon mit weit aus den Höhlen hervortretenden Augäpfeln machbar wäre – aber es wirkte alles nicht entsetzt genug. Keine Ahnung, in was für schrägen Maßstäben die Mitarbeiter der Infood GmbH so denken. Aber der Glaube daran, dass ein Tier es als eine höhere Bestimmung versteht, von einem Trockennasenaffen verzehrt und teilweise wieder ausgeschieden zu werden, als sich selbst fortzupflanzen, lässt schon wirklich auf eine von Narzissmus durchtränkte Weltsicht schließen.

Tagebucheintrag eines Schnitzels2

Laut eigener Aussage beginnt Lilly dann im Maststall eine Ausbildung. Mit Schwerpunkt Ernährung. Lustig, ich bekomme ständig vorgeworfen, naiv Menschen mit Tieren zu vergleichen bzw. Tiere zu vermenschlichen – während diese Werbetypen einen Maststall wohl für sowas wie eine VHS-Außenfiliale halten. Vermutlich wären andere mögliche Schwerpunkte ein Mikrowellen-Kochkurs oder Origami gewesen. Wer will auch schon ein vollkommen untalentiertes Schwein essen? Es wird tatsächlich noch bizarrer, indem diese offenkundig unter Drogen stehenden Autoren Lilly den Titel „Vertrauensschwein“ ins Script dichten, dessen Hauptaufgabe „das Anweisen unserer Neuzugänge“ sei. Leider fehlen die dazu passenden Bilder, wie Lilly mit einem Fremdenführer-Regenschirm in der Hand praktische Tipps für das Leben in einem Maststall gibt: „So, die blaue Gruppe bitte jetzt hier hinten in den winzigen Boxen stoisch vor sich hin-vegetieren, die rote Gruppe kann in der Zeit dort drüben vor lauter Schmerzen von den offenen Entzündungen im eigenen Kot liegen.“

Ok, das wäre alles schon rekordverdächtig facepalmesk gewesen, aber jetzt legen die Macher echt noch eine Schippe drauf: Die Fahrt zum Schlachthof steht an. Mal wieder debil grinsend erzählt Lilly aus dem Off, während sie verträumt den Bäumen hinterherschaut: „… begann meine langersehnte Reise in ein neues Leben“. Moment! Wird Lilly am Ende gar nicht geschlachtet sondern besucht einen buddhistischen Workshop oder so was? Ich meine, „langersehnt“, seriously?? Und „Reise in ein neues Leben“? Nee, genau das ist es ja eben gerade nicht, es ist eine Reise in den Tod. Mein Zynismus-O-Meter ist seit diesem Absatz im roten Bereich und kann nicht weiter ausschlagen. Jaja, so ein Tiertransport sieht in der Realität ein kleines bisschen anders aus und das Begrüßungskomitee am Schlachthof ist in den seltensten Fällen eine „sehr nette Ärztin“, aber verglichen mit dem Rest ist das ist ja alles harmlos.

Jetzt geht es nämlich zur Sache, Lilly wird endlich abgemurkst, sie freut sich ja schon seit Wochen auf diesen Moment! Also den Akt selbst bekommt man nicht zu sehen – ich hatte ja aufgrund des Realismus der bisherigen Szenen damit gerechnet, dass ein lustiger Mann Lilly mit Seifenblasen beschießt, wovon diese dann sanft entschläft oder so. Aber nein, sie liegt einfach auf dem Boden herum und stirbt dann spontan, unsere verantwortungsvolle Lilly. Kein Bolzenschussgerät, kein Durchtrennen der Halsschlagader – Lilly sagt dazu euphemistisch „danach wurde alles ein wenig undeutlich“ – schade, gerade dieser Part wäre in so einem Transparenz-Tagebuch ja irgendwie recht spannend. Ach egal, Hauptsache, dieser unerträgliche Quatsch hat ein Ende. Dachte ich.

Es geht aber unfassbarerweise weiter mit „Als ich wieder zu mir kam hatte mein neues Leben als Schnitzel Lilly begonnen“. Wow, nicht Euer Ernst, oder? Das Schnitzel kommt wieder zu sich? Und Kotellet Lilly, Nacken Lilly und Leberwurst Lilly auch? Ich drücke an der Stelle den Innereien (und anderen Körperteilen, aus denen Tiermehl gemacht wird) die Daumen, dass man ihnen ihre Totenruhe lässt und ihnen nicht auch das Schicksal eines Zombie-Schnitzels aufhalst. Ok, die Hand der Adams Family rennt ja auch noch quietschfidel über den Flur, aber meinen die das so? Immerhin findet das Schnitzel im Supermarkt neue Freunde. Wie muss man sich das vorstellen? Nach Feierabend veranstaltet es mit den Steaks und den Würsten Pokerabende im Kühlregal oder was?

Kakckwurst Lilly in ihrem neuen Leben3

Sind da Hardcore-Esoteriker am Werk? Glauben die an eine Seelenwanderung vom Schwein ins Grillgut? Anders kann das Schnitzel ja nicht „zufrieden“ auf seinem Teller liegen… aber wieso hört die Geschichte dann so abrupt auf? Mich hätten jetzt noch die spannenden Abenteuer von Kackwurst Lilly interessiert, die in der Kanalisation neue Freunde findet.

Und die Moral von der Geschicht? Man kommt im Bereich Lebensmittel-Propaganda doch nicht mit jedem Unsinn durch, insbesondere, wenn man sich das Schaffen von Transparenz auf die Fahnen schreibt,  aber exakt das Gegenteil davon macht. Die Typen von www.vertrauenliebt.at hatten sich wohl ein nicht ganz so schlimmes Feedback erhofft, denn selbst passionierte Fleischesser attestierten dem Filmchen himmelschreiende Naivität und den Machern einen ungesunden Geisteszustand. Zumindest wurde es nach dem Zurückrudern um dieses Machwerk dann recht still um Schweinchen Lilly, obwohl man schon eine entsprechende WordPress-Seite mit Lillys Tagebuch und eine Facebook-Präsenz vorbereitet hatte. Man war aber nicht konsequent genug, das Video aus den Youtube-Archiven zu löschen, da kontaminiert es nach wie vor wertvollen Speicherplatz. Vielleicht erhofft sich die Infood GmbH ja doch noch einen späten Siegeszug ihres Vertrauensschweins und denken sich, dass es ja nicht schaden kann.

Einerseits bin ich froh, dass man nicht Vegetarier sein muss um dem Video wenig abgewinnen zu können – anderseits zeigt es, dass Erfolg und Misserfolg der Fleisch-PR hier recht nahe beieinander liegen. Mit einer nicht ganz so erschreckend naiven Wortwahl, nicht ganz so weichgespülten Bildern und ohne die wenig gewitzte und komplett absurde Walking-Dead-Wendung am Ende der Handlung wäre einfach ein normales PR-Filmchen rausgekommen, das man mir dann mit einem „Schau mal, ist doch alles gar nicht so schlimm wie Du sagst“ hätte zukommen lassen. So besonders weit sind die aktuellen Lobbyisten-Aussagen und Kampagnen auch nicht von der einseitigen Sichtweise dieses Videos weg. Sie sind einfach geschickter formuliert. Viel geschickter. Was auch kein Kunststück ist.

Die meisten Szenen aber hätten als Standbilder problemlos Verwendung in z.B. Bilderbüchern für Kinder finden können – und keiner hätte sich groß beklagt.

21 Gedanken zu “Sie nennen es „Transparenz“

  1. Das Video werde ich mir nicht antun, dank der wortreichen Beschreibung reicht Kopfkino.

    Bis auf die Schlachthofszene scheint es aber ähnlich der üblichen Kinderzimmerpropaganda zu sein, die es bis heute zahlreich gibt, von Bauernhofwimmelbüchern über -puzzles bis -Legosets, die einen in den Zynismus treiben. Dass dieses Machwerk wohl für Erwachsene ist, macht es nicht besser.

  2. Das ist ein (schlechter) Witz. Das KANN doch wirklich niemand ernst meinen. Das geht nicht. Ich will mich jetzt auch einfach weigern, zu glauben, dass ich das gerade wirklich gesehen habe. Ne.

  3. Un-GLAUB-lich, was Du da immer auftreibst im Web.

    Diese Fleisch-Propaganda treibt Blüten, die darf’s eigentlich gar nicht geben, Obwohl… da gibt es doch in Afrika so eine Stinkblume, die duftet nach Aas. Moment, da ist sie: http://de.wikipedia.org/wiki/Stapelia_gigantea

    Genau so ein Video ist das. Eine nach Aas stinkende Tiefstapelia gigantea.

    Und ich sag Dir, der Firmenname beruht auf einer Rechtschreibschwäche. Das heißt gar nicht Infood GmbH, sondern Inzucht GmbH. Würde auch den Inhalt erklären. Nur wer ohne Hirn zur Welt kommt, weil bereits in fünfter Generation der Onkel der Vater und die Schwester die Mutter ist, kann so einen Schwachsinn verzapfen.

    Danke für’s stellvertretende, wortgewandte Aufregen. Dann kann ich ja mein Herz schonen und brauche das nicht mehr selbst tun.

  4. Ich hab das Video schon vor einiger Zeit gesehen und war dermaßen schockiert, dass ich ein bisschen recherchiert habe, ob das alles nur ein dummer, abartig schlechter Witz ist oder wirklich unterirdisch schlecht gemachte Ironie/Sartire von Tierliebhabern, die zeigen wollten, dass doch nicht alles so rosarot ist wie man es immer hinstellt. Aber als ich rausgefunden habe, dass das deren ERNST ist.. Da wäre mein Kopf auch fast explodiert!

  5. Da fühlt man sich als moralgebleichter Veganer doch richtig scheisse, dass man dieser Idylle seine Unterstützung versagt. Demenz statt Transparenz und zwar im Endstadium – im besten Sinne des Wortes.

  6. hab die webseite auch vor einiger zeit entdeckt und war mir um ehrlich zu sein SICHER, dass das satire ist. ich kann mein hirn grad nur schwer vom gegenteil überzeugen…

    • Ich habe die Damen und Herren angeschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Ich sage Bescheid, wenn ich eine Antwort bekomme.

      Ist halt ein recht kleiner Verein, das Budget für so einen Film ohne richtige Auflösung wäre schon recht seltsam. Zumal es ja eben auch Reaktionen gibt, die dem ganzen einfach zustimmen – würde man nicht spätestens dann ein paar Sätze dazu schreiben, dass es eben nicht so ist?

      Zumal es halt recht abrupt still um die ganze Nummer wurde. Hätte man das Teil nicht im großen Stil über Foodwatch, VGD Österreich usw. geteilt, wenn das das Ansinnen gewesen wäre?

  7. Ich währe jetzt auch davon überzeugt gewesen das dies extem überdrehte Satire währe, eher in dem Sinne um Menschen über ihre Vorherschendemeinung zum Nachdenken zu bringen, vieleicht von einer großen Tirechtsorganisation …
    Wenn das wirklich (was nicht in mein Kopf gehen will) Propaganda für die Fleischidustrie sein soll, dann frage ich mich wie debiel sie die Masse halten und ich weiß nicht ob ich lachen, weinen oder wütend sein soll.

    Elei

  8. immerhin könnte man der infood gmbh anrechnen, dass sie hier den versucht unternimmt, mich mit ruhigem gewissen das essen zu lassen, was ich ihr nach dem film auf die schuhe kotzen muss.

  9. Und ich dachte, es wäre ein sarkasmus werbespot von veganern… Das die das ernst meinen ist wirklich fast nicht zu glauben. Also es ist nicht zu glauben,denn wie bereits gesagt habe ich es nicht geglaubt 😀

  10. Ich versuche ohnehin gerade, meinen Fleischkonsum zu reduzieren – das Video verdirbt mir den Appetit auf Fleisch, insofern hat es schon eine positive Wirkung. Schaue es mir das nächste Mal einfach an, wenn ich in meine Gewohnheiten zurückfalle …

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