Oh mein Gott – in veganen Kitas schreiben Eltern den Kindern vor, was sie zu essen haben – das ist ja wie in den anderen Kitas auch!

Es gibt wenige vielversprechendere Themen, um sich schnell einen antiveganen Shitstorm anzuzüchten, als vegane Kinderernährung. Klar, Kinder haben goldige Kulleraugen und brabbeln niedlich vor sich hin, da werden die meisten schnell emotional. Vielleicht sollten die Gründer von veganen Kitas Broschüren mit überlaufenden Rotznasen und vor lauter Geplärre rot angelaufenen Gesichtern rausgeben, um die Debatte rationaler zu gestalten?

Im März lief die halbe Medienlandschaft schon mal heiß, als die Elterninitiative „Veggie-Kids“ in Frankfurt ankündigte, im Sommer ihren Mokita-Kindergarten zu eröffnen, in dem es ausschließlich pflanzliche Nahrung geben soll. Die Frankfurter Rundschau berichtete, die Welt, die Neue Westfälische, und selbst dem Portal Nordbayern und der ekligen Gala war es eine Meldung wert.

Die Artikel scheinen alle von derselben Pressemitteilung abgeschrieben worden zu sein, denn nach Lektüre der ersten beiden wird es furchtbar langweilig: Man erfährt in allen, dass sich die Kita in der Schloßstraße im Stadtteil Bockenheim befinden wird, dass dort täglich frisch gekocht werden soll, dass der Mitbegründer Lucien Coy im Interview den für Journalisten offenbar unwiderstehlich griffigen Satz „Wir wollen nicht so ein Alufolien-Dings, das warm gemacht wird“ gesagt hat und wie die Position der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) zu veganer Kinderernährung ist. Also, dass Kinder vegan ernährt werden, nicht dass sich jemand von veganen Kindern ernährt… sind ja sehr zäh, diese veganen Kinder… Ihr wisst schon…

Und wie ist die Position der DGE zu selbiger? Sie empfiehlt sie nicht, da „eine rein pflanzliche Kost für die hohe Anforderung […] [der Kinder] […] an die Nährstoffzufuhr nicht geeignet ist“. Nun bedeutet eine Nicht-Empfehlung der DGE nicht, dass besagte Kost zwingend etwas Schlimmes ist. Die DGE muss halt Empfehlungen geben, nach denen auch kognitiv eher inaktive Menschen es schaffen, ausgewogen zu essen. Auch die, für die extra auf Kunststoff-Mülltonnen „Bitte keine heiße Asche einfüllen“ aufgedruckt wird. Und Hand aufs Herz: So richtig toll klappt das ja auch mit Milch und Eiern nicht, sonst würde die DGE Schwangeren nicht empfehlen, sich mit synthetischen Folsäurepräparaten zu versorgen (dazu später mehr).

Die Frankfurter Rundschau erwähnt doch tatsächlich, dass das US-amerikanische Pendant zur DGE, die Academy of Nutrition and Dietetics, weniger Sorgen hat und auch für Kinder, Säuglinge und Schwangere eine gut geplante, vegane Ernährung empfiehlt. Und alle Artikel gehen darauf ein, dass die Initiatoren alle Eltern umfassend darüber informieren, worauf sie achten müssen. Sogar die Welt zitiert doch tatsächlich den Ernährungswissenschaftler Markus Keller damit, dass die Zwischenauswertungen einer von ihm geleiteten Studie mit ein- bis dreijährigen Kleinkindern bei den vegan ernährten sehr gute B12-Werte zeigten und dass er das auf die gut informierten Eltern zurückführt.

Bis hierhin alles easy, oder? Ich denke mal, dass… oh, wieso schaut Ihr denn auf einmal alle so traurig? Ach so, halt, stop! STOP! Lest nicht die Kommentare! LEST NICHT DIE … verdammt, zu spät. Ihr habt die Kommentare gelesen. Ich auch. Ein Auszug: „Mich erinnert das an religiösen Wahn“, „Körperverletzung mit Ansage“, „Irrenhaus Deutschland. Traurig“, „Kind wegen B12-Mangel ins Koma gefallen!“ und so geht es dann weiter. Ist ja auch zu viel verlangt, den Artikel zu lesen, den man kommentiert, ne? Ähnlich ahnungslose Äußerungen konnte man in allerlei lokalen Facebook-Gruppen lesen, die ich als Wiesbadener nun mal regelmäßig in meine Feeds gespült bekomme. Manche Leute waren regelrecht empört über das Vorhaben und einer drohte sogar an, eine Petition gegen das Projekt zu starten.

Same shit, different place: Ende Mai erfuhren wir im Bayerischen Rundfunk, der Welt, der Münchner Abendzeitung, dem Focus und der Süddeutschen Zeitung, dass auch München Ende des Jahres seinen ersten veganen Kindergarten bekommt. Auch die Gründer dieser Kita tun das nicht hauptberuflich, sondern sind einfach Eltern mit ganz anderen Jobs, die das Angebot, das ihnen auf dem Markt fehlt, selbst schaffen (müssen). Die Abendzeitung beweist Humor und zitiert eine der Gründerinnen, Anna Staudacher, mit den Worten „Bitte stellen Sie kein Bild von einem traurig schauenden Kind vor einer Sahnetorte zum Artikel dazu“. Der Bayerische Rundfunk titelt eher irreführend „Vegane Kita eröffnet in München – Ernährungswissenschaftler sind skeptisch“ – so als hätte sich irgendein Ernährungswissenschaftler zu dieser Kita geäußert. Die Ernährung ist aber eigentlich nur ein Teil des Konzeptes, denn die Einrichtung soll außerdem – wie auch das Frankfurter Pendant – geschlechtergerecht sein und viele Aktivitäten ähnlich einem Waldkindergarten nach draußen verlagern; generell haben die Initiatoren sich eine Menge Gedanken gemacht.

Wie bei den Reaktionen zu der Frankfurter Einrichtung geht es aber auch in den Artikeln zum Kindergarten Erdlinge e.V. primär darum, wie schnell die Kinder wohl unterernährt beim Spielen zusammenbrechen werden. Die Welt zitiert die DGE so: „Sollten Eltern ihren Kindern keine Nahrungsergänzungsmittel geben, würden Störungen der Blutbildung und Wachstumsverzögerung drohen. Irreversible neurologische Störungen könnten die Folge sein.“ Auch der Bayerische Rundfunk zitiert die DGE, „dass Vitamin B12 über vegane Ernährung nur sehr sehr (sic) schwer gedeckt werden kann“, und das Kompetenzzentrum für Ernährung in Bayern mit den Worten „empfehlen wir keine vegane Ernährung, sondern eine abwechslungsreiche Kost, die auch Milchprodukte beinhaltet“.

Die Reaktionen in den Kommentaren lesen sich genauso uninformiert wie die zur Kita in Frankfurt: Das sei alles Kindesmisshandlung, die Eltern wollten ihren esoterischen Gesundheitsquatsch den wehrlosen Kindern aufzwängen und natürlich hat jeder mindestens ein Kind in der näheren Verwandtschaft, das wegen B12-Mangels irgendwo eingeliefert werden musste. Komisch, ständig liest man, wie klein und unbedeutend die vegane Szene ja sei, aber trotzdem ist die halbe Republik angeblich mit mangelernährten Veganerkindern gepflastert.

Und auch die anderen Behauptungen haben mit der Realität nicht viel gemein: Klar, auch – oder eher gerade? – unter Veganern gibt es nicht wenige, die sich von der Pflanzenkost primär einen gesundheitlichen Vorteil versprechen, was mitunter auch sehr knallig mit unseriösen Krebsheilungsaussichten und Ähnlichem beworben wird, aber was hat das mit diesen Kitas zu tun? Wenn man sie einfach mal fragt, antworten mir sowohl die Gründer der Frankfurter als auch der Münchner Einrichtung, dass Ethik der vorrangige Grund für ihre Einstellung sei (dann Ökologie und dann erst Gesundheit) und sie auch sonst recht schwurbelfrei unterwegs seien. Deswegen sollen auch beide geschlechtergerecht sein (Mädchen dürfen wild sein und Jungs still) und verzichten auf Zoobesuche, was sich ethisch sehr plausibel begründen lässt, gesundheitlich aber so irrelevant ist wie das Sternzeichen der Erzieherin.

Es geht hier also nicht darum, Kindern irgendwelche obskuren Heilslehren aufzuzwängen, sondern um Eltern, die nicht länger den brutalen Umgang mit sogenannten Nutztieren mitverantworten wollen. Was das mit deren Kindern zu tun hat? Ganz einfach: Es ergibt nicht allzu viel Sinn, Tierprodukte zu boykottieren, damit die Nachfrage danach sinkt, um dann gleichzeitig dem Filius ein zerhacktes Schwein zu kredenzen. Zumal viele Kritikpunkte rund um die Tierhaltung explizit mit Tierkindern zu tun haben: Nach wie vor landen männliche Küken millionenfach im Schredder, männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert, die Milch in unserem Latte Macchiato würden eigentlich Kälber trinken, werden aber stattdessen von der Mutter getrennt in kleine Iglus gesperrt(in denen es im Hochsommer zudem ziemlich heiß werden kann). Wer aus solchen Gründen auf Tierprodukte verzichtet, dem erscheint es oft absurd, für das eigene Kind ausgerechnet solche Produkte zu kaufen, die Tierkindern schaden.

Ebenfalls ein nicht sonderlich komplexer Gedanke, auf den aber irritierend wenige Leser von alleine kommen: Genau wie Fleisch essende Eltern ihren Kindern Fleisch zu essen geben, weil das eben zufällig gerade im Topf auf dem Herd herumschwimmt, so kommt auch für die Kinder von Veganern das pflanzliche Essen auf den Tisch, das ihre Eltern just zu verschlingen gedenken. Irre, was? Die Empörung ist vermutlich primär dem Fehlschluss geschuldet, dass ein Frühstück mit viel Butter, Käse und Schinken den erstrebenswerten Normalzustand darstellt und alles andere sträflich davon abweicht. Ob es all die Kommentatoren auch für Kindesmisshandlung halten, dass ein Frühstück in China ohne Schwarzbrot mit Marmelade auskommt?

Es geht den Kritikern auch oft darum, dass vegan lebende Eltern ihre Kinder „bevormunden“ und diese armen kleinen Wesen gar keine andere Wahl haben, als blöde Pflanzenpampe zu essen. Bei solchen Vorwürfen fragt man sich, bei wie vielen Fleischessern die kleine Lotta erst umständlich gefragt wird, ob sie statt der Bärchenwurst auf dem Teller vielleicht lieber pürierte Kichererbsen essen möchte. Wird sie nicht? Skandal! Ruft das Jugendamt, da wird ein Kind bevormundet!

Und nein, die Pflanzenkost in diesen Einrichtungen ist kein Symptom religiöser Sektenstrukturen, sonst würden einige der Plätze wohl kaum an die Kinder nicht vegan lebender Eltern vergeben werden. Was hat Florian Fuchs in seiner Kolumne in der Süddeutschen albern gefeixt, dass Fleisch essende Eltern dort bestimmt vorgeben werden, selbst vegan zu leben und es dann – höhö – zu ganz peinlichen Szenen kommt, wenn der Sohn in der Kita davon erzählt, am Wochenende Schweinefleisch gegessen zu haben. Total lustig, der Florian Fuchs. Blöd nur, dass er drei Tage vorher in der Münchner Abendzeitung hätte lesen können, dass die Gründerinnen selbst ziemlich genau wissen, dass die betreuten Kinder zu Hause teilweise nicht mal vegetarisch ernährt werden. Den Eltern sind dann die anderen Aspekte der Einrichtung, z. B. dass Jungs einen Rock tragen können, ohne ausgelacht zu werden, wichtiger. Oder anders: Dass es in der Kita ihrer eigenen Kinder weder Milch noch Fleisch noch Eier gibt, ist ihnen schlicht egal. So viel Gelassenheit wünsche ich all den Leuten, die eigentlich gar nichts mit der ganzen Nummer zu tun haben. Und Florian Fuchs sowieso.

Bevormundung gehört übrigens in die ganz normale Job Description aller verantwortungsvollen Eltern. So habe ich meinem Sohn verboten, mit Messern zu spielen, als er zwei Jahre alt war, meine jüngste Tochter nehme ich in meinem Autoritätswahn an die Hand, wenn wir über die Straße gehen, und allen Kindern zwinge ich meinen Willen auf, indem ich den Verzehr von Glassplittern strikt untersagt habe. Schon übel, unter welch einem strengen Regime die bei uns aufwachsen müssen.

So, und jetzt zum leidigen Thema Gesundheit: Alle großen Ernährungsgesellschaften in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien empfehlen gut geplante vegetarische und vegane Ernährung auch für Kinder, Säuglinge und Schwangere. Die DGE macht sieht das anders, woraus man ableiten könnte, dass es sich bei Kuhmilch und Hühnereiern um essenzielle, geradezu magische Bestandteile der Nahrung für in Deutschland lebende Menschenaffen handeln muss. Nun können 75 Prozent der Menschheit Kuhmilch gar nicht verdauen, und wer sich für bestimmte Nährstoffe auf Hühnereier als Hauptlieferant festlegt, der sollte wissen, dass er mit 100 Gramm Hühnerovulation bereits das empfohlene Tagesmaximum für Cholesterin überschreitet und so ein Hühnerei bei gängigen Nährstoff-Datenbanken eine eher mäßige Completeness Score von 26 erzielt.

Es ist also nicht so, dass es da den einen, extrem wichtigen Kuhmilchnährstoff oder das besonders schwer zu bekommende Hühnereimineral gibt, welches die Pflanzenwelt uns vorenthält – man ist mit diesen Lebensmitteln im Mix einfach etwas breiter aufgestellt. Ja, in Kuhmilch ist viel Calcium drin, in einer Menge Pflanzenmilch aber mittlerweile auch. Und dann ist da noch die Sache mit dem Vitamin B12, das rein pflanzlich tatsächlich nicht in relevanten Mengen verfügbar ist. Die erwähnten Artikel kleiden das fast alle in düsterste Drohkulissen, als wäre die Notwendigkeit dieses Coenzyms eine alle Veganer total überraschende Neuigkeit, die uns komplett ratlos und mit offenstehenden Mündern am Frühstückstisch zurücklässt, weil jetzt wohl eine B12-Mangelepidemie bevorsteht. Nun haben wir aber das Jahr 2018, diverse provegane Organisationen informieren schon seit Jahren über den Bedarf an Vitamin B12; Veganer können sich auf dem Markt mit diversen Lutschbonbons, Zahnpasten oder anderen B12-Supplementen versorgen und tun das auch.

Und auch besagte Kitas werden alle Eltern darüber informieren, dass sie sich um eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 kümmern müssen (die Kita selbst darf kein B12 verteilen). Ist den Online-Miesepetern aber auch wieder nicht recht, denn: Die Kinder werden dann gezwungen, böse Chemiepillen zu essen, die ja nicht gesund sein können, wegen Chemie und so. Genau, wer synthetische Nährstoffe ergänzt, der spinnt ja wohl total, das machen ja auch nur die verrückten Veganer!

An dieser Stelle ein ganz kurzer Einschub vom schottischen Philosoph David Hume, der 1748 bei einer Reise durch die Steiermark folgendes notierte:

„So ansprechend das Land in seiner Rauheit ist, so wild, entstellt und monströs sind die Bewohner in ihrer Erscheinung. Sehr viele von ihnen haben hässliche geschwollene Hälse. Kretins und Taubstumme tummeln sich in jedem Dorf herum. Der allgemeine Anblick der Leute ist der schockierendste, den ich jemals gesehen habe“

Was war passiert? Folgendes: Dieser Abschnitt der Alpen ist ein besonders jodarmes Gebiet, was für die Bewohner drastische Folgen hatte: weit verbreiteten Kretinismus. Unzureichende Jodzufuhr während der Schwangerschaft führt zu einer mittleren IQ-Minderung um 13,5 Punkte. Eine krankhaft vergrößerte Schilddrüse, auch Kropf genannt, war früher das Kennzeichen ganzer Bevölkerungsgruppen. Das Schimpfwort „Kretin“ leitet sich vom Kretinismus, also vom Jodmangel ab, weil davon betroffene Menschen oft geistig eingeschränkt waren.

Und lesen wir in den DGE-Empfehlungen vielleicht Warnungen davor, in die Steiermark zu ziehen? Steht da „Die DGE empfiehlt nicht, Kinder im Südosten von Österreich großzuziehen. Hauptgrund ist, dass der Jodbedarf über steirische Feldfrüchte nur sehr, sehr schwer gedeckt werden kann“? Nein, denn in Österreich wird, wie in vielen anderen Ländern auch, Jod einfach dem Speisesalz und dem Tierfutter zugesetzt. Ganz fieses chemisches Jod natürlich, übelst künstliche Synthetikpampe wird den europäischen Kindern da eingeflößt – wie gesund kann es also sein, in Europa zu leben?

Wem das zu chemisch ist, der kann sich gerne ganz natürlich jodfrei ernähren, aber die meisten Europäer finden es ziemlich klasse, dass Otto Bayard 1918 auf die Idee mit dem Jodsalz kam und ernähren sich voll unnatürlich mit Salz, dem man pro Kilo 25 mg Iodat beigemengt hat. Die DGE empfiehlt übrigens für Erwachsene eine Zufuhr von 180–200 µg Jod pro Tag – einen Wert, den man mit Mischkost aus deutschen Landen praktisch nicht erreichen kann:

In der Nationalen Verzehrstudie II des Bundesernährungsministeriums von 2008 lagen 96 Prozent der Probanden unter dieser empfohlenen Jodzufuhr (siehe Seite 139), wenn sie kein jodiertes Speisesalz verwendeten – mit Jodsalz reduzierte sich diese Quote immerhin auf 40 Prozent. Die DGE warnt also vor veganer Ernährung, weil in deutschen Pflanzen kein Vitamin B12 ist. Dieselbe DGE empfiehlt aber, in Jodmangelgebieten zu leben, indem man das notwendige Jod einfach supplementiert.

Da das mittlerweile also überhaupt kein Problem mehr darstellt, ist es mir ein Rätsel, warum die Autoren diverser Artikel und auch die Sprecher der DGE dieselbe Nummer mit Vitamin B12 als kaum lösbare Aufgabe einstuft. Die DGE lässt sich zitieren, die Versorgung mit Vitamin B12 bei veganer Ernährung sei nur „sehr sehr schwer (sic)“ möglich und droht, die Gesundheit der Kinder könne Schaden nehmen, gerne flankiert von den tatsächlich sehr ernsthaften Folgen eines Vitamin-B12-Mangels. Klingt irgendwie ganz schön kompliziert, dafür dass man einfach nur jeden zweiten Tag eine Art Traubenzucker lutschen muss, um auf der sicheren Seite zu sein. Ich verstehe ja, dass die DGE hier in ihrer Formulierung vorsichtig sein muss, aber anstatt pauschal vor einer veganen Ernährung zu warnen, für die sich viele Menschen nun mal aus ethischen Gründen entscheiden, wäre es deutlich konstruktiver, bei den Risikogruppen für die Verwendung von Vitamin-B12-Präparaten zu werben – zu denen ja außerdem auch Fleischesser zählen.

Bezogen auf eine Kita ist die ganze Aufregung noch absurder, denn erstens geht es hier ja nur um eine Mahlzeit am Tag, also 5 von 21 Mahlzeiten in der Woche. Kinder aus Fleischesserhaushalten dürften damit einem Schwächeanfall durch B12-Mangel gerade noch mal entgehen und die Eltern von den komplett vegan lebenden Kindern sollten mit der Thematik ohnehin vertraut sein. Zweitens fragt man sich bei all den Artikeln, ob die Autoren jemals darauf geachtet haben, was ihre Kinder in konventionellen Einrichtungen so zu essen bekommen. In den Artikeln schwingt so ein bisschen der Glaube mit, die Kinder in all den anderen Kitas würden generell ganz toll mit einem idealen Nährstoffprofil versorgt und alle würden da peinlich genau drauf achten.

Als mein ältestes Kind in die Kita kam, gab es dort viermal die Woche Fleisch (deutlich über der Verzehrempfehlung der DGE). Eine Bitte um vegetarische Kost führt dazu, dass das Kind einfach nur Beilagen bekam, im Zweifel auch mal einfach Reis mit Soße. Aus dem Gemüse war zuverlässig ein Großteil der Vitamine rausgekocht worden, die Proteinversorgung war unterirdisch. Wenn ein Kind Geburtstag hatte, gab es vor dem Frühstück Muffins, am Abend leicht daran zu erkennen, dass die Frühstücksbox eher unangetastet blieb, weil der Kinderbauch bis obenhin voll mit Süßkram war. Wenn ein Kind grundsätzlich keinen Fisch aß, ging seine Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren gegen 0. Und am allerersten Tag gab es zum Frühstück tatsächlich Hot Dogs mit Ketchup, weil die von irgendeiner Feier am Vortag übrig waren. Es handelte es sich um abgepacktes Billigfleisch in länglichen BASF-Brötchen.

Klar, es gibt Kitas, die das besser machen. Ja, auch unsere Kita hat hier bereits den Optimierungsbedarf erkannt und sich in die richtige Richtung bewegt. Das Irritierende ist nur, dass es die Eltern nicht so wirklich interessierte, was da auf dem Speiseplan steht – der bei einem Elternabend gemachte Vorschlag, hochwertigere und teurere Zutaten einzukaufen, wurde wegen der Kosten abgelehnt. Wenn in Frankfurt und München auf reine Pflanzennahrung umgestellt wird, schauen alle auf einmal ganz genau hin, einen Artikel über die seltsame Ernährung in der Kita unserer Kinder, weil die Verköstigung sich nicht an DGE-Standards hält, gab es jedoch keinen.

Überhaupt ist es ein Trugschluss, dass man einfach wie alle anderen „normal“, also von allem etwas, isst und dann wie durch Zauberhand mit allen essenziellen Nährstoffen versorgt ist. In weiter oben erwähnter Verzehrstudie schnitten die untersuchten Mischköstler nicht gerade toll ab: 71 Prozent der Probanden erreichten den Richtwert für Ballaststoffe nicht, 85 Prozent hatten einen Vitamin-D-Mangel, 82 Prozent einen Folsäuremangel, 36 Prozent einen Eisenmangel, 30 Prozent nahmen zu wenig Vitamin C zu sich und knapp 50 Prozent zu wenig Vitamin E. Ich will damit jetzt auch nicht runterspielen, dass das Nährstoffprofil bei veganer Ernährung anders aussieht und man hier gegebenenfalls nicht so alltagstauglich auf dieselbe Calcium-, Omega-3- oder eben B12-Zufuhr kommt, wie wenn man einfach jeden Tag in der Kantine Stammmenü 1 wählt. Nur wird darum ein deutlich lauteres Geschrei veranstaltet, als wenn sich jemand immer von Stammmenü 1 ernährt und viel zu wenig Folsäure aufnimmt. Symptome von Folsäuremangel sind übrigens: Anämie, Gewichtsverlust, Fehlgeburten.

Der Frankfurter Mokita-Kindergarten wird voraussichtlich mit frischen Zutaten selbst kochen und die Gerichte so planen, dass sie dem Nährstoffbedarf von Heranwachsenden gerecht werden, zudem wurde das Konzept von einem Ernährungsberater überprüft. Ich weiß, diese Berufsbezeichnung ist kein geschützter Begriff und kann auch irreführend von dahergelaufenen Knallköpfen verwendet werden, aber die meisten anderen Kinderbetreuungen haben halt nicht mal das. Es ist auch vollkommen okay, auf die potenziellen Versorgungsengpässe bei rein pflanzlicher Nahrung hinzuweisen, aber wenn zwei Einrichtungen diese nach seriösen Kriterien berücksichtigen und auf der Basis die Versorgung planen, dann dürften sie damit schon ziemlich weit vorne sein. Zudem stehen sie wegen der innovativen Ausrichtung ja jetzt unter landesweiter Beobachtung – über so eine Kontrolle der Gesundheit könnten sich all die Kinder, deren Mittagessen aus einem Happy Meal mit Capri-Sonne besteht, nur freuen.

Zusammengefasst wird hier recht hysterisch ein B12-Mangel herbeigeschrien, obwohl dieser bereits heute problemlos mit Nahrungsergänzungsmitteln verhindert wird, die wiederum als zu künstlich abgelehnt werden, während große Teile des Landes ohne künstliche Zugabe von Jod an Schilddrüsenkrankheiten leiden würden und auch sonst mit diversen Nährstoffen unterversorgt sind. Darüber aber kein Wort, der kleine Timmi kann gerne jeden Morgen Nutellabrötchen mit Schlumpfeis futtern, seid doch nicht solche Erbsenzähler. Aber wehe, jemand streicht den Tierkram vom Speiseplan, da schreien immer gleich alle „Kindesmisshandlung“. Ja, wer seine Kinder vegan ernähren möchte, der soll sich bitte informieren, Säuglinge nicht einfach mit Reismilch füttern und das Kind bitte regelmäßig von einem echten Arzt (mit absolviertem Medizinstudium) untersuchen lassen. Die Formel „Gebt den Kindern Fleisch und Milch, das ist sonst ungesund“ ist da gemessen an der Realität irgendwie ein eher unterkomplexer Ratschlag.

Und ganz generell: Für die Eröffnung zweier Betreuungseinrichtungen, die aus primär ethischen Gründen keine Tierprodukte verwenden wollen, die sich hierzu beraten lassen und deren Konzept weit über Ernährung hinausgeht, ist eine Berichterstattung, die sich häufig auf „Der DGE-Onkel sagt aber in Kartoffeln sei kein B12 drin!“ beschränkt, recht enttäuschend.

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Die Initiatoren beider Einrichtungen sind noch auf Spenden angewiesen und würden sich über jede Unterstützung freuen. Ihr könnt ihnen hier unter die Arme greifen:

Mokita-Kinderladen in Frankfurt am Main (unten ist ein gelber Knopf mit der Aufschrift „Spenden“)

Kindergarten Erdlinge e.V.

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Ohne Euch gäbe es diesen Text jetzt nicht, dafür aber ein toll graues Web-Formular in irgendeinem noch effizienter arbeitenden Ticketsystem 😉

14 Gedanken zu “Oh mein Gott – in veganen Kitas schreiben Eltern den Kindern vor, was sie zu essen haben – das ist ja wie in den anderen Kitas auch!

  1. Das Thema mit der Jod-Versorgung kam mir auch schon in den Sinn – super dargestellt! Vielleicht versuche ich es mal mit dieser Argumentation, sobald der nächste „aber du bist ja auf Nahrungsergänzung angewiesen!“ sagt. 🙂

  2. Himmel!!! Vielen, vielen Dank für diesen Artikel!!!! Großartig. Alles perfekt formuliert, für was ich zu müde und genervt war.
    Ernsthaft. Danke.

  3. Nicht zu vergessen, das den Nutztieren selbst B12 zugefügt wird, da sie i.d.R. nämlich nicht das frische Gras mit Mikroorganismen fressen. Zumal Fleisch erhitzt werden muss und dabei mind. 1/3 B12 verloren geht (od sogar nur übrig bleibt). Weiterhin: Kuhmilch mag Calcium enthalten, aber das Phosphor-Calcium-Verhältnis stimmt nicht und letztendlich wird dem Körper damit sogar Calcium entzogen! Auch Zucker entzieht als schlechter Säurebildner dem Körper wichtige Spurenelemente, darunter ebenfalls Calcium.
    Nur mal grob benannt, kann alles en detail nachgelesen werden wenn man recherchiert..

  4. Es gibt übrigens auch Kitas, die sich große Gedanken um die Ernährung der Kinder machen. Ohne Schlumpfeis. Und mit Fisch und Fleisch. Je 1x die Woche. Just sayin.

  5. Horst, das ist doch super. Aber leider nicht der Regelfall. Und dort schreit aber auch niemand „Kindesmissbrauch“ wenn die Kinder dreimal hintereinander Burger und Muffins zum Mittag bekommen haben.

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