Morgens im Zug

Nein, das ist kein Deutsche Bahn-Bashing Post.

Ich fahre gerne mit der Bahn. Wir sind wie alte Freunde – und alte Freunde sagen sich, wenn sie was nervt. In diesem Sinne:

Liebe Zug-Chefs (oder wer immer da die Durchsagen macht), es ist schön das Ihr stolz auf Euer Lautsprechersystem seid, aber bitte bitte bitte, von dem was da mit 120 Dezibel in die Kabine geschallt wird, wollen wir doch alle 95% nicht hören. Gründe für >30 Minuten Verspätung? Interessant. Wagen 7 steht von Sitz 41 – 120 in Flammen? Auch interessant. Aber dieses endlose aufzählen sämtlicher Anschlusszüge ins noch so winzige Hinterwäldler-Kaff im nächsten Bahnhof? Please… ok, zugegeben, die Kopfhörer zu vergessen war recht doof, passiert mir nicht wieder. Nächste Woche geht das ganze Geseiere wieder schön in Sigur Rós‘ () unter und ich verpenn das alles.

Aber mir erschließt sich der Sinn auch nicht so ganz. Die einzigen beiden Typen im ganzen Waggon, die um 5:20 Uhr nicht geschlafen haben, waren zwei McKinsey-Sklaven, die sich für 60.000 im Jahr ihre komplette Lebenszeit abkaufen lassen und selbst um diese Un-Uhrzeit sinnfreie Powerpoint-Präsis zusammenklebten. Alle die anderen (normalen) Menschen werden bei jedem Halt (so alle 20 Minuten) geweckt, um sich anzuhören, dass der Regionalexpress nach Untereisesheim über Sprockhövel und Ottobrunn 10 Minuten Verspätung hat und von Gleis 13 anstatt 10 fährt. Zuerst in Deutsch und dann noch mal in … äh… Englisch soll das vermutlich sein. Was soll das? Für wen in aller Welt ist diese Information gedacht? Steigt jemand, der nach Untereisesheim will, ernsthaft in irgend einen ICE in Richtung Stuttgart und sagt sich „Keine Ahnung, wie ich dann weiterfahre, ich höre einfach auf die Lautsprecherdurchsage“? Die einzigen Typen, die echt offline genug sind, um sich die ganze Strecke nicht schon vorher en Detail auf der DB-Homepage rausgesucht zu haben, sind Rentner. Und die werden ja meist schon nachhaltig nervös, wenn Die Waggons mal falschrum am Bahnhof ankommen. Und irren dann mit gefährlich hohem Puls orientierungslos über dem Bahnsteig rum bis jemand sie einfängt. Die Vorstellung, dass ausgerechnet die in einem Anflug außerplanmäßiger Spontanität grob nach Kompass mit der Bahn fahren ist etwas… unrealistisch.

Was wurde noch erzählt? Ach ja, die Meldung, was es tolles im Bordbistro gibt – oder auch euphemistisch „kulinarischer Hinweis“ genannt – vielen Dank. Selbst als Nicht-Veganer hätte ich morgens um halb sechs keinen Bock auf das in verschiedene Formen und Farben gepresste Soylent Green, das es da zu Nobelrestaurant-Preisen zu erstehen gibt. Wenn Ihr wollt, dass mehr Leute das Zeug kaufen, dann schmeißt den unterbelichteten Schuhbeck aus dem Berater-Stab raus. Das Zeug schmeckt nicht automatisch besser, nur weil der Typ es mit seinem gesponserten Erasco-Glutamat versetzt und „erlesen“ oder „würzig“ vor das Gericht schreibt.

Und dann immer 5 Minuten nach der Marathon-Ansage mit den Anschlusszügen der Hinweis, auf welcher Seite der Bahnsteig ist. Danke auch dafür. Jahrelang sind täglich 1000e Fahrgäste einfach auf die Gleise gefallen, weil sie in Panik aus dem Zug strömen ohne vorher einfach mal nach unten zu schauen. Gut, dass wir das jetzt im Griff haben. Vielleicht könnt Ihr demnächst noch ähnlich hilfreich durchsagen, auf welcher Hemisphäre und in welcher Mondphase wir uns gerade befinden. Ebbe- und Flutstände wären auch toll.

Ich bin müde.

4 Gedanken zu “Morgens im Zug

  1. „Die einzigen beiden Typen im ganzen Waggon, die um 5:20 Uhr nicht geschlafen haben, waren zwei McKinsey-Sklaven, die sich für 60.000 im Jahr ihre komplette Lebenszeit abkaufen lassen und selbst um diese Un-Uhrzeit sinnfreie Powerpoint-Präsis zusammenklebten“

    Hahahah ich kann nicht mehr vor Lachen. 😀 😀

    LG aus Stuttgart 🙂

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