Autofasten 2019 – Tag 2

Autofasten, Tag 2.

Ich dachte schon, boah, was ist Autofasten langweilig. Zur Arbeit komme ich zu Fuß, für längere Strecken durch die Stadt fahre ich als Book-N-Drive-Autofaster kostenlos mit Bus und Bahn und zum Kunden nach Köln hat mich diese Woche die Deutsche Bahn gebracht. Wie ein Computerspiel mit zu niedrigem Schwierigkeitsgrad, aber nun war es passiert: Die Essensvorräte gingen zur Neige. Veganer essen ja bekanntlich primär Baumrinde und Tannenzapfen, aber das schmeckt beides im Morgenkaffee so mäßig.

Es wollten also viele Tüten Hafermilch erstanden werden, Kartoffeln und andere Tannenzapfenbeilagen. Wie sollen wir also all diese Zutaten nach Hause bekommen? Nach 20 Jahren Autobesitz ist in meinem Kopf ein veritabler Gehirnpilz erwachsen, der auf diese Frage zwanghaft in die Dauerschleife „Nehmt das Auto nehmt das Auto nehmt das Auto nehmt …“ wechselt. Mich befällt also spontan das Gefühl, ein Einkauf von mehreren Kilo Lebensmitteln sei ohne eine 1500 Kilo schwere Maschine quasi unmöglich und meine rechte Hand schaltet zur Kompensation Gänge in die Luft – so wie Luftgitarre, nur uncooler.

Da es dieses Mal auch keine Kinder zu transportieren gab, ringe ich in Gedanken den Gehirnpilz nieder und wir fahren stattdessen mit den Fahrrädern los. Dazu muss man wissen, dass Wiesbaden als eine der Fahrradunfreundlichsten Großstädte in Deutschland gilt, woraus nicht wenige Menschen ableiten, dass schon die bloße Berührung eines Sattels im Stadtgebiet zu schweren Verwundungen führt.

Tatsächlich waren wir komplett ohne Aufenthalte in der Intensivstation in 10 Minuten zum nächsten Tegut gefahren, der eine klasse Auswahl für die grasende Bevölkerung bereithält, diesen Vorteil aber offenbar durch ein paar lieblose, verbogene Fahrradständer wieder auszugleichen gedenkt. Im Ernst, mitten in der Stadt haben die kostenlose Kundenparkplätze, aber für einen Fahrradständer, an dem man den Rahmen anschließen kann, reicht der Platz nicht mehr?

Ja, ich sollte mir mal einen ordentlichen Fahrradkorb zulegen, ich weiß. Aber dafür ist der von meiner Freundin Birdy um so eleganter und auch voluminöser. Ich weiß, das sieht jetzt irgendwie gar nicht nach viel aus, aber in den 4 Tüten und dem gefüllten Rucksack, waren so 80% des Wochenendeinkaufs verstaut.

Eine weitere Sorge sehr autoverwöhnter Menschen ist, dass sie den Rest ihres Lebens mit dem Schleppen von Wasserkisten verbringen müssen. Ich empfehle alternativ diese Soda-Sprudel-Dinger mit CO2-Kartuschen, mit einer einzelnen lässt sich die Menge aus 6 Kästen Wasser aufsprudeln, dann sieht das für 120 Kästen Wasser am Ende so aus wie in meinem sehr hübschen roten Korb.

Auch der Rückweg kam ohne Intensivstation aus, was auch daran liegt, dass wir vorsichtig immer wieder komplett anhalten, weil viele Menschen in dieser Stadt denken, Radwege seien so was wie günstige Autoparkplätze. Ich weiß, mit falsch Parken verbinden viele immer noch einen Hauch von Rebellentum und denken, sie seien total lässige Outlaws. Sind sie aber nicht. Es gibt ohnehin schon viel zu wenig Radwege in der Stadt und wenn die dann auch noch blockiert sind, ist das ungefähr so lässig wie eine Sonntagspredigt in Latein. Zudem ist es leider auch ziemlich gefährlich für die Radfahrer, wenn Ihr also echt dringend auf der Straße halten müsst, dann macht man das doch so wie der Wiesbadener Spediteur in diesem Bild.

Wie man sieht, ist der Radweg frei und die Behinderung für die Autofahrer wäre so oder so gegeben. Vielleicht kann der DHL-Konzern seine Fahrer mal bei denen zur Fortbildung schicken? Und ja, mit dem Fahrrad man kann so ein Hindernis theoretisch umfahren, aber das ist halt der erste Ring, auf dem 50 km/h erlaubt und 60 km/h Realität sind. Versucht da mal mit einem Korb voller Lebensmittel bei leichtem Anstieg in den fließenden Verkehr einzufädeln. Noch schlimmer: Rad fahrende Kinder ab 11 Jahren müssen die Straße benutzen. Keine Ahnung, welche Eltern ein gutes Gefühl dabei haben, wenn ihr Kind sich auf einer Stadtautobahn gegen den Berufsverkehr behaupten muss, ich gehöre nicht dazu.

Der Rückweg hat also etwas länger gedauert, war aber immer noch viel schneller, als ein Einkauf mit dem Auto. Radfahrer parken halt immer direkt vor der Tür, das ist dann schon komfortabler als den Wochenendeinkauf vom mühsam gefundenen Parkplatz zwei Querstraßen weit bis nach Hause zu schleppen. Es ist also Zeit für einen Belohnungskaffee und ein Geheimnis: Ich hasse Sojamilch im Kaffee. Laut Presselandschaft ernähren sich ja alle Veganer zu 90% von Sojamilch und aus Sojamilch gefertigten Kunstwürsten, aber außer in Aioli oder Tzatziki meide ich das Zeug eigentlich.

Nein, in meinen Kaffee kommt wohlschmeckende Hafermilch. Das sieht der tegut anders und hat meine Lieblingssorte vor wenigen Wochen einfach mal ausgelistet – warum? WARUM? – und zwingt mich jetzt zu einer Extratour zur Konkurrenz – also zu Rewe. Sobald sich in Wiesbaden irgendwo zehn Quadratmeter Brachland auftun, steht früher oder später eine Rewe-Filiale drauf, man könnte glatt meinen, die vermehren sich durch Pollenflug. So einen gibt es auch in der Aarstraße und mein Gehirnpilz warnt mich eindringlich, den Weg mit dem Rad zu machen, weil es bergauf geht und viel zu weit ist.

Ich sage ihm also, dass er nervt und schließe eine Wette mit ihm ab, dass es bestimmt ganz schnell geht. Tatsächlich ist die Distanz lächerlich. Sorry an alle Leser, die mit echten Entfernungen klarkommen müssen und das jetzt kopfschüttelnd lesen müssen, beschwert Euch beim Gehirnpilz, ich bin ganze 157 Sekunden unterwegs.

Wer auch immer für diesen nagelneuen Supermarkt die Fahrradständer entworfen hat, er wohl bei dem tegut-Typen in den Lehre. Dieser Rewe hat eine Tiefgarage für über 50 Autos und diese klägliche Ansammlung von Metall ist den Radfahrern vorbehalten. Das Ding ist nicht mal festgeschraubt, dafür gibt es aber Hafermilch en masse

Der Rückweg ging noch schneller, ich habe nun also ausreichend Zeit, den Gehirnpilz mit Kaffee zu therapieren. Prost

5 Gedanken zu “Autofasten 2019 – Tag 2

  1. Ich drücke die Daumen, dass die Gehirnpilz-Therapie funktioniert. Danach sollten sich vielleicht die Unions-Menschen in Berlin dieser Therapie verpflichtend unterziehen:
    https://www.spiegel.de/auto/aktuell/fahrrad-verkehr-union-lehnt-neue-regeln-ab-a-1261308.html
    Vielen Dank für Dein Selbstexperiment samt heiterer Dokumentation. Ich (über)lebe seit 8 Jahren als autofreier Veganer in einer der fahrradunfreundlichsten Städte Deutschlands (laut ADFC) und ich kann mich immer noch nicht hinter einem Besenstiel verstecken. Ich habe sogar schon Geburtstage mit Freunden und mehr als 3 Flaschen Bier gefeiert. Fahrradanhänger sind für den größeren Einkauf super praktisch. So einen Anhänger kann man auch im Keller parken. In Köln gibt es sogar schon ein E-Lastenrad-Verleih. Ich hoffe so sehr, dass Deutschland eine Verkehrswende hinbekommt und wir wieder saubere Luft atmen können und uns sicher in der Stadt bewegen können und dass wieder mehr Leben im öffentlichen Raum stattfinden kann. Das geht aber nur mit deutlich weniger Autos.

  2. … „er wohl bei dem Tegut-Typen in den Lehre“??? Lieber Graslutscher, offensichtlich spielt deine Freundin wieder Kampf-PC-Spiele. Oder du hast den Text an ihr vorbeigemogelt. Oder ich muss ganz brutal fies sein, weil ich die Streber-Dooftusse bin die noch nie ein Auto besaß (EHRLICH!!!) und deshalb gerade den Kopf blutig schüttelt. Nein, keine Sorge: ich kenne Gehirnpilze an anderer Stelle. Ring ihn nieder, mach ihn alle!!! Schreib weiter und lass deine Lektorin vor der Veröffentlichung drübergucken. 😉

  3. Womit ich NICHT meine: Gehirnpilze anderswo als im ‚Gehirn. Zu anderer Thematik. Hach, es ist Gründonnerstagabend und die Flasche Bier nicht meine erste, ICH GEBS JA ZU.

  4. Ich bin seit längerem (ich glaube zwei Jahre) leidenschaftliche Protestfahrradfahrerin. Was mir immer wieder auffällt sind diese ungeduldigen Autofahrer, die meinen, einen 50 Meter vor einer roten Ampel mit Vollgas und anschließender Vollbremsung überholen zu müssen. Erhöhter Abgasausstoß sowie Bremsabrieb inklusive. Sollte meiner Meinung nach härter geahndet werden als auf der Autobahn über dem Tempolimit zu fahren. Oder bei Rot über die Ampel zu fahren, um Fußgängern und Radfahrern die Vorfahrt zu nehmen. Ist mir heute passiert. Ich hab echt nicht schlecht geguckt.

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