So belügt dich dieses Sharepic über Windkraft

Mein gestriger Blick in Facebook hat mich grüblen lassen, ob ich mir überhaupt Sorgen um KI-generierte Videos zur Desinformation machen soll, denn das dortige Publikum lässt sich von so billigen Steinzeit-Fakes in die Irre führen, dass sich das aufwändige Anfertigen eines Fake-Videos für solche Leute eigentlich nicht wirklich lohnt.

Wer dieses Anti-Windkraft-Fossil, das vermutlich noch mit einem Netscape Navigator ins Internet geschrieben wurde, wieder ausgegraben hat, lässt sich auch deswegen schwer rekonstruieren, als mich mehrere der Verbreiter umgehend blocken, sobald ich kritische, aber vollkommen sachliche Rückfragen stelle:

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ein gewisser Michael Schliederer täglich vor Regierungszensur und Canceln warnt, mich aber umgehend blockt, sobald ich in den Jubelchor seiner Follower nicht einstimme (wie gesagt ich bleibe dabei immer super-sachlich).

Ein gewisser Gerhard Lenz hat es weiterverteilt (siehe Link) und sammelt mit diesem Bild von über 20 Jahre alten hawaiianischen Windrädern gepaart mit einem vor Fehlern strotzenden Text tausende Likes. Ich hoffe, diese Leute sehen nicht zufällig eine Wiederholung der 1986er-Tagesschau-Ausgabe über die Reaktorhavarie von Tschernobyl und rennen dann schreiend auf die Straße, weil sie denken, das sei jetzt gerade passiert.

Für den Fall, dass Euch das gleiche Bild begegnet, habe ich euch die Fehler hier aufgelistet:

Fehler 1

„Selbst nach 30 Jahren massiver Subventionen liefert die Windkraft in der gesamten Welt kaum mehr Energie als gar nichts. Selbst zusammen decken Wind- und Photovoltaikenergie kaum mehr als 1 Prozent des weltweiten Energiebedarfs.“

Nein, das stimmt nicht. Selbst wenn man es so pro-fossil rechnet, dass der Kronprinz von Saudi-Arabien daran seine helle Freude hätte, liegt der Anteil beim zweieinhalbfachen Wert, also 2,5%. Diese Zahl kommt aber auch nur dann zu Stande, wenn ich für zehn Einheiten Kohlestrom die dafür notwendigen 25 Einheiten Kohle ansetze (der Rest ist Abwärme) und diese dann mit 10 Einheiten Windstrom vergleiche. Für die gleiche Menge Strom ist die fossile Bilanz dann 2,5 mal größer.

Wer an dieser Rechnung Gefallen findet, lässt sich auf dem Wochenmarkt vielleicht auch nicht nur die Äpfel, sondern auch den dafür notwendigen Ast abwiegen und bezahlt dann 10 Euro/Kg Äpfel. Dieses Konzept nennt sich auch „Primärenergiefehlschluss“ (Primary Energy Fallacy) und wird gerne von Fossilfans links und rechts im politischen Spektrum genutzt, um ihre Geldgeber glücklich zu machen.

Vernünftige Menschen bezahlen nur das Gewicht der Äpfel und so rechnen moderne Portale diesen Fehler direkt raus. OurWorldInData schlägt auf den Strom aus Wind-, Solar-, Wasser- und Kernkraft etwa 160% auf, damit die tatsächlich nutzbare Energie der Maßstab ist und nicht welche Technik die größten Schmutzwolken aus dem Schornstein pustet.

In dieser seriöseren Rechnung kommen Wind- und Solarkraft auf 5,5% am Gesamtenergiebedarf (ohne Abwärme). Viel wichtiger als diese Momentaufnahme ist aber, wie schnell diese Zahl gerade wächst (the trend is your friend).

Fehler 2

Tatsächlich besteht der Großteil der sog erneuerbaren Energien – drei Viertel – aus Biomasse.

Nein, so einen hohen Anteil erzielt man nur, wenn Wasserkraft und Geothermie absichtlich oder fahrlässig rausgerechnet werden oder man mit Daten von 2005 arbeitet. 2023 wurden etwa 11.000 TWh traditionelle Biomasse verbraucht und 24.000 TWh sonstige Erneuerbare Energie. Die Biomasse kommt also noch auf knapp ein Drittel, Tendenz fallend.

Fehler 3

„Wenn Windkraftanlagen nur das gesamte vorhergesagte Wachstum abdecken und nicht mehr, wie viele müssten dann jährlich gebaut werden? Die Antwort lautet: fast 350.000, da eine Zwei-Megawatt-Turbine jährlich etwa 0,005 Terawattstunden Strom produzieren kann.“

Hier wird es komplett absurd:

1. Das sind Zahlen von etwa 1997 (!), da hat Enercon die erste Windkraftanlage mit 2 Megawatt in Betrieb genommen. Wieso vertrauen diese Leute Menschen, die seit 28 Jahren vergessen haben, Neujahr zu feiern? 1997, good lord, da bekam den Oscar für den besten Film der englische Patient (krass wie jung Lord Voldemort da noch aussah) und Prinzessin Diana starb in Paris.

Wer mental NICHT in diesem Jahr stehengeblieben ist, beschäftigt sich mit Technologie von heute. Und heute (2025, sollte es da Missverständnisse geben), installieren wir bereits Anlagen mit 7,2 MW Nennleistung. Diese erzeugen aufgrund ihrer großen Durchmesser und der in der Höhe auftretenden stetigen Winden die vierfache Strommenge (etwa 20 GWh) pro Jahr verglichen mit der Anlage in der Beispielrechnung.

Das Ganze ist also so glaubwürdig als würde jemand erklären, Smartphones hätten wegen fehlender Rechenleistung keine Zukunft und präsentiert als Beweis ein Nokia 3310.

2. Selbst die Anzahl der genannten 350.000 Windkraftanlagen ist krass überdimensioniert, selbst wenn hier absichtlich zur Verfälschung nur relativ kleine Anlagen genutzt werden. Auch diese Anlagen reichten immer noch aus, um 3,5 mal so viel Strom zu erzeugen, wie ganz Deutschland aktuell mit all seinen Kraftwerken und Importen verbraucht (350.000 * 2MW * 2.500 Stunden = 1.750 TWh). Hier kommt erneut der Primärenergiefehlschluss zum Tragen.

Das ist viel zu viel. Ganz Deutschland benötigt in Zukunft etwa 1.500 TWh Strom, davon erzeugen wir in Zukunft aber die Hälfte aus Solar- und die andere Hälfte aus Windkraft, dafür bräuchten wir also nur noch 150.000 von den kleinen Anlagen. Da wir aber NICHT MEHR 1997 HABEN (!) und uns moderne Anlagen zur Verfügung stehen, reichen davon etwa 40.000 für ganz Deutschland (ein Teil davon zudem offshore).

Fehler 4

Bei einer für Windparks typischen Dichte von etwa 20 Hektar pro Megawatt würden so viele Turbinen eine Landfläche von der halben Größe der Britischen Inseln, einschließlich Irland (158.000 Quadratkilometer), benötigen. Und das jedes Jahr.

Ja, und wenn alle Deutschen für sich je eine Einkaufszentrum mit riesigem Parkplatz bewohnen wollen, dann brauchen wir komplett Niedersachsen nur um die Bevölkerung von Salzgitter unterzubringen. Glücklicherweise ist diese Wohn-Idee genauso abwegig wie die Verwendung von uralten Windkraft-Anlagen in Windparks und die genannte Energiedichte. Die Energiedichte liegt in einem modernen Windpark wie z.B. dem Windpark Niederlungwitz bei 1,3 Hektar pro Megawatt, also beim 15-fachen.

Wir brauchen in Zukunft etwa 308 Gigawatt installierte Windkraft in Deutschland, bedeutet bei 1,3 Hektar/Megawatt eine Gesamtfläche von 4.000 km², was der Fläche des drittkleinsten österreichischen Bundeslands entspricht (Burgenland) oder auch 1,1% der Fläche Deutschlands.

Die geschätzte Landfläche wird hier also maßlos übertrieben, indem mit Anlagen von 1997 gerechnet wird und die Abstände unrealistisch groß sind. Tatsächlich reichen für den finalen Ausbau wenige Prozent der deutschen Landesfläche. und selbst davon wird nur ein kleiner Prozentsatz wirklich versiegelt, so dass der Natur am Ende gerade mal 0,07% der deutschen Landesfläche entnommen sind (Eine Fläche so klein wie Frankfurt am Main).

Selbst mit einiger Fantasie ist schwer zu erahnen, was der Autor mit „Und das jedes Jahr.“ meint, denn die Anlagen haben etwa 25 Jahre Betriebszeit und müssen nicht jedes Jahr neu gebaut werden. Was wir wirklich jedes Jahr machen ist für ca. 80 Milliarden Euro fossile Brennstoffe importieren.

Fehler 5

„Darüber hinaus kann sich die Lobby des Flatterstroms nicht auf die Vorstellung verlassen, Windkraftanlagen könnten effizienter werden.“


Süß, die bereits stattgefundene Entwicklung widerlegt das recht eindrücklich. Die Anlagen haben heute 10 mal so viel Nennleistung wie vor 30 Jahren und erzeugen Strom an deutlich mehr Volllaststunden pro Jahr, weswegen die Kosten für Windstrom allein seit 2010 um satte 70 Prozent (!) gesunken sind. Nur die Kosten für Solarkraft sind mit minus 90 Prozent noch stärker gesunken (gleicher Link).

Fehler 6

„Es gibt einen energiepolitischen Imperativ, der mit Kants Imperativ vergleichbar ist: Man muss Strategien verfolgen, die funktionieren würden, wenn sie auf globaler Ebene umgesetzt würden. Windkraft ist eindeutig nicht erfolgreich. Photovoltaik auch nicht. Es sind viel zu viele Ressourcen erforderlich, um sie zum Funktionieren zu bringen.“


Tatsächlich sind Wind- und Solarkraft die Technologien, die seit Jahren am stärksten wachsen und das weltweit. Allein im Jahr 2024 waren von all der installierten Kraftwerksleistung 90 Prozent erneuerbare Kraftwerke, davon kamen wiederum 97 Prozent aus der Wind- und Solarkraft.

Ab 2033 wird der meiste Strom weltweit aus Solarkraft stammen. Ab 2034 der zweitmeiste aus Windkraft.

FAZIT:

Hier ist wirklich alles falsch. Alte Daten, falsche Berechnungen, falsche Interpretationen und ein elementarer Unwille, sich mit tatsächlichen (unideologischen) Zahlen aus der Wirtschaft zu beschäftigen.

Mein persönlicher Lichtblick: Ob ein paar im Jahr 1997 hängengebliebene Typen auf Facebook das Gegenteil behaupten, ändert an der globalen Energierevolution gar nichts. Die Märkte haben entschieden: Electrify or die.

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7 Gedanken zu „So belügt dich dieses Sharepic über Windkraft“

  1. „Was wir wirklich jedes Jahr machen ist für ca. 80 Milliarden Euro fossile Brennstoffe importieren.“

    Macht auf 10 Jahre bei einer angenommen Preissteigerung von 2,5% pro Jahr über 1Billionen € an transferiertem Geld ohne Wertschöpfung im eignen Land.

    Oder liege ich hier falsch?

    Würde ich der Wirtschaftsministerin immer als erstes um die Ohren hauen 😉

    Warum hinterfragt niemand in einer Talkshow den gigantischen Reichtum der saudischen Ölscheichs, der russischen Gas Oligarchen und den der amerikanischen Öl/Gas Milliardären?

    Also mir ist klar, wo das ganz Geld für die AFD und Internet Propaganda herkommt. Nur unsere Medien stellen sich blöd und hängen der CO2 Lobby an den Lippen.

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    • Genau, wir schalten Atomkraft ab, und schmeißen das Know-how zu Kerntechnik auch noch gleich aus dem Land und bauen dann Gaskraftwerke, als notwendige Backup-Lösung für die Erneuerbaren. Hab ich was verpasst? Nach ihrer Logik sollten wir demnächst auch Reis anbauen, oder? Und Microsoft und iOS macht auch nur andere reich.

      Antworten
      • Ich hab mich mal als advocatus diabli mit einem LLM (Kimi K2) über die Frage der „ach so sauberen“ Atomkraft vs. PVA und WKA unterhalten. Das Ergebnis: ja, Atomkraft hat einen geringeren THG-Fußabdruck pro kWh als PVA und WKA. Das Problem sind Zeit und Kosten und die brechen den AKWs das Genick. Selbst wenn man zur PV und WK die Kosten für Batteriespeicher im erforderlichen Ausmaß und die Klimafolgekosten durch den höheren THG-Ausstoß einrechnet, schneiden AKWs immer noch schlechter ab. Was zählt ist das was schnell und günstig THG-Emissionen reduziert.
        Dass unsere lieben Politiker das alles verbummeln und den Karren so richtig gegen die Wand fahren, ist nicht das Problem der PV bzw. WK.

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  2. „Ich vermisse bei den meisten Journalisten, dass sie Politiker, die erfundene Dinge behaupten – nicht nur AfD – live auch dafür
    outcallen. Sei es Lügen über
    „Wärmepumpenzwang“, Lügen über „Genderzwang“, ein nicht-existentes Verbrennerverbot usw. Wenn man mit Lügen
    durchkommt, setzen sich Lügen durch.“

    Aus Volksverpetzer

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  3. Mir fehlt hier irgendwie noch ein dedizierter Hinweis zum Framing durch manipulierte Maßstäbe bei der Stromerzeugung durch die (kleine, alte) Windturbine: 0,005 Terawattstunden. Keine Sau gibt diesen Wert in Terrawattstunden an, außer um die Zahl kleiner erscheinen zu lassen.

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