Stellt euch vor, ihr steht am Strand und seht eine Gruppe Kinder auf Luftmatratzen, die durch den Sog der Ebbe ins offene Meer hinaustreiben. Ihr seid noch ab Abwägen, ob Ihr Hilfe holen oder euch direkt selbst in die Wellen stürzen sollt, da blitzt von Ferne eine dieser roten Rettungsbojen auf. Ein Glück, eine Rettungsschwimmerin rennt über den Strand heran und schreit unentwegt irgendwas Unverständliches.
Fast ist sie bei euch angekommen. Ihr ruft ihr erleichtert zu „Ein paar Kinder sind von der Strömung erfasst worden, gleich da vorne in…“. Sie rennt bereits an euch vorbei und jetzt versteht ihr, was sie da aus Leibeskräften ruft „Zu Hilfe, da sind ein paar Kinder im Wasser! Jetzt tu doch irgendjemand mal was! Ruft den Rettungsdienst oder so was! DIE KINDER! Hat irgendwer hier das Freischwimmerabzeichen? los los!“
Irgendwer müsste ihr dringend erklären, dass die grellrote Rettungsboje in ihrer Hand dazu da ist, höchstselbst Menschen vorm Ertrinken zu retten bzw. um mal aus der Metapher zu kommen wäre es ganz toll, wenn jemand Kaherina Reiche erklärte, dass sie ein Minsterium leitet und es nicht ihr Job ist, über die Probleme der Energiewende Aufsätze zu schreiben, sondern sie zu lösen.
Unsere Wirtschaftsministerin hat nämlich einen obskuren Gastbeitrag in der F.A.Z. veröffentlicht und selbst in stark abgesenkter Erwartungshaltung verspürte ich bei der Lektüre immer wieder ein starkes Verlangen, die halbe Nachbarschaft mit Kraftausdrücken vollzuzuschreien. Dass sie kein großer Fan von Erneuerbaren ist, ist mir ja klar. Aber das? Über 12 Absätze erklärt die zuständige Ministerin da, was im Energiesektor alles falsch läuft, ohne auch nur einen Hauch an Erkenntnis durchscheinen zu lassen, dass es ihr eigener Job ist, diese Probleme zu lösen.
Reiche beschwert sich über die Kosten für den Netzausbau, die Kosten durch fehlende Speicher und die Kosten durch unsere starre Preisstruktur und nennt diesen Umstand ausgerechenet im Kontext rasant steigender fossiler Preise „Selbsttäuschung“. So als wäre die Ursache für den Status-Quo ein wirklich nerviges, leider unabänderliches Naturgesetz. Puh, kann ich Robert Habeck noch mal sehen?
Ich bin beileibe nicht der einzige, der sich kritisch damit auseinandergesetzt hat. Neben Malte Kreutzfeldt (der Journalist, der vor ein paar Jahren die Rechenfehler der berühmten 100 Lungenärzte aufgedeckt hat), Christian Stöcker und Energieexperte Tim Meyer hat sich dankenswerterweise auch Nina Scheer, die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, direkt in der F.A.Z. zu Wort gemeldet und Frau Reiches Behauptungen dort ziemlich kompetent auseinandergenommen.
Mich haben aber nicht nur die vielen sachlichen Fehler wie der Primärenergiefehlschluss und die Falschberechnung der Redispatch-Kosten staunend zurückgelassen. Allem voran frage ich mich, was Frau Reiche glaubt, wer all die von ihr aufgezählten Probleme denn lösen soll. Sie erklärt in ihrem Beitrag ja nur wortreich, was in der Energiewende alles schiefläuft und dass wir deswegen nicht einfach weiter Solar und Wind zubauen sollten. Was spräche denn dagegen, Solar- und Windkraft zuzubauen UND die systeamischen Probleme zu lösen? Na?
Ja, es läuft vieles schief. Nein, das muss man gerade den Fans der Energiewende, denen sie „Selbsttäuschung“ vorwirft, nun wirklich nicht erklären, denn die warnen schon länger vor zu wenig Flexibilisierung bzw. zeigen das Potential auf und warten verzweifelt darauf, dass das Wirtschaftsministerium ENDLICH in diesem Sinne handelt. Wer ist nochmal Chef des Wirtschaftsministeriums? Ach ja!
Ich bin einer der besagten Energiewendefans. Nicht, um damit Geld zu verdienen oder weil ich Lobbyist für die Windkraft-Rotorblattbranche wäre, sondern weil ich das Konzept fossiler Brennstoffe für seit etwa 40 Jahren überholt und langfristig eine der größten Bedrohungen von Frieden und Wohlstand halte. Gerade für ein Land, das jedes Jahr sehr viel davon importieren muss.
Mein Alltag sieht daher so aus: Nachdem der Wecker geklingelt hat (und Katzen und Kinder keinen Hunger leiden), klicke ich mich durch meine gespeicherten Browsertabs der Energy Charts des Fraunhofer ISE und gucke mir den Strommix von Deutschland an. Dann den der EU, dann saisonale Besonderheiten, dann Vergleiche mit dem Vorjahreszeitraum (das ist kein Scherz, don’t judge me, jeder hat irgendeine Macke).
Der April macht besonders viel Spaß, denn hier treffen noch nennenswerte Winderträge des auslaufenden Winters auf bereits ordentliche Solarwerte (Bei viel Sonneneinstrahlung und gleichzeitig niedrigen Temperaturen fühlen PV-Module sich ganz besonders wohl). Letzte Woche sah es so aus:

Ganz unten das recht kontante, blau-grüne Band sind Wasserkraft und Biomasse, darüber kommen Braunkohle (braun), Steinkohle (schwarz) und Erdgas (orange). Ganz oben dann seht ihr die Erneuerbaren Wind (olivgrün) und Solar (gelb). Und ganz wichtig: Die schwarze Linie ist die Last, also unser Verbrauch.
Der Energiewendefan in mir jauchzt also erst mal angesichts der angewachsenen Teile für Wind und Solar, denn die machten noch vor 10 Jahren einen Bruchteil der jetzigen Version aus. Und dann grübelt der Energiewendefan in mir, denn hier sehen wir auch direkt, dass der Netzausbau aktuell nicht hinterherkommt: Die Erzeugung wuchs zur Mittagszeit an allen 7 Tagen über den Wert, den wir brauchten.
Wir haben den Stromanteil über der schwarzen Linie an diesen Tagen exportiert, was entgegen vieler Medienberichte absolut sinnvoll ist, denn wenn eine Luxemburgerin sich mit deutschem Solarstrom einen Kaffee kocht ist das eine wunderbare Form grenzüberschreitender Kooperation.
Die Stromgipfel hätten aber noch höher sein können, denn das, was ihr da zur Mittagsspitze seht, ist ja der Zustand im Netz mit bereits glühenden Exportleitungen (sie glühen natürlich nicht wirklich). Anstatt noch mehr zu exportieren, mussten wir mutmaßlich ein paar der Anlagen abschalten, was in Frau Reiches Weltbild offenbar ein größeres Problem zu sein scheint, als wenn wie aktuell zu beobachten unsere Lieferketten aufgrund exorbitanter Ölpreise zu reißen drohen.
Das ist in der Tat nicht optimal (das ist in der Welt der Energieversorgung übrigens ohnehin so gut wie nichts), aber wie in aller Welt kann sie bitte auf die wirre Idee kommen, dass ausgerechnet der Energiewende-Bubble das egal sei? Wir wollen ja jede Kilowattstunde Kohlestrom loswerden, da tut jede weggeworfene Kilowattstunde Windstrom, nur weil die Netze noch nicht so weit sind, ja doppelt weh.
Dieser Umstand verschärft sich zudem noch jedes Jahr, wenn man sich nicht drum kümmert, denn je mehr europäische Länder um die Mittagszeit ihre eigene, wachsende Solarstromspitze bewundern dürfen, desto weniger können wir diese Überschüsse dorthin exportieren. Oder in den Worten von Frau Reiche: „Wir brauchen keine Überkapazitäten, die subventioniert ins Ausland exportiert werden, während im Inland die Preise steigen.“
Ja, stimmt. Wir brauchen keine Überkapazitäten, die wir exportieren, sondern Überkapazitäten, die wir speichern, und dann nutzen, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Dafür sind Überkapazitäten halt ein notwendiger, mitunter etwas uneleganter, aber unausweichlicher Zwischenschritt, den fast alle anderen Länder ebenfalls gehen. Dieses Problem lösen wir aber nicht, indem wir die F.A.Z. vollheulen, sondern indem wir Speicher bauen. Aktuelle Pläne der Bundesnetzagentur sehen übrigens vor, es den Batteriebetreibern hierzulande schwerer zu machen.
Es ist zum Haare raufen: Erneuerbare sind so billig wie noch nie, aber im Internet jammert der Stammtisch rum, das werde ja nie reichen und nachts scheine keine Sonne und gleichzeitig erklärt die zuständige Ministerin, dass wir zu viel Überschüsse haben. Das ist als wenn der Finanzminister sich beschwert, dass gestiegene Steuereinnahmen mehr Verwaltungsaufwand verursacht haben und wir jetzt echt mal aufpassen müssen, dass das mit den Steuereinnahmen jetzt nicht überhand nimmt.
Andere Länder machen das übrigens so: Die nehmen die Überschüsse, speichern sie in Batterien, die in den letzten 30 Jahren unfassbare 99% (!) Preisrückgang verzeichnet haben und nutzen dann auch nach Sonnenuntergang ihren Sonnenstrom. Um diesen Zustand zu erreichen, braucht man aber im ersten Schritt Überschüsse, denn sonst lohnt sich die Investition in die Batterie kaum. So läuft das zum Beispiel in Kalifornien, die reine Solarleistung ist der grüne Strich im Diagramm, mit Hilfe stationärer Batteriespeicher wird aber der blaue, viel hübschere Strich ins Netz eingespeist.

Guck mal, Katherina, wie schön die blaue Linie aussieht! Mit ihr müssen wir nicht mehr so viele Anlagen abstellen, denn bevor das passiert, landet der Strom in unseren Batterien. Und nachts brauchen wir weniger Strom aus Gaskraft, der den Strom ja überhaupt erst so teuer macht. ist das nicht toll? Wir brauchen dann auch weniger Netzausbau und der Strompreis schwankt nicht so stark. Leider scheint das Konzept Großbatteriespeicher der CDU-Frau nicht wirklich geläufig zu sein, das Wort „Batterie“ kommt in ihrem ganzen FAZ-Gastbeitrag zur Zukunft der Energiewende nicht ein einziges mal vor (kein Scherz).
Und noch etwas darf man im Ausland beobachten: Dort werden die Kunden belohnt, wenn sie ihren Strom besonders bei hohen Wind- und Solarerträgen verbrauchen. Mit einem dynamischen Stromtarif kann man Waschmaschine, Wärmepumpe und Wallbox so programmieren, dass sie besonders häufig zu Überschusszeiten loslaufen, sofern der Vorrat an sauberen Socken hier kein Show Stopper ist.
Das ist jetzt auch kein nerdiges Geheimwissen, das leiten gerade alle Länder mit einigermaßen kompetenten Leuten im Energieressort in die Wege. Bei meinem Besuch eines chinesischen Wechselrichter-Herstellers kam die Frage auf, warum es in Deutschland noch so wenig dynamische Tarife gibt. Meine Antwort, dass viele Kunden mit einem analogen Stromzähler arbeiten, der einmalig pro Jahr abgelesen wird, führte zu Gesichtsausdrücken der chinesischen Mitarbeiterinnen, als hätte ich erklärt, dass Deutsche sich den Intimbereich mit warmem Sand zu waschen pflegen.
Aber so ist es leider. Damit wir den Strom der Erneuerbaren besonders effizient nutzen, brauchen wir intelligente Steuerungsgeräte, sogenannte Smart-Meter. In Dänemark, Schweden und Italien nutzen bereits 100% der Bevölkerung solche Geräte, in Frankreich 94%, in Österreich 80%. In Deutschland sind es etwa 2 bis 5 Prozent. Aber der Plan des Ministeriums besagt, dass wir bis 2028 bei 20 Prozent sind, huihuihui.

Ein bezahlbarer Netzausbau scheitert aktuell übrigens unter Anderem daran, dass wir uns in Deutschland 851 (!) Verteilnetze leisten. Also bis zu 851 Software-Systeme, Verwaltungen, technische Standards und Regelungen, die alles wesentlich teurer und unflexibel machen als wenn das wie im Ausland ein paar wenige, große Betreibergesellschaften machen. Diese 851 Betreiber erzielen gleichzeitig üppige Renditen von im Schnitt 24% (!), das macht den Strom nicht gerade günstiger.
Zum Thema Redispatch muss man außerdem festhalten: Klar kostet es Geld, wenn wir wegen fehlender Netze Windkraft abstellen und stattdessen Gaskraft im Süden hochfahren. Die Betreiber der Anlagen für diese Zeit dennoch zu entlohnen kostet uns aktuell einen 3-stelligen Millionenbetrag im Jahr, hat aber folgenden Vorteil: Es finden sich viel leichter Investoren, die für viele Milliarden Euro weitere Anlagen in Deutschland errichten.
Die Alternative sind fossile Importe und ob das günstiger ist, während ein Verrückter die Straße von Hormus besetzt, darf man stark in Zweifel ziehen. Ihren Gastbeitrag überhaupt damit zu beginnen, dass Öl, Flüssiggas und Diesel gerade extrem teuer werden, nur um das dann sofort wieder zu vergessen und die viel besser planbaren Kosten für die Energiewende zu instrumentalisieren, lässt jede strategische Ausrichtung vermissen, die wir gerade dringend bräuchten.
Es gibt also viel zu tun in ausgerechnet dem Land, in dem Albert Einstein mal den photoelektrischen Effekt beschrieben hat, auf dem die Funktionsweise einer Solarzelle beruht. Und damit meine ich nicht das Schreiben von F.A.Z.-Gastbeiträgen, in dem man über Probleme wehklagt, sondern das Lösen der Probleme.
Wenn dieser Albernheit Schule macht, kommen bald vermutlich auch keine Vorschläge mehr aus dem Verkehrsministerium, wie wir unsere Brücken sanieren, sondern langatmige Aufsätze von Patrick Schnieder in der FAZ, dass die deutschen Brücken, die deutsche Bahn und die Öffis in einem beklagenswerten Zustand seien, dass wir uns nicht der Selbsttäuschung hingeben sollten, ein Weiter so würde das Problem lösen und dass er auf Fusionskraftwerke hofft.
Wäre es Friedrich Merz ernst mit seiner Sorge, dass Deutsche nicht mehr genug arbeiten, warum hält er dann an dieser Arbeitsverweigerung fest?
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Danke. Wie so oft super Kommentar.
Frau Scheers Replik war schon sehr treffend, aber Herr Hegenberg hat zu den Fakten noch eine große Portion Humor hinzugefügt.
So könnte Energiewende Spaß machen.
Ich stelle mir gerade vor, die Konservativen hätten zu Ampelzeiten so (gemeckert) kritisiert: Habeck, mit Deinen Wärmepumpen ist ja schön und gut, aber du musst mal mit den Smartmetern in die Gänge kommen.
Wie weit könnten wir sein….
DANKE.
Also wenn Frau Reiche fossile Gasheizungen ermöglicht, obwohl dort immer noch doppelt so viel fossiles Gas verbraucht wird wie bei einer Wärmepumpe, die komplett mit fossilem Gasstrom betrieben wird, dann muss ich sagen: Katherina, das ist nicht inkompetent, das ist Vorsatz. Du willst uns wohl ruinieren und du willst wohl Gas verkaufen.
Wir brauchen nicht auf Smart-Meter zu warten: Jeder kann über Home-Automatisierungen oder manuell seinen Stromverbrauch an die Erzeugung abpassen ( z.B. über Frauenhofer Energie-Charts). Ob es ein paar Euro mehr oder weniger kostet…
Yup. Sehe ich auch so und mache ich auch schon seit einigen Jahren mit der ElectricityMaps App. Da kann man anhand des kommenden Börsenpreises abschätzen wann besonders viel Ökostrom im Netz ist.
Hab auch mal ausgerechnet wieviel ich mit einem Echtzeittarif sparen würde. Pro Elektroautovollladung ( ca. 30 kWh e-Golf) wären das gerade mal ein paar Euro, vorausgesetzt der Börsenstrompreis ist auf Null. Da sind in der Regel nur ein paar Cent „Hub“ drin; die Netzkosten und Mwst usw. das bleibt ja alles. Was ich da einsparen könnte, krieg ich mit der THG-Prämie erstattet.
Ein Smartmetereinbau kann dagegen richtig teuer werden, wenn ein neuer Zählerkasten fällig wird (wie in meinem Fall). Da sind dann schnell ein paar Hundert Euro weg. Von eventuellem Ärger mit Handwerkerpfusch will ich gar nicht anfangen.
Dann doch lieber noch etwas mehr Stromsparen z.B. ineffiziente E-Geräte austauschen oder mit dem e-Auto langsamer und entspannter fahren.