Der arme Jan…

Ihr seid ja schon drollig! Der aaarme Jan! Ich schaue in schmerzverzerrte Gesichter, Beerdigungsstimmung macht sich breit, es fehlt nur noch ein Ave Maria aus dem Off…

armer Jan klein

Was soll er jetzt bloß essen??? Wir sitzen in einem Restaurant. In einem nicht gerade superspontan ausgesuchten – bereits vor Wochen hat ein großer Fan von gefülltem Dödel dieses edle Etablissement ausgewählt. Ok, klar, meine Essgewohnheiten sind natürlich auch wirklich außerordentlich kompliziert, keine Sahne, kein Käse, keine Eier … keine Robbenföten, keine Plutoniumstäbe, kein Scherbensalat. Es ist wirklich eine Zumutung, unter all diesen weltfremden Einschränkungen etwas Essbares zuzubereiten. Ich trage vorsichtshalber mein „I’m really sorry“ – T-Shirt und überlege, für meine Mitmenschen so praktische kleine Broschüren anzufertigen, auf denen man mit einfachen Icons auch für Analphabeten die Dos und Don’ts für Graslutscher visuell sichtbar macht. So wie diese erklärenden Symbole an Bussen. Da steht ja auch nicht kurz aber präzise „Hier bitte weder Dreck machen noch Leute nerven“, nein, jede merkbefreite Randgruppe bekommt für alle eigentlich selbstverständlich zu vermeidenden Eventualitäten ein eigenes Bild gemalt. Bitte im Bus kein Eis essen. Bitte im Bus keine Pommes essen. Bitte nicht alle mit schräpiger Handy-Musik nerven. Bitte nicht mit laufendem Laubbläser in den Bus steigen. Bitte den Kloaken-Tauchanzug vor Betreten ausziehen. Bewaffnete Affen-Cyborgs bitte nicht auf Auto-Feuer stellen uswusf.

Wenn man ähnlich simpel formuliert „Bitte bereiten Sie mir doch irgendwas zu, wo keine Körperteile drin sind oder Sachen, die mal aus Körpern rausgefallen sind“ muss man die nächsten 10 Minuten lang eine endlose Liste von Dingen verneinen, die überflüssigerweise auf diese prägnante Beschreibung schon nicht zutreffen. Man könnte stattdessen einfach meine visionäre laminierte Broschüre aus der Tasche ziehen, auf der man eben diverse Fleisch-, Milch- und Eiprodukte mit einem roten Schrägbalken versehen hat. Für den Fall, dass man in Süddeutschland unterwegs ist führen wir besser explizit noch Speck- und Schinkenwürfel auf, die da von den Praktikanten gerne auf die angeblich vegetarische Pasta gestreut werden.

spotted dick

In jedem Fall hätten wir Zeit gespart. Zeit, die mit endlosem peinlichen Schweigen und affektiertem Gehüstel zu füllen versucht werden, weil mir der Kellner ohne diese Broschüre andauernd Gerichte vorschlägt, bei denen man nun wirklich nicht ahnen kann, dass Tierkram darin verarbeitet ist! „Vielleicht… öhm… Käsespätzle?? Ach nee, da ist ja Käse drin. Wie wäre es mit überbackener Shrimpspfanne? Ach, Meeresfrüchte auch nicht? Sie sind aber auch pingelig. Ich frag mal den Koch…“ Gut, ich verlange natürlich viel von dem armen Mann, allein die in dem Laden gestapelten Klamotten der Gäste machen zusammen vermutlich mehr Kilo sterbliche Überreste aus als insgesamt im Kühlraum herumhängen, mein Konzept muss ihm reichlich krank erscheinen. Am Ende läuft es dann auf Kartoffeln mit zerkochtem Beilagengemüse hinaus. Wenn es da wenigstens Treuepunkte für gäbe … „Entschuldigung, wir haben leider nur geschmacklosen Fraß für Sie. Sammeln sie vielleicht Fraßpunkte? Dann bekommen Sie nach 10 Mal Fraß den elften Fraß kostenlos! *Augenklimper*“

Die allen fürchterlich peinliche Situation wird dann zu entspannen versucht indem man trauerbekundende Floskeln vor sich hin murmelt und versucht, sich über irgendwas zu beschweren ohne eine Ahnung,  worüber denn eigentlich. „Der arme Jan, was soll er denn jetzt nur essen??“ Also abgesehen davon, dass das irgendwie absehbar war, nachdem Ihr eins dieser „edlen“ Restaurants ausgewählt, deren Auswahl leider zwingend an Metzger-Ladengeschäfte angelehnt ist und die Kondolenz-Bekundungen daher etwas scheinheilig wirken – Herrje, es ist nur ein Essen! Ich musste nicht mein Erstgeborenes der Fremdenlegion vermachen oder eine Niere abgeben, ich esse nur etwas recht langweiliges. Ok, Schnitzel in Rahmsoße schmeckt besser, aber es wird hier immer so getan als würde ich Tantalus-gleich für eine buchstäbliche Ewigkeit lasch gewürzte Kartoffeln mit zerkochtem Broccoli essen müssen während über mir leckere Falafel-Sandwiches hängen, die sich aus meiner Reichweite bewegen, sobald ich danach greife. Hey, Ihr Naps, die Nummer ist doch nach 10 Minuten gegessen (sorry, der musste sein)! Bitte ruft die Sargträger zurück, ich werde es überleben! Morgen bin ich wieder zurück in der Zivilisation, da bekomme sogar ich bekloppter Freak was leckeres zu essen.

Everything is illuminated

Ist auch nicht so, als würde ich zum ersten Mal vor der Situation stehen – es werden ja in alle mögliche Nahrungsmittel nahezu zwanghaft Tierabfälle reingepumpt, so dass man für einen Boykott derselben erst mal einen Magister in Beipackzettologie machen muss. Das ist in der Tat traurig! Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich mich an Autobahn-Raststätten selbst bescheiße, indem ich aus den Brezeln historische Gebäude zu basteln versuche, um mir einen dort leider nicht vorhandenen Abwechslungsreichtum vorzugaukeln. Also beruhigt Euch, ich kenn‘ die Nummer schon. Eure Stimmungslage muss ja jeden anwesenden vermuten lassen, ich sei zum zweiten Mal durchs Staatsexamen gerasselt oder an einer schlimmen Seuche erkrankt.

Ich finde daran erstens bemerkenswert, dass mir als Fleischverweigerer gerne reflexartig eine mangelnde Lebenslust zugeschrieben wird, natürlich am liebsten von Leuten, die mich noch nie gesehen haben. Man ist gleich als deprimiertes Emo-Kiddie abgestempelt, das sich vor lauter Selbsthass nicht entscheiden kann, ob es sich nun gleich die Adern aufschneiden oder lieber erst noch in Patchouli baden soll. Dabei bin ich nicht derjenige, dem sein kompletter Lebenssinn verloren geht, nur weil keine Schweine-Medallions auf seinem Teller liegen. Abgesehen davon, dass man in entsprechenden Läden, die im Jahr 2013 angekommen sind, durchaus auch was leckeres veganes essen kann, habe ich tatsächlich noch ein paar andere Dinge in meinem Leben über die ich mich freuen kann. Ich muss keinen Nervenzusammenbruch erleiden, weil das Essen suboptimal geschmeckt hat und kann auch mit „Häschenfutter“ einen schönen Abend haben. Ist ja auch nicht so, als wenn ich hier irgendeinem obskuren Dogma meines persönlichen Sektengurus folgte – ich esse das Zeug aus eigenem Antrieb nicht. Für mich liegt da halt kein leckerer Schmackofatz auf dem Teller sondern eine Portion Schuld. Wessen Leben scheint da jetzt irgendwie die Würze zu fehlen? Dem, der freiwillig auf etwas verzichtet oder dem Fleisch-Melancholiker, der nur mit einem Klumpen Paarhufer im Mund glücklich werden kann?

armer Jan Kartoffeln

Zweitens: Dieser ganze Zirkus ist etwas befremdlich, wenn mich ein paar Erwachsene anschauen als würden sie per Brainlink das Ende von Braveheart in Dauerloop auf die Netzhaut gebrannt bekommen, nur weil mein kulinarisches Erlebnis keine 5 Michelin-Punkte mehr erreicht – während sie genau zeitgleich die Perversion in Reinform auf ihrem Teller serviert bekommen. Um genau in dem Moment dann die Trauerflor abzulegen und beherzt in Tierkinder zu beißen. HALLO, McFly, jemand zu Hause?!?! Ihr könnt euch die Tränen für mich sparen, heult lieber darüber, dass das auf Eurem Teller mal empfindsame Kreaturen waren, die höchstwahrscheinlich von irgendwelchen latent sadistischen Zuarbeitern wie der letzte Dreck behandelt wurden, und denen im Laufe ihrer einen Bruchteil der natürlichen Lebenserwartung währenden Existenz Körperteile abgetrennt wurden, welche dann im Glücksfall mit einer betäubten Schlachtung endet. Stattdessen höre ich nur „Der aaaarme Jan, muss jetzt diese elenden Kartoffeln essen, *schnüff*“ Für einen Nicht-Karnisten wirkt das echt bizarr – so als würde jemand erst mit einer Kettensäge eine Schafherde massakrieren um mich dann mit Pipi in den Augen zu bitten, ihn zum Tierarzt zu fahren, weil er bei der Aktion auf ein Kaninchen getreten ist, dem er jetzt umgehend Knochenmark spenden muss.

Also bitte… BITTE! Macht Euch mal um mich keine Sorgen, ich komm‘ damit klar. Anstatt mit dem Kaninchen zum Tierarzt zu fahren lasst besser mal die Kettensäge im Schrank. Und schau nicht so traurig drein, am Ende halten die Leute Euch noch für zu Tode betrübte Veganer.

21 Gedanken zu “Der arme Jan…

  1. Tausend Dank für diesen klasse Text! Ich hab selten so gelacht! 😀 (–> „Fraßpunkte“ 😀 )
    Ich war schon öfter genau in der gleichen Situation und ich bin NUR Vegetarierin!
    Bei mir spielen sich diese Szenen aber eher vor dem Restaurantbesuch ab, so von wegen „Ah nee, da können wir ja nicht in, du bist ja Vegetarierin“ oder „Kriegst du da überhaupt was zu essen?“ Ist leider ziemlich häufig der Fall, weil hier in der Pfalz der Großteil der Restaurants „gutbürgerliche“ Fleischtempel sind. Versuch mal, auf ner Pfälzer Waldhütte was vegetarisches zu bekommen… „Wie, Sie wollen nur Sauerkraut und Kartoffeln?!? Und was essen Sie dazu???“
    Am schlimmsten sind allerdings die Familienfeiern, besonders Weihnachten, wenn man der einzige Vegetarier unter 30 Carnivoren ist: „Kind, du musst richtig essen, sonst wirst du doch krank!“, „Jetzt hab ich mir soviel Mühe mit der Gans gemacht und du rührst sie nicht an“, „Du wirst doch nie im Leben satt von den paar Beilagen!“

    Bester Kommentar ever: „Jetzt kannst du ja gar nichts leckeres mehr essen…“ *traurig guck*

  2. Spitze!!! Die Texte sind alle super geschrieben, aber der vorletzte Absatz mit dem Kaninchen… der absolute HAMMER! So gekonnt möchte ich auch schreiben können.

  3. Ey, vielen Dank für diesen klasse Text!

    Ich ess ja keine Haselnüsse, weil ich total allergisch bin auf die kleinen Scheißerchen. Aber meinst Du, es würde mich mal ernsthaft jemand bedauern, weil ich keinen Haselnusskrokant auf mein Eis haben kann? Nee, es wird immer nur mitleidig gekuckt, weil die arme Claudi kein leckeres Milcheis essen „darf“.

    Ich fühl mich Dir so nah. *seufz*

  4. Du solltest eine Kolumne in einer großen Zeitung oder Zeitschrift haben über Vegan und auch Ökothemen oder sowas, genial :D!

    Es gibt übrigens so eine Bildertafel auf der letzten Seite in einem kleinen Heftchen in dem in allen Sprachen drinsteht, was man nicht isst als Veganer.

  5. Wahrhaft überwältigend Eloquenz.

    Da muss mensch erst einmal hinter die Zeilen kommen.

    Dort tobt Wortgewalt & Emotion & wie spannend: hate.

    (das ist um so hm bemerkenswerter, als Du Dich ja explizit gegen Hater verwahrst…)

    Dir gehen also Fleischfresser auf den Sack.
    Sonst würdest Du mit Deinem Grasfressertum ja nicht so wort-gewalt-tät-ig kokettieren.

    Ich habe keinen Schimmer, warum Du vegan lebst – die meisten Gründe dafür sind bei näherer Betrachtung mindestens genau so irritierend, wie die Gründe für Menschen, Fleisch & Co. zu essen.

    Fleischfresser z.B. essen Tiere ja nicht, weil sie die Tiere tot tot tot sehen wollen…….schade, wieder ein so beliebtes Argument im Dütt :-/

    Was ich mir von Veganern (nach 10 Jahren eigenen Veganismus) wünsche ist etwas ganz Banales:

    Warum haltet ihr es nicht mit Luther & Jesus und betet Eure Ideologie im stillen Kämmerlein an?

    Ich glaube, DAS wäre ein echter Schritt zum Weltfrieden.

    Naja, fröhlich-friedliches Lutschen Dir weiterhin.

    • Ah so, ein Ex-Veganer, der geläutert wurde. Das ist immer wieder eine überzeugende Argumentationsfigur. Aber du hast recht, wir missionieren einfach zu viel. Luther und Jesus haben sich da immer zurückgehalten. Man stelle sich vor, die hätten ihre Ideen an die Kirchentür genagelt oder gar von einem Berg herab gepredigt. Gott bewahre!

    • „Fleischfresser z.B. essen Tiere ja nicht, weil sie die Tiere tot tot tot sehen wollen…….schade, wieder ein so beliebtes Argument im Dütt :-/“

      Achso. Verzehren Fleischesser Tierkörper, weil sie die Tiere lebend sehen wollen?
      Ich habe bisher keinen Fleischesser in sein Schnitzel beißen sehen, mit den Worten: „Oh nein, das Tier ist ja gar nicht mehr lebendig! Es ist tot! Das wollte ich aber jetzt nicht…“

    • „Warum (…) betet ihr Eure Ideologie im stillen Kämmerlein an?“

      Immer dieser Vorwurf, weil mans eine Meinung sagt.
      Sei doch froh, dass Jan nicht durch die Welt streift & die Texte Jedem ungefragt aufschwätzt. Er postet sie lediglich auf SEINER Seite & sucht nicht Andere auf, um ihnen extra reinzureden.
      Das tust DU jedoch.

      Aber dass er sie auf SEINER Seite, (Die DU besucht hast), postet, ist schon schlimm genug. Er soll die Erkenntnis, dass er vegan lebt, lediglich schweigend vor sich hin feststellen.
      Stell dir vor, ein Nichtvergewaltiger müsste so argumentieren.
      Oder ein Antifaschist dürfte nichtmehr über Fremdenhass aufklären.
      Man soll die Missstände in der Welt gefälligst hinnehmen. Aber Karnisten dürfen Jedem, der als Veganer entlarvt ist, aufs Auge drücken: „Iss mal mehr Fleisch!“
      Selbst schuld: Hat der Veganer seine Lebensweise doch nicht für sich behalten, sondern versucht zu erklären, warum er bestimmte Lebensmittel im Restaurant ablehnt…

      Halt dich an deinen eigenen Appell, statt mit 2erlei Maß zu messen!

  6. Lieber Jan,

    du bist nicht der erste mit der Vision einer verbildlichten Broschüre! Wie zwei Kommentare weiter oben von Meli bereits angesprochen, gibt es einen sogenannten „Vegan Passport“:
    https://dl.dropboxusercontent.com/u/10870765/vegpassport01.jpg (Umschlag)
    https://dl.dropboxusercontent.com/u/10870765/vegpassport05.jpg (Inhaltsverzeichnis und englische Version)

    Und in diesem gibt es dann auch, „if all else fails“, die sicherlich von so ziemlich jedem Veganer hin und wieder herbeigesehnte Bildertafel:

    https://dl.dropboxusercontent.com/u/10870765/vegpassport24.jpg

  7. Wie, Speckwürfel sind dir nicht pflanzlich genug? Nun, du scheinst wirklich recht kapriziös zu sein… Nein, Spaß (oder besser Zynismus) beiseite: Es ist doch erstaunlich, dass sehr viele Menschen keinerlei Konzept davon besitzen, welche Nahrungsmittel ursprünglich von einem Tier stammen. Das spricht zum einen für eine gewaltige Verdrängungsleistung, zum anderen für eine ziemliche Gleichgültigkeit gegenüber dem, was man so in sich hineinstopft.
    Aber ich muss den Carnivoren zugute halten, dass ich vor wenigen Jahren genau so befremdet/ablehnend auf jemanden reagiert hätte, der so völlig „normale“ Dinge wie Milch, Eier und Wurst ablehnt. Soll er halt um die Schinkenstreifen herum essen. Es hat gedauert, bis diese Neukategorisierung von Lebensmitteln oder sonstigen Produkten in meinem Gehirn abgeschlossen (?) war. Insofern bin ich manchmal sogar froh, wenn meine Freunde diesen „Steht-für-dich-beim-Metzger-was-auf-der-Karte?“-Blick aufsetzen. Denn dank mir seltsamem Körnerfresser denken sie vielleicht zumindest in diesem Moment kurz darüber nach, woraus ihre Gesichtswurst besteht.

  8. Genau, und diese untoleranten Nichtraucher sollen gefälligst auch zuhause bleiben und uns nicht unsere schön verqualmte Luft wegatmen.

    Das hat sich wenigstens geändert in unserem schönen Bayernland.

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