Biofleisch esse ich nicht – aus Rücksicht auf arme Menschen!

Echt jetzt, es kommt mir vor wie diese chinesische Wasserfolter, bei der ein Tropfen immer auf die gleiche Stelle trifft. Für sich genommen ist der Tropfen ganz harmlos, aber die ewige Wiederholung, wieder und wieder und wieder, die macht es mit der Zeit unerträglich, so dass man es zwar recht lange aushält, aber irgendwann NUR NOCH SCHREIEN MÖCHTE!

*hüstel* – Zumindest geht es erst mal ganz harmlos um Bioschweine. Ja, das sei ja alles wirklich toll, mit dem Biosiegel. Den Tieren ginge es da echt prima, so richtig im Freien und mit dem gesunden Futter. Die überschüssigen Ferkel werden in Kissenschlachten zu Tode amüsiert, bis sie grinsend sanft entschlafen, und für den Rest sind auf die Kreissägen im Schlachthof lustige Hello-Kitty-Bilder in Feng-Shui-Ausrichtung gedruckt. Eben alles ganz schonend und artgerecht, mancher Mensch denkt schon über ein aufwändiges Umoperieren zu einem Schweinekörper nach, so beneidenswert ist die Aufzucht.

ErnährungsministerNun würde ich selbst die landesweite Umstellung der Tierhaltung auf Biostandard nicht als wirkliche Lösung des Problems bezeichnen, zugegebenermaßen aber als durchschnittliche Abschwächung besonders schlimmer Zustände. Aber selbst von diesem Minimalziel sind wir ja mehrere astronomische Einheiten weit entfernt. Denn nachdem irgendwer sich dafür ausgesprochen hat, Hühnern gemäß Bioverordnung mehr Fläche als ein Din-A4-Blatt zur Verfügung zu stellen, kommt er, der ultimative Wasserfolter-Schwachsinnsspruch mit Prädikat „Auch Gehirne von Ernährungsministern produzieren Ausscheidungen“:

„Nicht jeder kann sich ein Huhn für 25 Euro leisten!“

Aua aua, welch Schmerz. Ja, stimmt schon, rein faktisch betrachtet ist das natürlich richtig falsch … ehm … ungenau. Der Aussage würde für ihre ultimative Aussagekraft eine zeitliche Dimension irgendwie echt guttun. Tatsächlich kann sich jeder ein solches Huhn leisten, die Frage ist nur, wie oft. Ich kann mir auch mit dem Gehalt eines Webdesigner-Assistenten eine Weltreise leisten, nur muss ich dafür entsprechend lange sparen. Okay, sollte das gemeinte Produkt tatsächlich mehr kosten als mein gesamtes Lebenseinkommen beträgt, bin ich aus der Nummer raus – aber wir reden von 25 Euro.

Was mit diesem verbalen Fluchtversuch wirklich gemeint ist, ist natürlich, dass Menschen mit niedrigem Einkommen nicht genug Asche auf der Bank haben, um ihren Fleischkonsum bei gleicher Menge einfach mal komplett auf bio umzustellen. Und auch, wenn das so dahingesagt fürchterlich edel klingt, als würde es der Person wirklich um arme Menschen gehen, so wird mit diesem Gedanken erst mal nur das Schicksal armer Menschen abzumildern versucht, indem man einem Vielfachen an Tieren ein noch viel schlimmeres Schicksal aufbürdet.

Bio or not bio

Und das sagt dann auch noch der Bundes-Ernährungsminister (bei 48:55) als Beleg dafür, dass er sich „um die ganze Gesellschaft“ zu kümmern hat. Lieber Herr Schmidt, ein klarer Blick auf die Realität dürfte mit viel Einfluss von CSU-Kollegen kompliziert sein, aber: Wenn Sie sich für die ganze Gesellschaft verantwortlich fühlen, dann ist das Verfüttern von gesundheitlich fragwürdigen Massenstallhühnern an die Ärmsten der Armen und das Opfern der planetaren Substanz für nachfolgende Generationen ein mit diesem Gedanken ziemlich unvereinbares Verhalten. Ihre Wähler mögen ja nach Billigfleisch schreien – aber das auch zu ermöglichen, hat mit gesellschaftlicher Verantwortung so viel zu tun wie die flächendeckende Versorgung mit Alkopops zu vertretbaren Preisen, weil die eben gerne getrunken werden.

Es ist halt eine ökonomische Gesetzmäßigkeit, an der man nicht rütteln kann: Zum heute üblichen Preis kann man Fleisch nur produzieren, wenn daran massiv Kreatur und Planet leiden. Wer für einen „fairen“ und damit viel höheren Preis dann noch wie viel davon kaufen könnte, ist nüchtern betrachtet ein theoretisches Gedankenspiel unserer modernen Welt. Geboren aus der sehr besonderen und zeitlich begrenzten Situation, dass es eben jetzt gerade so absurd billig ist. Hätten vor 50 Jahren Leute gesagt „Zu den jetzigen Preisen können sich nicht alle Menschen jeden Tag Fleisch erlauben“, wäre die Antwort schlichtweg gewesen: „Stimmt, das Leben ist kein Ponyhof. Deal with it.“ Heute ist die Antwort: „Stimmt, wie furchtbar! Lass uns Tiere in winzige Verschläge sperren und mit Scheiße füttern, damit jeder immer Fleisch essen kann!“

Ich will damit jetzt nicht verharmlosen, dass es in Westeuropa immer noch bitterarme Familien gibt, für die soziales Abseits und unerbittliche Perspektivlosigkeit den traurigen Alltag ausmachen – aber deren Probleme löst man nicht, indem man ihnen billiges Fleisch in den Kühlschrank subventioniert, im Gegenteil. Es ist viel eher eine Frage von einer immer weiter auseinanderdriftenden Einkommensverteilung und unfairen Voraussetzungen in unserem Bildungssystem – das hat aber mit Biofleisch nur bedingt was zu tun.

Würde es hier wirklich um Chancengleichheit gehen, wieso höre ich dann nicht auch ähnliche Forderungen zu anderen Produktionsbedingungen? Ist die Flugbenzinsteuer nicht hochgradig unsozial? Nicht jeder kann sich einen Interkontinentalflug für 1200 Euro leisten! Abkommen gegen Kinderarbeit beim Kaffeeanbau? Nicht jeder hat genug Bares, um 20 Euro für 500 Gramm Bio-Fairtrade-Kaffee zu bezahlen! Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Dann wird am Ende ja das Bier teurer, wenn diese Faulpelze in den Brauereien ständig krankfeiern!

Hand aufs Herz – trotz der Preissteigerung sind das doch alles erstrebenswerte Errungenschaften, auch im Sinne der Mehrheit, weil der vorher niedrige Preis eben nur mit inakzeptablen Methoden möglich war. Oder würde sich ernsthaft jemand zu „hart aber fair“ setzen und Frank Plasberg erklären „Ja, mir tun diese 10-Jährigen ja auch leid, dass sie in diesen Schuhfabriken eingesperrt sind. Aber Markensneaker für 180 Euro kann sich eben nicht jeder leisten“? Ein Aufschrei der Empörung wäre die Folge.

Ach ja richtig, der Unterschied ist eben, dass es bei Kinderarbeit um Menschen geht und bei Fleisch um irgendwelche bedeutungslosen Viecher. Aber Schmerz ist Schmerz, für den muss man nicht auf zwei Beinen laufen können. Ich glaube ja nicht an Wiedergeburt oder so was, aber hätte ich für das nächste Leben die Wahl zwischen dem Schicksal eines indischen Jeansnäherkindes und dem eines Huhns in einem Wiesenhofbetrieb, dann würde ich mir schon mal das Hindi-Wörterbuch in den transzendenten Warenkorb legen. Und nein, Fleisch ist kein unersetzbares Grundnahrungsmittel, der menschliche Körper kommt ohne sehr gut klar, sogar weit besser als mit großen Mengen davon.

Warum ich den obigen Satz aber geradezu schmerzhaft doof finde: Ich höre ihn wahnsinnig oft von nicht gerade armen Leuten. Ich sitze in Kantinen von großen Unternehmen herum, an meinem Tisch ausnahmslos Personen mit Gehältern jenseits der 50.000 Tacken im Jahr, ein paar sicher auch noch weit darüber. Und alle haben 250 Gramm Tierprotein auf dem Teller, das im Stammmenü unfassbar günstig ist, während sie sich über Hobbys unterhalten, die alle nicht unbedingt günstig sind. Coole Tablets, edle Uhren, teure Urlaube, alles tipptopp. Niemand käme auf die Idee, an den hohen Preisen was Verwerfliches zu finden. Im Gegenteil: Dass Qualität auch was kostet, scheint auf einmal zur belächelten Binsenweisheit zu verkommen. Keiner von Euch würde dem anderen seinen Audi-Firmenwagen madig reden, weil sich ja nicht alle einen A4 leisten können.

Dann fällt der Blick auf meinen Teller. „Woran erkennt man einen Veganer? Keine Sorge, er wird es Dir sagen!“ Es fragen ihn nämlich alle Löcher in den Bauch, warum denn auf seinem Teller nur unmotiviertes Beilagengemüse rumliegt und dieses in Ermangelung einer echten Soße ohne Tier drin mit schnarchigem Salatdressing garniert ist. „Woran erkennt man einen Menschen, der sich über Veganismus noch nie Gedanken gemacht hat? Er wird sich furchtbar albern aufführen und Dir erklären, dass sich aber nicht alle Biofleisch leisten können.“

Nein, das können nicht alle. Aber Ihr mit Euren Preisvergleichportalen für Markenhandtaschen, Pay-TVs und Cabrios, Ihr könnt das! Ihr wollt nur nicht. Ihr steht zu Hunderten in den Schlangen der Essensausgaben und macht Euch nicht einen einzigen Gedanken darüber, wie es der Kreatur mal ging, die jetzt Tagesgericht A heißt. Ihr bewohnt die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde mit Export-Weltrekord. Die stolz ist auf ihre guten Arbeitsbedingungen und sozialen Errungenschaften und sich darüber empört, wie es anderswo ist.

Aber wenn sich dann die Erkenntnis nähert, dass andere Leute auch die sogenannten Nutztiere in dieses Wertesystem von Fairness und Gerechtigkeit aufgenommen haben, dann entdeckt Ihr ganz plötzlich Euer soziales Gewissen exklusiv für Menschen. Dann mutiert Ihr zu einer Art Fleisch-Robin-Hood und schiebt die Armen vor als Begründung dafür, dass man aus Tieren leider auch den letzten Eurocent herausquetschen muss. Ihr sitzt in Talkshows und erklärt, dass 20.000 Hühner in einer Halle schon irgendwie blöd sind, aber anders würde man halt die Armen ausgrenzen. Oder Ihr sitzt im Publikum und beklatscht diesen Redebeitrag frenetisch. Auch wenn Ihr in einem Hochgeschwindigkeitszug angereist seid, in einem hübschen Hotel übernachtet, satt vom 3-Euro-Dönersandwich seid und Euch um Armut sonst nicht besonders schert.

Das Problem sind doch nicht die Armen. Laut Armutsbericht sind 16 Prozent der Deutschen von Armut bedroht. Wenn also die anderen 84 Prozent auf das konventionelle Zeug verzichten würden, dann wäre ja schon was erreicht (wenn auch lange nicht genug). Ständig erzählen mir Fleischesser, dass man zurückkehren müsste zu Zeiten, in denen es nur einen Sonntagsbraten gab. Ja, dann macht das doch einfach, was hindert Euch daran? Die Tatsache, dass in das Budget von armen Menschen kein Biohuhn passt? Wow, klingt so sinnig wie „Tut mir leid, ich kann Dich nicht vom Bahnhof abholen, mein Nachbar hat nämlich keinen Führerschein“.

Ja, für jemanden ohne große Geldsorgen ist es einfach, die Verteuerung von Fleisch in Kauf zu nehmen. Auf der anderen Seite tut die Bitte-schön-billig-Fraktion immer so, als gäbe es ein Menschenrecht auf 1,99-Euro-Schnitzel und die tägliche Druckbetankung des eigenen Körpers mit Gammelfleisch. Aber nicht, weil Fleisch echt wichtig oder unersetzbar wäre, sondern weil es wirrerweise immer noch als eine Art Statussymbol verstanden wird. Würde ich im Bundestag dafür plädieren, die Umsatzsteuer für Flugananas auf 7 Prozent zu drücken, weil sich „nicht jeder eine frische Ananas für 5 Euro leisten kann“, ich würde ausgelacht. Damit würde man ja den umweltschädlichen Transport subventionieren, würde die Christlich-Soziale Partei der Nächstenliebe vermutlich entgegnen. Und außerdem: Dann kann man halt nicht jeden Tag erntefrische Ananas essen.

Warum diese Aussage in Bezug auf Flugobst in diesem Land als plausibel gilt, aber dieselbe Logik auf noch viel schädlichere Fleischprodukte angewandt in einem Aufschrei der Empörung mündet, wird mit dieser Frage betraute Historiker in 100 Jahren vermutlich in die Verzweiflung treiben.

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