Ich wäre ja auch gerne vegan, aber ich könnte nicht leben ohne Eutersekret!

Na, würdet Ihr auch gerne mal wieder Lebensmittel einkaufen gehen, checkt aber nicht im Ansatz, was da auf die Verpackungen gedruckt ist, sodass mittlerweile Euer halber Vorratsschrank randvoll ist mit wenig schmackhaften Insektenvernichtern, Batterien und Paketkordel? Kenne ich… Eigentlich wollte ich ja Linsensuppe kochen, aber die Etiketten auf den Produkten sind so scheißkompliziert, dass ich immer mit vollkommen falschen Zutaten nach Hause komme und jetzt Küchenrolle blanchiere. Ich hoffe, die schmeckt zu Wattestäbchen.

Damit diese Qual nun endlich ein Ende hat, hat der Europäische Gerichtshof gestern entschieden, dass Verpackungen ab sofort extrem deppensicher gestaltet sein müssen, sprich: „Milch“ oder „Käse“ darf nur auf Verpackungen stehen, deren Inhalt aus „normaler Eutersekretion“ gewonnen wird. Zugegeben, das klingt schon viel geiler als „Brotbelag auf Mandelbasis“, was auf meinem Käse steht. Wer parkt nicht gerne eine große Portion Eutersekret auf seinen Rigatoni?!

Jetzt frage ich mich nur, wo die Hersteller all die „normale Eutersekretion“ vorfinden wollen. Das klingt so, als würden da Paarhufer gedankenverloren über die Wiese traben, während ihnen das Zeug so mir nichts, dir nichts aus dem Euter tropft und man es einfach nur von der Wiese saugen muss, während diese Tiere glücklich gen Sonnenuntergang entschwinden. Tatsächlich werden hochgezüchtete Kühe jedes Jahr aufs Neue geschwängert, damit man ihnen nach der Geburt die Milch für ihr letztes Kind abpumpen kann, während schon das nächste Kind in ihrem Bauch heranreift. Das führt dann zu vier Jahren Lebenserwartung (wenn man das denn Leben nennen möchte) und 10.000 Liter Milchleistung im Jahr. Eine normale Eutersekretion halt, ganz im Einklang mit der Natur.

Im Ernst, haben die Richter vom EuGH zu viel „The Walking Dead“ gesehen und verwechseln EU-Bürger mit seelenlosen Zombietrotteln? Nein, in pflanzlichem Käse ist keine Kuhmilch. Wenn Typen eine Verpackung mit der Bezeichnung „pflanzlicher Käseaufschnitt“ in der Hand halten, auf der an mehreren Stellen „vegan“, „rein pflanzlich“ bzw. „OHNE KUHMILCH“ (!) steht, und dennoch auf den Gedanken kommen, es handele sich um herkömmlichen Käse aus Kuhmilch, ist das dann wirklich unser Problem? Was machen wir, wenn die sich als nächstes in der Getränkeabteilung verlaufen und dort ein Nachtlager zwischen Gerolsteiner-Kisten aufschlagen, bis sie endlich jemand zum Ausgang führt? Supermärkte verbieten?

Wollen wir jetzt so lange Reglementierungen anhäufen, bis der größte anzunehmende Dummbatzen vor sich selbst geschützt ist? Ist der Verkauf von Herdplatten nicht Verbrauchertäuschung? Jemand könnte denken, die Platte sei kalt, fasst drauf, verbrennt sich tierisch die Flossen. Können wir das verantworten? Fahrräder sollten nur noch in Verpackungen erlaubt sein, auf denen groß draufsteht, dass man während des Fahrens nicht mit brennenden Kettensägen jonglieren sollte.

Ist ja außerdem nicht so, als hätte die EU keine lange Liste mit Ausnahmen von Produktnamen definiert, in denen sehr wohl die Worte „Milch“ oder „Butter“ vorkommen. Erlaubt sind neben den Klassikern Kokosmilch, Erdnussbutter und Kakaobutter auch Produkte, die nicht wirklich intuitiv erahnen lassen, dass keine leckeren Sekrete enthalten sind: „Milchmargarine“, Butterschnitzel“, „Margarinestreichkäse“, „Milchbrätling“ und „Leberkäse“ dürfen auch ganz ohne Kuhmuttermilch im Regal liegen. Was wäre jetzt so schlimm, wenn man diese Liste um „veganer Käse“ erweitert?

Ich denke übrigens nicht, dass man hiermit der Fleischlobby helfen will oder der EuGH irgendwie bewusst was gegen Veganer hat, und würde alle Urheber solcher Anschuldigungen bitten, dafür Belege zu bringen. Es ist vermutlich einfach einer der Fälle, in denen eine Regulierung zum Zwecke der Regulierung entsteht, ähnlich wie das Verbot des Begriffs „Marmelade“ (darf nur aus Zitrusfrüchten bestehen). Das Ärgerlichste daran ist in meinen Augen, dass man Menschen damit im Zweifel über so eine unwichtige Frage zu EU-Gegnern macht, indem all die wichtigen EU-Errungenschaften im Schatten von verbotenem Veggiekäse verblassen.

O.k. o.k., den Begriff „Veggiekäse finde ich selbst nicht so wirklich glücklich, denn veggie ist ja auch der meiste Tiermilchkäse. Aber wenn da tatsächlich „pflanzlich“ draufsteht, wen soll das in die Irre führen? Weiß irgendwer nicht, was Pflanzen sind? In jeder Veganer-Diskussion kommt zudem irgendein Jan Böhmermann daher und erklärt einem altklug alle drei Podcastfolgen, dass Veganer ja Analogkäse äßen, obwohl ja eigentlich alle Analogkäse doof fänden, weil Chemie, künstlich und PfanzenSpürenAuchSchmerz, und das sei ja total bekloppt.

Fleischesser können sich also mit einem Wort über veganen Käseersatz lustig machen, den Veganer aber nicht auf die Verpackungen schreiben dürfen, weil Fleischesser das Wort dann nicht verstehen.

Makes perfect sense

PS: Die Richter am EuGH können da im Prinzip auch nichts für, die müssen im Rahmen aktueller Gesetzgebung urteilen. Ich werfe denen weiter oben aber vor, die EU-Bürger für Idioten zu halten. Da belle ich im Prinzip den falschen Baum an, die Kritik müsste man an die Kläger richten und an all die Lobbyverbände, welche die Mär vom durch Veggiekäse irregeführten Verbraucher am Leben halten.

11 Gedanken zu “Ich wäre ja auch gerne vegan, aber ich könnte nicht leben ohne Eutersekret!

  1. „Karamell (alternative Schreibweise: Karamel oder Caramel; im 19. Jahrhundert über französisch caramel aus spanisch caramelo, „gebrannter Zucker, Zuckerrohr“ entlehnt) ist eine durch starkes, trockenes Erhitzen erzeugte Mischung aus geschmolzenem Zucker und seinen oxidierten und kondensierten Reaktionsprodukten. […]“ (Wikipedia)

    „Sirup (von arabisch شراب šarāb Trank über mittellateinisch siropus, sirupus süßer Heiltrank) ist eine dickflüssige, konzentrierte Lösung (Konzentrat), die durch Kochen und andere Techniken aus zuckerhaltigen Flüssigkeiten wie Zuckerwasser, Zuckerrübensaft, Fruchtsäften oder Pflanzenextrakten gewonnen wird. […]“ (Wikipedia)

    https://www.candyhouse.de/zuckerfrei-stevia/zuckerfrei/getraenke-sirup/monin-sirup-caramel-light-zuckerfrei-0-7-liter/a-42853/

    Ich gehe also neulich so in den Laden, will Caramel Sirup und erwische etwas, das nicht mal Zucker enthält. Und das sollte ich als einfacher Verbraucher an dem Wort „zuckerfrei“ erkennen?!??!?!

    Wo ist der Aufschrei? Wo das Verbot? WO???????? Zu Hüüülf, liebe EU!!!!!11*

    Vielleicht schmeckt es ja zur blanchierten Küchenrolle oder taugt als Dip zu den Wattestäbchen?! :/

    * Nein, ich bin kein EU-Gegner.

  2. Als Jemand, der schonmal gegooglet hat, ob Kakaobutter vegan ist, finde ich die Ausnahmenlisten das Blödeste an der ganzen Geschichte.

    Ich würde das ganze allerdings umgekehrt aufziehen:

    Kennzeichnungspflicht für Tierprodukte.

    Das würde auch helfen bei so Fällen wie: Ich kaufe einen Gemüseburger und stelle zu Hause fest, dass da aus irgend einem Grund „Hühnerei-Eiweiß“ dran ist. :\

    • Ja oder ich bestellte kürzlich einen „Bohneneintopf OHNE Wurst“, wunderte mich am Tisch über seltsame Stückchen in der Suppe, um mich dann von der Bedienung aufklären lassen zu müssen: „Da steht ja nur ohne WURST, Fleisch ist natürlich trotzdem drin, in einen normalen Eintopf gehört nun mal Fleisch, schmeckt doch sonst gar nicht.“…

  3. „Ich denke übrigens nicht, dass man hiermit der Fleischlobby helfen will oder der EuGH irgendwie bewusst was gegen Veganer hat, und würde alle Urheber solcher Anschuldigungen bitten, dafür Belege zu bringen.“

    Auszug aus dem Gesetz:
    „Die Marktlage für Milch und Milcherzeugnisse ist durch strukturbedingte Überschüsse gekennzeichnet. Der Absatz dieser Erzeugnisse sollte daher durch verbrauchsfördernde Maßnahmen verbessert werden.
    Die natürliche Zusammensetzung der Milch und der Milcherzeugnisse sollte im Interesse der Erzeuger und der Verbraucher in der Gemeinschaft geschützt werden.
    Eine Regelung zur Gewährleistung einer geeigneten Etikettierung sowie zur Vermeidung von Irreführungen des Verbrauchers könnte zur Erreichung dieses Ziels beitragen.“

    https://www2.jurion.de/files/lexsoft/share/pdf/01987r1898-19880101-de.pdf

    Man will also zwar nicht der Fleischlobby helfen, aber dafür den Milchbauern, die zu viel produzieren. Man will so den Verbraucher dezent von den pflanzlichen Alternativen zu den Eutersekret-Produkten lenken, so dass die Milchbauern ihre Plörre loskriegen.

    • ..das könnte auch erklären, warum nahezu überall Milchpulver, Milchzucker und Molkepulver drin ist :@ muss das zeug sonst (als sondermüll) kostenpflichtig entsorgt werden?

      • na auf jeden fall kriegen die armen milchbauern dann kein geld mehr für ihre fair gewonnenen produkte mit denen kälber z.b. sowieso nichts anfangen könnten

    • Das gibts auch mit armen Schweinen. Eine Freundin wollte mir was Gutes tun und ist darauf hereingefallen.

      Als hätten wir in Europa keine anderen Probleme, echt!

  4. Letztens hat’s mich wieder erwischt: Versehentlich Sonnenmilch für den Kaffee gekauft. Hat scheiße geschmeckt! :/

    Dann hatte ich plötzlich einen Mords-Jieper auf junges, zartes Menschenfleisch. Zu meinem Entsetzen waren sowohl Babykartoffeln als auch -spinat vegan. >:(

    • ging mir auch so. als ich mal so nen anfall hatte, hab ich fleischtomaten und babyöl gekauft – alles vegan, wie ich zuhause feststellte…ein grauenhaftes erlebnis. und dieser beschiss, dass man sich als menschenfresser auf ein schönes stück jäger oder zigeuner freut und dann doch wieder nur schweineschnitzel kriegt 🙁 wo bleibt der verbraucherschutz für echte kannibalen?? und jetzt kommt mir nicht mit dem abgedroschenen „sowas weiß man doch“ oder „is doch klar“- mitdenken ist schließlich keine bürgerpflicht!

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