Das Wurstkind

Werte Ophelia (und andere Zwangskommunnikatoren),

auch wenn das nicht in Dein Weltbild passt, es gibt einfach Situationen, in denen Smalltalk noch weniger Sinn macht als ohnehin schon. Bei Metal-Konzerten direkt vor der Box z.B. – oder bei einer akuten Havarie.

*Ohrenbetäubender Lärm und brennende Trümmer*„UND? GLAUBEN SIE, DASS DAS MURMELTIER DIESES JAHR SEINEN SCHATTEN SIEHT??“„VERPISS DICH, DAS IST MEIN RETTUNGSBOOT!“

Und auch wenn das Beispiel weniger drastisch wirkt, auch während der Kleinkind-Eingewöhnung in der Kita ist das Konzept einfach nur Atemluft-Verschwendung. Die Lärmkulisse ist entsetzlich. Niedrige Räume, schrille Stimmen, CDs mit grauenerregendem Schlumpf-Techno und dazwischen herumbrüllende junge Eltern und Erzieher. Dazu sitzt man auf kafkaesk winzigen Stühlen, deren Sitzflächen Kate Moss wie einen Pottwal wirken lassen, um das eigene Kind beim Frühstück zu betreuen. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug fängt die andere Muddi, die zeitgleich mit mir ihr Kind eingewöhnt, so eine Art Gespräch mit mir an.

„Sooeeh *Kind schreit* Wu… *Teller fällt runter* …ind“„WAS???“„ZOÉ, MEINE TOCHTER, IST JA EIN WURSTKIND!!!“

o_O . . . Was soll man dazu sagen? Selbst mit anständigem Kaffeeniveau im Blut wüsste mein Gehirn keine adäquate und gleichzeitig nicht beleidigende Antwort darauf.

Junge Eltern sind aber auch echt anstrengend. Normale Menschen sind ja schon irrational hoch neun und haben eine erschreckend verzerrte Wahrnehmung – erfinden ständig Sachen, die sie angeblich tun, „vergessen“ ständig Sachen, die sie tatsächlich tun und reagieren hysterisch wenn jemand das anspricht. Jetzt erhöht man noch signifikant den Hormonspiegel und verringert das Schlafpensum um auf das Level von jungen Müttern und Vätern zu gelangen und fragt sich dann bei näherer Beobachtung dieser Spezies, ob überhaupt noch eine Verbindung zwischen Netzhaut und Gehirn besteht.

Also abgesehen davon, dass Zoé 14 Monate alt ist und daher so ziemlich alles isst, was man ihr in die Hand drückt (auch gerne Knetmasse oder Fingerfarbe) – gibt es eine überflüssigere Information? Um die Wurstkind-These zu untermauern schob sie ihrem Kind die ganze Zeit schief grinsend und zwanghaft nickend immer mehr Formvorderschinken auf den Teller, fälschlicherweise davon ausgehend, dass es sich hierbei um Schinken im eigentlichen Sinn handelt und nicht um Zwerchfelllappen, die man fachmännisch um Kopffleisch gewickelt und zusammengepresst hat (Ja, googlet das ruhig mal). Das Genicke war offenbar eine subtile Aufforderung an mich, es genauso zu halten. Es war so ein Bißchen wie eine ganz kranke 2-Personen-Tupper-Party für Gammelfleisch.

Und ich dachte die ganze Zeit nur – (neben „Bleib mir mit den Innereien vom Hals“) Die arme Zoé! da hat die Mama ihr einen so hippen Namen verpasst, nur um diese glorreiche Tat dann mit dem Hintern gleich wieder einzureißen, indem sie schon mal das Fundament für DEN Traumata-verursachenden Spitznamen der nächsten 10 Jahre schlechthin legt. Das Wurstkind. Kinder können ja so gemein sein. Und das werden sie auch! Ich check’s aber auch nicht… was spricht denn gegen „Meine Tochter isst gerne Würste“? Ich vermute nämlich mal, dass Zoé’s Mutter auch regelmäßig Würste isst, zumindest hat sie das Mini-Stuhl-Experiment gar nicht erst angetreten und ihr Gesäß, in dem dem Umfang nach einige Würste begraben liegen, auf einem dieser unmöglichen Gesundheitsbälle geparkt. Die diversen Würste scheinen sich ab Speiseröhre irgendwie am Verdauungssystem vorbeigeschummelt und sich zu den Hüften vorgekämpft zu haben um dort dann verottenderweise im Bindegewebe herumzuliegen. Trotzdem stellt sie sich beim verschnöselten Sektempfang vermutlich mit „Ophelia Dornenkötter, angenehm“ vor und nicht mit „Hallo, ich bin die Wurstfrau“. Zurecht!

„Wurst“ an sich ist auch echt ein lautmalerisches Schwerverbrechen – wenn man einen nicht-deutschsprachigen vor eine Wurst, einen Apfel und eine Flöte stellt und dazu „Wurst“ ausspricht wird er spontan erkennen, dass das nur die Bezeichnung für die Darmhaut gefüllt mit Schlachtabfällen in Form eines Phallus oder passenderweise geformt wie Darminhalt selbst sein kann. Guten Appetit auch, wohl bekommt‘s! Wie kann ich denn ernsthaft mein eigenes danach Kind nennen? Ich sage ja auch nicht „Kackkind“, nur weil es regelmäßig Windelt aufbläht.

Vermutlich liegt das an der besagten fehlenden Sehnerv-Kopplung. Sie hat ja auch nicht gesehen, dass ich vollkommen konsterniert über die beknackte Gesprächseröffnung und die Gulasch-Werbeeinlage meine protestierende Tochter instinktiv etwas zu mir hingezogen habe, um sie aus dem Schwerkraftfeld der Wurstfrau herauszubekommen. Sonst hätte sie vielleicht mal aufgehört mit den blöden Wurstgeschichten – Bis dahin wurde ihr ja nicht gerade überwältigend positives Feedback geboten: Bis auf „WAS??“ hatte ich nicht einen Ton gesagt, mit stark geweiteten Augen saß ich nur da, paralysiert wie Jeff Daniels in Arachnophobia, als die Oberspinne an seinem gelähmten Bein hochkrabbelt.

Ihre ganze Familie sei nämlich total vernarrt in Würste. Jau…. super Sache Ophelia, danke für die Info – wahrscheinlicher ist aber, dass Du in der Wurst-Matrix lebst. Du kommst bestimmt abends vom Einkaufen nach Hause, alle anderen Bewohner haben sich bereits beim Zuschlagen der Autotür schnell voller Panik versteckt bevor Du Irre zur Wohnung reinstürmst um wie von Sinnen, mit Würsten um Dich schmeißend, im totalen Wurst-Berserker-Modus jeden Protest ignorierend, allen Familienmitgliedern das Maximum an eingedarmtem Metzgereiabfall zu verabreichen! Um dann am nächsten Morgen entgegen der Realität Euer aller Liebe zur Wurst in die Welt herauszuschreien.

Wahrscheinlich bist Du von Deinem Selbstbetrug ganz erleichtert, da Du Dir so über die 3 Gammelfleisch- und Tierqualskandale pro Monat keine Gedanken machen musst. Die Option, das Zeug einfach im Rewe liegen zu lassen, bietet sich ja gar nicht, solange Deine Brut im vermeintlichen Wurstwahn schwelgt und anstatt Prinzessin Lilifee und Käpt’n Sharky Poster von Presskopf in Sülze über dem Bett hängen haben. Nee, Hand aufs Herz, ich weiß schon, dass das nur witzig sein soll. Man findet es ja meist lustig, wenn die sich selbst ach so zivilisiert nennenden Menschen gerade von den Dingen absurde Massen konsumieren, die bekanntermaßen ungesund oder unvernünftig sind. Nichts anderes sind Saufgeschichten oder das Betonen davon, wie viel Kippen, Paracetamol oder Sonnenschein man bereits intus hat. Mit dem Unterschied, dass diese Fälle eben nur dem Konsumenten selbst schaden. Bei Fleisch muss ich da also leider passen und Euch skeptisch anstarren, wenn Ihr versucht, witzig zu sein. Besonders dann wenn zur Sprache kommt, dass ich keines esse, und Ihr dann auf einmal wieder nur ganz wenig davon esst und alles von diesem supersensiblen BioFairTrade-Bauern bezieht, der offenbar alle Supermärkte und Restaurants des Landes beliefert  

Überzeichnet? Quatsch… ich komm da nicht von ungefähr drauf – ihre anderen Geschichten ließen sich auch nur schwer mit der Realität in Einklang bringen. Ihr großer sei z.B. so ein Sensibelchen. Ein ganz schüchternes, liebenswertes Wesen sei er, der kleine Arnulf. Nur doof, dass alle anderen bei einem Bick durch die Glastür in die Nachbargruppe gut sehen konnten, wie Arnulf dem kleinen Boris gepflegt eine Brio-Schiene an die Stirn donnert. Und nein, Zoé ist auch nicht das süßeste Kind der Welt! Ja, alle Eltern behaupten das von ihrem Kind, ich weiß, ist vermutlich evolutionär bedingt. Aber muss man diesen Unsinn unbedingt dann so betonen, wenn am brüllenden, haarlosen Sprössling 2 Liter Frühstückreste mit Nasenauswurf hängen? Bizarr…

Also im Ernst, das ist schon leicht abgekoppelt. Ich empfehle dringend, den Wurstverzehr zu begrenzen, indem man auf Veganslices ausweicht. Das klingt auch besser 😉

2 Gedanken zu “Das Wurstkind

  1. Danke fuer diesen Text! Ich glaube, der Grund, dass hier (noch) keine Kommentare stehen, ist weil die meisten Leser erstickt sind, bevor sie zum Ende kamen.

    Ich habe die Seite beim Durchstoebern des Archivs aufs neue entdeckt habe sie aber vor ein paar Wochen schon gelesen. Und da mir auch dieses mal das hysterische Lachen schlussendlich im Halse stecken geblieben ist, weil das eben eigentlich alles nicht lustig ist, wollte ich Dir dann doch mal explizit fuer Deinen Blog danken.

    Und wenn ich schon dabei bin, draengt sich mir die Frage auf, ob Du dann irgendwann auch tatsaechlich Deinen Unmut ueber dieser Unverschaemtheit an die Wurstfrau kommuniziert hast? So etwa in der Art: „ZOÉ, MEINE TOCHTER, IST JA EIN WURSTKIND!!!“ — „Entschuldigen Sie, ich kann an Ihren Massenmord an wehrlosen und unschuldigen Wesen sowie die Koerperverletzung an Ihrem Kind nicht lustig finden.“

  2. Es ist schon eine Weile her, aber ich erinnere mich noch genau daran, dass ich andere Eltern auch oft völlig fassungslos ob der schockierenden Geschichten und der Kinder-Olympiade-Vergleiche zu ihrem Nachwuchs angestarrt haben muss. Und wie oft dachte ich: Das arme Kind hat die Gene dieser beiden?
    Genau das war immer der Grund, warum ich das Zusammensein mit anderen Eltern immer auf das nötigste Minimum beschränkt habe. Kein Pekip, keine Krabbelgruppe, Elternstammtische resp. Mütterkaffeekränzchen, Oster- Weihnachts- Muttertagsbasteln (der Eltern!). Noch nichtmal gemeinsames Kinderwagenschieben mit anderen Müttern.

    Ich musste mir anhören, dass meine Kinder eine Sozialphobie bekommen werden, wenn ich sie mit meinem Egoismus überall ausschließe. Ich setzte darauf, dass sie einfach im Kindergarten und in der Schule Freunde finden werden und ich dafür nicht mit Petra, Sandra und Tanja zum Mutter-Kind-Bauchtanz muss.

    Siehe da- es hat funktioniert- sie sind ganz wohlgeraten. Sie durften auf Kindergeburtstage all der Anna-Lenas und Fabians und haben beide ganz großartige Freunde gefunden. Und schlussendlich habe ich tatsächlich sogar auf den weiterführenden Schulen einige ganz nette und aufgeschlossene Eltern kennengelernt. Aber da kann man ja glücklicherweise auch an den Kindern schon sehen, was alles nicht schiefgegangen ist. 😉

    Danke jedenfalls für diesen lachmuskelerwärmenden Beitrag! Mal wieder…:)

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