Besinnlichkeit 2.0

Morgen wird das Land wieder ganz besonders besinnlich. Denn vor 2000 minus x Jahren ist Jesus laut biblischer Überlieferung für unsere Sünden gestorben, indem man ihn brutal einen mehrtägigen Todeskampf am Kreuz durchleiden ließ. Dieser Anlass ist für viele so unsagbar traurig, dass man auch von den Nicht-Christen Solidarität in Form einer Art mentaler Trauerbeflaggung einfordert. Es soll bitte nicht getanzt werden, Sportveranstaltungen sind in vielen Gegenden verboten und auch die religiösen Bräuche anderer Religionen sollen bitte auf andere Tage verlegt werden.

Demut 2.0_sm

Ich bin bekanntermaßen nicht gerade ein Freund dieser Praxis. Dass die Stadt Köln für diesen Tag keinen Karnevals-Umzug durch die Innenstadt genehmigt – ok. Aber inwiefern fühlen sich Christen darin gestört, wenn ihnen unbekannte Menschen in schallisolierten Hallen in abgelegenen Gewerbegebieten tanzen? Dr. Haverkamp antwortet darauf in der NOZ, der Karfreitag solle eben „ein Tag des Nachdenkens über Sterben, Tod und Leid sein“. Und das seien „existenzielle Themen, die jeden etwas angehen.“.

Gut, dann seien wir mal besinnlich anlässlich des Todes Jesu, der sich ja angeblich für uns geopfert hat und damit zu einem Synonym für Nächstenliebe geworden ist. Denken wir mal nach über Sterben, Tod und Leid. Da fällt mir ganz spontan zum Thema Ostern ein: Warum zur Hölle noch mal begehen wir dieses Wochenende eigentlich damit, im großen Stil Tierkinder zu töten? Die Trauer um den Sohn Gottes sitzt zu tief, um den Mitbürgern einen Tanzabend zu gönnen, aber das Beenden vieler Tausend blutjunger Leben, das passt dann doch irgendwie ins Konzept? Wo ist das denn demütig?

Ich vermisse auch etwas den Gedanken der Nächstenliebe, wenn man in einem kollektiven Trauerrausch um genau einen Mann, dessen Leben vor über 2000 Jahren zu Ende ging, das eigene Geschmacksbedürfnis höher wertet als das Bedürfnis vieler 1000 Tiermütter, ihren neu geborenen Nachwuchs wohlauf zu sehen. Ginge es hier um Spring Break oder Rock am Ring, wo Besinnlichkeit nicht gerade eine zentrale Rolle spielt, ok. Ich fände das Verspeisen der Insassen vieler 100 Schaf-Kitas zwar trotzdem immer noch befremdlich, aber nicht sonderlich überraschend.

Aber einen Anlass, in dem es offiziell um Kummer und Demut angesichts des gewaltsamen Todes eines geliebten Menschen geht, mit dem gewaltsamen Tod vieler, vieler von anderen Wesen geliebten Tierkindern zu begehen? Das hat mit Demut ungefähr so viel zu tun wie die Klo-Szene aus Trainspotting. Und wenn alle anderen zur selben Zeit auf vollkommen alltägliche Beschäftigungen verzichten sollen, weil das diesem Tag der Nachdenklichkeit angeblich nicht gerecht wird, dann müsste man vielleicht mit gutem Beispiel voran gehen.

Stattdessen wird aber irgendwie gar nicht groß nachgedacht über Sterben, Tod und Leid. Im Gegenteil, die Christenheit sitzt zum Großteil in prunkvollen Kirchen milliardenschwerer Bistümer herum und freut sich auf das Fleisch eines Wesens, das gerade mal 8 Wochen alt werden durfte. Während täglich Kinder an Hunger oder leicht behandelbaren Infektionskrankheiten sterben. Wie vielen davon man wohl helfen könnte mit dem Geld, das für das Vergolden der Badezimmer-Armaturen im Limburger Bischofssitz drauf gegangen ist?

Anstelle von Jesus wäre ich echt sauer, für so einen Quatsch am Kreuz gestorben zu sein.

P.s.: Ich kenne auch Christen, die sich diesen fragwürdigen Traditionen entziehen. Die ihre Trauer begehen, ohne entsetzliche Opferzahlen zu verursachen, und der Kirche den Rücken kehren. Die sollten sich nicht angesprochen fühlen – sie sind jedoch in meinen Augen eine krasse Minderheit.

4 Gedanken zu “Besinnlichkeit 2.0

  1. Wieso? Die religiöse Gemeinschaft bzw. die Kirche ist da doch voll konsequent. In ihrem geisteskranken Dogmatismus halten sie sich doch für die Krone der Schöpfung; Nach „Gottes Ebenbild“ geformt. Und Du glaubst ernsthaft, dass ein derartiges Mindset nicht notwendigerweise in einer speziesistischen Handlungsweise resultiert?

    Die Kirche vor allen setzt doch ein hierarchisches Weltbild voraus, indem, genauso wie die Menschheit von Gottes Gnaden abhängig ist, die Unterdrückten in unserer Welt von den Gnaden der Unterdrücker abhängig sind. Wie anders wertest Du sonst, dass sie, laut deren Vorturner, vor haben mit „Frauen und Homosexuellen barmherzig zu sein“? Mit einem Dir ebenbürtigen Wesen brauchst Du nicht barmherzig zu sein, nur mit denen über denen Du stehst: Deren Leben davon abhängig ist, wie Du heute grade drauf bist.

    Passt doch volle Kanne zu der Attitüde mit nichtmenschlichen Tieren umzugehen … pardon … in Kirchenlogik sind wir Menschen ja keine Tiere … also: mit „Tieren“ umzugehen. Du musst mit denen barmherzig umgehen, es sei denn Du hast halt Lust auf ein „leckeres“ Stück ihrer leblosen Leiche zu verspeisen.

    Ramen.

  2. Hey Jan,

    ich bin überzeugte Christin UND überzeugte Veganerin, daher habe ich die Überschrift deines Artikels mit Bangen, was denn da nun kommen mag, gelesen. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass dein Tonfall (fast) nicht abwertend war.

    Deine Fragen kann ich dir beantworten, weil ich sie.selbst schon hunderte Male gefragt habe. Es werden Tiere getötet und gegessen, weil Gott in der Bibel an keiner Stelle das Töten oder Essen von Tieren verboten hat. Und wenn Gott es nicht verbietet, hat kein Mensch der Welt das Recht es zu verbieten oder gar zu kritisieren.

    Ich lebe so gut ich kann nach der Bibel, und habe für mich die vegane Lebensweise noch dazu gebucht. Quasi. Mir fällt es ebenso schwer, das Leiden der Tiere mit anzuschauen, und mehr als einmal habe ich mich unbeliebt gemacht, als ich dies ansprach!

    Allerdings kenne ich auch viele viele Christen, die sich so für Gutes in der Welt einsetzen. Obdachlose bei sich aufnehmen, Flüchtlinge unterrichten, Geld spenden, Besuche in Gefängnissen machen, nach Afrika fahren um eben diesen hungernden Kindern persönlich zu helfen (als Arzt, Krankenschwester). Die Welt ist – auch für mich mitunter ‚leider‘ – nicht schwarz/weiss!!

    Zu Oscar möchte ich sagen: Was nützt es, Veganer zu sein, und dann aber derart abfällig und abartig über seine Mitmenschen zu schreiben? Wir verändern die Welt, indem wir positiv sind und Gutes tun, nicht, in dem wir andere beleidigen und uns über sie stellen.

    In diesem Sinne, euch ein schönes Osterfest!
    Nina

  3. Naja, lass es mich so sagen: Die Teilnehmer katholischer Gottesdienste beten (wenn man es genau nimmt) einen Untoten an (der am dritten Tage auferstanden ist), verspeisen rituell seinen „Leib“ und trinken sein „Blut“ und beten zum Lamm Gottes (das hinweg nimmt die Sünden der Welt) um dann am Osterfest als Höhepunkt der Auferstehungsgeschichte ebenfalls rituell ein echtes Lamm an seiner statt zu ermorden – und weil es ja „nur“ ein Tier ist und damit vermutlich nach katholischer Kirchenlehre nicht zu einer Auferstehung fähig, isst man es eben tot auf.

    Klingt doch völlig logisch!

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